Wie deutsche Politik und Medien das Töten normalisieren
Die dünne Decke der humanistischen Zivilisation zeigt tiefe Risse. Wo das kalkulierte Töten offen eingefordert, technokratisch bemäntelt oder medial ästhetisiert wird, bricht sich eine Geisteshaltung Bahn, die das menschliche Leben systematisch entwertet. Um diese moralische Enthemmung zu verstehen, erweist sich die psychologische Analyse von Erich Fromms Vermächtnis als erhellendes Erklärungsmodell. Seine Unterscheidung zwischen Biophilie – der leidenschaftlichen Liebe zum Lebendigen – und Nekrophilie – der pathologischen Fixierung auf das Tote, Starre und Mechanische – dient als dringendes Warnsignal für die Gegenwart.
Historische Parallelen der Entmenschlichung
Fromm greift zur Illustration dieses klinischen Krankheitsbildes der Gesellschaft auf ein historisches Schlüsselereignis zurück: den berühmten Zusammenstoss zwischen dem Philosophen Miguel de Unamuno und dem faschistischen General José Millán-Astray im Jahr 1936 an der Universität von Salamanca. Als der durch schwere Kriegsverletzungen gezeichnete General den berüchtigten Legions-Ruf «¡Viva la Muerte!» («Es lebe der Tod!») und «¡Muera la inteligencia!» («Tod der Intelligenz!») in den Saal brüllte, entgegnete der Rektor Unamuno mit prophetischer Weitsicht, dass hier ein nekrophiler, sinnloser Ruf ertöne. Unamuno brandmarkte den General als einen moralischen «Invaliden», der – weil ihm die geistige Grösse eines Cervantes fehle – die zerstörerische Erleichterung darin suche, die Mitwelt um sich herum ebenfalls zu verstümmeln und zu entwerten. Genau diese Psychologie der massenhaften Zerstörung und die Lust am Tod erleben wir heute in neuer, digitaler und politischer Gewandung. Aktuelle Fallbeispiele führen diese Erosion vor Augen und entlarven die moralische Bankrotterklärung der deutschen Aussenpolitik.
Technokratische Euphemismen in deutschen Redaktionen
Die Bedrohung beginnt in den Redaktionen. Die Debatte um den FAZ-Korrespondenten Michael Martens offenbart eine erschreckende Abstumpfung. Auf einer Pressekonferenz am 09.08.2026 fragte dieser offen, wie Europa der Ukraine konkret helfen könne, «mehr Russen zu töten». Anstatt einer moralischen Distanzierung flüchtete sich die Redaktion der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» in technokratische Euphemismen und verwies in einer Stellungnahme darauf, wie man personelle Schwierigkeiten in der russischen Armee erzeugen könne. Hinter dieser bürokratischen Worthülse verbirgt sich die Schönfärberei massenhaften Sterbens. Lebendige Individuen werden in eine rein mechanische, strategische Rechengrösse verwandelt. Dass die Bundesregierung diese Enthemmung unter Verweis auf die Pressefreiheit verteidigte, ist ein moralischer Offenbarungseid, der das verfassungsrechtliche Gleichgewicht gegenüber der Menschenwürde völlig ausblendet.
Diese Verrohung speist sich jedoch nicht nur aus journalistischen Fehltritten, sondern reicht bis in die rhetorischen Spitzen der direkten Kriegsakteure. In einer viel beachteten Rede zum Unabhängigkeitstag griff der ukrainische Präsident Wolodymyr Selensky zu einer zutiefst dehumanisierenden Sprache, als er in einer direkten Kampfansage an Wladimir Putin verkündete, dass russische Soldaten auf dem Schlachtfeld von Kiews Armee «zu Dünger» gemacht würden. Diese sprachliche Degradierung menschlicher Körper zu einer blossen landwirtschaftlichen Nutzzugehörigkeit zeigt exemplarisch, wie die Vernichtung des Gegners vollständig normalisiert und sprachlich entkleidet wird. Es ist die moderne Übersetzung des «¡Viva la Muerte!» – die Reduzierung des lebendigen Menschen auf das rein Organisch-Tote, das nur noch als biologisches Material verwertet werden soll. Anstatt dass solche Ausfälle in westlichen Demokratien auf scharfe Kritik stossen, wird die Rhetorik oft unkommentiert wiedergegeben oder gar als Zeichen von Entschlossenheit transportiert.
Die Ästhetisierung des Sterbens im digitalen Raum
Gleichzeitig offenbart der Umgang mit ukrainischen Todesvideos einen gefährlichen Voyeurismus in unserem digitalen Alltag. Moderne Drohneneinheiten filmen das Sterben feindlicher Soldaten aus nächster Nähe und verbreiten diese Aufnahmen, untermalt mit treibender Musik, im Stil von Videospielen auf Plattformen wie Telegram oder X. Wöchentliche Highlight-Videos werden gezielt zusammengeschnitten, während das vulgäre Slangwort Yoblyks getötete Menschen zu reinen Schmäh-Objekten degradiert. Diese spielerische Ästhetisierung realer Leichen und die offene Lust am Konsum des Sterbens markieren den Einbruch nekrophilen Denkens in die Gesellschaft. Dass die deutsche Aussenpolitik zu diesen völkerrechtlich und ethisch bedenklichen Dehumanisierungen aus Gründen geopolitischer Prioritätensetzung schweigt, lässt das fundamentale Prinzip erodieren, dass die Würde des Menschen auch im Krieg unantastbar bleibt.
Geopolitische Doppelmoral und Imagepflege
Dieses moralische Paradoxon spiegelt sich ebenso im Umgang mit Israels Minister für Nationale Sicherheit, Itamar Ben-Gvir, wider. Dieser sprach Palästinensern in Gaza öffentlich das Menschsein ab, indem er erklärte, sie seien nicht einmal Menschen. Zudem untermauerte er dies mit Forderungen nach Krokodilgräben für Gefangene sowie dem Tragen eines Strick-Pins als Symbol für die Todesstrafe. Die sprachliche Aberkennung des Menschseins, um physische Vernichtung zu legitimieren, bildet die extremste Ausprägung nekrophiler Normalisierung. Erschreckend ist hierbei die Reaktion aus Berlin: Die offizielle Kritik fokussiert sich meist nicht zuerst auf die abgründige Menschenverachtung, sondern rügt primär, dass diese offene Brutalität dem globalen Ansehen Israels schade. Das Primat der Menschenwürde fällt hier hinter plumpe Erwägungen der Imagepflege zurück.
Plädoyer für eine Rückkehr zur universellen Menschenwürde
Wenn lebendige Menschen in Leitmedien, offiziellen Reden und in der Aussenpolitik nur noch als personelle Schwierigkeiten, agrarischer Dünger, ästhetisierte Netzinhalte oder als Störfaktoren für das diplomatische Ansehen behandelt werden, triumphiert die Barbarei. Es ist Zeit für eine radikale Kehrtwende und die überfällige Rückkehr zur Humanitas und Dignitas. Artikel 1 des deutschen Grundgesetzes darf keine diplomatische Manövriermasse sein. Er muss absolut und ohne geopolitische Doppelmoral für jeden Menschen gelten – egal ob in Kiew, Gaza oder Moskau. Ein Blick auf das völkerrechtliche Fundament zeigt den tiefen Verrat an der UN-Charta: Bereits in ihrer Präambel von 1945 schworen die Völker, ihren Glauben an die Würde und den Wert der menschlichen Persönlichkeit neu zu bekräftigen. Wer das massenhafte Sterben strategisch feiert oder bürokratisch verschleiert, bricht mit dieser Ordnung und führt uns zurück in das Recht des Stärkeren. Die deutsche Aussenpolitik und die Medien müssen endlich den Mut aufbringen, harte rote Linien gegen jede Form der Dehumanisierung zu ziehen und die universelle Menschenwürde wieder absolut in das Zentrum ihres Handelns zu rücken.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine. Manfred Böhm ist Publizist und Buchautor. Er hat katholische Theologie, Philosophie und Politikwissenschaft studiert.
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.







Auch die gesamte digitale Spiel-Industrie und grosse Teile der Unterhaltungskultur (Film, Video) beruht auf der Ästhetisierung des physischen Kämpfens und Tötens. Und betont immer wieder, dass zwischen Spiel und Realität keinerlei Zusammenhang bestehe.
Allerdings ist ein eventueller Zusammenhang noch nie bündig erforscht worden.
Die Äußerungen von Selensky und Ben-Gvir überraschten mich nicht, dass aber deutsche Medien ohne Skrupel diesen Mitarbeiter nach solchen «Leistungen» weiter beschäftigen, ist unglaublich.
Mich überrascht nichts mehr im durchaus geliebten Land meiner Grossväter – aber es erschüttert mich immer noch zutiefst. Und so viel besser sind leider auch unsere Leitmedien nicht mehr. Es ist wirklich abgrundtief erschütternd, was auch aus den Grünen und Roten geworden ist. Die eigene Armee wollen sie abschaffen, aber die Ukraine aufrüsten: Wir schieben Milliarden von Franken in die Ukraine, was deren allgemeinen öffentlichen Haushalt entlastet und ganz direkt dazu führt, dass der selbe Frankenbetrag dann in Kriegsgeräte investiert wird. Wir finanzieren mit unseren Steuermitteln die Waffen der Ukraine! Und die Grünen und Roten sind richtig entzückt und geil darauf noch mehr Geld zu transferieren, wie auch ihre grünen und roten Medien von SRF bis WOZ. Wirklich erschütternd, wie sich Rhetorik, Dynamik, etc. wiederholt, wie es meine Grossväter aus den 1930er Jahren in Deutschland erzählt haben.
Danke für diesen Artikel. Es ist erschreckend, wie weit es schon gekommen ist. Was für Deutschland und deutsche Medien gilt, muss man leider auch für die meisten Schweizer Medien feststellen. Die Menschenwürde wird nicht mehr verteidigt, nicht einmal mehr sprachlich.
Hat Erich Fromm und haben Intellektuelle in den 1970er und 1980er Jahren noch deutlich auf unhaltbare Vorgänge, auf Kriegstreiberei und Nekrophilie aufmerksam gemacht, fehlen diese Stimmen heute. Was muss noch passieren, bis wir aufwachen und uns diesen Entwicklungen entgegenstellen?
Danke Manfred Böhm
Wenn sie wüssten, wie sehr sie mir mit ihrem Artikel aus dem Herzen sprechen.
Ich hoffe, dass sie weltweit Gehör finden und die Herzen der Menschen berühren.
Aktuell: Der Spitzenverband der gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherung (GKV) in Deutschland rief im September 2026 die „Alarmstufe Rot“ aus, da die Einnahmen ab Oktober nicht mehr ausreichen, um alle Leistungen vollständig zu finanzieren. Dem widerspricht die Regierung pflichtgemäß natürlich sofort. Dazu in einem krassen Kontrast stehen allerdings Aussagen von Eugen Brysch (Vorstand Deutsche Stiftung Patientenschutz), der sich noch kürzlich auf repräsentative Bevölkerungsumfragen von Infratest in 2012, 2020 und 2022 stützte, wonach «mehr als die Hälfte» der Menschen lieber den Suizid wählen, als in ein Pfegeheim zu ziehen. Brysch nutzt diese Daten regelmäßig als politischen „Weckruf“. Die Stiftung betont, dass dies keine echte Sehnsucht nach dem Tod widerspiegelt, sondern Ausdruck einer tiefen Angst vor Isolation, Fremdbestimmung und Qualitätsmängeln im deutschen Pflegesystem sind. Das erklärt einiges (wenn auch nicht alles), warum die Politik in Angststarre vor Wahlen verharrt.
Es ist Krieg. Und im Krieg wird nun einmal getötet und gestorben. Man sollte das nicht feiern – besonders in Nicht-Kriegszeiten oder Frieden nicht – , aber Drumherumreden bringt jetzt gar nichts. Was bringt Putins Russland dazu, mit dem Töten aufzuhören? Verluste der Armee spielen sicher eine Rolle. Wenn auch vielleicht nicht die entscheidende. Das verdankt sich aber eher Putins Zynismus als einer «Verrohung des Westens». Erich Fromm meinte die Nekrophilie des Faschismus in Nicht-Kriegszeiten. Fängt schon bei Fahnenkult und Aufmärschen und dergleichen an. Und meint vor allem, dass der Tod .- die Todesbereitschaft – der eigenen Leute gefeiert wird.
SWI 19. Juni 2026 – 22:15 : «Massaker an Polen und Juden Selenskyj hatte den Streit Ende Mai ausgelöst, als er einer Armee-Einheit den Beinamen «Helden der UPA» verlieh. Kiew ehrt das Andenken an die Untergrundkämpfer der Ukrainischen Aufstandsarmee (UPA), weil sie nach dem Zweiten Weltkrieg Widerstand gegen die Sowjetherrschaft leisteten. Während des Krieges hatten die Bewaffneten aber Massaker an Zehntausenden Polen und Juden in der heutigen Westukraine verübt…»
Aussage im Artikel: «Die Debatte um den FAZ-Korrespondenten Michael Martens offenbart eine erschreckende Abstumpfung. Auf einer Pressekonferenz am 09.08.2026 fragte dieser offen, wie Europa der Ukraine konkret helfen könne, «mehr Russen zu töten».»
Es scheint die europäische Elite bewegt sich zurück in die Vergangenheit, könnte wohl die Ursache sein warum Präsident Selenskyj die UPA ehrt und FAZ-Korrespondent Martens meinte «mehr Russen töten» Und der deutsche Präsident schweigt.
Gunther Kropp, Basel
Ich teile die Kritik an der geschilderten kommunikativen Verrohung – es als «Nekrophilie» zu bezeichnen geht etwas weit, finde ich. Das ist aber eine allgemeine Tendenz in aktuellen Diskursen.
Was mir bei infosperber aber immer wieder negativ auffällt, ist das, was zu diesem Krieg NICHT geschrieben wird, der «elephant in the room»: Wenn eine europäische Zivilisation den Tod verherrlicht, ist es doch wohl Russland. Mit ihrer noch immer angewendeten Taktik, massenhaft schlecht ausgerüstete Infanterie als Kanonenfutter zu verheizen; der Drohung ihrer Propagandisten, Paris oder London auszulöschen; oder ihren Zweitschlägen, die bewusst auf im Einsatz stehende ukrainische Rettungskräfte zielen, Stalins Holodomor und vielem mehr.