So weit sind wir schon mit dem «KI»-«Journalismus»
Vom schrecklichen Kutschen-Unfall im Rosegtal oberhalb von Pontresina existieren kaum Bilder. Deshalb druckten die meisten Medien ein Bild ab, das die Bündner Kantonspolizei auf ihrem Medienportal zur Verfügung stellte (siehe oben). Für das Nachrichtenportal we-news.com war das nicht genug. Es veröffentlichte seine eigene Wirklichkeit. Und die sah dann so aus:




We-News ist ein Nachrichtenportal, das in der Schweiz vor gut zehn Tagen gestartet ist, in Frankreich, Deutschland und Österreich ebenfalls, in Italien einen Monat früher. Herausgeberin ist die AZ Medias Limited in Hongkong.
Wahrscheinlich gibt es Seraina Cadonau gar nicht
Über den Texten steht jeweils der Name eines «Autoren» oder einer «Autorin». Im Fall der Berichterstattung aus dem Rosegtal ist das Seraina Cadonau. Über sie heisst es auf der Website: «Seraina Cadonau ist KI-Redaktorin von We-News und berichtet aus dem Kanton Graubünden. Sie verfolgt Bergregionen, Tourismus und das dreisprachige Leben mit rätoromanischen Wurzeln.»
Doch wahrscheinlich existiert Seraina Cadonau gar nicht. Sonst wäre sie eine ausgesprochen fleissige Angestellte. 62 Artikel hat sie angeblich in 12 Tagen geschrieben. Seit dem 8. August stand sie jeden Tag im Einsatz. Gäbe es Seraina Cadonau tatsächlich, dann bekäme ihr Arbeitgeber wohl Probleme mit dem Arbeitsinspektorat.
Parasitärer Journalismus
Ganz offensichtlich schreibt «Künstliche Intelligenz» die Texte. Dafür nutzt sie am liebsten Quellen wie srf.ch, watson.ch oder nau.ch. Diese parasitäre Art von «Journalismus» ist umstritten. In Italien zeigen sich jedenfalls die Journalisten-Gewerkschaft und der Verleger-Verband sehr besorgt.
Die «KI» kommt nicht nur bei den Texten zum Einsatz, sondern auch bei den Bildern. Auch dort taucht Seraina Cadonau als Autorin auf. Bei den Unfall-Bildern aus dem Rosegtal steht: «©Illustration KI Seraina Cadonau/we-news.com».
Mit Hilfe der «KI» illustriert We-News auch Artikel zum Thema Sport. Damit es weniger auffällt, werden die Sportler und Sportlerinnen von hinten gezeigt. Zum Beispiel auch die Schweizer Frauen, die letztes Wochenende an den Leichtathletik-Europameisterschaften in Birmingham die Silbermedaille über 4×100 Meter gewonnen haben.
Dass die Bilder nicht echt sind, fällt aber auch so auf:



Noch etwas fleissiger als Seraina Cadonau war Corinne Gerber – wenn es sie denn gibt. Sie brachte es in 12 Tagen sogar auf 99 Artikel. Gerber berichtete unter anderem über Jason Joseph, der über 110 Meter Hürden den Europameister-Titel holte. So schwer hatte es Joseph allerdings nicht, wenn man dem Bild glauben will. Er musste nur eine Hürde überwinden. Und er hatte keine Gegner.

Auffällig war auch eine Vorschau auf das Promotion-League-Fussballspiel zwischen Brühl St. Gallen und Biel. Wer das Bild anschaute, bekam den Eindruck, das Stadion von Brühl, das Paul-Grüninger-Stadion, sei eine mondäne Arena. Dabei ist es ein ganz gewöhnlicher Sportplatz.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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