Eine strikte Neutralität als aussenpolitische Maxime
upg. In grossen Medien nehmen Stimmen zu, welche die Neutralität relativieren wollen. Dagegen möchte der Freiburger Pascal Lottaz eine noch strengere Neutralität. Er ist ausserordentlicher Professor für internationale Beziehungen an der Universität Kyoto und befasst sich seit Jahren mit Fragen der Neutralität. – Ein Gastbeitrag.
Neutralität ist das Prinzip, sich aus Konflikten anderer Parteien rauszuhalten. Bei Kriegen geraten neutrale Staaten allerdings zwischen die Fronten.
Kritik von beiden Seiten
Die Neutralität bezieht sich auf einen Konflikt, nicht auf die Parteien des Konflikts. Das Prinzip heisst: «Wir machen nicht mit. Lasst uns in Ruhe.» Damit tragen Neutrale nicht dazu bei, dass aus einem Konflikt ein Weltkrieg entsteht.
Neutrale Akteure wie die Schweiz helfen militärisch keiner Seite. Doch sie nehmen klar Stellung und verurteilen den Aggressor, der völkerrechtswidrig angreift.
Das wirft Russland der Schweiz vor.
Die Ukraine und ihre Verbündeten werfen ihrerseits der Schweiz vor, sie würden Putin helfen, weil sie der Ukraine keine Waffen liefern.
Ein neutraler Staat muss eben beiden Konfliktparteien sagen: «Ich verstehe euer Problem, aber ich bleibe in Konflikten neutral und möchte gute Beziehungen zu beiden Seiten.»
Wirtschaftlich nicht neutral
Wirtschaftlich verhielt sich die Schweiz während der jüngsten Kriege nicht neutral. Im Konflikt zwischen Russland, den USA und der Nato hat sich die Schweiz auf die Seite der USA geschlagen und macht bei den verhängten Sanktionen mit.
Anders Indien: Das Land steckt Kritik ein, weil es weiterhin Öl aus Russland kauft und mit diesem Öl handelt, obwohl der Westen gegen Russland Sanktionen verhängt hat. Indien muss dies indessen wenig kümmern, weil es seine Beziehungen mit Russland weiter so gestalten kann, wie es möchte.
Natürlich besteht das Risiko, dass westliche Staaten jetzt auch Indien sanktionieren. Solche Sekundärsanktionen häufen sich in letzter Zeit.
Indien und andere Staaten aus dem Globalen Süden wie Indonesien und Länder Südostasiens verstehen nicht, dass die Europäer mit ihrer Haltung gegenüber der Ukraine und Russland auf ihrem eigenen Kontinent einen Nuklearkrieg riskieren.
Sie sagen: Da halten wir uns raus, wir haben nichts damit zu tun. Auch bei Wirtschaftssanktionen machen sie nicht mit und verhalten sich in diesem Krieg neutraler als die Schweiz.
Die hängige Neutralitätsinitiative will den Bundesrat dazu zwingen, auch in Wirtschaftskriegen neutral zu bleiben («keine nicht-militärischen Zwangsmassnahmen»). Die Schweiz soll keine Sanktionen übernehmen, die nicht von der Uno verhängt wurden.
Solange es Kriege gibt …
1899 und 1907 hatten die Haager Friedenskonferenzen das Neutralitätsrecht beschlossen und in Staatsverträgen festgeschrieben. Nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg verbot man Kriege völkerrechtlich. Das Neutralitätsrecht wäre damit überflüssig.
Das Problem: Es wurden weiter Kriege geführt, auch wenn die Kriegsparteien das Humanitäre Völkerrecht respektieren sollten. Angesichts der Kriege behält das Neutralitätsrecht seine Gültigkeit.
«Ich mache da einfach nicht mit»
Die Schweiz und Österreich sind nicht die einzigen neutralen Staaten. Auch Malta und Irland sind permanent neutrale Länder. Moldawien kennt noch einen Neutralitätsgrundsatz in der Verfassung. Die Mongolei verfolgt mehr oder weniger eine neutrale Aussenpolitik.
Die Schweiz und Österreich haben eine lange Tradition der Neutralität. Falls diese Neutralität wieder gestärkt würde, könnten beide Staaten einiges dazu beitragen, um ihr Know-how, ihre lange Erfahrung und ihre ganzen diplomatischen Prozesse, die sie entwickelt haben, die Guten Dienste, weiterzuentwickeln. Sie könnten mithelfen, dass sich andere Staaten, namentlich in Afrika, ebenfalls aus Kriegen Dritter heraushalten können.
Das Risiko eines Weltkriegs kann man auf zwei Arten verringern: Entweder, indem man Kriege für illegal erklärt – das funktioniert nicht –, oder indem man genügend Staaten findet, die sich aus Kriegen raushalten.
Neutralität bedeutet: «Ich mach da einfach nicht mit – weder mit Waffenlieferungen noch mit Sanktionen.» Am überzeugendsten wäre eine Neutralität ohne schwere Waffen.
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Der Text ist eine vom Autor autorisierte gekürzte Fassung eines Vortrags.
Zitate zur Neutralität aus der «NZZ»
«Die ehrliche Alternative zur absoluten Neutralität ist die Nato-Option: ein Beitrittsplan für den Fall, dass sich die Lage weiter dramatisch verändert.»
Redaktor Georg Häsler, «NZZ» vom 12. April 2024
«An einer verstärkten Kooperation mit EU und Nato führt kein Weg vorbei, selbst zum Preis einer teilweisen Aufgabe der Souveränität.»
Redaktor Ivo Mijnssen, «NZZ» vom 21. März 2026
«Soll die Schweiz mit Blick auf den Iran-Krieg das Neutralitätsrecht gegenüber den USA anwenden? Das wäre diplomatisch heikel […] Die USA sind der zweitgrösste Kunde der hiesigen Rüstungsindustrie.»
Redaktorin Selina Berner, «NZZ» vom 5. März 2026
«Die Neutralität gefährdet unsere Sicherheit. Niemand versteht, dass wir massenhaft Kriegsmaterial an Saudi-Arabien liefern, das in Jemen Krieg führt, aber den Export von Schutzwesten an die Ukraine verweigern.»
Historiker Peter Hug, «NZZ am Sonntag» vom 5. Mai 2024
«Die Ukraine zeigt exemplarisch, dass viele Kriege verhindert oder friedlich hätten gelöst werden können, wenn die Option ‹Neutralität› beizeiten und ernsthaft in Betracht gezogen worden wäre.»
Politologe Wolf Linder, «NZZ» vom 16. Juli 2024
«Wer Neutralität wählt, kann sie nicht mit Ausnahmen entkernen und darf Kriegsparteien militärisch nicht unterstützen.»
Völkerrechts-Professorin Evelyne Schmid, «NZZ» vom 24. Juni 2025
«Indem die neutrale Schweiz nicht einseitig eine Konfliktpartei unterstützt, kann sie mit dem Angebot der Vermittlung zur Konfliktlösung beitragen und ihre Rolle als Schutzmacht bekräftigen.»
Hans Bieri/René Roca, Komitee der Neutralitätsinitiative, «NZZ» vom 30. April 2026
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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