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«Wenn es keine deutsche Kunst mehr gibt, gibt es auch kein Deutschland mehr»: AfD-Politiker Hans-Thomas Tillschneider erklärt im Landtag von Sachsen-Anhalt sein Kulturverständnis. © zVg

AfD gegen Bauhaus

Daniel Ryser /  Anfang September wird die AfD in Sachsen-Anhalt die Wahl gewinnen. Das Feindbild Nummer 1 steht fest: «Antideutsche» Kultur.

Am dritten Tag zurück im guten, alten Deutschland, also Berlin, musste ich feststellen, die Stimmung war da schon deutlich besser, man hat das Gefühl, die Menschen brüllen sich nur noch gegenseitig an und vor den Toren lauert die AfD. Ich war ja gewarnt durch Surfen auf X. Ulf Poschardt, ehemaliger «Welt»-Chefredaktor, tobt seit Monaten, ja vielleicht auch Jahren wegen Berlin, die Stadt sei asozial und voller «Shitbürger» und «Bückbürger» und Linken, die neidisch auf seinen Ferrari seien, und antisemitische Fanatiker seien ausser Rand und Band und bald werde es wohl zu Enteignungen kommen, denn nichts lieber würden die Deutschen und ganz speziell die Berliner tun, als anderen ihren Erfolg zu neiden, statt erfinderisch zu sein wie Elon Musk. Man erwartet Bürgerkrieg, aber zuerst einmal gibt es Pommes mit Béchamelsauce und einem grossen Bier in der Paris Bar.

Mauer wieder hoch

Man fragt sich schliesslich, ob Berlin wirklich das Problem ist oder nicht doch eher Ulf Poschardt ein Symbol für eine Zeit, in der sich Menschen tourettesyndrommässig in den sozialen Medien daueranschreien und vom Gegenüber grundsätzlich das Schlechteste annehmen.

Man hat jedenfalls ein bisschen das Gefühl, das Land gehe vor die Hunde, als sei man in einer Free-Palestine-versus-bedingungslose-Solidarität-mit-Israel-Dauerpsychose gelandet, die goldene Ära der Neunziger längst Geschichte. Wir sassen bei Freunden in Neukölln, West-Berlin, in einem Haus direkt an der ehemaligen Mauer. In den Keller führte einmal ein Fluchttunnel aus dem Osten, der später von der West-Berliner Polizei zubetoniert wurde. Vielleicht sollten wir den Fluchttunnel symbolisch wieder öffnen, sagte der Freund, damit die Leute zurückfliehen können in den Osten. Angesichts der deprimierenden aggressiven Stimmungslage dachte ich, das wäre vielleicht gar nicht mal so schlecht. Mauer wieder hoch und Klappe halten.

Denn quasi kaum ist Deutschland zurück in alter Grösse, klopft auch schon die erste Rechtsaussen-Regierung an die Tür. Man musste sich ja lange genug bücken wegen «Schuldkult» und so weiter, jedenfalls ungefähr so der Tenor der Reden, die man inzwischen in bundesdeutschen Landtagen hören kann. Und weil die Berliner Kulturszene spätestens seit der von Joe Chialo Anfang 2024 eingeführten und kurz darauf wieder kassierten «Antidiskriminierungsklausel» weiss, dass Kultur und Gesinnung durchaus wieder gemeinsam in einem Satz vorkommen können (und alle, wäre Chialo mit seiner Idee durchgekommen, die den Staat Israel kritisiert hätten, nicht mehr länger für staatliche Kulturförderung in Frage gekommen wären), wollte ich mal schauen, wie es eigentlich die AfD so mit der Kultur hält. Immerhin hing am Bahnhof Ostkreuz ein Plakat, das für zwei Kraftwerk-Konzerte im Bauhaus Dessau warb, in jenem Bundesland also, wo die AfD nach den Wahlen vom 6. September womöglich im Alleingang regieren wird, und man braucht tatsächlich keinen Einstein, um nach den ersten Zeilen des Kulturprogramms der dortigen Landespartei zu ahnen, dass es mit Kraftwerk und Bauhaus in naher Zukunft eher schwierig werden könnte.

Der zerknirschte Regenbogen-Deutsche

Damit meine ich jetzt noch nicht mal Punkt 10 («Feuerwerk ist Kultur!»), also quasi freies Böllern für freie Bürger beziehungsweise, wie es dort heisst, «ein unbeschwertes privates Feuerwerk an Silvester». Auch nicht Punkt 6, «Schöner bauen», wonach jedes künftig mit staatlichen Geldern geförderte Bauwerk «eine anerkannte Bautradition» aufzugreifen habe, als Gegenmittel zur «ausserordentlichen Hässlichkeit» zeitgenössischer Architektur. Da würde ich angesichts des Zersiedelungshorrors wahrscheinlich sogar sofort unterschreiben.

Interessanter sind die anderen Punkte, die sich quer durch das Programm ziehen. Zum Beispiel der neue Umgang mit der deutschen Geschichte, weg vom «Schuldkomplex», der dafür sorge, dass «jede positive Bezugnahme auf die eigene Geschichte vor 1933» vermieden werde.

«Seiner Selbstbehauptungskräfte beraubt, ist Deutschland dem Einfluss der Regenbogenideologie hilflos ausgeliefert», heisst es im Programm. Die AfD Sachsen-Anhalt werde diese «Identitätsstörung» durch eine neue patriotische Kulturpolitik heilen.

Denn: «Welcher vernünftige und stabile Türke oder Syrer will denn zu einem von Selbsthass geplagten, zerknirschten Regenbogen-Deutschen werden.»

Die AfD jedenfalls will Sachsen-Anhalt zum Musterland ihrer Kulturpolitik machen. Die «vornehmste Aufgabe aller Kunst» bestehe darin, «kulturelle Identität zu pflegen». Dass Heinrich Heine einst an einem «Leichentuch» für Deutschland wob, ist dabei eher ungünstig, aber Heine muss ja auch nicht mehr gefördert werden. Für die Lebenden gilt: «Wir werden mit Staats- und Steuergeld vorwiegend solche Kunst fördern, die einen Beitrag zu deutscher Identitätsfindung leistet.»

Im Landtag forderte die AfD-Fraktion entsprechend «ein Bekenntnis zu deutscher Kultur als Voraussetzung staatlicher Kulturförderung». Um eine «Gesinnungskontrolle» gehe es ausdrücklich nicht. Es sei lediglich «legitim und geboten», dass Empfänger staatlicher Fördermittel «ein Mindestmass an Loyalität gegenüber der deutschen Kulturnation erkennen lassen» und diese nicht verächtlich machten. Bauhaus sei ein «Irrweg der Moderne», hiess es aus der AfD, und diesen Begriff habe sie nicht selbst erfunden, entgegnete FDP-Politiker Andreas Silbersack, sondern die Nazis, die ebendiese Bezeichnung im Werk «Kunst und Rasse» von 1928 geprägt hatten. AfD-Kulturmann Hans-Thomas Tillschneider fasste das anlässlich der Debatte dann noch einmal etwas griffiger zusammen: «Wenn es keine deutsche Kunst mehr gibt, gibt es auch kein Deutschland mehr.»

Die zweite Currywurst

Als guter Bildungsbürger schlug ich bei der zweiten Currywurst die «Zeit» auf, und da zeigte sich, wie sich die AfD ihr kulturelles «Musterland» vorstellt, in dem die Aufarbeitung der NS-Verbrechen zur «Identitätsstörung» geraten ist.

Wie der Journalist und Autor Jörg Lau darlegt, wird ausgerechnet das Bauhaus zum politischen Hauptfeind der AfD: die 1933 aufgelöste Schule, heute Touristenattraktion, das legendäre Gebäude von Walter Gropius samt einiger seiner «Meisterhäuser». Das Bundesland Sachsen-Anhalt leite unter dem Motto «moderndenken» seine Identität ausgerechnet aus einer Schule ab, die stets bestrebt gewesen sei, «jedes Anzeichen von nationaler Verwurzelung zu vermeiden». Für die AfD ein Zeichen von «Identitätslosigkeit».

Das Bauhaus hatte solche Probleme schon einmal. 1924/25 kürzten völkische Landespolitiker die Förderung, später liess NS-Minister Wilhelm Frick Werke der Bauhausmeister Feininger, Klee und Kandinsky aus den Weimarer Museen entfernen. Die Kunststiftung Sachsen-Anhalt zog diese historische Parallele in einer Mitteilung und warnte angesichts eines Kulturprogramms, in dem aus «moderndenken» künftig «deutschdenken» werden soll, vor einer «völkisch-nationalistischen Kulturauffassung», die vermeintlich «antideutsche» Tendenzen aus der Kultur verdrängen wolle.

Wenn man das alles liest, könnte man auf die Idee kommen, dass es vielleicht gar kein so schlechter Moment wäre, den Fluchttunnel von Ost nach West symbolisch wieder aufzuhämmern.

Am 6. September wird in Sachsen-Anhalt gewählt und am 22. September dann in Berlin, wo die Linke Elif Eralp, so jedenfalls ein Berliner Politjournalist beim siebten Pils in einer Eckkneipe, gar nicht mal so schlechte Chancen habe, eine Art lokale Zohran Mamdani zu werden. Als politischer Backlash auf einen möglichen Wahlerfolg der AfD in Sachsen-Anhalt.


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