UBS: Powerplay mit versteckter Agenda

Derzeit läuft in der Wirtschaftskommission des Ständerats hinter verschlossenen Türen ein Ringen um die neuen gesetzlichen Eigenmittelvorschriften für die Grossbank UBS. Parallel dazu wirkt in der medialen Öffentlichkeit seit Monaten ein Powerplay, das von der UBS-Spitze selber losgetreten worden ist. Aufgeheizt wird der Druck gegen den Bundesrat mit journalistischer Hilfe, mittels Gerüchten und Drohungen. Indes, das alles erzeugt auch politische Widerstände, schon läuft ein Mailverkehr unter namhaften Akteuren über ein mögliches Referendum.
Seit Jahrzehnten muss man bei uns damit leben, dass die Banken in aller Diskretion die Bankengesetzgebung mitgestalten, Ausnahmen konstruieren und der Finanzmarktaufsicht Fussfesseln anlegen. Doch ein derart öffentliches und publikumswirksames Bank-Powerplay gegen Bundesrat, Nationalbank, Aufsicht, aber auch gegen die Wissenschaft, wie wir es heute seitens der UBS erleben, hatte die Schweiz noch nie erlebt.
«NZZ» streut Gerüchte, ohne je die Quelle zu nennen
Banknahe Redaktoren der «NZZ» haben sich im Kampf für «ihre» Grossbank regelrecht eingeschossen. Das «NZZ»-Journalistenteam Beatrice Bösiger und Eflamm Mordrelle produzierte mehr als ein Dutzend bundesratskritische Artikel und Beschwörungen im Stile der UBS-Rhetorik. Bösiger streute mehrmals mutwillig anonyme Gerüchte und Andeutungen über eine mögliche Sitzverlegung der UBS ins Ausland, ohne je eine Quelle zu nennen – das ist verpönt, ist unethischer Journalismus. Der aggressive aktivistische Hedge-Fonds Cevian forderte die UBS zudem öffentlich auf, ihren Sitz in die USA zu verlegen.
Unabhängige Steuerexperten haben vorgerechnet, dass die UBS bei einer Verlegung des Konzern-Hauptsitzes in die USA mehr aufgeschobene Kapitalsteuern in der Schweiz nachzahlen müsste, als die zusätzlich geforderten Eigenmittel ausmachen. Das private Banking, also das Vermögensverwaltungsgeschäft, könnte zudem nicht mehr voll in Franken abgewickelt werden. Kurz, die Sitzverlegung ist eine inszenierte leere Drohung.
UBS-Chef Sergio Ermotti dementierte spät und symbolisch die Sitzverlegung, um dann die Bundesratsvorlage erneut als «zu extrem», als «irreführend» und als schwere Wettbewerbsbeeinträchtigung «entschieden abzulehnen». Selbst der Schweizerischen Nationalbank (SNB), die die Bundesratsvorschläge zu den Eigenmitteln als gerechtfertigt und ausgewogen unterstützte, warf die UBS in nie erlebtem Stil «Irreführung» vor.
Nationalbank kommt auf 9 Milliarden Dollar, UBS auf über 20 Milliarden
Im Wesentlichen geht es beim Streit um die Frage nach den vorhandenen und den zukünftig erforderlichen Eigenmitteln der Bank, namentlich um die Kapitalunterlegung der etwa 500 bis 600 ausländischen Tochtergesellschaften und Beteiligungen der UBS. Der Ursprung kommt daher, dass die nunmehr in die UBS einverleibte CS schon 2019 mit einer früheren Ausnahmeregelung («Filter») ihre Tochtergesellschaften nur mit 60 Prozent der Eigenmittelanforderungen gemäss Basel-III-Vorschriften absichern musste. Nun insistiert der Bundesrat, dass auch diese UBS-Töchter wie das Stammhaus die Eigenkapitalvorschriften zu 100 Prozent erfüllen.
Über den nötigen Kapitalbedarf in Dollar wird gestritten. Während die UBS-Leitung einen Mehrbedarf von über 20 Milliarden Dollar beklagt, beziffert die Nationalbank in ihrer vertieften Analyse den zusätzlichen Bedarf auf bloss 9 Milliarden Dollar. Diese seien aber in der UBS-Bilanz bereits für zukünftige Sonderdividenden und Aktienrückkäufe vorhanden.
Verdeckte Agenda
Zwei verdeckte Agenden und unversöhnliche Strategien sind der Ursprung der gehässigen Auseinandersetzung zwischen UBS-CEO Ermotti und Finanzministerin Karin Keller-Sutter: Die erste Agenda seitens der UBS-Führung besteht darin, in den nächsten Jahren den UBS-Shareholder-Value künstlich durch Aktienrückkäufe und Sonderdividenden zu erhöhen. Aktienrückkäufe für jährlich 3 Milliarden Dollar hatte Ermotti den Aktionären an der Generalversammlung schon versprochen. Dies erhöht zwar den Aktienwert (und die Boni), senkt aber das Eigenkapital.
Eine zweite versteckte Agenda leitet aber den Bundesrat: Aus den bitteren Erfahrungen von 2008 bei der UBS-Rettung und noch verstärkt 2023 bei der CS-Übernahme weiss der Bundesrat, dass ausländische Finanzbehörden keine Abspaltung oder Konkurssanierung von Banktöchtern im Ausland tolerieren. Sowohl 2008 tönte es vom Fed-Chef Ben Bernanke wie auch 2023 von US-Finanzministerin Janet Yellen noch ultimativer: Eine Abspaltung oder Liquidation von schweizerischen Bank-Beteiligungen in den USA kommt nicht in Frage!
Was wird aus dem Streit resultieren? Wird das Parlament Lösungen finden, um die Wandelobligationen AT-1 so krisenfest und international zu konsolidieren, dass sie zuverlässig als Eigenkapital gelten können? Was wird aus dem Public Liquidity Backstop PLB, der mit der Too-big-to-fail-Vorlage verbunden ist? Diese milliardenschwere PLB-Garantie des Bundes (respektive der Steuerzahler) für Garantieleistungen der SNB an die notleidende Bank ist hochgradig umstritten und wäre mit dem Referendumspaket verbunden.
Es wäre Zeit für einen Kompromiss. Der Bundesrat hat etwa bei der Kapitalbewertung der Informatik im Stammhaus schon zum Voraus Flexibilität signalisiert. Jetzt muss sich auch die UBS bewegen. Doch derzeit erscheint ein Kompromiss weniger absehbar als ein Referendum.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Rudolf Strahm, ehemaliger Preisüberwacher und alt SP-Nationalrat, leitete von 1978 bis 1984 die Kommission zur Ausarbeitung der Bankeninitiative und war sieben Jahre SP-Zentralsekretär. Sein Artikel erschien zuerst in der «Handelszeitung». Infosperber veröffentlicht hier eine leicht erweiterte Fassung.
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.









Es ist ein Machtkampf. Gibt der Bundesrat nach und erfüllt die Wünsche der UBS-Grossmanager, dann könnte die Bank die Zukunft der Schweiz beinflussen oder bestimmen. Das heisst, der Bundesrat und das Bundeshaus muss eine kompromisslose Haltung einnehmen. Die UBS muss bedingunslos die Gesetze und Vorschriften der Schweiz einhalten, wenn nicht den Haupsitz auf eine Insel in der Kabrik verlegen. Das neue Logo der UBS könnte wohl dann eine Palme, ein Sonnenschirm und ein Liegestuhl sein.
Gunther Kropp, Basel
Wenn sich der Bunderrat mit diesen weniger als Minimalzielen nicht durchsetzt, dann ist er zu schwach für diese Aufgabe.
Die USA sind für die UBS der wichtigste und grösste Wachstumsmarkt und nicht nur für diese ausländische Grossbank. Die UBS ist primär globaler Vermögensverwalter (Global Wealth Management), erzielt 60 % der Ertrage daraus. Das klassische Kredit- und Zinsengeschäft spielt im Gesamtkonzern eine immer geringere Rolle.
Was sind die vielfältigen Risiken u.a. im US-Finanzsystem ? – Ein knallharter Wettbewerb, gerne auch unfairer Wettbewerb über politische Macht. Das US-Geschäft der UBS ist stark gewachsen, umfasst zehntausende Mitarbeiter, hochkomplexes Vermögens- und Investmentbanking, das im Krisenfall enorme Verluste verursachen kann.
Im immer extremeren libertären US-Finzkapitalismus hat es schon wieder Deregulierungen für US-Banken, Schattenbanken, Hedgefondes gegeben. Mangelndes Eigenkapital wird von der Bankenaufsicht dort weniger moniert. Möglicherweise ein Deal mit US-Banken, damit diese wieder mehr US-Staatanleihen aufnehmen, während andere Nationen das weniger gerne tun.
Wenn ich es richtig verstehe: Die UBS müsste, wenn es nach dem Bundesrat geht, rund 20 Mrd. Eigenkapital aufnehmen – und könnte damit 20 Milliarden Fremdkapital ersetzen. Wenn es bei der aktuellen Dividendenrendite (Dividende/Kurswert) von etwa 2,5% bleibt, kosten diese 20 Milliarden Eigenkapital die UBS rund 500 Millionen. Im Gegenzug spart sie rund 5% Zins auf ihren Dollar-Anleihen, also rund 1 Milliarde. Unter dem Strich spart sie jährlich eine halbe Milliarde. Wo liegt da das Problem?
Zwar liegt die Rendite auf dem Eigenkapital (statt Börsenwert) mit aktuell rund 10% deutlich höher als die Zinskosten von 5%, was den Widerstand der UBS auf den ersten Blick rechtfertigt, aber was spricht dagegen, dass die UBS für die neu ausgegebenen Aktien in etwa den heutigen Marktwert lösen könnte?