Beitragsbild Leitartikel Rolf Cavalli Blick

Perfekt, präzise, auf den Punkt gebracht: wie von einer Künstlichen Intelligenz geschrieben. © Blick

Die KI-Richtlinien der Medien sind ein Witz

Esther Diener-Morscher /  «Blick»-Chefredaktor Rolf Cavalli schrieb einen geschliffenen Kommentar. Wie viel die KI geholfen hat, legt er nicht offen.

Den «Blick»-Leitartikel mit dem Titel «100 Tage Inferno Crans-Montana – 5 bittere Wahrheiten» haben viele Leser und Leserinnen kommentiert. Dabei erhielt der Autor, «Blick»-Chefredaktor Rolf Cavalli, grosses Lob:  «Sie bringen es auf den Punkt, Herr Cavalli.» Oder: «Perfekt geschrieben Herr Cavalli.». Und noch einer: «Präzise ausgedrückt.» Tatsächlich kommt der Leitartikel des Blick-Chefredaktors Rolf Cavalli genau so daher: Perfekt, präzise, auf den Punkt gebracht.

Das brachte eine Leserin zum Befund: «Für jeden, der regelmässig mit KI-Textgenerierung arbeitet, ist es stilistisch offensichtlich, dass der Leitartikel mit Künstlicher Intelligenz erstellt wurde.»

Der Leitartikel zeugt in der Tat nicht von langen Überlegungen, sondern reiht vor allem nichtssagende Schlagwörter und oberflächliche Aussagen aneinander – so, wie es eine KI formuliert hätte, die den Auftrag hat, einen Leitartikel zu erstellen (siehe Kasten zuunterst).

Natürlich kann auch ein Mensch so strukturiert schreiben und die Brandkatastrophe in Crans mit nummerierten Wahrheiten aufarbeiten. Aber würde das ein Journalist auch tun? Und noch dazu in dieser Art?

Mit abgehackten Sätzen wie «Am Anfang: Schock. Dutzende junge Menschen sterben, viele minderjährig. Dann Empörung: blockierte Notausgänge, brennbare Materialien, fehlende Kontrollen.»

Mit vielen allgemeinen Fragen: «Und heute? Die zentralen Fragen bleiben offen: Warum kontrollierte die Gemeinde nicht? Warum griff der Kanton trotz Aufsichtspflicht nicht ein? Wer wusste was – und wann? Seit 100 Tagen stehen diese Fragen im Raum. Antworten fehlen.»

Mit nichtssagenden Floskeln, die für viele Skandale passen würden: «Das System spielt auf Zeit», Die Politik schützt Ämter, nicht Menschen».

Die Sätze wirken bedeutungsschwer: «Die Opfer haben Gesichter. Die Verantwortlichen nur Funktionen.» Das tönt auf Anhieb gut. Doch dann fragt man sich: Was will uns Cavalli damit sagen? Und hat er daran gedacht, dass in Crans viele Opfer vor allem im Gesicht schwere Verbrennungen erlitten haben und die Aussage mit den Gesichtern vielleicht etwas ungeschickt ist? Oder hat da einfach die KI einen Slogan aus Gesichtern und Opfern zusammengebastelt und unglücklicherweise nicht gemerkt, dass beim Brandunglück diese beiden Wörter in einem ganz anderen Zusammenhang stehen?

Leitartikel Rolf Cavalli Blick
Fünf bittere Wahrheiten entpuppen sich als oberflächliche Floskeln. Für grösseres Bild hier klicken.

Ein seltsamer Einschub macht stutzig

Cavallis Leitartikel hat Zug. Flüssig formuliert er: «Die Staatsanwaltschaft schweigt. Leichen wurden nicht obduziert, Beweise zu spät oder gar nicht gesichert. Das beschädigt die Aufklärung – und das Vertrauen.»

Doch dann unterbricht ein seltsamer Einschub die Fabulierlust: «Zur Fairness gehört: Eine Staatsanwältin misst man letztlich nicht an ihrer Öffentlichkeitsarbeit, sondern an der Anklageschrift.» Das wirkt, als ob ein menschlicher Autor die KI in die Schranken weisen würde.

Der nächste Satz ist dann wieder wie gewohnt makellos: «Nach aussen zeigt die Politik Betroffenheit. Nach innen schweigt sie.» Eine schön konstruierte Aussage – doch was genau soll sie bedeuten?

Solche künstlichen Sätze sind auch der eingangs erwähnten Leserin aufgefallen. Sie fragte deshalb beim Chefredaktor nach, warum der Leitartikel keine Kennzeichnung habe, die auf die Beteiligung von KI hinweise.

Nach fünf Anfragen über sieben Wochen erhielt die Leserin statt einer Antwort ein Dokument mit den Ringier-KI-Richtlinien.

Diese besagen: Wenn ein KI-generierter redaktioneller Text von einer Journalistin oder einem Journalisten «kritisch überprüft» wurde, ist keine Kennzeichnung erforderlich.

Dann folgte nur noch Schweigen

Die Leserin findet diese Richtlinien völlig unbefriedigend. Denn sie würden keine klaren Regeln aufstellen, sondern seien ein Freipass, schrieb sie an Rolf Cavalli. Und weiter: «Ihr System scheint so zu funktionieren: Die KI generiert, ein Mensch liest quer, ein Name steht drüber und die Richtlinie sagt: Alles korrekt, keine Kennzeichnung nötig.»

Seither herrscht Schweigen. Niemand will der Leserin die Frage beantworten, wie KI beim Schreiben oder beim Überarbeiten des Leitartikels eingesetzt wurde.

Deshalb hat sich Infosperber bei Ringier gemeldet und unter anderem gefragt: «Inwiefern hat KI mit Ideen, Formulierungen und Verschriftlichung beigetragen?»

Daniel Riedel von der Ringier-Medienstelle blieb eine konkrete Antwort schuldig: Cavalli schreibe seine Artikel «eigenständig», hiess es bloss ausweichend.

Es bleibt also offen, ob und wie viel KI zum Crans-Leitartikel beigetragen hat. Falls Rolf Cavalli den Leitartikel aber wirklich ohne Hilfe von KI formuliert hat, müsste er sich fragen, ob es angemessen ist, die Tragödie von Crans in dieser oberflächlichen Weise abzuhandeln – so oberflächlich, dass die Vermutung nahe liegt, dass ein Algorithmus und kein Mensch den Text formuliert hat.

Ein Freipass für die ganze Medienbranche

Wie Ringier erlaubt auch der Tamedia-Verlag mit seinen Richtlinien die freie Nutzung von KI zum Schreiben von Artikeln.

Der Verlegerverband hat zur Kennzeichnungspflicht vor kurzem in seinem neuen KI-Kodex der Schweizer Medienbranche festgehalten:

«Inhalte, die mit KI-Systemen erstellt oder bearbeitet werden, sind dem Verwendungsumfang, der Verwendungsart und/oder -weise des KI-Systems entsprechend angemessen auf ihre Richtigkeit zu überprüfen und gegebenenfalls zu kennzeichnen.»

Mit den Relativierungen «entsprechend», «angemessen» und «gegebenenfalls» lassen die Richtlinien sämtliche Freiheiten zu.

Sieben Jahre Fall Maisano – Sieben bittere Wahrheiten

Infosperber überprüfte die These, dass KI einen Leitartikel schreiben kann: Wir gaben der Claude-KI den Auftrag, zum Titel «Sieben Jahre Fall Maisano – Sieben bittere Wahrheiten» einen Leitartikel zu erstellen.

Die KI produzierte überraschend ähnliche allgemeine und oberflächliche Sätze – obwohl es sich um ein völlig anderes Thema handelt. Ein paar Auszüge:

«Ein Skandal, der das Schweizer Gesundheitswesen auf den Kopf stellt – und die Frage, wie ein ganzes System wegschauen konnte.»

«70 Menschen starben, die nicht hätten sterben müssen.»

«Und ein ganzes System schwieg – bis es nicht mehr konnte. Jetzt ist die Wahrheit auf dem Tisch. Und sie ist unerträglich.»

«Man muss nur lange genug schweigen, vertuschen und das System für sich arbeiten lassen.»

Und der krönende Schlusssatz bringt den Skandal auf den Punkt: «Die Frage, wer wann was wusste und welche Konsequenzen das hat, ist nicht vollständig beantwortet. Und solange das so ist, bleibt eine achte, neunte, zehnte bittere Wahrheit ungeschrieben.»

Perfekt, präzis – und völlig nichtssagend.

Weiterführende Informationen

  • Peinlicher Fehler im «Blick»: Die Zeitung bezeichnete Trump als «ehemaligen US-Präsidenten». Wahrscheinlich steckte die KI dahinter: :Für den «Blick» ist Trump Ex-Präsident – Infosperber vom 20. Oktober 2025

Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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KI – Chancen und Gefahren

Künstliche Intelligenz wird als technologische Revolution gefeiert. Doch es gilt, ihre Gefahren zu beachten.

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