Rami Abou Jamous BFM-TV

Rami Abou Jamous im privaten französischen Fernsehkanal BFM-TV. © BFM-TV

«Israel darf mit dem Gazacide nicht durchkommen»

Red. /  Europarat-Preisträger Rami Abou Jamous über sein journalistisches Durchhalten in Gaza.

upg. Am 19. Mai wurde der palästinensische Journalist mit dem Nord-Süd-Preis des Europarats ausgezeichnet. Jamous war Gründer der Agentur GazaPress, die westlichen Journalisten Hilfe und Übersetzungen anbot. Im Oktober 2023 musste er unter dem Druck der israelischen Armee seine Wohnung in Gaza-Stadt zusammen mit seiner Familie verlassen. Sie flohen nach Rafah, dann nach Deir El-Balah und später nach Nusseirat. Nach einer erneuten Flucht infolge des Bruchs des Waffenstillstands durch Israel am 18. März 2025 kehrte Rami am 9. Oktober 2025 mit seiner Familie nach Gaza-Stadt zurück. An der Preisverleihung in Lissabon las Portugals Präsident António José Seguro aus dem «Gaza-Tagebuch« von Rami Abu Jamous vor (Video hier).
Infosperber dokumentiert die leicht gekürzte Dankesrede von Jamous, die er per Video aus Gaza hielt. Zwischentitel von der Redaktion.


Sehr geehrter Herr Präsident der Portugiesischen Republik,
Sehr geehrter Herr Vizepräsident der Parlamentarischen Versammlung des Europarates,
Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Freunde

Ich spreche zu Ihnen aus Gaza. Aus diesem Land, dessen Tod die Welt live mitverfolgt. Aus diesem Freiluftgefängnis, in dem wir einen Gazacide erleben.

Ja, ich sage bewusst Gazacide.

Ein Völkermord bedeutet, ein Volk zu töten. Aber was wir erleben, ist nicht nur das Töten eines Volkes. Es ist das Töten der Geschichte. Es ist das Töten des Landes. Es ist das Töten von Bildung, Gesundheit, Archäologie, der Vergangenheit, ja sogar der Zukunft – und vor allem ist es das Töten der Menschlichkeit der Palästinenser.

Ich wäre wirklich gerne physisch bei Ihnen in Lissabon. In diesem Haus der Demokratie. Aber die Besatzung hat anders entschieden. Gaza zu verlassen und dorthin zurückzukehren, ist fast unmöglich. Jede Abreise, jede Rückkehr hängt von extrem begrenzten Genehmigungen ab, welche die Besatzungsarmee erteilt. 

Gaza verlassen? Das ist zu einem Privileg geworden, das den Sterbenden vorbehalten ist. Ein paar Dutzend Verletzte pro Tag erhalten eine Genehmigung – während mehr als zwanzigtausend Patientinnen und Patienten warten, zum langsamen Tod verurteilt, mangels medizinischer Versorgung. 

Die Besatzung sperrt uns ein. Isoliert uns. Erstickt uns.


Wir sind zusammengepfercht, gejagt, ausgehungert

Ich spreche zu Ihnen aus dem Maison de la Presse – einer Einrichtung, an deren Gründung ich gemeinsam mit mehreren Journalistenkollegen beteiligt war, darunter meinem Freund Bilal Jaddallah, den die Besatzungsarmee leider getötet hat. 

Der grosse portugiesische Dichter Fernando Pessoa schrieb: «Freiheit ist die Möglichkeit, sich zurückzuziehen.» In Gaza wird uns sogar diese Freiheit geraubt. Wir sind zusammengepfercht, gejagt, ausgehungert – aber wir weigern uns zu schweigen.

Ich nehme diesen Preis nicht als persönliche Auszeichnung entgegen. Ich nehme ihn im Namen Palästinas entgegen. Im Namen von Gaza. Im Namen aller palästinensischen Journalisten. Ich nehme ihn im Namen derer entgegen, die noch am Leben sind und weiterhin mitten in diesem Völkermord arbeiten. Im Namen derer, die von der Besatzungsarmee getötet wurden, während sie lediglich ihren Beruf ausübten. Im Namen derer, die verwundet, verstümmelt oder in den Gefängnissen der Besatzungsmacht inhaftiert wurden. Im Namen derer, die noch immer vermisst werden – und deren Familien nach wie vor nichts über ihr Schicksal wissen.


Die Stimmen der Kinder, Frauen und Getöteten

Dieser Preis ist auch eine Anerkennung für alle Opfer dieses Völkermords. Eine Anerkennung dafür, dass ihre Stimmen gehört wurden. Die Stimmen der Kinder, die in den Schulen getötet wurden, in denen sie Zuflucht zu finden glaubten. Die Stimmen der Frauen, die bei israelischen Bombardements massakriert wurden, während sie in Notunterkünften lebten, nachdem sie ihre Häuser verloren hatten. Die Stimmen ganzer Familien, die unter den Trümmern begraben wurden. Die Stimme derer, die ohne Begräbnis, ohne Abschied starben – und deren Leichen noch heute unter den Trümmern liegen. Die Stimme derer, die von der israelischen Besatzung getötet und dann auf den Strassen zurückgelassen wurden, wo sie von Tieren gefressen wurden – eine Szene absoluter Demütigung, in der selbst das Recht auf ein würdiges Begräbnis nach dem Tod verweigert wird.

Es ist auch eine Anerkennung des täglichen Leidens der Palästinenser – vor allem derjenigen in Gaza. Familien, die seit Jahren unter zerbrechlichen Zeltblachen leben, dicht gedrängt in provisorischen Lagern. Eltern, die ihre Tage damit verbringen, nach Wasser, Brot oder ein wenig Sicherheit für ihre Kinder zu suchen. Kinder, die zwischen dem Lärm der Bombardements, Hunger und Angst aufwachsen.

Hinter jeder gemeldeten Zahl verbirgt sich ein menschliches Leben. Wir sind keine Zahlen. Wir sind keine Statistiken. Wir sind Menschen. Jeder Getötete hatte einen Namen, ein Gesicht, eine Familie, Träume, Ambitionen, eine Geschichte. Jedes Kind, das die Besatzungsarmee getötet hat, träumte davon, Arzt, Journalist, Lehrer, Künstler oder Fussballer zu werden. Jede Mutter wollte einfach nur ihre Kinder beschützen. Jeder Vater wollte seiner Familie ein würdiges Leben ermöglichen.


Es gibt palästinensische Journalisten in Gaza!

Dieser Preis ist auch eine Antwort an all jene, die versucht haben, unsere Existenz als palästinensische Journalisten zu leugnen. Jahrelang haben manche über Gaza gesprochen, als gäbe es keine palästinensischen Journalisten. Als ob unsere Stimme nicht existierte. Als ob nur andere unsere Realität erzählen könnten. Heute beweist diese internationale Anerkennung das Gegenteil. Ja, es gibt palästinensische Journalisten in Gaza. Ja, sie arbeiten. Ja, sie dokumentieren. Ja, ihre Stimme zählt.

Diese Auszeichnung ist der Beweis dafür, dass unsere Arbeit von jenen gesehen, verfolgt und gehört wird, die noch immer nach der Wahrheit suchen – inmitten von Lärm, Propaganda und Desinformation. In gewisser Weise ist dies auch ein Sieg für Palästina. Der Sieg kleiner Federn gegen ein riesiges Medienarsenal. Ein Sieg für Journalisten, die oft allein, erschöpft, in ständiger Gefahr und ohne Schutz sind – gegenüber einer nicht nur militärischen, sondern auch medialen Zerstörungsmaschinerie.

Denn dieser Völkermord spielt sich nicht nur unter den Bomben ab. Er spielt sich auch in den Erzählungen ab. In den Bildern, die man zu löschen versucht. In den Stimmen, die man zum Schweigen bringen will. In der Menschlichkeit der Palästinenser, die manche immer noch nicht sehen wollen. Die Besatzungsmacht hindert ausländische Journalisten daran, nach Gaza einzureisen, um zu berichten. Sie wollen ihre Verbrechen ohne Zeugen begehen. 

Und doch haben palästinensische Journalisten diesen Krieg ununterbrochen dokumentiert. Bild für Bild, Name für Name, Gesicht für Gesicht. Es ist wahrscheinlich einer der ersten Völkermorde der Geschichte, den die ganze Welt mitverfolgen konnte – fast live, in Echtzeit. Die ganze Welt hat mit eigenen Augen die schlimmsten Massaker gesehen.

Die Welt hat hingeschaut. Aber allzu oft hat sie die Augen verschlossen. Und doch – die Bilder waren da. Die Beweise waren da. Kinder waren da. Journalisten waren da. Und trotzdem haben manche weiterhin weggeschaut.


Gedenken an die Getöteten und Weiterarbeitenden

Heute möchte ich meinen Journalistenkollegen gedenken, die durch die Besatzung getötet wurden. Denjenigen, die eine Kamera, ein Mikrofon oder ein Notizbuch in der Hand hielten – bis zu ihrem letzten Atemzug. Sie waren nicht nur Zeugen. Sie sind das lebendige Gedächtnis eines Volkes, das allzu oft zum Schweigen gebracht werden soll. 

Ich möchte auch all jenen Tribut zollen, die weiterarbeiten – trotz Hunger, Angst, Vertreibung, Trauer, der Zerstörung ihrer Häuser – und trotz der Tatsache, dass sie jeden Moment von der Besatzungsmacht getötet werden können. Diese Journalistinnen und Journalisten berichten nicht nur über den Krieg. Sie erleben ihn. 

Wir berichten nicht nur über das Leid. Wir tragen es in unserem eigenen Fleisch, in unseren Familien, in unseren persönlichen Geschichten.

In Gaza ist Journalismus zu einem Akt des Überlebens und zu einem Akt des Widerstands geworden. Informieren bedeutet, sich gegen das Auslöschen zu wehren. Filmen bedeutet, die Erinnerung zu bewahren. Zeugnis ablegen bedeutet, die Menschenwürde zu verteidigen. Mahmoud Darwish schrieb: «Wir leiden an einem unheilbaren Übel: der Hoffnung.» Und genau deshalb – trotz allem – hoffen wir weiter. Wir glauben weiterhin an Gerechtigkeit, Freiheit und Menschenwürde.

Vor allem glauben wir weiterhin daran, dass wir uns eines Tages in naher Zukunft begegnen können – nicht hinter geschlossenen Grenzen, nicht durch Bomben getrennt, nicht über Bildschirme hinweg –, sondern in einem freien Palästina, wo Journalisten endlich vom Leben berichten können, anstatt die Toten zu zählen. Eines Tages in naher Zukunft werden meine Kinder – Walid und Ramzi – ohne Angst vor Bomben aufwachsen. Und sie werden mit euren Kindern am schönen Strand von Gaza spielen.

Bevor ich zum Schluss komme, möchte ich all den Menschen – Freunden, Kollegen, Unterstützern – danken, die meiner Stimme, meiner Feder und meinen Bildern Gehör verschafft und mich während dieses Völkermords moralisch und finanziell unterstützt haben. Und ich möchte der unabhängigen Online-Zeitung «Orient XXI» danken: Dank ihr konnte meine Stimme in Frankreich und in der gesamten französischsprachigen Welt gehört werden. 

Und natürlich möchte ich meiner Familie danken. Ganz besonders meiner Frau Sabah. Ihr habe ich es zu verdanken, dass ich weiterarbeiten konnte. Sie ist meine Stütze, mein Lebenselixier. Ich danke meinen Söhnen Walid und Ramzi. Jeden Morgen, bevor ich zur Arbeit gehe, geben sie mir Kraft und Hoffnung – durch das Leuchten in ihren Augen. Auch wenn ich mir tief in meinem Inneren jeden Morgen dieselbe Frage stelle: Werde ich sie wiedersehen?

Möge dieser Preis auch ein Aufschrei sein: Der Gazacide darf nicht ungestraft bleiben.

Danke.


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Keine
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