Laubbach

Im baden-württembergischen Laubbach halten v.l. Lukas, Jonas und Vater Erich Härle 250 Holstein Milchkühe und 200 Jungtiere. Zum «Erfolgsrezept» gehören eine entwicklungsgerechte Fütterung der Tiere, High-Tech und Skaleneffekte. © Jürg Vollmer

Vier «Erfolgsrezepte» für die Landwirtschaft

Jürg Vollmer /  Milchkühe, High-Tech, Biogas und Gäste: Vier Landwirtschaftsbetriebe zeigen, wie sie heute wirtschaftlich bestehen können.

Milchbauern in Deutschland, Österreich und der Schweiz stehen von zwei Seiten unter grossem Druck. Einerseits kritisieren Tierschutzorganisationen Hochleistungskühe, beengte Ställe und mangelnden Weidegang. Aus ihrer Sicht steht vieles in der heutigen Milchproduktion im Widerspruch zu einer artgerechten Tierhaltung. Andererseits decken die Abnahmepreise für Milch oft kaum die Produktionskosten – schon gar nicht, wenn Ställe grosszügiger gebaut, Kühe länger genutzt, Kälber sorgfältiger aufgezogen und Tiere regelmässig auf die Weide gelassen werden sollen.

Die Milchproduktion ist für unser Ernährungssystem wichtig. Rund 60 Prozent der Menschen in Deutschland, Österreich und der Schweiz konsumieren täglich oder mehrmals täglich Milchprodukte.

Und gerade im Alpenraum und im alpinen Vorland, wo 40 bis 70 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche Grasland sind, hat die Milchviehhaltung handfeste Vorteile:

  • In diesen Regionen wächst auf vielen Flächen Gras, aber kein Brotweizen, keine Kartoffeln und keine Sojabohnen.
  • Als Wiederkäuer können Kühe das für Menschen unverdauliche Gras in das hochwertige Lebensmittel Milch umwandeln.
  • Grünland schützt zudem den Boden, bindet Kohlenstoff und hält die über Jahrhunderte geschaffenen offenen Kulturlandschaften in Nutzung.

Damit ist aber noch nicht beantwortet, wie ein Milchviehbetrieb heute wirtschaftlich bestehen kann.

Mist
In den Alpen und im alpinen Vorland sind 40 bis 70 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche Grasland, in Vorarlberg sogar 97,5 Prozent. Nur Wiederkäuer können Gras in Milch umwandeln. Und ihr Mist (im Bild vorne) wird nach der Kompostierung als Dünger für das Grasland verwendet.

Vier Landwirtschaftsbetriebe mit vier verschiedenen «Erfolgsrezepten»

Auf einer Recherche-Reise rund um den Bodensee habe ich vier unterschiedliche Landwirtschaftsbetriebe besucht: zwei in Deutschland, je einen in Österreich und der Schweiz. Alle arbeiten mit Rindern. Alle stehen im selben Markt. Aber jeder Betrieb hat eine andere Antwort auf dieselbe Frage gefunden: Wie lässt sich aus Fläche, Futter, Arbeit, Tiergenetik und Vermarktung ein tragfähiges System bauen?

Jeder dieser Landwirtschaftsbetriebe hat sein eigenes «Erfolgsrezept»: Mit konsequenter Kreislaufwirtschaft oder hoher Milchleistung, mit High-Tech im Stall oder Stiermast. In jedem Fall aber mit zusätzlicher Wertschöpfung über Agrotourismus und Energieproduktion.

Was man wissen muss

  • Die Rasse setzt den genetischen Rahmen für die Milchleistung. So ist Original Braunvieh OB robust, langlebig und berggängig – gibt aber «nur» 5000 bis 6300 Kilo Milch pro Laktation. Holstein und Holstein-Friesian sind Hochleistungsmilchkühe mit 8‘000 bis 12‘000 Kilo pro Laktation.
  • Das Futter ist ebenso entscheidend. Eine optimale Kombination aus jungem Gras und Heu sowie Weizen, Gerste, Mais oder Soja- oder Rapsschrot, Körnerleguminosen oder Biertreber ergibt eine hohe Milchleistung.
  • Als Laktation bezeichnet man die milchgebende Phase einer Milchkuh zwischen Kalbung und Trockenstellen. Für Leistungsvergleiche wird eine Standardlaktation von 305 Tagen verwendet.
  • Die Trockenzeit dauert 40 bis 60 Tage zwischen der Laktation und der Geburt des folgenden Kalbes. In dieser Phase gibt die Kuh keine Milch. Ihr Organismus regeneriert sich und bereitet sich auf die nächste Kalbung vor.

Der Biohof mit «nur» einer Milchkuh pro Hektar

Ich starte meine Recherche-Reise im österreichischen Bundesland Vorarlberg. Dort ist der Grasland-Anteil mit 97,5 Prozent besonders hoch, klassisches Ackerland spielt keine Rolle. Vorarlberg ist das ultimative Milchkuh-Ländle.

In Doren im Vorderen Bregenzerwald führt die 28-jährige Laura Lingenhel den Biohof Lingenhel in fünfter Generation. Der Hof liegt auf rund 700 Metern über Meer. Viele Wiesen sind steil. Viele Flächen lassen sich nur mit wendigen, kleinen Einachs-Geräteträgern bewirtschaften.

Der Betrieb arbeitet nach biologisch-dynamischen Demeter-Richtlinien. 2019 wurde die Familie Lingenhel mit dem renommierten Ceres-Award als Biolandwirte des Jahres ausgezeichnet.

Zum Hof gehören 23 Hektar Grünland, etwas Wald und Obstbau. Darauf hält Laura Lingenhel bewusst «nur» 23 behornte Original Braunvieh OB. Die Kälber wachsen muttergebunden auf. «Mit diesem Verhältnis von Grünland und Kühen können wir das Futter für die Tiere vollständig selbst produzieren und finanziell ausgewogen wirtschaften», erklärt Laura Lingenhel den geschlossenen Futterkreislauf.

Sie will nicht möglichst viel Kühe und möglichst viel Milch. Sie will ein System, das zum Standort passt. Seit 2016 erhalten die Tiere kein Kraftfutter mehr. «Seither sind unsere Kühe gesünder und agiler», betont Laura Lingenhel.

Lingenhel
Eine behornte Milchkuh der Rasse Original Braunvieh auf dem Biohof Lingenhel in Vorarlberg. Laura Lingenhel hält bewusst nur eine Milchkuh pro Hektar und füttert ausschliesslich Gras und Heu vom eigenen Betrieb ohne Kraftfutter.

Die Milchleistung liegt bei «nur» 4850 Kilo pro Laktation. Zum Vergleich: Das ist weniger als die durchschnittliche Milchleistung von Original Braunvieh im Berggebiet mit 5000 bis 5500 Kilo. Aber es ist Teil des Systems: weniger Zukauf, weniger Druck auf die Kuh, mehr Eigenständigkeit.

Auch der Hofdünger bleibt im Kreislauf. Mit der Kompostierung vom Festmist aus dem Laufstall fördert Lingenhel den Humusaufbau für den Gemüse- und Kräuteranbau.

Zusätzliche Wertschöpfung entsteht im Hofladen, in der Erlebnisküche, mit Brotbackkursen sowie Seminaren und Gruppenangeboten. «Nebenbei» wäre dafür das falsche Wort. Solche Betriebszweige schaffen Einkommen, aber sie fressen auch Zeit.

Laura Lingenhel zeigt: Wettbewerbsfähigkeit kann auch heissen, bewusst kleiner zu bleiben – und aus Konsequenz, Glaubwürdigkeit und Nähe zu den KonsumentInnen Wert zu schaffen.

Der Agrotourismus-Hof mit Hochleistungs-Milchkühen

Ein anderes Modell steht in Kressbronn im württembergischen Bodenseehinterland.

Die Familie Gührer führt das Hofgut Schleinsee. Zum Betrieb gehören 40 Hektar Grünland, 30 Hektar Ackerland sowie Wald und ein eigener See. Das Hofgut liegt auf sanften Hügeln im württembergischen Bodenseehinterland auf rund 480 Meter über Meer.

Betriebsleiter Marc Gührer hält 65 Milchkühe und rund 80 Tiere Nachzucht. Die Herde besteht überwiegend aus Holstein-Rindern.

Die Fütterung ist leistungsorientiert. Die Tiere erhalten Gras- und Maissilage, Energieträger wie Körnermais und Wintergerste aus dem eigenen Betrieb sowie zugekaufte Eiweissträger wie Raps- und Sojaschrot. Am Melkroboter kommt zusätzlich Kraftfutter dazu.

Damit erreicht der Betrieb eine sehr hohe Milchleistung von 14‘000 Kilo pro Laktation. Zum Vergleich: Die durchschnittliche Milchleistung von Holstein-Kühen liegt bei 9000 bis 11’000 Kilo. Entscheidend ist hier nicht nur die Genetik, sondern das ganze Paket aus Fütterung, Tierbeobachtung, Stallmanagement und Technik.

«Das Milchvieh ist die Basis unseres Erlebnis- und Ferienhofs», sagt Marc Gührer. Dieser Satz erklärt das Betriebsmodell. Die Kühe liefern Milch. Aber sie liefern auch das Bild eines Bauernhofs, das Feriengäste suchen: Stall, Tiere, See, Hofcafé, Milchautomat, Hofladen.

Holstein
Das markante schwarz-weisse Holstein-Rind ist die weltweit bedeutendste und milchstärkste Rasse, die für ihre hohen Milcherträge bekannt ist. Im Bild ein frisch geborens Kälbchen im Strohbett der Abkalbe-Box.

Die hohe Wettbewerbsfähigkeit zeigt sich auch daran, dass die Milch vom Hofgut Schleinsee zur lila Milka Alpenmilch-Schokolade verarbeitet wird. Für die Kinder auf dem Ferienhof ist das vermutlich überzeugender als jede Powerpoint-Folie über Wertschöpfungsketten.

Viele Familien verbringen ihren Urlaub auf dem Hofgut Schleinsee. Übernachtet wird in ehemaligen Wirtschaftsgebäuden wie dem Hopfen-Trockenraum, in der Remise und dem Gesindehaus oder im Bootshaus direkt am See.

Im Hofcafé wird als regionale Spezialität eine Dinnete serviert, ursprünglich ein Teigfladen, um die Temperatur des Holzofens fürs Brotbacken zu prüfen.

Schleinsee zeigt: Wettbewerbsfähigkeit kann entstehen, wenn Milchviehhaltung nicht allein über den Milchpreis bezahlt wird, sondern Teil eines Erlebnis- und Ferienhofs wird.

Der Rindermast-Betrieb mit Biogas-Tankstelle

In Thayngen im Kanton Schaffhausen führt die Familie Müller den Hof Unterbuck in dritter Generation. Der Betrieb bewirtschaftet 150 Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche nach den Vorgaben von IP-Suisse, dem Label für Integrierte Produktion (naturnahe und tierfreundliche Landwirtschaft).

Unterbuck ist kein Milchviehbetrieb. Mit der für Schweizer Verhältnisse hohen Anzahl von 450 Stierkälbern im Aussenklimastall mit Strohbett gehört der Hof Unterbuck zu den grössten Schweizer Stiermast-Betrieben.

Unterbuck
Im luftigen Aussenklimastall des Hofs Unterbuck im schweizerischen Thayngen werden 450 Stierkälber aufgezogen. Die Kälber aus Milchviehbetrieben werden im spezialisierten Mastbetrieb für die Fleischproduktion ein Jahr gemästet.

Dass solche Tiere auf spezialisierte Mastbetriebe kommen, hat biologische und wirtschaftliche Gründe. Eine Kuh gibt nur Milch, wenn sie ein Kalb geboren hat. Wenn vor der Besamung nicht die weiblichen und männlichen Spermien sortiert werden, ist etwa die Hälfte der Kälber männlich.

Die Stierkälber bleiben meist nur wenige Wochen auf dem Milchviehbetrieb. Danach kommen sie in spezialisierte Mastbetriebe wie den Hof Unterbuck.

Hier werden die jungen Stiere bis zur Schlachtung ein Jahr nach Schweizer Tierwohlprogrammen gehalten. BTS steht für Besonders Tierfreundliche Stallhaltung und RAUS für Regelmässiger Auslauf ins Freie. Die Simmentaler und Limousin fressen auf dem Hof Unterbuck zu 95 Prozent Futter aus eigener Produktion.

Der Hof Unterbuck gilt als Vorzeigebetrieb, der für seine Kreislaufwirtschaft bekannt ist und 2022 die erste landwirtschaftliche Biogas-Tankstelle der Schweiz eröffnet hat.

Betriebsleiter Christian Müller hat schon früh in die Energieproduktion mit Photovoltaik sowie Biogas aus Mist, Gülle und organischen Reststoffen diversifiziert.

Die Energie produziert er für einen Wärmeverbund und die hofeigene Biogas-Tankstelle. «Mit den Tieren und der Energieproduktion haben wir ein nachhaltiges Stoffstromsystem», sagt Christian Müller.

Stoffstromsystem ist kein hübsches Wort. Aber es beschreibt ziemlich genau, worum es geht: Was im einen Betriebszweig anfällt, wird im anderen genutzt. Mist und Gülle werden nicht entsorgt, sondern liefern Energie. Futter wächst auf eigenen Flächen. Wärme geht in den Verbund. Aus Landwirtschaft wird Infrastruktur.

Unterbuck zeigt: Wettbewerbsfähigkeit kann entstehen, wenn ein Betrieb nicht nur Tiere hält, sondern Stoffströme organisiert.

Der Hochleistungs-Hof mit High-Tech-Milchkühen

Der vierte Betrieb liegt in Laubbach in Baden-Württemberg, am Rande des Naturschutzgebietes Pfrunger-Burgweiler Ried. Die Familie Härle bewirtschaftet dort 250 ha Ackerland und Grünland, Moorgebiet und Wald.

Erich Härle und seine Söhne Jonas und Lukas halten 250 Holstein mit Nachzucht. Die Tiere stehen in Aussenklimaställen mit Strohbett und werden entwicklungsgerecht gefüttert. Damit erzielen die Härles eine sehr gute Milchleistung von 10‘000 Kilo pro Laktation.

Was auf dem Betrieb sofort auffällt: Hier geht es um klare Abläufe, Skaleneffekte und High-Tech. Im Melkkarussell können zwei Mitarbeiter pro Stunde 100 Milchkühe melken. In der gleichen Zeit melkt man in einem maschinellen Melkstand nur fünf Kühe.

Bei meinem Besuch ist das Melkkarussell so sauber, dass ich mich auf den Boden setzen könnte. «So macht die Arbeit mehr Freude, aber man darf die Stunden nicht zählen», sagt Erich Härle.

High-Tech ist auch der Bolus. Dieser Sensor wird der Kuh einmalig durch das Maul eingegeben. Durch sein Gewicht bleibt er im Netzmagen und misst unter anderem Körperkerntemperatur und Bewegungsaktivität.

Jonas Härle sieht diese Daten auf dem Smartphone. Er erkennt damit früh, wenn eine Kuh krank wird, brünstig ist oder kurz vor der Kalbung steht. Technik ersetzt hier nicht den Blick auf das Tier. Sie macht ihn schneller und systematischer.

Bolus
Der Bolus wird der Milchkuh durch das Maul verabreicht und bleibt lebenslang im Netzmagen. Er erfasst Körperkerntemperatur und Bewegungsaktivität. Diese zeigen die Gesundheit der Tiere an, aber auch die Brunst oder die bevorstehende Kalbung einer Kuh.

Für die Diversifizierung sind Mutter Monika Härle und Tochter Anna Härle-Löffler zuständig. Seit 2021 führen sie ein Hofcafé für Radfahrer, Wanderer und Gäste aus der Region, das zusätzliche Wertschöpfung generiert.

Das Hofcafé bietet 160 Gästen Platz. An Spitzentagen produziert die gelernte Köchin und Konditormeisterin Anna Härle-Löffler bis 40 Kuchen und Torten. Mehr als 30 MitarbeiterInnen arbeiten mit, darunter auch ein Vollzeitbäcker für die Holzofenbäckerei.

Die Familie Härle zeigt: Wettbewerbsfähigkeit kann aus Grösse, Technik und Arbeitsorganisation entstehen – aber auch hier bleibt der Milchpreis nicht die einzige Einnahmequelle. Das Hofcafé macht aus eigenen und regionalen Rohstoffen ein regionales Produkt mit Gesicht.

Vier «Erfolgsrezepte» zur Wettbewerbsfähigkeit

Auf meiner Recherche-Reise rund um den Bodensee habe ich vier Betriebe kennengelernt und vier grundverschiedene Antworten auf dieselbe Frage erhalten: Wie lässt sich aus Fläche, Futter, Arbeit, Tiergenetik und Vermarktung ein tragfähiges landwirtschaftliches System bauen?

Lingenhel setzt auf Reduktion und Wertschöpfung: weniger Kühe und weniger Milch je Kuh, robuste Zweinutzungstiere, Futter vom eigenen Grünland, Demeter-Label, Direktvermarktung und Bildungsangebote. Wettbewerbsfähigkeit entsteht hier nicht über Menge, sondern über Glaubwürdigkeit, Kreislaufdenken und Nähe zu den KonsumentInnen.

Schleinsee verbindet Hochleistungsmilchvieh mit Ferienhof, Hofladen, Hofcafé und Bauernhoferlebnis. Die Kuh produziert dort nicht nur Milch für die lila Alpenmilch Schokolade, sondern auch Bilder, Geschichten und Vertrauen.

Unterbuck macht aus Tierhaltung, Ackerbau und Energie ein Kreislaufsystem. Die Stiermast auf der einen Seite, Photovoltaik und Biogas auf der anderen Seite. Wettbewerbsfähig ist der Betrieb, weil er Stoffströme nutzt, die anderswo Kosten verursachen würden.

Härle steht für Skaleneffekte in der Milchproduktion: grosse Herde, High-Tech, leistungsgruppenbezogene Fütterung und klare Arbeitsorganisation. Ergänzt wird dieses Modell durch das Hofcafé, das aus eigenen und regionalen Rohstoffen ein regionales Produkt mit Gesicht macht.

Kälbchen
Jeder Landwirtschaftsbetrieb muss mit den gegebenen Faktoren Fläche und Futter sowie mit den individuellen Faktoren Tiergenetik und Vermarktung ein tragfähiges landwirtschaftliches System aufbauen.

Die wichtigste Erkenntnis dieser Recherche-Reise rund um den Bodensee: Es gibt keine Strategie, die für jeden Hof aufgeht. Jeder Betrieb muss sein eigenes «Erfolgsrezept» entwickeln.

Wettbewerbsfähigkeit kann mit Demeter erreicht werden, mit Hochleistungs-Milchkühen, in der Nische der Rindermast oder mit Skaleneffekten und High-Tech. Aber es braucht immer zusätzliche Wertschöpfung durch einen Hofladen, ein Hofcafé oder die Energieproduktion.

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Dieser Beitrag erschien im Newsletter «Food Revolution» des Agrarjournalisten Jürg Vollmer. Übernahme mit freundlicher Genehmigung.


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9 Meinungen

  • am 11.07.2026 um 13:01 Uhr
    Permalink

    Nein. Erstens finde ich die «Begründung» nicht logisch:
    «Die Milchproduktion ist für unser Ernährungssystem wichtig. Rund 60 Prozent der Menschen in Deutschland, Österreich und der Schweiz konsumieren täglich oder mehrmals täglich Milchprodukte.»
    Analog könnte man behaupten: «Alkohol ist für unser Ernährungssystem wichtig (Alk-Aufruf von Bundesrat und Winzer Parmelin: «Ich würde mir wünschen, dass die Leute mehr trinken»). Rund 83 Prozent der Menschen in der Schweiz konsumieren Alkohol».
    Zweitens finde ich SoLaWi (quasi «Hofladen im Abo»), Bodenschutz Mulch, Regenwürmer-Promotion, Nicht-Übergüllung (WDR.de MONITOR vom 17.01.2019 – «Feinstaub durch Landwirtschaft: Seit Jahren verharmlost». Peta.de 15.8.2024 – Gülle: «Naturdünger» oder schädlich für Umwelt und Gesundheit?), Verzicht auf PFAS (TFA) förderungswürdig. Jedenfalls mehr Berücksichtigung von Kundenwünschen. Auch Kundensegment «Tiere ohne Glocken» dürfte bedient werden, meinetwegen gegen Bezahlung (zusätzlich zu Subventionen).

  • am 11.07.2026 um 13:18 Uhr
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    wieso milchwerbung hier?! dass bei ca. 50% import («heikler» selbstversorgungsgrad in der CH) – darunter wohl auch kraftfutter für tiere auf den portraitierten höfen – von «erfolgsrezept» gesprochen wird ist schon sehr mutig… milchindustrie (immer mit «fleisch» zusammendenken, danke immerhin für’s knappe erläutern dieses wesentlichen zusammenhangs) wird nie nachhaltig sein können, schon beim zweiten (verhältnismässig nicht schlimmsten bsp.) wird zugegeben: «Die Fütterung ist leistungsorientiert. Die Tiere erhalten Gras- und Maissilage, Energieträger wie Körnermais und Wintergerste aus dem eigenen Betrieb sowie zugekaufte Eiweissträger wie Raps- und Sojaschrot. Am Melkroboter kommt zusätzlich Kraftfutter dazu.»
    dass da natürlich wertvolles ackerland «verschwendet» wird mit proteinverlust via tiermägen wird leider nicht explizit erwähnt – hoffe nicht im bewusstsein ausgeblendet. schlussendlich sollen tiere nicht teil der «maschinen» sein von landwirtschaftsbetrieben; traurigster fakt

    • Jürg Vollmer Portrait
      am 11.07.2026 um 13:29 Uhr
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      Danke für die kritischen Hinweise. Der Text ist nicht als Milchwerbung gedacht, sondern als Vergleich von vier sehr unterschiedlichen Betriebssystemen.

      Ja, Kraftfutter erhöht die Milchleistung – und genau deshalb ist es relevant, ob ein Betrieb darauf verzichtet oder es gezielt einsetzt. Das habe ich bewusst gegenübergestellt.

      Auch der Einwand zum Ackerland ist wichtig. Aber im Alpenraum und im alpinen Vorland – also an den Standorten dieser vier Betriebe – gibt es viel Grünland, das sich kaum für Ackerbau eignet. Dort können Kühe Gras verwerten, das Menschen nicht essen können. Anders ist die Diskussion dort, wo auf gutem Ackerland Tierfutter statt Lebensmittel für Menschen wächst.

      Mir ging es darum, verschiedene Strategien sichtbar zu machen: Demeter und Direktvermarktung, Hochleistung und Agrotourismus, Rindermast und Biogas, Skaleneffekte und Hofcafé. Welche davon ökologisch, ökonomisch und ethisch überzeugt, darüber kann man diskutieren.

      • am 12.07.2026 um 12:06 Uhr
        Permalink

        nicht zu vergessen ist die wasserknappheit – viele quellen versiegen derzeit im alpinen raum mit längeren trockenphasen, was offensichtlich auch gegen ein zukunftsfähiges system spricht – mit tieren die oft über 100 liter wasser am tag trinken dürfen sollten.
        allgemein wäre mehr kritik angebracht m.e. selbst beim gegenüberstellen von wirtschaftlichen möglichkeiten – nicht alles was sich verkauft ist wünschenswert!
        ethische und ökologische aspekte werden leider oft vergessen bis bewusst ausgeblendet, was mir fahrlässig erscheint bei den aktuellen gegebenheiten.

  • am 11.07.2026 um 15:06 Uhr
    Permalink

    Ganz toller Beitrag! Da stehen sehr viele Dinge, die Nichtbauern
    (=Stadtbewohner) nicht kennen. Aber sehr bedeutend sind. Ich (76 Jahre)
    habe mich an meine Jugendzeit erinnert, als ich viele Sommer bei Bauern
    verbracht habe (Ferien, Landdienst) und mitarbeiten durfte.

    Vielen Dank für Ihren wunderschönen Artikel.

    mfG Walter Krähenmann

    • am 11.07.2026 um 20:52 Uhr
      Permalink

      schade bis tragisch, wenn landwirtschaft immer noch so romantisiert wird; leider haben wir heutzutage ganz andere gegebenheiten und es wird massiv zu viel konsumiert (auch exportiert), selbst wenn wir es schaffen, tierwürde ausser acht zu lassen. grössten respekt vor den menschen, die bei der herstellung von lebensmitteln mitwirken, doch auch sie dürfen sich nicht vor tatsachen verschliessen, dass wir zb. möglichst viele proteine direkt für menschlichen verzehr erwirtschaften sollten, womit natürlich auch die konsument*innen zur gewohnheitsänderung aufgefordert sind – bis zu subventionen, die anreize schaffen sollten für den anbau von mehr pflanzlichen lebensmittel, wo immer’s möglich ist! dann kommt die verantwortung der grossverteiler und werbung dazu; lasst uns das als gesellschaft entschieden angehen, sich gegenseitig motivieren für zukunftsträchtige wege und lösungen gegen multikrise (biodiversität, klimaerhitzung, bodenqualität, gewässerschutz etc.)

  • am 11.07.2026 um 17:41 Uhr
    Permalink

    Was in diesem Artikel völlig ausgeblendet wird, sind wesentliche Aspekte. Angefangen beim anthropozentrischen Blick auf unsere Mitgeschöpfe: Kühe werden zwangsbesamt, ihnen werden ihre Kälber weggenommen, und ihr Drüsensekret wird für den menschlichen Konsum genutzt – obwohl es dafür heute keine Notwendigkeit mehr gibt. Ebenso werden die massiven Schäden für unsere Mitwelt durch die Nutztierindustrie ausgeblendet – auch durch Bio- und Demeter-Betriebe. In der heutigen Zeit braucht niemand mehr tierische Proteine aus einer Industrie, die auf Ausbeutung und Leid basiert. Zudem steht ein hoher Konsum tierischer Produkte mit zahlreichen Wohlstandskrankheiten in Zusammenhang.

  • am 12.07.2026 um 08:54 Uhr
    Permalink

    Danke für den interessanten Artikel! Man muss ja realistisch und pragmatisch bleiben. Natürlich ist es wünschenswert, wenn mehr Kalorien direkt für den menschlichen Konsum produziert werden. Und ja, es wird zu viel tierische Nahrung konsumiert. Aber: die Alpenregion ist prädestiniert für Milch- und Fleischproduktion, das macht ökologisch absolut Sinn. Und: die Konsumenten haben Milch, Käse, Fleisch nun mal gern. Bei uns, aber vor allem auch in den Schwellenländern. Dort geht’s erst gerade los mit Milch und tierischen Proteinquellen in grösserem Massstab. Also macht es absolut Sinn, sich hier wie überall über verschiedene Produktionssysteme Gedanken zu machen und sie gegeneinander abzuwägen, um für jede Region das Optimum an Produktivität, Nachhaltigkeit (bzw. minimale Nichtnachaltigkeit, nachhaltig ist nämlich eigentlich gar nichts) und Tierwohl zu identifizieren.

    • am 12.07.2026 um 12:17 Uhr
      Permalink

      wie wär’s mit einer umgekehrten priorisierung? zuerst soziale verantwortung – also tierwohl bei so klar fühlenden lebewesen –, nachhaltigkeit (was auch zum ersten punkt gehört bezüglich gesundheitlichen aspekten, sozialen kosten und natürlich kommenden generationen) und dann schauen, welche sinnvollen wirtschaftlichen aktivitäten sich anbieten. da werden löbliche ansätze oben im artikel skiziert und irgendwann ist das argument mit «gewisse menschen mögen einfach tierprodukte» zu wenig schlagend, wenn so viele andere darunter leiden. wir können auch anders, (ess-)kultur ist immer im wandel und vielleicht finden wir hierzulande mit unseren möglichkeiten zu einem vorbildlichen system – ich bin dabei! danke allen, die’s auch versuchen und sich nicht krampfhaft wehren, an gewissem festhalten, das früher schonmal anders war.

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