Realitätsverweigerung: Warum viele Menschen illegal einwandern

Menschen, die in einem reichen Land geboren wurden, sind privilegiert. Für dieses Glück haben sie nichts geleistet. Sie geniessen Bildung und leben im Konsumrausch. Bequem in Polstersesseln reden sie sich ein, mit Kriegen, Bürgerkriegen, Armut, Hunger und Not wenig zu tun zu haben. Schuld seien korrupte Diktatoren.
Wirtschaftsmigranten und Asylsuchende sollen gefälligst zu Hause bleiben und dort für Ordnung und Wohlstand sorgen.
Doch die Privilegierten in reichen Ländern könnten der Realität in die Augen schauen, statt die Welt durch ihre eigene Brille zu betrachten. Sie müssten erkennen, dass ihre Regierungen und Konzerne die Misere mitverursachen:
- Beim Ausstoss von CO2 liegen die ölproduzierenden Länder sowie die Industriestaaten pro Kopf gerechnet weit vorne. Die Folgen der Klimakrise wie Dürren, Ernteausfälle oder Wassermangel treffen jedoch vor allem Menschen in armen Ländern. Viele müssen auswandern.
- Regierungen, Wirtschaftsführer und grosse Medien unterstützten die USA, als diese völkerrechtswidrig zuerst in Afghanistan und dann im Irak Krieg führten. Beide Kriege lösten massive Fluchtbewegungen aus. Heute leben in Deutschland über 400’000 geflüchtete Afghanen und rund 280’000 geflüchtete Iraker. In der Schweiz sind es etwa 8000 Afghanen und über 8500 Iraker. Hinzu kommen Zehntausende Ukrainerinnen und Ukrainer, die vor dem völkerrechtswidrigen Krieg Russlands flohen.
Kriege, angeheizt von der internationalen Rüstungsindustrie, gehören zu den Hauptursachen von Flucht und Auswanderung. - Schon 2010 erklärte die damalige US-Aussenministerin Hillary Clinton, saudische Geldgeber seien «die grössten Finanzierer» sunnitischer Terror-Gruppen wie Al Kaida und IS. Trotzdem verkaufte der Westen an Saudi-Arabien modernste Waffen – auch die Schweiz.
Angesichts des Terrors sind viele Menschen geflüchtet und ausgewandert. - Die meisten Menschen aus armen oder kriegsgeplagten Ländern fliehen in Nachbarländer. Doch die reichen Länder unterstützen die grossen Flüchtlingslager im Nahen Osten, in der Türkei, in Afrika und in Bangladesch finanziell viel zu wenig.
In solchen Lagern haben Millionen Menschen keine Rechte als anerkannte Flüchtlinge, dürfen nicht arbeiten und können ihre Kinder nicht zur Schule schicken. Diese Missachtung der Genfer Flüchtlingskonvention nehmen die reichen Staaten hin.
Wer dort lebt und die Mittel hat, wagt die riskante Flucht nach Europa. - In Afrika kaufen oder leasen Konzerne und Investmentfonds grosse Flächen fruchtbarer Böden («land grabbing»), um Futtermittel und Agrartreibstoffe für die Reichen zu produzieren. «Das europäische Subventionsvieh frisst den Hungernden im Süden das Essen weg», schrieb «NZZ»-Auslandredaktor Andres Wysling am 14. November 2015. Das treibt viele zur riskanten Auswanderung nach Europa. In Äthiopien erklärte Jawar Mohámmed, Betreiber eines dortigen Fernsehsenders, in der «NZZ»: «Wir produzieren genug, um die Nation zu ernähren, nur werden die Produkte überwiegend exportiert.» Gleichzeitig leiden dort 1,2 Millionen Kinder an schwerer Mangelernährung (Unicef).
- Die EU überschwemmt Afrika mit hoch subventionierten Agrarprodukten[1]. Gleichzeitig verbieten die Weltbank und der Internationale Weltwährungsfonds den armen Ländern, ihre eigene Produktion vor diesen subventionierten Importen aus Industriestaaten zu schützen. Armut führt zu Auswanderung.
- Mit modernster Technik und riesigen Flotten fischen reiche Länder, darunter China und Japan, Afrikas Küsten leer und rauben den Menschen dort ihre Lebensgrundlage. Auch das zwingt viele zur Flucht.
- Was die reichen Länder ihren eigenen Bauern nie zumuten würden, verlangen sie bedenkenlos von Kaffee- und Kakaobauern: Deren Einkommen hängen von den spekulativen Ausschlägen an den Rohstoffbörsen ab[2].
- Reiche Länder importieren hemmungslos Rohstoffe wie Kupfer, Gold, Uran, Seltene Erden und andere, die unter menschenunwürdigen Bedingungen abgebaut und gefördert werden.
- Konsumentinnen und Konsumenten in reichen Ländern kaufen aus armen Ländern spottbillige Kleider und Lederwaren, die Konzerne unter ausbeuterischen Bedingungen produzieren lassen. Wer kann, versucht sein Glück in reichen Ländern.
- Grossbanken der Industriestaaten helfen der reichen Oberschicht armer Länder, ihre durch Korruption und Ausbeutung erlangten Vermögen in Steueroasen zu verstecken. Ebenso ermöglichen sie Konzernen, Gewinne aus armen Ländern in Steueroasen zu verschieben – auch in die Schweiz[3].
- Als Folge davon fliesst insgesamt viel mehr Kapital vom armen Süden in die reichen Länder als umgekehrt.
«Alle Menschen sind an Würde und Rechten gleich geboren»
1948, unter dem Eindruck des Zweiten Weltkriegs und des Faschismus, verabschiedete die Uno die universelle Deklaration der Menschenrechte (Artikel 13 und 14):
«Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. […] Sie sollen einander in Brüderlichkeit begegnen. […] Jeder Mensch hat als Mitglied der Gesellschaft Recht auf soziale Sicherheit. […] Jeder hat das Recht, jedes Land, einschliesslich sein eigenes, zu verlassen. […] Jeder hat das Recht, in anderen Ländern vor Verfolgung Asyl zu suchen und zu geniessen.»
Die reichen Länder sind für Armut, Elend, Ausbeutung und Kriege mitverantwortlich. Eigentlich müsste unsere Gesellschaft so handeln, dass alle Menschen auf unserem Planeten in absehbarer Zeit so leben können wie wir. Das verlangt der kategorische Imperativ nach Immanuel Kant.
Das gelingt nur, wenn sich die reichen Länder – auch China und Indien – von ihrer Ausbeutungs-, Konsum- und Wegwerfgesellschaft verabschieden.
Solidarität mit illegal Eingewanderten
Viele illegale Einwanderer und ihre Familien sind Wirtschaftsflüchtlinge. Sie haben ihr Land verlassen, um in Europa oder den USA Geld zu verdienen und ihre Verwandten im Heimatland zu unterstützen. Andere waren in ihrem Heimatland bedroht.
Sie alle haben ein Recht auf eine menschenwürdige Behandlung.
Am Wachstum der Bevölkerung haben Wirtschaftsflüchtlinge und Asylsuchende (einschliesslich aus der Ukraine) lediglich einen Anteil von 13 Prozent. Ob sich jemand für die Wirtschaftsflüchtlinge und Asylsuchende und deren Integration einsetzt, oder ob jemand deren möglichst rasche Ausschaffung verlangt: Alle sollten sich gemeinsam aktiv dafür engagieren, dass die wichtigsten Gründe von Auswanderung und Flucht beseitigt werden.
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FUSSNOTEN
[1] Die OECD bezifferte 2024 die Stützungsleistungen der reichen Länder und der Schwellenländer für Landwirtschaftsbetriebe im Zeitraum 2021bis 2023 auf durchschnittlich 842 Milliarden Dollar pro Jahr. Überschüsse werden zu Dumpingpreise in armen Ländern Afrikas und anderswo verkauft, wo sie die Eigenversorgung verdrängen.
[2] Ethiker äussern Bedenken, dass die reichen Industriestaaten ihren eigenen Bauern Einkommen und Preise garantieren, jedoch Bauern in armen Ländern der Willkür von spekulativen, stark schwankenden Weltmarktpreisen von Mais, Getreide, Reis, Palmöl, Soja, Kaffee, Kakao, südländischen Früchten oder Baumwolle ausliefern. Einige halten diese unterschiedliche Behandlung sogar für rassistisch.
[3] Die UN-Wirtschaftskommission für Afrika schätzt den Kapitalabfluss aus Afrika auf jährlich über 80 Milliarden Dollar. Das ist bedeutend mehr als an Entwicklungshilfe nach Afrika fliesst. Am meisten Kapital verlässt den Kontinent in Form meist versteckter Gewinne. Die Steuerumgehung über Steueroasen bringe den afrikanischen Fiskus jährlich um Dutzende Milliarden Dollar.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.










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