Curtis Yarvin

«Du bist Gefangener des progressiven Dschihads»: Curtis Yarvin isst eine St. Galler Kalbsbratwurst. © Daniel Ryser

Der Mann, der ständig weint

Daniel Ryser /  Basel, Paris, St. Gallen: Begegnungen mit dem Blogger, der Trumps radikalste Züge inspiriert und nun an der HSG für Wirbel sorgte.

Mitten im Satz kamen Curtis Yarvin die Tränen. Wir sassen in einem verwachsenen Garten in Basel, 20 Minuten Fussweg vom Bahnhof, und er hatte mir gerade erklärt, warum der Film «Anora» ein «Right-wing-Wunderwerk» sei, dieser Film über eine Stripperin, der in Cannes die Goldene Palme gewonnen hatte, und dann, einfach so, begann er zu weinen. «Ja, ich weine», sagte er, während ihm Tränen über die Wangen liefen. «Es ist unglaublich. Es ist so grossartig. Es gibt in diesem Film keine Spur von linker Sentimentalität. Du erwartest ständig diese feministische Botschaft – und sie kommt einfach nicht.»

Ein 52-jähriger Computerwissenschaftler aus Kalifornien, der über einen Kinofilm weint, wäre eigentlich eine rührende Szene, wäre da nicht der Kontext. Denn dieser Mann, Curtis Yarvin, alias Mencius Moldbug, Blogger, Vordenker, Troll, je nach Perspektive gilt als einer der gefährlichsten politischen Denker der USA. Diese Woche stand er am St. Gallen Symposium auf dem Podium, und an der HSG regte sich dagegen Widerstand.

Monatelang hatte ich im Frühling 2025 versucht, Yarvin für ein Treffen zu gewinnen. Dann, ein paar Tage nachdem im «New Yorker» ein zehnseitiges Porträt über ihn erschienen war – «Curtis Yarvins Komplott gegen Amerika» – rief er mich an. «Ich bin zwei Nächte in Basel. Wollen wir uns treffen?» Drei Stunden später sass ich ihm gegenüber.

1,8 Millionen Dollar Schwarzpulver

Er war wegen der Art Basel gekommen, um sie zu «trollen», wie er sagte, zusammen mit niederländischen Künstlerfreunden und Vladislav Davidzon, Journalist, «jüdisch-ukrainischer Nationalist», wie er sich selbst bezeichnete, Co-Produzent von Sean Penns Dokumentarfilm «Superpower», der nebenbei erwähnte, er habe den Tag damit verbracht, Schwarzpulver im Wert von 1,8 Millionen Dollar aufzutreiben. «Macht mich das jetzt zu einem Waffenhändler?», fragte er. Eine normale Frage, in dieser Runde.

Die Art Basel, erklärte Yarvin, sei eine Schande, ein «verknöchertes Gebilde», eine ritualisierte Endlosschleife, in der dieselben Akteure Jahr für Jahr durch dieselben Institutionen rotierten. «Wenn du in Basel wirklich ein Kunsterlebnis willst, geh zur Art Basel und betrachte sie als eine von uns inszenierte Performance, die dir zeigen soll, wie schlimm alles geworden ist.»

Yarvin war nicht nur zum Trollen gekommen. Yarvin wollte den US-Pavillon an der Venedig-Biennale 2026 kuratieren. Titel: «The Rape of Europa». Benannt nach Tizians Gemälde, das die Entführung Europas durch Zeus in Stiergestalt zeigt. Das Wort «rape» beschrieb er als «vielschichtig», als «bewusste Grenzüberschreitung». Darüber berichtete «Vanity Fair», am Abend meines Besuchs ging der Artikel online. «Wir werden reingehen», hatte er dem Magazin gesagt, «und die amerikanische Kunstlandschaft mit einem einzigen brutalen Präsidialerlass umgestalten und den ganzen verdammten Laden übernehmen.»

Paris, zweite Flasche Bordeaux

Ein paar Tage nach Basel trafen wir uns in einem Bistro im Gare du Nord in Paris. Yarvin war gerade aus London gekommen, von Treffen mit britischen Lords – Wirtschaftshistoriker Skidelsky, Politikwissenschaftler Glasman. Er bestellte Foie gras, weil die Demokraten in Kalifornien es verboten hatten, ass es dann aber kaum, weil es offenbar grauenhaft schmeckte.

Und dann redete er. Yarvin redet gern und lang. Auf eine einzelne Frage verfällt er in halbstündige Monologe. Ich hatte eine Vertraute mitgebracht, die im Internet aufgewachsen war und mit den Codes seiner Subkulturen vertraut war – Gamergate, Krypto, Blockchain, die Foren von 4Chan. «Sein ganzer Jargon ist der eines neunzehnjährigen dude im Internet», sagte sie hinterher.

Was Yarvin in Paris in seinen Monologen zwischen der ersten und der zweiten Flasche Bordeaux entfaltete, war ein vollständiges Weltbild. Die Demokratie, so seine Grundthese, sei «Quatsch», keine rationale Regierungsform, sondern eine säkularisierte Religion, die auf Glauben statt auf Verstand beruhe. Besser wäre eine technokratische, autoritäre Regierungsform nach dem Modell eines gutgeführten Unternehmens. Ein CEO als König. «Absolut», sagte er, als ich fragte, ob er das ernst meine. «Ich würde mit Sicherheit dafür stimmen.» – «Stimmen? Demokratisch?» – «Natürlich: ein Mann, eine Stimme, eine Wahl.»

Der ideale Kandidat für diesen Posten: J.D. Vance. «Es darf keinen roten oder blauen Cäsar geben, dessen Feind die jeweils andere Hälfte des Landes ist. Cäsar selbst sagte: Ich bin der Herrscher über ganz Rom. Und das Besondere an Vance ist: Er spricht sowohl die Sprache des liberalen als auch des konservativen Amerikas.»

Man kennt sich: Am Vorabend von Vance Vereidigung zum Vizepräsidenten hatte dieser Yarvin auf einer Party in Peter Thiels Haus mit den Worten begrüsst: «Curtis, du reaktionärer Faschist!»

Menschen? «Ein negativer Vermögenswert»

Für die migrantisch geprägten Banlieues in Frankreich schlug Yarvin ein osmanisches Millet-System vor, in dem religiöse Gruppen sich selbst verwalten. Wer nicht in die moderne Gesellschaft passe, solle unter der Führung von Imamen leben, die entschieden, wo man arbeite, wen man daten dürfe, die den Standort der Menschen per Handy verfolgten. «Du bist zum Beispiel Teil der Strassenreinigungscrew deines Imams.» Yarvin unterschied dabei nicht nur kulturelle, sondern auch anthropologische Klassen. Manche Menschen hätten ihr Leben selbst in der Hand – «Künstler, Aristokraten, Unternehmer, die Lord Byrons unserer Zeit». Alle anderen – Migrantenjugendliche in Pariser Vororten, Obdachlose in San Francisco – die «verrotten an ihrer Freiheit». Freiheit, sagte er, sei für sie kein Recht, sondern ein Fluch.

Und dann Gaza. Im November 2023 hatte Yarvin in seinem Blog «Gray Mirror» davon geträumt, den Küstenstreifen in ein «L.A. oder Vegas Südisraels» zu verwandeln. Die Bevölkerung müsse das Gebiet verlassen – nicht enteignet, sondern mit Anteilen am «Unternehmen Gaza» entschädigt, das von gebildeten Eliten entwickelt werden solle. «Die Gazaner haben keine eigene Industrie. Ihre gesamte Industrie besteht darin, Opfer zu sein», sagte er. Die Bevölkerung: «ein negativer Vermögenswert». Das Land selbst, mit Mittelmeerblick und Nähe zu Israel: enormes Potenzial. Eineinhalb Jahre später postete Donald Trump ein bizarres, KI-generiertes Video von der «Riviera des Nahen Ostens», ein Spiegel von Yarvins Ideen. Der Blogger wollte nicht sagen, wie seine Idee zu Trump gelangt war. «Nur schlechte Ideen fallen auf einen zurück», sagte er. «Gute Ideen gehören allen.»

«Tokenize everything», sagte meine Vertraute später mit Blick auf seine Gaza-Ideen. «Das ist die Logik des tech-libertären Blockchain-Denkens. Das Einzige, was Yarvin interessiert, ist Wertsteigerung. Nie das Leben.»

Screenshot
1990 titelte das «St. Galler Tagblatt»: «Tribüne für rechtsradikale Ansichten?» Die HSG hatte den Neonazi Marcel Strebel reden lassen. So wie jetzt Curtis Yarvin.

Prophet der «Dunklen Aufklärung»

2007 war Curtis Yarvin im Internet aufgetaucht, als anonymer Blogger namens Mencius Moldbug. Sein Text «Plädoyer gegen die Demokratie: zehn rote Pillen» war der vermutlich erste, der das Bild der roten und der blauen Pille aus «Matrix» als politisches Prüfbild im Netz verankerte: Bist du noch blind, oder hast du die Wahrheit geschluckt? Er wurde zum zentralen Denker dessen, was der britische Philosoph Nick Land, der nach einer Amphetaminpsychose als Linker verschwunden und als Rechtsaussen wieder aufgetaucht war, «Dark Enlightenment» genannt hatte, «Dunkle Aufklärung».

Anders als Bronze Age Pervert – Bodybuilder, Nietzsche-Fan und einer der schillerndsten Figuren einer neuen autoritären Rechten im Netz – ist Yarvin nie ein reines Internetphänomen geblieben. Er ist vernetzt, er hat direkte Drähte in die Machtzentren.

2009 las Peter Thiel seinen Blog und erklärte öffentlich: «Ich glaube nicht mehr, dass Freiheit und Demokratie miteinander vereinbar sind.» 2014 schrieb Thiel in einer Mail an Yarvin: «Wie gefährlich ist es, wenn wir miteinander in Verbindung gebracht werden?» 2022 unterstützte Thiel J.D. Vance‘ Senatskampagne mit 15 Millionen Dollar – die grösste Summe, die je ein einzelner Kandidat im US-Kongress erhalten hat. Und das hatte, wie man heute weiss, sehr viel mit Curtis Yarvin zu tun.

Yarvins Gegenentwurf zur Demokratie hatte einen Namen: Rage. Retire All Government Employees. Universitäten zerstören, Presse abschaffen, Staatsbeamte entlassen, öffentliche Schulen verkaufen, «entzivilisierte Bevölkerungsteile» inhaftieren. 2012 klang das wie bizarres Geschrei aus obskuren Internetsphären. Aber 13 Jahre Jahre später wurde die US-Entwicklungshilfe zerschlagen, Harvard mit dem Entzug aller Gelder bedroht, und Massendeportationen liefen an, Menschen, die in den USA seit Jahrzehnten gelebt, gearbeitet, Familien gegründet hatten, wurde ohne rechtliches Gehör abgeschoben, und Rage war zum ideologischen Vorläufer von Elon Musks Doge geworden.

«Dass er Computerwissenschaftler ist, halte ich für zentral», sagte meine Vertraute. «Er sitzt da wie vor einem Strategiespiel: Welche Staatsform ist effizient? Die Demokratie? Zu viel Mitsprache. Die Monarchie? Yes. Menschen und ihre Probleme? Whatever. Der Mann, der über seine eigenen Worten weint, hat für andere Menschen keine Empathie.»

St. Gallen, 2026 – und ein Echo von 1990

Und nun St. Gallen. Die HSG. Vor 36 Jahren gab es dort schon einmal einen ähnlichen Eklat. Der Innerschweizer Neonazi Marcel Strebel, Wortführer der rechtsradikalen Patriotischen Front, war von einem HSG-Studenten zu einem Podiumsgespräch über Integration ausländischer Studenten eingeladen worden. Stadtschreiber Otto Bergmann und Stadtpolizei-Kommandant Hubert Schlegel sagten ihre Teilnahme ab. «Ich sitze mit Marcel Strebel nicht an einen Tisch», sagte Bergmann. Das St. Galler Tagblatt fragte: «Tribüne für rechtsradikale Ansichten?» Die Hochschule distanzierte sich, die Veranstaltung fand trotzdem statt.

2026 war nun Curtis Yarvin eingeladen, nicht zu einem obskuren Studierendenpodium, sondern als Hauptgast des St. Gallen Symposiums, vor hunderten Vertreterinnen und Vertretern aus Politik und Wirtschaft. Das «St. Galler Tagblatt» schrieb im Vorfeld: «In der über 55-jährigen Geschichte des St.-Gallen-Symposiums dürfte kaum je ein Redner mit derart umstrittenen Ansichten eine so prominente Plattform erhalten haben.» In einem offenen Brief forderten HSG-Mitarbeitende Rektor Manuel Ammann auf, sich von Yarvin zu distanzieren – vergeblich: Symposiums-CEO Beat Ulrich verteidigte die Einladung mit den Worten, ideologisch einflussreiche Stimmen verlören nicht durch Ausblendung an Wirkung, sondern durch fundierten Widerspruch.

Babygenomik und Bratwurst

Bei unserem Abendessen in einem St. Galler Traditionslokal an der Metzgergasse, einen Tag nach seinem Auftritt am HSG-Symposium, sprang Yarvin von Babygenomik zu Jesuitenmissionen zu Weltkriegspropaganda zu Remigration. Er biss in die Kalbsbratwurst und erklärte, dass Westafrikaner zu 2 bis 19 Prozent von einer uns unbekannten archaischen Spezies abstammten, weshalb, so folgt es zwingend, die Interchangeable Baby Theory leider falsch sei, und wer das bezweifle, möge sich die Reduktionen von Paraguay ansehen, den einzigen Versuch, Indigene zu Europäern umzuerziehen, der fast geklappt hätte. Derweil, bei einem nächsten Glas Rotwein, erläuterte er, dass Hitler im Grunde nur die englische Karikatur des Hunnen bewohnte, was Goebbels als Propagandasieg feiern konnte, weil Greuelpropaganda aus dem Ersten Weltkrieg es unmöglich machten, den Holocaust auch nur zu benennen, und deshalb sage er zu den Identitären und den AfD-Leuten: Seid keine Nazis, das nützt nur euren Feinden.

Ich nippte an meinem alkoholfreien «Schützengarten» und fragte ihn, wie sein Auftritt an der HSG gelaufen sei und er sagte wunderbar, wundervoll, ein warmer Empfang, grossartige Leute, er liebe Debatten.

Es gibt dieses Meme im Netz: Frauen fragen ihre Männer, wann sie das letzte Mal ans Römische Reich gedacht haben und sind schockiert, wie oft das vorkommt. Curtis Yarvin ist die Verkörperung dieses Memes. Auch an der HSG, so berichtete das «St. Galler Tagblatt» später, landete er umgehend bei den Römern und bei den «erfolgreichen Monarchien unter Sonnenkönig Ludwig XIV. in Frankreich oder unter König Philipp II. in Spanien», die er am liebsten ins 21. Jahrhundert rüberkopieren würde. Ein HSG-Professor beschwerte sich, wie man nur einem solchen Hochstapler eine derart grosse Bühne geben könne, und der «Tagblatt»-Journalist schrieb, Yarvin lande immer wieder beim Feudalismus, ohne zu erklären, wie er dorthin gelangen wolle.

Der Punkt ist: Yarvin beantwortet das durchaus. Das System, ist er überzeugt, werde von selbst an seinen Widersprüchen kollabieren. Und was dann kommt, ist so grausam, dass wir es nicht wahrhaben wollen und im Kern eine Vision für das Ende der freien Gesellschaft: das Ende der Erklärung der Menschenrechte und internationaler Flüchtlingsabkommen, die Abwicklung der Nachkriegsordnung und das Ende der liberalen Demokratie, denn «Demokratie», sagte Yarvin der «New York Times» schon vor einiger Zeit, «ist vorbei». Und womöglich ist der Softwarentwickler, der schon seit vierzig Jahren im Internet surft und sich selbst als «Nerd» bezeichnet und von sich sagt, man nehme ihn zu ernst, tatsächlich ein Hochstapler, aber dieser Hochstapler hat Anhänger im Weissen Haus.

Als wir zum St. Galler Bahnhof spazierten, fragte ich ihn, was eigentlich aus der Biennale geworden sei, der geplanten Übernahme des US-Pavillons. Er habe den Posten nicht bekommen, rief er aus, stattdessen ging er an die Ehefrau von Dan Scavino, dem stellvertretenden Stabschef im Weissen Haus, «typisch Trump-World, korrupt, Vetternwirtschaft», und das Ergebnis sei «Thomas-Kinkade-Niveau, amerikanischer Kitsch, Volkskunst fürs Einkaufszentrum, Hitler hätte es geliebt».

Bevor wir uns verabschiedeten, sagte ich, das Konzept der Remigration, das er unterstützt, und die Zerstörung der Demokratie sei schon ziemlich Nazi. Wie immer blieb Yarvin freundlich, nicht annähernd getroffen, dass ich ihn quasi als Nazi bezeichnet hatte. «Leute wie du wissen es nicht besser. Und ihr könnt gar nichts dafür», sagte er. «Du bist Teil eines Kults, eines geschlossenen Systems, das so alt ist wie Präsident Woodrow Wilson, älter noch, bis zurück zu den Puritanern, die vor 400 Jahren aus England nach Amerika segelten, um eine Stadt auf dem Hügel zu bauen, die der Welt zeigt, wie man richtig lebt. Du bist Gefangener des progressiven Dschihads.»

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