Hemmungslose Militärs greifen Spitäler und ihre Mitarbeiter an
Schwere Verletzungen, Mühe beim Atmen, wiederholte Episoden von Bewusstlosigkeit, abgemagert – in diesem kritischen Zustand traf der Anwalt des Kinderarztes Hussam Abu Safiya seinen Mandanten Anfang Juli in israelischer Gefangenschaft an. Das berichten mehrere Ärztinnen und Ärzte in der aktuellen Ausgabe von «The Lancet». Die Zeichen deuteten auf Folter und fehlende medizinische Hilfe hin.
Laut einem «ARD»-Korrespondenten wurde Abu Safiya Anfang Juli in einen Hochsicherheitstrakt des Nizan-Gefängnisses in Ramleh verlegt und sitzt nun dort in Isolationshaft. «Sein Leben ist inzwischen akut gefährdet», warnte Amnesty International. Abu Safiya habe seinem Anwalt gesagt: «Das ist das letzte Mal, dass du mich siehst. Sie haben mich hierhergebracht, um mich zu töten.»
Amnesty International zufolge unterzeichneten über 450 in der Schweiz tätige Gesundheitsfachleute einen offenen Brief, in dem sie insbesondere den Bundesrat und Arzt Ignazio Cassis auffordern, sich unverzüglich für die Freilassung von Hussam Abu Safiya einzusetzen. Auch verschiedene Ärzte und Ärzteorganisationen setzen sich international für ihren Kollegen ein – bisher ohne Erfolg. Andere palästinensische Ärzte sind in israelischer Gefangenschaft bereits ums Leben gekommen, so etwa der frühere Leiter der Abteilung für Orthopädie am Al-Shifa Hospital nach Folter.
Bis zu seiner Festnahme leitete Hussam Abu Safiya eines der letzten noch funktionierenden Spitäler im Norden Gazas. Er gab internationalen Journalisten wiederholt Auskunft. Als das israelische Militär die Evakuierung seines Spitals anordnete, habe er sich widersetzt, so das «British Medical Journal». Das israelische Militär tötete dann einen seiner Söhne. Abu Safiya habe ihn begraben und sei danach wieder an seinen Arbeitsplatz zurückgekehrt. Einen Monat später habe er bei einem israelischen Drohnenangriff auf das Spital Schrapnell-Verletzungen erlitten. Doch der Arzt habe sich weiterhin geweigert, das Spital zu räumen. Schliesslich nahmen ihn israelische Soldaten Ende Dezember 2024 fest.

Unbefristete Inhaftierung ist laut israelischem Recht legal
Abu Safiya ist laut Healthcare Workers Watch einer von über 400 Gesundheitsfachleuten, welche die israelischen Behörden seit Oktober 2023 festgenommen haben. 83 davon würden noch immer festgehalten – obwohl die Genfer Konvention das Gesundheitspersonal explizit schützt.
Das israelische Gesetz erlaubt die unbefristete Inhaftierung sogenannter «ungesetzlicher Kombattanten» auch ohne Anklage oder Gerichtsurteil, so wie bei Hussam Abu Safiya. Gemäss der «ARD» «kursiert ein Foto, das ihn in Uniform zeigt. Sein Sohn sagt dem ‹ARD›-Studio Tel Aviv, das Foto zeige ihn als Angestellten der Palästinensischen Autonomiebehörde.» Israels Armee habe die Angriffe auf Spitäler damit begründet, «dass Terrorgruppen wie die Hamas im Gazastreifen aus Krankenhäusern operieren würden. Beweise dafür gab es häufig nicht.» Die Hamas dementierte, dass sie Spitäler als Basis benütze.
Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International dagegen erachten die Attacken auf Spitäler, Gesundheitszentren und ihre Mitarbeiter als «Teil der umfassenden Zerstörung des Gesundheitssystems». Die Verhaftungen dienten «auch dazu, direkte Zeuginnen und Zeugen schwerer Menschenrechtsverletzungen zum Schweigen zu bringen und deren Dokumentation zu verhindern».
Auch im Iran: Dutzende von Angriffen
Der palästinensische Chirurg Ghassan Abu Sitta hatte laut dem «British Medical Journal» schon im Oktober 2023 vor dem Al-Shifa-Krankenhaus gewarnt, dass die Angriffe auf Spitäler im Gazastreifen einen besorgniserregenden weltweiten Präzedenzfall schaffen würden. Wenn die Welt dies schweigend hinnehme, werde dies jeden Staat dazu ermutigen, Gesundheitseinrichtungen anzugreifen – nicht nur im Gazastreifen.
Seine Prognose scheint eingetroffen zu sein: «Dutzende von Angriffen im Iran seit Ende Februar 2026 haben zu Todesfällen bei medizinischem Personal, Schäden an Spitälern und Beeinträchtigungen der Gesundheitsversorgung geführt; dies deutet auf einen zunehmenden Trend hin, bei dem die Gesundheitsinfrastruktur während bewaffneter Konflikte gezielt angegriffen wird», stellte ein Medizinprofessor der Universität Münster im «British Medical Journal» fest.
Laut der «Safeguarding Health in Conflict Coalition» nahmen die Angriffe auf das Gesundheitswesen in Konfliktgebieten weltweit im Jahr 2023 um 25 Prozent zu, verglichen mit dem Vorjahr. 2024 gab es einen weiteren Anstieg um 15 Prozent – «womit der höchste jemals von der Koalition dokumentierte Stand erreicht wurde. Im selben Zeitraum hat sich die Zahl der getöteten Gesundheitskräfte nahezu verdoppelt», so das «BMJ».
Im Jahr 2025 gingen die Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen laut der «Safeguarding Health in Conflict Coalition» weltweit unerbittlich weiter – obwohl der UN-Sicherheitsrat zehn Jahre zuvor in einer Resolution einstimmig den Schutz von Verwundeten und Kranken, medizinischem Personal sowie humanitären Helfern in bewaffneten Konflikten bekräftigte. In 26 Ländern sei diese Resolution 2025 verletzt worden, ganz überwiegend durch staatliches Militär. «Die überwiegende Mehrheit derartiger Vorfälle im Iran, im Libanon, in den besetzten palästinensischen Gebieten, in Syrien und im Jemen wurde den israelischen Streitkräften zugeschrieben sowie in der Ukraine den russischen Streitkräften. […] Gewalt gegen das Gesundheitswesen ist zu einem Merkmal moderner Konflikte geworden», schreibt die Organisation in ihrem Jahresbericht 2025. 455 Gesundheitsfachleute seien getötet worden, 790-mal seien Spitäler oder andere medizinische Zentren beschädigt oder zerstört worden.
Auch im Libanon wurden allein im Zeitraum von 28. Februar bis 12. März 2026 insgesamt 79 Spitäler sowie Gesundheitszentren angegriffen oder gezwungen, zu schliessen, berichtete das «British Medical Journal» – und erinnerte daran, dass das internationale humanitäre Völkerrecht derartiges verbiete.
Erschütternde Zahlen
Die Vereinten Nationen stellen die Lage in Gaza auf einer Website dar. Hier nur einige Zahlen:
- Mehr als 58’000 Kinder in Gaza haben einen oder beide Elternteile verloren (Stand Dezember 2025). Laut dem palästinensischen Ministerium für soziale Entwicklung waren es im April 2026 bereits über 64’000 Waisen im Gazastreifen , wobei mehr als 55’000 beide Elternteile oder den Hauptverdiener der Familie verloren hätten.
- Über 1700 Mitarbeitende im Gesundheitswesen wurden getötet (Stand Oktober 2025).
- Einer von fünf palästinensischen «Haushalten» hat pro Tag nur eine Mahlzeit. Im Durchschnitt gibt es 1,9 Mahlzeiten (Stand April 2026).
- 77 Prozent der Wohnungen sind zerstört oder beschädigt (Stand April 2026).
- 93 Prozent der Schulgebäude sind zerstört oder massiv beschädigt. Rund 637’000 Kinder im Schulalter haben keinen Präsenzunterricht (Stand Oktober 2025).
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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