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Das Ende von Justine Saccos Leben, wie sie es kannte: «Es tut mir so leid, was gerade mit dir passiert», schrieb eine alte Bekannte. Und ihre beste Freundin: «Ruf mich sofort an. Dein Name steht weltweit auf Platz 1 der Twitter-Trends.» © Twitter / X

Empörung ist das Kerosin des Shitstorms

Daniel Ryser /  Ex-Nationaltrainer Patrick Fischer hat bezahlt, SRF-Mann Pascal Schmitz sich entschuldigt. Die Zerstörungsmaschine läuft weiter.

In dieser Geschichte gibt es einen Moment, der so wunderbar vollkommen ist in seiner Absurdität, dass man ihn erfinden müsste, wenn er nicht eingetreten wäre. Die «Weltwoche» gräbt fünfzehn Jahre alte Facebook-Posts aus und nennt den SRF-Journalisten Pascal Schmitz, der Eishockey-Nationaltrainer Patrick Fischer ans Kreuz genagelt hat, einen Rassisten und Bodyshamer. Die «Weltwoche» betitelt ihn, mit jener Freude am eigenen Witz, die man ihr lassen muss, «Petzer der Nation». Man war dabei natürlich selber auch ein kleines bisschen Petzer, und in einem anders gelagerten Fall hätte das Blatt einen Mann, der wegen fünfzehn Jahre alter Posts abserviert wird, zum Märtyrer der Meinungsfreiheit erklärt. Und dass ausgerechnet die «Weltwoche» anderen Rassismus und Bodyshaming vorwerfe, das sei eine Ungeheuerlichkeit, explodierten in den sozialen Medien die Köpfe, und das alles hat eine dadaistische Note, die ich durchaus schätze. Aber das ist eine Fussnote. Die eigentliche Geschichte ist eine andere.

Eine Frage der Logik

Wer der Meinung war – und ich war dieser Meinung –, dass Patrick Fischer keine Entlassung verdient hatte, wegen einer bezahlten Busse, einer rechtlich abgeschlossenen Sache, einer Verfehlung, für die er vierzigtausend Franken hinlegen musste, der kann jetzt nicht sagen, Pascal Schmitz müsse für fünfzehn Jahre alte Statusupdates geköpft werden. Das ist keine Frage der Sympathie, sondern eine Frage der Logik.

Wir wissen schliesslich nichts über diesen Mann. Wir wissen nicht, ob er diese rassistischen Posts als aufrichtigen Fehler bereut, wir wissen nicht, ob er sich seitdem verändert hat – denn Menschen verändern sich –, oder ob er vielleicht sogar ein rassismuskritisches Buch gelesen hat. Aber selbstverständlich nehmen wir das Schlimmste an, weil das inzwischen die Grundhaltung ist, mit der wir einander begegnen.

Das Verhalten von Schmitz gegenüber Fischer war ein Verrat am Vertrauensrahmen, den SRF selbst gesetzt hatte, das bleibt wahr, und die alten Facebook-Posts sind rassistisch, das bleibt auch wahr, aber wahr ist eben beides gleichzeitig, und eine Gesellschaft, die nicht mehr in der Lage ist, zwei Dinge gleichzeitig für wahr zu halten, ohne daraus eine Hinrichtungslogik zu bauen, hat kein ernstes Problem, sie ist eines.

Die Maschine der Makellosigkeit

Der Philosoph Alexander Grau schrieb kürzlich in der NZZ vom «Mut zum Schmuddeligen und Nicht-Perfekten» und meinte damit die «dauernde Optimierung». Er hätte damit auch das meinen können, was hier gerade passiert ist und was natürlich mit austauschbarem Personal bald schon wieder passieren wird.

Wir haben irgendwann entschieden, dass der Mensch makellos zu sein hat, und weil kein Mensch makellos ist, haben wir eine Infrastruktur gebaut, die das weiss und uns trotzdem daran misst, eine Maschine, die Makellosigkeit nicht herstellt, sondern jeden bestraft, der ihr nicht genügt, nicht durch Gerichte, sondern durch die Masse, durch den kurzen, hellen Moment der gemeinsamen Empörung.

Was mich daran beschäftigt, ist nicht die Mechanik der Empörung, die ist bekannt. Es ist die Frage, was dieses System mit uns macht. Aber vielleicht ist das die falsche Frage. Vielleicht macht das System gar nichts mit uns. Vielleicht zeigt es nur, was wir schon immer waren. Das Internet sollte uns befreien, stattdessen zwingt es uns in ein permanentes Nullsummenspiel, die Maschine belohnt Empörung, weil Empörung Aufmerksamkeit erzeugt, und Aufmerksamkeit ist die Währung, um die alles kreist.

Wir sind nicht bösere Menschen geworden, wir sind in eine Struktur geraten, die das Schlechteste in uns belohnt, und wir machen weiter, weil sehr viele mitmachen, denn der Moment, in dem die Wut sich gegen jemand anderen richtet, ist der Moment, in dem wir selbst sicher sind, und das ist kein Versagen des Systems, sondern seine Funktion.

#HasJustineLandedYet

Es gibt den Fall der südafrikanischen PR-Frau Justine Sacco. Hundertsiebzig Twitter-Follower. Im Dezember 2013 sitzt sie in London, wartet auf ihren Flug nach Kapstadt und twittert: «Ich fliege nach Afrika. Hoffentlich kriege ich kein Aids. War nur ein Witz. Ich bin ja weiss!»

Ein grauenhafter Witz. Rassistisch und bösartig. Oder grauenhaft schwarzer Humor, wenn man ihr glaubt, was sie später sagte: Sie habe den Witz einer tatsächlich rassistischen, ignoranten Person nachahmen wollen, um sie zu verspotten.

Sie steigt in den Flieger. Elf Stunden ohne Internet, ohne Handy, ohne Twitter.

Sam Biddle, Redaktor beim amerikanischen Boulevard-Blog Gawker Media, verbreitet den Tweet an seine zehntausenden Follower.

Während Justine Sacco schläft, beginnen Fremde auf Flugtrackern minutiös zu verfolgen, wo sich ihr Flugzeug befindet, der Hashtag #HasJustineLandedYet trendet, Menschen versammeln sich, um darauf zu warten, dass sie ihr Telefon einschaltet, jemand fährt zum Flughafen Kapstadt, um sie zu fotografieren und das Bild zu posten. «Während sie schlief», sagte der Journalist Jon Ronson später, «übernahm Twitter ihr Leben und zerlegte es Stück für Stück.»

Als sie nach der Landung ihr Smartphone einschaltet, ist da eine Nachricht einer Freundin, die sie seit der High School nicht mehr gesehen hat: «Es tut mir so leid, was gerade mit dir passiert.» Und ihre beste Freundin: «Ruf mich sofort an. Dein Name steht weltweit auf Platz 1 der Twitter-Trends.»

Ihren Job ist sie los, und ihr Leben, wie sie es kannte, ist vorbei.

Sam Biddle entschuldigte sich ein Jahr später auf Gawker. «Empörung ist Traffic», schrieb er. Er habe nicht darüber nachgedacht, ob er damit Saccos Leben zerstöre. «Es ist so einfach und so aufregend, eine Fremde im Internet zu hassen.»

Bis zum Kopfschuss

Jon Ronson, Autor von hervorragenden Sachbüchern wie «Radikal» oder «The Men Who Stare at Goats», untersuchte den Fall Sacco in seinem 2015 erschienenen Buch «In Shitgewittern», einem Buch über Menschen, die öffentlich beschämt wurden und was danach von ihnen übrig blieb. Die Beteiligten an den Shitstorms glaubten, das Richtige zu tun, eine Selbstjustiz im Namen der Schwachen. Was sie nicht verstanden: dass eine Menge, die sich für ein Korrektiv hält, keine Menge mehr ist, sondern eine Maschine ohne Bremse und ohne Zweifel und ohne Gnade – und dass hinter den Zielen des Mobs, denen jede Würde aberkannt wird, Menschen stehen mit Familien und Freundinnen und einem Alltag.

Ronson erzählte in seinem Buch noch eine andere Geschichte. Und zwar jene eines israelischen Beamten, dem eine schwarze Frau online Diskriminierung vorwarf. Die Menge, das Netz, fand den Mann, beschimpfte ihn tagelang. Wenige Tage später veröffentlichte er eine Stellungnahme. Es spiele keine Rolle mehr, was an den Vorwürfen stimme oder nicht, sein Name sei für immer mit der Abscheulichkeit des Rassismus verbunden. Dann schoss er sich in den Kopf.

Der SRF-Journalist Pascal Schmitz ist nicht Justine Sacco. Er hat eine journalistische Entscheidung getroffen, über die man streiten soll. Aber die fünfzehn Jahre alten Facebook-Posts haben mit dieser Entscheidung nichts zu tun. Wer ihn jetzt dafür abserviert, bedient dieselbe Logik der grossen, schnellen, vernichtenden Aufregung, die Schmitz und das SRF mit ihrer institutionellen Macht selbst bedient haben, als sie den von der Justiz rechtskräftig verurteilten und bestraften Fischer per Empörungssturm erledigten. Was dem SRF-Mann daraufhin passiert ist – wenn man so will, poetic justice, eine Art ausgleichender Gerechtigkeit. Aber es ist keine Gerechtigkeit. Es ist bloss die Maschine, die weiterläuft.


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