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Die Ingenieurin Hassina unterrichtet an einer Privatschule ältere Mädchen, die nach den Gesetzen der Taliban nicht mehr zur Schule gehen dürfen. © ZDF

«Lasst die afghanischen Frauen nicht im Stich!»

Barbara Marti /  Eine Frau verlangt mehr Druck auf die Taliban. Sie riskiere täglich ihr Leben, nur weil sie Mädchen unterrichte.

Seit der Machtübernahme vor fünf Jahren haben die Taliban Frauen aller Freiheitsrechte und ihrer Stimmen beraubt. Was dies konkret für Frauen bedeutet, zeigt ZDF-Kriegsreporterin Katrin Eigendorf in der sehenswerten Reportage «Kabul – die Rückkehr der Taliban».

Ingenieurin darf nicht mehr arbeiten

Eigendorf hat seit vielen Jahren immer wieder aus Afghanistan berichtet. Fünf Jahre nach der Machtübernahme der Taliban traf sie frühere Kontaktpersonen wie Hassina, die aus Sicherheitsgründen anonym bleibt. Hassina hat ein abgeschlossenes Ingenieurstudium und ein Studium der Verwaltungswissenschaften. Neun Jahre lang war sie in der Entwicklungszusammenarbeit tätig und war unter anderem für Strassenbau, Trinkwasserversorgung und Frauenfragen zuständig.

Seit der Machtübernahme der Taliban darf sie ihren Beruf jedoch nicht mehr ausüben. Weil sie die Hauptverdienerin war, ist der Alltag für sie und ihre Familie seither sehr schwierig. Die internationale Gemeinschaft sei in der Pflicht zu handeln: «Die Hälfte der Bevölkerung in Afghanistan leidet unter politischer, sexueller und diskriminierender Ausbeutung.»

«Ich werde als tapfere Frau sterben»

Frauen, die ihre Stimme erheben und ihre Rechte einfordern, werden laut Hassina inhaftiert oder getötet. «Die Welt schweigt und sieht zu, was wir durchmachen.» Hassina lässt sich nicht einschüchtern und unterrichtet an einer privaten Schule ältere Mädchen, die nach den Gesetzen der Taliban nicht mehr zur Schule gehen dürfen.

Damit bringt sie sich in Lebensgefahr. Sie habe sich mit dem Tod abgefunden und werde als «tapfere Frau» sterben, sagt Hassina. Sie fordert die internationale Gemeinschaft auf, endlich Druck auf die Taliban auszuüben. «Lasst die afghanischen Frauen nicht im Stich! Wir brauchen euch.»

«Ich wollte das Radfahren nicht aufgeben»

Eigendorf traf in den USA frühere Kontaktpersonen, die das Land 2021 verlassen konnten und im Ausland neu anfangen mussten. Diese Frauen sind zwar in Sicherheit, haben dafür aber einen hohen Preis bezahlt. Eine von ihnen ist Rukhsar Habibzai. Die heute 30-Jährige studierte in Kabul Zahnhygiene. Ihre Ausbildungsdokumente befinden sich in Kabul. Seit fünf Jahren weigern sich die Taliban-Behörden ihr die Dokumente zuzustellen. Begründung: Anträge von Frauen mit höherer Ausbildung bearbeiteten sie nicht.

Vor ihrer Flucht war Habibzai Kapitänin des afghanischen Frauenradsportverbandes. Radfahrerinnen wurden damals beschimpft und mit Gegenständen beworfen. Seit der Machtübernahme der Taliban dürfen Frauen nicht mehr Rad fahren. Habibzai wollte jedoch nicht darauf verzichten und entschied sich deshalb zur Flucht. «Ich dachte, zu fliehen ist besser, als getötet zu werden», sagt sie. «Es war eine sehr schwere Entscheidung, meine Lieben, meine Familie und mein Land zu verlassen.» Das Radfahren ist für sie nicht nur ein Sport, sondern ein «Symbol der Freiheit» – und eine Botschaft an all jene, die Frauen das Radfahren verbieten.

«Ich wollte Afghanistan nicht verlassen»

Die Journalistin Hasiba Atakpal arbeitete als Reporterin für Tolo-News, den grössten privaten TV-Sender des Landes. Schon vor der Machtübernahme der Taliban wurde sie wegen ihrer Berichterstattung immer wieder bedroht. Sie habe Afghanistan nicht verlassen wollen, erzählte sie Eigendorf. Doch innerhalb von zehn Tagen habe sich 2021 alles verändert. In Kabul hätten Frauen und Männer einfach ihre Kleidung gegen traditionelle afghanische Kleidung getauscht und seien in ihren Alltag zurückgekehrt.

Gegen den Rat des TV-Senders arbeitete Atakpal weiter, bis die Taliban sie per Whats-App unmissverständlich mit dem Tod bedrohten. Sie entschied sich zur Flucht, weil ihr klar wurde, dass sie in Afghanistan als Frau keine Perspektive mehr hatte. Besonders schwergefallen sei ihr der Abschied von ihrer Mutter, die sie wohl nie mehr in die Arme nehmen könne. In den USA kann Atakpal nicht als Journalistin arbeiten. Mittlerweile ist sie Teilhaberin eines afghanischen Supermarktes in Gainesville (Florida).

«Schlag ins Gesicht der Frauen»

Die EU hat kürzlich die Taliban zu «technischen Gesprächen» über die Rückführung abgelehnter afghanischer Asylbewerber eingeladen. Laut der EU bedeutet dies keine diplomatische Anerkennung des Regimes. Fawzia Koofi, ehemalige Abgeordnete im afghanischen Parlament, kritisierte dies scharf. Sie forderte die EU auf, Geschlechter-Apartheid als Straftatbestand anzuerkennen. Die Verletzung von Frauenrechten dürfe nicht unbestraft bleiben.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine. Dieser Artikel erschien zuerst auf frauensicht.ch.
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11 Meinungen

  • 16.08.2026 at 12:44
    Permalink

    Dieser Artikel ist nützlich und wichtig.
    Man kann nicht genug auf die schlimme Situation der Frauen in Afghanistan hinweisen und dagegen protestieren.
    Wenn alle Frauen ihr Land verlassen würden, was würden die Taliban dann tun?

    • 17.08.2026 at 01:42
      Permalink

      Es sind noch nie so viele Afghanen ins Land zurück gekehrt wie letztes Jahr!!!

      Es fällt auf, dass vor allem über Frauen die Rede ist, die für die NATO und deren Marionetten Regierung tätig waren. Es fehlen Frauen wie Faizah Kakar, die 2023 von den Taliban zur Gouverneurin der Provinz Daikundi ernannt wurde (!). Deshalb bin ich über solche ZDF Berichterstattung vorsichtig. Wie zum Beispiel im Iran. Bei den Berichten von dem Kanadier Alexander Dimitri Lascaris, sehe ich immer die jungen iranischen Frauen ohne Kopftücher im Hintergrund. Selbst Frauen bei Interviews der Regierungsbefürworter stehen ohne Kopftuch vor Lascaris Kamera… (?)
      Ein Schelm der denkt, das Moslem Bashing hat bei ZDF und SRF System *zwinkersmiley*

      Kämpfen wir besser für das Ende der Sanktionen und Einmischung des Westens. Ich traue den Afghanen zu, wieder das Land zu werden, das es ohne uns war. Ein Land mit Professorinnen und Ministerinnen wie Dr. Anahita Ratebzad zum Beispiel.

      • Favorit Daumen X
        17.08.2026 at 09:33
        Permalink

        2023 ernannten die Taliban nach vorliegenden Quellen nicht Faizah Kakar zur Gouverneurin, sondern Mullah Najibullah Rafi.

        • 17.08.2026 at 16:20
          Permalink

          Das ist falsch Herr Gasche. Das folgendes steht sogar im englischen Wikipedia:

          «Mullah Najibullah Rafi is an Afghan Taliban politician who served as Governor of Nimruz Province from 7 November 2021 to 2023».

          Nimruz ist eine Provinz ganz im Südwesten Afghanistans und Daikundi liegt in Zentral Afghanistan.

          Ab 2023 war Faizah Kakar Gouverneurin. Diese Gouverneurin kennt Wikipedia natürlich nicht. Passt halt nicht ins framing… *zwinkersmiley*

        • Favorit Daumen X
          17.08.2026 at 17:45
          Permalink

          Interessant. Nach meinen Quellen war Faizah/​Faiza Kakar war nicht die Gouverneurin von Daikundi. Möglicherweise liegt eine Verwechslung mit Masooma Muradi vor: Sie war 2015–2017 die einzige Gouverneurin Afghanistans und wurde damals von Präsident Ashraf Ghani für Daikundi eingesetzt — lange vor der Taliban-Machtübernahme. Welches ist Ihre Quelle?

      • 17.08.2026 at 11:09
        Permalink

        «Es sind noch nie so viele Afghanen ins Land zurück gekehrt wie letztes Jahr!!»

        Zynismus pur

        • 18.08.2026 at 02:07
          Permalink

          Seit 2023 sind 6 Millionen Afghanen aus dem Iran und Pakistan zurückgekehrt. Sogar SRF und die NZZ hat darüber berichtet. Kein Zynismus, den das würde bedeuten, dass auf bewusst herabsetzender Weise das Wertgefühl einer anderen Person verletzt werden soll. Es war die Antwort auf Zitat, «Wenn alle Frauen ihr Land verlassen würden, was würden die Taliban dann tun?» Es sollte nur die Ironie unserer Wertegesellschaft verdeutlichen. Ausserdem bevorzuge ich eher Sarkasmus.

        • 18.08.2026 at 14:06
          Permalink

          Ich gebe Ihnen recht, es sind noch nie soviel Afghan:innen aus dem Iran und Pakistan zurückgekehrt. Die Frage ist doch aber, wieso? Die allermeisten sind geflüchtete Personen die von Pakistan und dem Iran zur Ausreise gezwungen wurden, da sie z.B. keine Papiere haben und/oder für sie die Gefahr von gewalttätigen Übergriffen aus Motiv des Fremdenhasses zu gross wurde.

  • 17.08.2026 at 18:02
    Permalink

    Meine Quellen sind Pajhwok Afghan News und TOLOnews. Ab 2026 wurde Mawlawi Torjan Ahmadi als Gouverneur der Provinz Daikundi eingesetzt.

    • Favorit Daumen X
      17.08.2026 at 18:17
      Permalink

      Sie hatten geschrieben: «Es fehlen Frauen wie Faizah Kakar, die 2023 von den Taliban zur Gouverneurin der Provinz Daikundi ernannt wurde.» Dafür würde mich die Quelle interessieren. Die Taliban hatten Ende November 2023 Mawlawi Najibullah Rafi als Gouverneur von Daikundi eingesetzt. Er war zuvor Gouverneur von Nimruz. Eine offizielle Mitteilung des afghanischen Gesundheitsministeriums führte ihn im Mai 2024 weiterhin ausdrücklich als Gouverneur von Daikundi. Hier ausnahmsweise ein Link dazu.
      Ab 2026 haben die Taliban den Mann Mawlawi Torjan Ahmadi als Gouverneur der Provinz Daikundi eingesetzt.

      • 17.08.2026 at 19:07
        Permalink

        Fand die Berichte im April 2025 über DeepSeek. DeepSeek besteht interessanterweise weiterhin auf die Echtheit der Berichte und richtigen Übersetzung aus Dari/Paschtu. Obwohl DeepSeek die links nicht mehr finden kann (!).
        Die in meinem Chat Verlauf aufgeführten und gespeicherten links findet mein Browser nicht. Fand auch nichts mehr über فائزہ کاکڑ (Dari/Paschtu) + دایکندی (Daikundi) + والی (Gouverneur). Entweder war damals die Info falsch oder…. *zwinkersmiley*

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