René P. Buholzer Rundschau 2019

René P. Buholzer, Geschäftsführer der Interpharma, in einem Rundschau-Interview von 2019 © srf

Die Pharmalobby drückt auf Tränendrüse – aus Renditengründen

Max Giger /  Angeblich müssen Patientinnen und Patienten in der Schweiz auf neue Medikamente verzichten. Aber das ist nicht der Fall.

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Max Giger

In der Pressemitteilung vom 17. August 2026 verbreitet Interpharma-Geschäftsführer René P. Buholzer ein dramatisches Bild: Die neue US‑Politik zur Senkung der Medikamentenpreise wirke sich für Patientinnen und Patienten in der Schweiz bereits heute negativ aus. 

Der Hintergrund: Die Trump-Regierung möchte die Schweiz als ein Referenzland für die Preise in den USA heranziehen. Weil die Schweiz die Preise jedoch nicht wie gefordert senke, hätten Pharmaunternehmen rund ein Drittel ihrer neuen «innovativen» Medikamente für die Vergütung durch die Krankenkassen gar nicht mehr eingereicht. Damit sei der Zugang zu neuen Therapien für Patientinnen und Patienten in der Schweiz gefährdet. Die geplante Revision der Krankenversicherungsverordnung (KVV), die bei sehr hohen Umsätzen Rabatte vorsieht, drohe die Lage weiter zu verschärfen.

Diese Darstellung der Pharmalobby ist politisch geschickt, aber sie vermittelt ein verzerrtes Bild der Versorgungslage. Sie vermischt regulatorische Abläufe mit globalen Preisstrategien und suggeriert, Patientinnen und Patienten erhielten neue Therapien nicht mehr – was faktisch nicht zutrifft.

In Wahrheit geht es nicht um medizinische Versorgungslücken, sondern um ökonomische Interessen der Hersteller. Die Schweiz ist ein kleiner Markt – bloss rund zwei Prozent des Gesamtmarkts. 

Wird ein Medikament beim Bundesamt für Gesundheit zur Vergütung eingereicht, legt dieses einen Schweizer Preis fest, der im Vergleich zu den USA tief ist. Bei Preisvergleichen dient er international als Referenz. Seit auch die USA angekündigten, die Schweiz in ihre Preisvergleiche einzubeziehen, würde ein tiefer Schweizer Preis direkt auf die US‑Preise durchschlagen. Das beeinflusst die globalen Umsätze und vor allem die Renditen der Pharmaindustrie.

 Das wollen die Hersteller vermeiden. Deshalb verzichten sie zunehmend darauf, für neue Medikamente vom Bundesamt für Gesundheit einen Preis festsetzen zu lassen – als Voraussetzung für die Vergütung der Kassen. So wollen Pharmafirmen vermeiden, dass ihre Preise in den USA gesenkt werden. 

Was Interpharma nicht erwähnt: Die Schweiz verfügt über ein bewährtes Vergütungssystem für Einzelfälle. Fehlt für eine schwere oder lebensbedrohliche Erkrankung eine kassenpflichtige Therapie, kann der behandelnde Arzt ein Gesuch um Kostenübernahme stellen. Dieses kann sich auf ein Arzneimittel stützen, das in einem regulatorisch vergleichbaren Land zugelassen ist – etwa den USA, der EU, Grossbritannien, Kanada oder Japan. Solche Gesuche werden bei klarer medizinischer Indikation und nachvollziehbarer wissenschaftlicher Begründung in der Regel bewilligt, insbesondere in der Onkologie und bei seltenen Erkrankungen.

Mit diesem Vorgehen bleibt der Zugang zu innovativen Therapien in der Schweiz grundsätzlich gewährleistet – auch ohne Kassenpflicht. 

Das Problem ist also nicht die Versorgung, sondern der Preis: Ohne Kassenpflicht (Aufnahme in die Spezialitätenliste SL) existiert kein Schweizer Preis. Die Versicherer müssen den internationalen Marktpreis bezahlen, häufig den US‑Preis, da «innovative» Medikamente zuerst meistens in den USA als dem grössten Markt zugelassen werden. 

Die Schweiz erhält diese besonderen Medikamente. Sie erhält sie teuer, aber ohne die Medikamentenpreise generell senken zu müssen.

Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass die Pharmakonzerne nicht aus Sorge um Patientinnen und Patienten auf die Tränendrüse drücken, sondern aus Renditegründen. Die geplante KVV‑Revision kann umsatzstarke Medikamente etwas günstiger machen. Aber die Verfügung aller Medikamente bleibt mit der Einzelfallvergütung gesichert.  

Die eigentliche Frage lautet daher nicht, ob die Schweiz den Zugang zu innovativen Therapien verliert, sondern wie verhindert werden kann, dass globale Preisstrategien der Industrie zu überhöhten Kosten für das Schweizer Sozialversicherungssystem führen.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine. Max Giger ist Facharzt für Innere Medizin und Gastroenterologie. Er war Präsident der Eidgenössischen Arzneimittelkommission und des Schweizerischen Instituts für ärztliche Weiterbildung. 
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Sie gehören zu den mächtigsten Konzernen der Welt und haben einen grossen Einfluss auf die Gesundheitspolitik.

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