Empörung ist das Kerosin des Shitstorms
In dieser Geschichte gibt es einen Moment, der so wunderbar vollkommen ist in seiner Absurdität, dass man ihn erfinden müsste, wenn er nicht eingetreten wäre. Die «Weltwoche» gräbt fünfzehn Jahre alte Facebook-Posts aus und nennt den SRF-Journalisten Pascal Schmitz, der Eishockey-Nationaltrainer Patrick Fischer ans Kreuz genagelt hat, einen Rassisten und Bodyshamer. Die «Weltwoche» betitelt ihn, mit jener Freude am eigenen Witz, die man ihr lassen muss, «Petzer der Nation». Man war dabei natürlich selber auch ein kleines bisschen Petzer, und in einem anders gelagerten Fall hätte das Blatt einen Mann, der wegen fünfzehn Jahre alter Posts abserviert wird, zum Märtyrer der Meinungsfreiheit erklärt. Und dass ausgerechnet die «Weltwoche» anderen Rassismus und Bodyshaming vorwerfe, das sei eine Ungeheuerlichkeit, explodierten in den sozialen Medien die Köpfe, und das alles hat eine dadaistische Note, die ich durchaus schätze. Aber das ist eine Fussnote. Die eigentliche Geschichte ist eine andere.
Eine Frage der Logik
Wer der Meinung war – und ich war dieser Meinung –, dass Patrick Fischer keine Entlassung verdient hatte, wegen einer bezahlten Busse, einer rechtlich abgeschlossenen Sache, einer Verfehlung, für die er vierzigtausend Franken hinlegen musste, der kann jetzt nicht sagen, Pascal Schmitz müsse für fünfzehn Jahre alte Statusupdates geköpft werden. Das ist keine Frage der Sympathie, sondern eine Frage der Logik.
Wir wissen schliesslich nichts über diesen Mann. Wir wissen nicht, ob er diese rassistischen Posts als aufrichtigen Fehler bereut, wir wissen nicht, ob er sich seitdem verändert hat – denn Menschen verändern sich –, oder ob er vielleicht sogar ein rassismuskritisches Buch gelesen hat. Aber selbstverständlich nehmen wir das Schlimmste an, weil das inzwischen die Grundhaltung ist, mit der wir einander begegnen.
Das Verhalten von Schmitz gegenüber Fischer war ein Verrat am Vertrauensrahmen, den SRF selbst gesetzt hatte, das bleibt wahr, und die alten Facebook-Posts sind rassistisch, das bleibt auch wahr, aber eine Gesellschaft, die nicht mehr in der Lage ist, diese beiden Dinge gleichzeitig für wahr zu halten, ohne daraus eine Hinrichtungslogik zu bauen, hat kein ernstes Problem, sie ist eines.
Die Maschine der Makellosigkeit
Der Philosoph Alexander Grau schrieb kürzlich in der NZZ vom «Mut zum Schmuddeligen und Nicht-Perfekten» und meinte damit die «dauernde Optimierung». Er hätte damit auch das meinen können, was hier gerade passiert ist und was natürlich mit austauschbarem Personal bald schon wieder passieren wird.
Wir haben irgendwann entschieden, dass der Mensch makellos zu sein hat, und weil kein Mensch makellos ist, haben wir eine Infrastruktur gebaut, die das weiss und uns trotzdem daran misst, eine Maschine, die Makellosigkeit nicht herstellt, sondern jeden bestraft, der ihr nicht genügt, nicht durch Gerichte, sondern durch die Masse, durch den kurzen, hellen Moment der gemeinsamen Empörung.
Was mich daran beschäftigt, ist nicht die Mechanik der Empörung, die ist bekannt. Es ist die Frage, was dieses System mit uns macht. Aber vielleicht ist das die falsche Frage. Vielleicht macht das System gar nichts mit uns. Vielleicht zeigt es nur, was wir schon immer waren. Das Internet sollte uns befreien, stattdessen zwingt es uns in ein permanentes Nullsummenspiel, die Maschine belohnt Empörung, weil Empörung Aufmerksamkeit erzeugt, und Aufmerksamkeit ist die Währung, um die alles kreist.
Wir sind nicht bösere Menschen geworden, wir sind in eine Struktur geraten, die das Schlechteste in uns belohnt, und wir machen weiter, weil sehr viele mitmachen, denn der Moment, in dem die Wut sich gegen jemand anderen richtet, ist der Moment, in dem wir selbst sicher sind, und das ist kein Versagen des Systems, sondern seine Funktion.
#HasJustineLandedYet
Es gibt den Fall der südafrikanischen PR-Frau Justine Sacco. Hundertsiebzig Twitter-Follower. Im Dezember 2013 sitzt sie in London, wartet auf ihren Flug nach Kapstadt und twittert: «Ich fliege nach Afrika. Hoffentlich kriege ich kein Aids. War nur ein Witz. Ich bin ja weiss!»
Ein grauenhafter Witz. Rassistisch und bösartig. Oder grauenhaft schwarzer Humor, wenn man ihr glaubt, was sie später sagte: Sie habe den Witz einer tatsächlich rassistischen, ignoranten Person nachahmen wollen, um sie zu verspotten.
Sie steigt in den Flieger. Elf Stunden ohne Internet, ohne Handy, ohne Twitter.
Sam Biddle, Redaktor beim amerikanischen Boulevard-Blog Gawker Media, verbreitet den Tweet an seine zehntausenden Follower.
Während Justine Sacco schläft, beginnen Fremde auf Flugtrackern minutiös zu verfolgen, wo sich ihr Flugzeug befindet, der Hashtag #HasJustineLandedYet trendet, Menschen versammeln sich, um darauf zu warten, dass sie ihr Telefon einschaltet, jemand fährt zum Flughafen Kapstadt, um sie zu fotografieren und das Bild zu posten. «Während sie schlief», sagte der Journalist Jon Ronson später, «übernahm Twitter ihr Leben und zerlegte es Stück für Stück.»
Als sie nach der Landung ihr Smartphone einschaltet, ist da eine Nachricht einer Freundin, die sie seit der High School nicht mehr gesehen hat: «Es tut mir so leid, was gerade mit dir passiert.» Und ihre beste Freundin: «Ruf mich sofort an. Dein Name steht weltweit auf Platz 1 der Twitter-Trends.»
Ihren Job ist sie los, und ihr Leben, wie sie es kannte, ist vorbei.
Sam Biddle entschuldigte sich ein Jahr später auf Gawker. «Empörung ist Traffic», schrieb er. Er habe nicht darüber nachgedacht, ob er damit Saccos Leben zerstöre. «Es ist so einfach und so aufregend, eine Fremde im Internet zu hassen.»
Bis zum Kopfschuss
Jon Ronson, Autor von hervorragenden Sachbüchern wie «Radikal» oder «The Men Who Stare at Goats», untersuchte den Fall Sacco in seinem 2015 erschienenen Buch «In Shitgewittern», einem Buch über Menschen, die öffentlich beschämt wurden und was danach von ihnen übrig blieb. Die Beteiligten an den Shitstorms glaubten, das Richtige zu tun, eine Selbstjustiz im Namen der Schwachen. Was sie nicht verstanden: dass eine Menge, die sich für ein Korrektiv hält, keine Menge mehr ist, sondern eine Maschine ohne Bremse und ohne Zweifel und ohne Gnade – und dass hinter den Zielen des Mobs, denen jede Würde aberkannt wird, Menschen stehen mit Familien und Freundinnen und einem Alltag.
Ronson erzählte in seinem Buch noch eine andere Geschichte. Und zwar jene eines israelischen Beamten, dem eine schwarze Frau online Diskriminierung vorwarf. Die Menge, das Netz, fand den Mann, beschimpfte ihn tagelang. Wenige Tage später veröffentlichte er eine Stellungnahme. Es spiele keine Rolle mehr, was an den Vorwürfen stimme oder nicht, sein Name sei für immer mit der Abscheulichkeit des Rassismus verbunden. Dann schoss er sich in den Kopf.
Der SRF-Journalist Pascal Schmitz ist nicht Justine Sacco. Er hat eine journalistische Entscheidung getroffen, über die man streiten soll. Aber die fünfzehn Jahre alten Facebook-Posts haben mit dieser Entscheidung nichts zu tun. Wer ihn jetzt dafür abserviert, bedient dieselbe Logik der grossen, schnellen, vernichtenden Aufregung, die Schmitz und das SRF mit ihrer institutionellen Macht selbst bedient haben, als sie den von der Justiz rechtskräftig verurteilten und bestraften Fischer per Empörungssturm erledigten. Was dem SRF-Mann daraufhin passiert ist – wenn man so will, poetic justice, eine Art ausgleichender Gerechtigkeit. Aber es ist keine Gerechtigkeit. Es ist bloss die Maschine, die weiterläuft.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.








Guter Artikel und gut geschrieben. Nur: Wie dieser Kommentar, tragen auch Daniel Rysers Zeilen dazu bei, dass jene «Maschine weiterläuft», die der Autor eigentlich nicht weiter ankurbeln möchte. Ob die Alternative – also das Thema ad acta zu legen – die besser ist? Ich weiss es nicht.
Teile ihre Ansicht Herr Schütz.
Würde das Thema nicht ganz ad Acta legen…es ist jedoch schwierig wie es weiter behandeln…
Eine gute, konstruktive Diskussions-Kultur ist etwas Positives. Es bringt einen weiter. Sie zeigt auch Respekt sogar Empathie für das Gegenüber.
Hass ist dermassen destruktiv. Meine einzige Hass-Erfahrung liegt über 30 Jahre zurück. Da habe ich mal so richtig mich im Hass gesuhlt – für mich im stillen Kämmerlein. Nach ein paar Wochen begann ich mich vor mir selber zu ekeln. Das war eine nachhaltige Erfahrung.
Mein Ansatz ist jetzt, das Gegenüber zu verstehen versuchen.
UND ganz wichtig sind ehrliche Entschuldigungen, ev.. mit ergänzenden Erklärungen ev. bei einem Glas Wein oder einem Essen…ev. eine Mediation…
Nach meiner privaten Empfindung ist der Trainer zu hart bestraft worden…
Ich schätze am Infosperber sonst die nüchterne Analyse. Dieser feuilletonistische Meinungsjournalismus passt da nicht hinein. Das ist nicht das, was ich im Infosperber suche und mit hoher Zuverlässigkeit auch finde. Wenn der Infosperber diese Diversifikation überhaupt braucht, dann sollten solche Essays in einer separaten Rubrik stehen.
Passend dazu, Böhmermann und die neue Linke fordern unterdessen ganz offen, die Abschaffung der Unschuldsvermutung. Somit kann die Empörungsmaschinerie noch in höhere Sphären gelangen. Seit Social media ist das Verlangen politisch angepasst zu sein und dies dauernd zu beweisen, indem man die aktuelle Fahne, Symbol, whatever ständig posten muss,deutlich gestiegen. Damit geht aber auch einher, diejenigen die solches unterlassen, grundsätzlich als suspekt anzusehen und eigentlich auch der Versuch, diesem «Gesindel» die Legitimität abzusprechen und aus der Gruppe auszuschließen. Es ist heutzutage die Zeit der opportunen, selbsternannten Moralapostel. Dabei gabs da mal den alten Spruch, irgendwas mit «frei von Sünde» und «erster Stein», oder wers weniger religiös mag, was mit Glashaus und Steinen. Denke so wird die Gesellschaft nicht vorwärts kommen, indem Fahrwasser welches zurzeit herrscht.
Danke, Daniel Ryser, ich seh das genau so.
Die Jungen haben dafür einen treffenden Ausdruck: Karma
Zur Ergänzung:
Diese Shitstorms gibt es vorallem bei Thfmen die von Linken seit Jahren massiv bearbeitet werden. Bei Themen welche von den Linken nicht tagtäglich extrem moralisch aufgelden werden, ist dieses Phänomen weniger zu beobachten. Wenn z.b. jemand ein Kind vergewaltigt gibt es weder Shitstorms noch «spontane» Demonstrationen. Diese Shitstorms entstehen nicht, wie es der Artikel nahelegt, einfach von den Menschen heraus. Sondern es sind bewusst gesteuerte Kampagnen welche bei gewissen Themen eine «Sensibilisierung» erziehlen. Stichwort social engeneering.
Ich bin alt genug und habe damals im Kanton Zürich gelebt, um zu wissen, wie die Hasspolitik in der Schweiz angefangen hat: mit der aggressiven Politik von Blocher.
Rechts ist kein Deut besser als Links. In wie Fern entschuldigt dies die Hass- und Hetzepolitik der Linken in den letzten Jahren?
Kann mich auch daran erinnern.Da gab es doch dieses Messerplaki gegen die «Netten».Auch hat,in meiner Erinnerung, rechts angefangen mit Medien,die nur eine Seite der Medaille aufzeigt und eine klare politische Ausrichtung hat.
Doch leider hat Links sich diesem Niveau schon lange angepasst und kopiert.Unterdessen sitzen viel mehr Linke in Redaktionen sowie Unis und auch der Kulturbranche. Tragischerweise denken viele von Ihnen, dass sie grundsätzlich intelligenter und moralisch sowieso erhabener sind.Was zu einem Ungleichgewicht führt und offene Debatten erschwert,alles ist sehr dogmatisch und ideologiesch geworden.Das Problem mit den «NGOs»,welche praktisch ausschließlich Linke Politik betreiben,mit staatlichen Mitteln unterstützt,ist sehr real und massiv spaltend und sollte überprüft werden,denn es verletzt das Gebot der Fairness massiv.Eigentlich spielt doch keine Rolle, «wer angefangen hat», tönt nach Sandkasten,sondern wie wir wieder eine offene, friedliche Gesellschaft hinkriegen
Es geht nicht darum, wer mit Hasspropaganda angefangen hat, sondern darum, wer seither nicht mehr damit aufgehört hat und das politische Klima nachhaltig vergiftet, Reto Beuret.
NZZ 17.2.2024:
Interview
«Menschen hassen gern»: Erika Freeman, Amerikas berühmteste Psychoanalytikerin
Lieber Herr Ryser, Sie können durchaus Fischer verteidigen und gleichzeitig den Rücktritt von Schmitz fordern. Das ist eigentlich sogar die einzig logische Position, denn Fischer hat ja im Grunde nichts Unrechtes getan (der Impfpass war Gugus, dass war schon seit Frühsommer 2021 klar), während Schmitz gleich doppelt gegen journalistische Standards verstiess: durch den Vertrauensbruch mit Fischer und zuvor schon durch rassistische und sexistische Äusserungen.
Und jene, die immer noch meinen, der Impfpass sei sachlich und ethisch haltbar gewesen: sorry, da liegt ihr objektiv ganz einfach falsch, der Fremdschutz war nie da. Auch die demokratische Legitimation in der Schweiz ändert daran nichts, im Gegenteil macht es die Sache noch schlimmer. Aber das Volk wurde letztlich reingelegt, Politiker und Medien sagten damals einfach nicht die Wahrheit.
Ihre Sicht, nicht meine Erfahrung. Grüsse aus «In wie Fern».