Gefällte Esche x

Gefällte Esche © Holzquelle

Die Angst vor Haftung tötet Bäume 

Urs Tester /  Das präventive Fällen von Bäumen ist fatal. Vor allem wenn es widerstandsfähige Eschen betrifft. Die Natur nimmt Schaden.

RedDer Autor ist Biologe mit Fachschwerpunkt Ökologie. Ein Gastbeitrag.

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Im April werden in Schweizer Wäldern des Mittellands wieder Motorsägen knattern und quietschen, denn es geht angeblich um die Sicherheit. Damit Spaziergänger und Velofahrer möglichst gefahrlos im Wald unterwegs sein können, werden Jahr für Jahr viele Bäume gefällt, und zwar selbst dann, wenn in ihren Ästen oder in Baumhöhlen bereits Vögel brüten. 

Eigentlich müssten solche Sicherheitsschläge eine Ausnahme sein. 

Schweizer Wälder darf man frei betreten – unter Eigenverantwortung. Besucherinnen und Besucher müssen die für einen Wald typischen Gefahren berücksichtigen. Salopp gesagt, wer bei starkem Wind in den Wald geht und von einem herunterfallenden Ast getroffen wird, ist selbst schuld. Waldeigentümerinnen und – Eigentümer sind nicht verpflichtet, ihren Wald zu bewirtschaften. Sie sind deshalb auch nicht zu Kontrollen verpflichtet.1  

Eine Ausnahme bilden feste Einrichtungen im Wald wie Wanderwege oder Feuerstellen. Der Betreiber dieser Einrichtungen muss in zumutbarer Weise die Sicherheit kontrollieren und allenfalls Wege oder Feuerstellen sperren oder absterbende Bäume fällen lassen. Soweit das geltende Recht.

Der Druck der Null-Risiko Gesellschaft

Doch unserer Gesellschaft will immer mehr Sicherheit. Sie erwartet, dass man zu jeder Zeit gefahrlos im Wald unterwegs sein kann. Besonders in den Agglomerationen erhalten Gemeinden Mails und Anrufe, Risiken zu beseitigen, manchmal sogar unter Androhung rechtlicher Schritte. Gemeinden geben diese gesteigerten Sicherheitswünsche an den Forstdienst weiter. Und dieser fällt dann lieber zusätzlich Bäume, als das Risiko einer Anzeige einzugehen.

Die Eschenhatz

Seit rund 15 Jahren verschärft ein eingeschleppter Pilz die Situation. Er befällt die Esche, die zweithäufigste Laubbaumart in unseren Wäldern. Er lässt Äste der Esche absterben, die dann herunterfallen können. Manchmal stirbt der ganze Baum ab. 

Newsletter Balken grün

Aus Angst vor Haftungsklagen werden dann im grossen Stil Eschen gefällt – auch weitab vom nächsten Waldweg und sogar mitten in Naturschutzgebieten. Mario Broggi, der ehemalige Direktor der Eidgenössischen Forschungsanstalt WSL spricht von einer regelrechten Eschenhatz, welche das Land erfasst habe.

Eschen Kahlschlag
Esche

Für die Zukunft der Esche ist das fatal. Es werden Eschen gefällt, die gegen den Pilz widerstandsfähig sind. Diese können keine Samen für den Wald der Zukunft liefern.

Risikoreduktion auf Kosten der Natur

Die Esche ist von Sicherheitsschlägen so stark betroffen, dass dies in der Waldstatistik sichtbar wird.3 Doch es betrifft auch grosse Bäume anderer Baumarten. Wenn sie fehlen, geben sie am Grillplatz keinen Schatten mehr, verdunsten kein Wasser. Es fehlen auch Brutplätze für Spechte und Fledermäuse. 

Risikoreduktion geschieht am Ende auf Kosten der Natur.

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FUSSNOTEN
1WSL: Sicherheits- und Haftungsfragen im und am Schweizer Wald
2Mario F. Broggi 2026: Natur im Umbruch: Vergangenes verstehen, Zukunft gestalten. Paul Schiller Stiftung Zürich / Haupt Verlag Bern
3Bafu: Waldbericht 2025 – Entwicklung, Zustand und Nutzung des Schweizer Waldes 


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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4 Meinungen

  • am 7.04.2026 um 14:58 Uhr
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    Die Angst vor Haftungsklagen (Ursprung: USA) der Null-Risiko Gesellschaft hat auch in allen anderen Lebensbereichen bereits absurde Ausmasse angenommen. Diese Angst hemmt den Entscheidungsprozess und führt dazu, dass niemand mehr die Verantwortung übernehmen will. Die Politiker, die Verwaltung sowie auch die Justiz sichern sich deshalb dauernd mit Studien und Gutachten von sogenannten Experten ab, damit sie sich im Streitfall aus der Schusslinie nehmen können. Die Haftungsangst ist eines der Hauptübel der modernen Gesellschaft!

  • am 7.04.2026 um 19:44 Uhr
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    Dieses Problem kann man auch in Braunschweig in extensio erleben. An Riddagshäuser Teichen – einem sehr beliebten Spazierparcour standen ziemlich hohe Pappeln. Deren STandfestigkeit war ohnehin nicht sehr hoch- um so weniger an den Teichrändern Daher sah sich die Stadt genötigt, Fällungen vorzunehmen. Die Folge : wütende Entrüstung der Bürger. ABER : eben diese Bürger fällten (nach Wegfall der Baumschutzsatzung) in ihren Gärten kerngesunde Bäume was die Kettensäge hergab als vorbeugende Maßnahme damit bei einem Sturm nicht etwa ihre Luxuskarosse beschädigt werden würde . UND (noch perverser) : um den Schattenwurf der Bäume zu verhindern. So sieht z.B. das Gebiet um den Ortsteil Lehndorf , einst ein Gartengebiet mit sehr vielen schönen Bäumen , eher wie eine kahle Vorgartenwiese mit PKW-gerechten Bodenversiegelungen aus,über die der Wind im Winter heizenergieraubend hinwepfeifft.

  • am 7.04.2026 um 20:41 Uhr
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    Es ist teilweise wirklich schlimm, was die anrichten! Dank den Harvester sieht es im Wald aus als ob bei uns die Bomben eingeschlagen hätten. Die schönsten Morchelplätze für Jahre zerstört! Das ASTRA ist auch so ein Baumkiller entlang der Autobahnen, wo an einigen Orten schöne alte Auwälder sind, mit der Begründungg, man staune!: Der Wind könnte den Schnee von den Bäumen auf die Autobahn wehen. Nur wo ist der Schnee?

  • am 8.04.2026 um 11:26 Uhr
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    Danke Urs Tester für ihre Informationen zu den Eschen.
    Auf meinem kleinen Bauernhof abseits von Strassen und Harvestern vermehren sich die Eschen ganz stark.
    Bisher habe ich sie wegen ihrer Schnellwüchsigkeit schon früh umgehauen.
    Jetzt werde ich ihnen den nötigen Raum geben.
    Wenn immer sie noch weitere Informationen haben, bin ich froh, wenn sie mich auf dem Laufenden halten.
    Zufälligerweise haben wir mit dem kant. Amt für Naturschutz in unserem Obstgarten mit Hochstammbäumen mit alten Obstsorten 20 Fledermaus-Kästen platziert. Da scheint mir eine Symbiose zu entstehen. Was mich sehr freut…

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