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Erscheint der Leserkommentar in den Tamedia-Zeitungen? Das entscheidet die KI. © Depositphotos

Tamedia: Die KI löscht Leserkommentare

Marco Diener /  Leser von Tamedia-Zeitungen wundern sich, dass ihre Kommentare einfach so gelöscht werden. Jetzt ist klar: KI steckt dahinter.

Vorgestern berichtete Infosperber darüber, dass die Tamedia-Zeitungen auch harmlose Leserkommentare löschen. Auf Anfrage erklärte die Tamedia-Medienstelle: «Auf unseren Angeboten gelten klare Community-Regeln und ein professioneller Moderationsrahmen.» Zudem: «Die Redaktion behält sich vor, Kommentare ohne Angabe von Gründen nicht zu publizieren oder bereits publizierte Kommentare wieder zu entfernen.»

Es ist die KI

Aber jetzt kommt heraus, dass es keinen «professionellen Moderationsrahmen» gibt und dass nicht «die Redaktion» entscheidet. Vielmehr ist es die sogenannte Künstliche Intelligenz. Das geht aus einem Mailverkehr zwischen einem Infosperber-Leser und Tamedia-Ombudsmann Ignaz Staub hervor.

Zum Mailverkehr kam es so: In einem Artikel über die Wahlen in Bulgarien hatte der «Tages-Anzeiger» den Wahlsieger Rumen Radew als «Russland-Freund» bezeichnet. Der Infosperber-Leser verfasste auf tagesanzeiger.ch einen Kommentar: «Wenn einer mit Russland ein respektvolles Verhältnis pflegen will, ist er ein Russland-Freund?»

Ein grosser Seufzer

Der Kommentar widerspricht nicht den Kommentarregeln der Tamedia-Zeitungen. Dennoch wurde er abgelehnt. Deshalb gelangte der Leser an den Tamedia-Ombudsmann Ignaz Staub und fragte: «Sind ‹Tages-Anzeiger›-Autorinnen und -Autoren ganz oder weitgehend frei, Kommentare abzulehnen, die ihnen nicht gefallen?»

Die Antwort des Ombudsmanns liest sich wie ein grosser Seufzer: «Moderierte früher bei der Tamedia ein Team natürlich intelligenter Menschen das anfallende Feedback, so tut das neuerdings weitgehend die Künstliche Intelligenz (KI), deren Urteilsvermögen ich nicht (oder noch nicht) traue.»

Der Satz lässt aufhorchen, denn er steht im Widerspruch zur Stellungnahme der Tamedia-Medienstelle. Diese hatte so getan, als würden Menschen aus Fleisch und Blut die Leserkommentare beurteilen.

«Nichts Verwerfliches»

Im Mail an den Leser fährt Ombudsmann Staub fort: «War es für mich früher möglich, mich bei den Zuständigen nach den Gründen für eine Ablehnung zu erkundigen, so kann ich das im Fall von KI nicht mehr.» Das heisst: Die KI löscht. Aber niemand weiss, warum.

Staub kann im Kommentar des Infosperber-Lesers jedenfalls «nichts Verwerfliches entdecken». Und er ist auch nicht der Einzige, der sich über einen abgelehnten Kommentar beschwere. So schrieb Staub schon früher in einem Qualitäts-Report von Tamedia: «Die Leserschaft ortete mangelnde Fairness von Tamedia-Redaktionen beim Umgang mit Online-Kommentaren oder Leserbriefen, deren Ablehnung sie als intransparent und unfair einstuft.»

Viele Beschwerden

Er nannte sogar Zahlen: «Kein Wunder also, dass 2023 mehr als ein Drittel aller Beschwerden die Moderation des Online-Feedbacks und in kleinerer Zahl jene von Leserbriefen im Print betraf – in einzelnen Fällen verbunden mit der Ankündigung oder der Drohung, ein Abonnement zu kündigen.»

Irritierend ist, dass Ignaz Staub ganz offen sagt, dass «weitgehend die KI» die Leserkommentare moderiere, die Tamedia-Medienstelle aber so tut, als würden die Kommentare von Menschen beurteilt.

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Die KI «highlightet»

Auf Nachfrage räumt die Medienstelle ein: «Wir nutzen KI dazu, kritische Kommentare zu ‹highlighten›. Aber wir haben nach wie vor Menschen, die diese Kommentare prüfen und dann freischalten oder eben dann final ablehnen.»

Das heisst wohl: Die KI macht auf Zweifelsfälle aufmerksam. Menschen beurteilen diese anschliessend. Die klaren – oder die vermeintlich klaren – Fälle erledigt die KI selber. Darauf deutet auch hin, was ein anderer Infosperber-Leser schon erlebt hat: Dass Kommentare nämlich «bereits nach 15 Sekunden abgelehnt werden». Das schafft kein Mensch.

Auslese ist problematisch

Kommt hinzu: Auf tagesanzeiger.ch gehen täglich gut 3500 Kommentare ein, auf 20min.ch über 10’000. Diese Kommentarflut kann auch ein grosses Team nicht bewältigen. Der Ombudsmann von Tamedia spricht es aus, die Medienstelle druckst herum.

Die automatisierte Auslese ist problematisch. Denn wenn Kommentare wegen einzelner Begriffe, welche die KI nicht akzeptiert, aussortiert werden, dann werden gewisse Themen nur noch einseitig beleuchtet. Und viele Kommentarschreiber werden sich rasch einmal entmutigt fühlen. So kann es zu einer einseitigen Debatte kommen, welche die Meinung der kommentierenden Leser überhaupt nicht abbildet.

Auch anderswo

Und wie sieht es eigentlich bei den anderen grossen Verlagen aus? Ringier, Herausgeber des «Blicks», schreibt: «Wir nutzen einen automatisierten Algorithmus, der toxische (also rassistische, sexistische und beleidigende) Kommentare erkennt und automatisch herausfiltert.» Die restlichen werden von Menschen überprüft. Jeder Kommentar, der auf blick.ch erscheine, werde von einem Menschen freigeschaltet.

Bei der «NZZ» «kommen sowohl redaktionelle als auch technische Unterstützung zum Einsatz». Die Kommentare würden «automatisiert vorgeprüft» und unterlägen anschliessend einer «manuellen Überprüfung». Letztlich entscheide der Mensch.

CH-Media schreibt: «Über eine allfällige Löschung von Kommentaren entscheiden die Redaktorinnen und Redaktoren.»


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13 Meinungen

  • am 1.05.2026 um 11:34 Uhr
    Permalink

    Anregung:
    Wie wäre es, wenn Infosperber wöchentlich eine Rubrik

    «DER AUFSTELLER DER WOCHE OHNE ZENSUR UND KI»

    publizieren würde?
    Das wäre doch eine schöne Ergänzung zu den erfrischenden Cartoons.

  • am 1.05.2026 um 13:09 Uhr
    Permalink

    Beim Tagi erstaunt mich aus eigener Erfahrung gar nichts mehr. Eine Verlängerung des Abos wird von meiner eigenen KI abgelehnt.

  • am 1.05.2026 um 13:12 Uhr
    Permalink

    Das war früher nicht wirklich anders. Ein Austausch, auch z.b. bei Leserbriefen fand selten statt. Es war halt ein Mensch der entscheidet. Ich frage mich wer die Verantwortung übernimmt, wenn wir die Entscheidung an eine KI abgeben. Und zwar ganz generell beim Einsatz von KI, nicht nur bezogen auf das Thema Kommentarfilterung. Denn die, wird am Schluss wohl niemand tragen. Die meisten Menschen haben wohl noch gar keine Vorstellung davon, was unglaublich schnell auf uns zukommt. Wenn wir nicht beginnen uns damit auseinanderzusetzen wird uns dies überrollen.

  • am 1.05.2026 um 17:31 Uhr
    Permalink

    Dieses letztendliche Eingeständnis jener Tamedia-«Moderatoren» überrascht nicht und es hätte auch gar nicht besonderer Recherchen bedurft um das Wirken von einer KI zu erkennen. Man kann die KI-Funktion leicht erkennen, indem man in einem unverfänglichen Text , konform mit jener «Nettikette», ein oder mehrere tabuisierte Stichworte unterbringt. Das Ergebnis ist prompt. Dieser Mechanismus war schon länger bei tagesschau.de zu erkennen . Na ja, wenn es zu mehr nicht reicht – auch gut. Aber dann sollten dies sog. Moderatoren sich wengstens nicht den Lorbeerkranz einer sinnstiftenden Instanz umzuhängen versuchen. Bei ggf, sehr vielen Kommentaren war ohnehin klar, daß es da kaum eine verständige Einzelfallprüfung würde geben können. Aber es ist zu fordern, daß der Einsatz einer Analyse -KI eindeutig deklariert wird.

  • am 1.05.2026 um 17:35 Uhr
    Permalink

    Ich denke das ist bei Infisperber nicht anders. Wenn zum Beispiel zum Links in Leserkommentaren gelöscht werden.

    • Portrait Martina Frei 2023
      am 2.05.2026 um 00:03 Uhr
      Permalink

      Dass Infosperber keine Links in den Leserkommentaren akzeptiert, hat nichts mit KI zu tun. Die Redaktion muss juristisch auch für diese Links geradestehen. Es ist uns aus zeitlichen Gründen nicht möglich, alle Links zu prüfen, insbesondere wenn es sich dabei um lange Videos etc. handelt. Bei Infosperber werden alle Leserkommentare von einem Redaktionsmitglied geprüft und nicht durch KI beurteilt.

    • am 2.05.2026 um 07:11 Uhr
      Permalink

      >Hans Rudolf Knecht, Minsk am 1.05.2026 um 17:35 Uh
      Unabhängig von der rechtlichen Verantwortung eines Forenbetreibers für publizierte Links halte ich die Bestückung eines Kommentars mit solchen Links für unangebracht – auch wenn es vom Kommentator gut gemeint sein mag. Denn die 1000-Zeichen-Grenze erlaubt ohnehin keine ausführlichen Beweisgänge für eine MEINUNG. Alles, was ein Kommentator in der Sache in Erfahrung gebracht hat – wo und wie auch immer – sollte er in eben dieser Meinung ZUSAMMENFASSEN und sie in maximal 1000 Zeichen formulieren. Eben DAS halte ich für den Sinn solcher Foren und das ist auch ein gutes Training für Formulierungs-Prägnanz – sollten sich die meisten Politiker zu Herzen nehmen. Persönlich versuche ich, die Prägnanz durch wenigstens 1 textliches Stilmittel zu steigern : die Benutzung von Großbuchstaben für besonders betont gedachte Worte. Aber das wird von der infosperber-Moderation selten toleriert – was ich bedaure, nicht ganz verstehe – aber akzeptiere.

  • am 1.05.2026 um 23:37 Uhr
    Permalink

    Es kam auch schon vor, dass ein Artikel auf tagesanzeiger.ch am Vormittag ausschliesslich Zuspruch erhielt, während am Nachmittag ganz viele kritische Kommentare freigeschaltet wurden. Das lässt vermuten, dass am Vormittag und am Nachmittag nicht dieselbe Person über die Freischaltung von Kommentaren entscheidet. Die KI würde idR. immer gleich entscheiden.

    So oder so ist die häufige Zensur von Kommentaren ein grosses Problem. Früher konnte man sich die Kommentare durchlesen und so einen Eindruck davon erhalten, wie die (ausgewogene) Leserschaft über ein Thema denkt. Inzwischen kann man sich leider nicht mehr sicher sein, ob die Kommentare das Spektrum der Leserschaft vollständig abbilden.

    Um die Tragweite des Problems sichtbar zu machen, wäre es hilfreich, wenn Tamedia & Co. (gerne auch der Infosperber) jeden zensierten Kommentar durch einen Platzhalter ersetzen, so dass der Leser leicht erkennt, ob die Kommentare repräsentativ sind oder nicht.

    • am 2.05.2026 um 11:27 Uhr
      Permalink

      Ich stimme Ihnen zu und Ihr Vorschlag ist vernünftig.

  • am 2.05.2026 um 11:02 Uhr
    Permalink

    Meine Beobachtung ist diese: Wenn ich in einem Kommentar zu einem Onlineartikel mich medienkritisch (bezogen auf den Artikel) äussere, wird dieser konsequent nicht veröffentlicht. Meta-Ebene ist nicht erwünscht. Das Publikum soll sich an den Inhalten abreagieren und nicht auf die Methoden der Verfasser schauen.

    • Felix Schläpfer
      am 3.05.2026 um 09:16 Uhr
      Permalink

      Genau auch meine Erfahrung. – Tamedia/TX verunmöglicht damit insbesondere Kommentare und Debatte über die grossen Probleme Voreingenommenheit/Einseitigkeit und fehlende Transparenz. Möglich wäre die Debatte nur, wenn Tamedia-Zeitungen selbst einen Beitrag über diese Probleme bringen würden. – Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass die Medienbeobachtung durch das foeg (Jahrbuch Qualität der Medien) im Bereich Voreingenommenheit/Einseitigkeit und fehlende Transparenz ebenfalls blind ist. Ebenso die Medienbeobachtung durch das BAKOM. –
      Zum heutigen Tag der Pressfreiheit: Die Presse ist leider auch frei, einseitig und intransparenz zu berichten und Kommentare zu zensurieren – in Dienst von Interessen ihrer Wahl. Unvoreingenommenheit kann man schwer verordnen (ausser bei der SRG). Was möglich wäre, sind Vorgaben für mehr Transparenz. Da besteht ein Handlungsbedarf.

  • am 2.05.2026 um 11:46 Uhr
    Permalink

    Unsere Zukunft,die KI als Gegenüber. Da wird dann tatsächlich jede Diskussion überflüssig.
    Früher ärgerte ich mich über Leute,die für Produkte der Familie Coninx zahlen.
    Aber jetzt habe ich eher Mitleid.
    Ein aktuelles Medium lebt vom Austausch zwischen Produzent und Konsument.
    Der grösste Teil meines Wissens, stammt aus Kommentaren.
    Und ja, nichts bietet mehr Unterhaltungswert, als eine liberal moderierte Kommentarspalte.
    Ohne Lukas Hässig und sein Insider Parade Platz gäbe es die herrliche Wortschöpfung «das Maledivenzickli » nicht.
    «Sägs süsch gits e Chropf» sagte meine Lehrmeisterin,das Vreni.

  • am 4.05.2026 um 09:43 Uhr
    Permalink

    Die Kommentarfreischaltungs-Politik war bei TA Media schon immer sehr selektiv und gegen Kommentare, die nicht dem redaktionellen Narrativ entsprechen, gerichtet. So wurden auch reihenweise Kommentare, die keinesfalls gegen die Richtlinien verstoßen hatten nicht publiziert. Bei den wenigen, die es dann doch durch die ‚Zensur‘ schafften, konnte man sicher sein, dass das ‚redaktionelle Team‘ auch gleich noch die 100 % Antworten darauf von anonymen Zuschlägern publizierte, welche teilweise sehr beleidigend waren. Auf Protest wurde dann regelmäßig dein eigener Kommentar, aber nicht die beleidigenden Antworten darauf gelöscht.
    Ich vermutete damals, dies seien Accounts der Redaktion selbst.
    Kurz, TA-Media war schon immer ‚biased‘ und diskriminierend, auch ohne KI. Diese dient nur als Feigenblatt, damit die Verantwortung abgelehnt werden kann.

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