240317 SoZ Frontseite 1

Es geht um chirurgische Korrekturen von Lippen und ihre Risiken. Und darum, was eine neue Lasermethode verspricht: Redaktionell aufgemacht, aber alles von der Clinic Utoquai bezahlt, welche Laser-Behandlungen durchführt. © tamedia

Eine korrupte Zeitung schadet ihren Journalisten und Lesern

Urs P. Gasche /  Sie heisst Sonntags-Zeitung, täuscht Journalismus vor und bietet seitenweise bezahlte PR. Unsere Gesundheit steht auf dem Spiel.

Inhaltlich ging es am Sonntag, dem 17. März, um wichtige Gesundheitsthemen:

  • Korrekturen von Lippen mit chirurgischen Eingriffen und einer neuen Lasermethode;
  • Infusionen für Menschen, die an Hämophilie leiden;
  • verbreitete Hüftbeschwerden;
  • Tabletten gegen Magenbrennen, das viele Menschen beschäftigt;
  • HPV-Impfungen, -Nachholimpfungen und -Ergänzungsimpfungen für Jugendliche;
  • «Bioidentische» Hormone gegen Beschwerden während der Wechseljahre;
  • Allergiechecks bei Heuschnupfen;
  • Und schliesslich etwas für Männer: «Schütteres Haar? Muss nicht sein!»

Der Bund «Gesundheit» der Sonntags-Zeitung sah aussen und innen so aus wie der Rest der Zeitung. Leserinnen und Leser sollten erst auf den zweiten Blick – oder besser gar nicht – merken, dass es sich um eine Werbebeilage handelt. Jedenfalls wurde schwer enttäuscht, wer seriöse, gut recherchierte Beiträge erwartete.

In einem anderen Zeitungsbund der gleichen Ausgabe, «Leben und Kultur», war die Seite über ein Qualitätslabel oben deutlich, wenn auch in Englisch, mit «SPONSORED» übertitelt und das Layout der Seite unterschied sich vom redaktionellen Teil.

Nicht so im Zeitungsbund «Gesundheit». Die Aufmachung war identisch mit den redaktionellen Teilen der Sonntags-Zeitung. Erst nach erfolgter Lektüre eines ganzen Artikels konnte man ganz am Schluss in kleiner Schrift überrascht lesen: «Eine Zusammenarbeit mit der Clinic Utoquai» oder «Eine Zusammenarbeit mit ibsw Winterthur» oder «Eine Zusammenarbeit mit Anova».

Also alles gesponserte PR-Beiträge.

Zur weiteren Täuschung waren die Artikel – wie redaktionelle Artikel – mit Namen gezeichnet. Es brauchte eine Internet-Recherche, um zu erfahren, dass die Autorinnen und Autoren, die wie in anderen Artikeln am Anfang genannt werden, keine Redaktionsmitglieder der Sonntags-Zeitung sind. Zwei arbeiten in einem externen «Textbüros», das nach eigenen Angaben «Journalismus und Corporate Publishing» betreibt. Eine «Textbüro»-Autorin schrieb beispielsweise den Beitrag über Lippenkorrekturen, «in Zusammenarbeit mit der Clinic Utoquai», wie man am Schluss der Lektüre erfährt. Eine andere Autorin, die im Impressum von Tamedia ebenfalls nicht aufgeführt ist, war im Internet nicht zu identifizieren. 

Damit nicht genug. Offensichtlich waren einige Artikel eine Gegenleistung für das Platzieren bezahlter Inserate. Gleich unterhalb des Artikels über «schmerzende Füsse, die weit verbreitet sind» («in Zusammenarbeit mit Anova») ist ein Inserat vom Schuhhersteller Anova platziert mit dem Titel «Alle wollen diesen Schuh». 

Oder unterhalb des Artikels «Wenn der Magen wie Feuer brennt» über das Magenbrennen («Eine Zusammenarbeit mit Refluctan») prangt ein Inserat, das Refluctan bewirbt:

240317 SoZ Magenbrennen
Oben der redaktionell aufgemachte Artikel, der Refluctan empfiehlt. Gleich darunter das Inserat, das für Refluctan wirbt.

Nur wenig diskreter ist die Werbung beim Artikel über die HPV-Impfungen. Man muss zuerst umblättern, bevor man auf ein halbseitiges Inserat «HPV-Vorsorge beginnt schon im Kindesalter» stösst. Bezahlt hat das Inserat der Pharmakonzern MSD.


Kommentar

upg. Pharmafirmen, Herstellern von Medizinprodukten und Verkäufern gesundheitsrelevanter Produkte und Dienstleistungen geht es um Milliardenumsätze. Im eigenen Interesse geben sie viel Geld aus, um Publikum und Medien zu beeinflussen. Die Versuchung für Medienkonzerne ist enorm, von diesem Manna zu profitieren – selbst wenn sie ihre publizistischen Grundsätze über den Haufen werfen müssen. Der neuste Bund «Gesundheit» der Sonntags-Zeitung ist lediglich ein aktuelles und besonders anrüchiges Beispiel. 

Betroffen sind die Tamedia-Redaktorinnen und -Redaktoren. Sie müssten zusammen mit Journalistenverbänden aufschreien. Denn es ist ihr höchstes Gut – die Glaubwürdigkeit –, welches der Tamedia-Konzern beschädigt.

Betroffen sind die Leserinnen und Leser. Sie sollten kundtun, dass sie sich dies nicht gefallen lassen. Denn wenn es um Gesundheit und Krankheit geht, ist unabhängige Information für sie nicht nur Gold, sondern eben Gesundheit wert. 

Gleich doppelt bedenklich also, wenn sich grosse Medienkonzerne als bezahlte Handlanger von handfesten Interessen korrumpieren lassen.


NB. Die Recherchen und Informationen der Sonntags-Zeitung beispielsweise zur Aufarbeitung des Niedergangs der Credit Suisse sind ausgezeichnet.


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Stellungnahme von Tamedia

Im Folgenden die Fragen von Infosperber an Tamedia und die Antworten des Kommunikationsverantwortlichen des Tamedia-Konzerns:

1) Im Zeitungsbund «Leben und Kultur» der Sonntags-Zeitung war eine Seite über ein Qualitätslabel oben deutlich, wenn auch in Englisch, mit «SPONSERED» übertitelt und das Layout der Seite unterschied sich deutlich vom redaktionellen Teil. Warum wurde diese Form nicht auch im «Gesundheitsbund» gewählt, um redaktionelle Beiträge klar von PR-Beiträgen zu trennen?
Antwort Tamedia: «Der Zeitungsbund ‹Leben und Kultur› ist fixer Bestandteil der SonntagsZeitung. Hier muss klar zwischen bezahltem Inhalt und gekauftem Inhalt unterschieden werden, was eben auch mit dem Label «Sponsored» gemacht wird. Der ‹Gesundheitsbund› ist kein fester Bestandteil der SonntagsZeitung, sondern eine redaktionelle Sonderbeilage (Verlagsbeilage). Aus diesem Grund existiert auch auf der Seite 70 ein separates Impressum.»
Kommentar von Infosperber: Kaum eine Leserin oder Leser wird das Impressum konsultieren. Dort ist von einer «redaktionellen» Sonderbeilage» die Rede. Gemäss Impressum der Sonntags-Zeitung ist der Verantwortliche für Publishing Services dem Chefredaktor unterstellt und nicht dem Verlag.

2) Warum macht die SoZ nicht transparent, dass die Autorinnen und Autoren nicht zur Redaktion der SoZ gehören, sondern in Büros arbeiten, welche «Corporate Publishing» betreiben?
Antwort Tamedia: «Alle journalistisch tätigen Personen, welche für die Verlagsbeilagen arbeiten, werden im jeweiligen Impressum transparent aufgeführt.»
Kommentar von Infosperber: Die Namen sind im Impressum aufgeführt, jedoch ohne Angabe, dass es sich nicht um Berufsjournalisten handelt, sondern um PR-Leute.

3) Wo ist die Autorin Liv Berger angestellt? Wir fanden sie weder im Impressum von Tamedia-Zeitungen noch auf die Schnelle im Internet.
Antwort von Tamedia: «Liv Berger ist eine freie Journalistin, die auf Mandatsbasis für die Verlagsbeilagen der Tamedia arbeitet.»
Kommentar von Infosperber: Auch hier keine Angabe, dass es sich um eine PR-Frau handelt.

4) Einige Artikel propagieren ein Produkt oder eine Dienstleistung, für das oder die gleichzeitig in einem Inserat geworben wird. Hält Tamedia solche Geschäftsbeziehungen «Inserat akquirieren gegen redaktionellen Artikel» für medienethisch unproblematisch? Werden damit nicht Richtlinien des Presserats verletzt?
Antwort von Tamedia: «Die Verlagsbeilagen sind kein Bestandteil der Tamedia-Printprodukte und unterliegen deshalb nicht den Richtlinien des Presserats.»
Kommentar von Infosperber: Diese «Verlagsbeilage» sieht auf der Frontseite und innerhalb des Zeitungsbundes optisch identisch aus wie die redaktionellen Seiten der Sonntags-Zeitung. Auf der Frontseite steht nichts von einer «Verlagsbeilage».

5) Bezahlt die SoZ die genannten AutorInnen selber oder werden sie von den Partnern bezahlt? Zahlen die Partner Tamedia für diese Artikel?
Antwort von Tamedia: «Die genannten freien Journalisten werden nicht von der Redaktion bezahlt, sondern vom Verlag der Tamedia. Werbetreibende wiederum haben diverse Möglichkeiten, wie sie innerhalb der Verlagsbeilagen aktiv werden können: Dazu zählen herkömmliche Inserate, aber auch die gemeinsame Umsetzung von Inhalten, zusammen mit den freien Journalistinnen und Journalisten. Ist dies der Fall, wird aber auch auf den Werbepartner hingewiesen: Beispiel Berichterstattung auf Seite 73 oder auf Seite 74 der Verlagsbeilage ‹Gesundheit›»
Präzisierung von Infosperber: Mit dem Hinweis auf den Werbepartner meint Tamedia den kleinen Hinweis ganz am Schluss der Artikel wie beispielsweise «Eine Zusammenarbeit mit Anova».


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Zum Infosperber-Dossier:

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Kritik von Zeitungsartikeln

Printmedien üben sich kaum mehr in gegenseitiger Blattkritik. Infosperber holt dies ab und zu nach.

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Konzerne und Milliardäre mischen immer mehr mit. – Die Rolle, die Facebook, Twitter, Google+ spielen können

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9 Meinungen

  • am 18.03.2024 um 11:13 Uhr
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    Super! Weiter so! Nach einem Brand in einer Garage verweigerte der TA meinen Leser-Kommentar zu veröffentlichen, in welchem ich (in Frageform!) andeutete, dass die Alternativen Autos (gemeint e-Autos) wohl schuld sein könnten. Schliesslich haben der Batterien schon ganze Hochseefrachter in Brand gesetzt. Und sämtliche Airlines weigern sich Autobatterien zu transportieren. So gehen „Leitmedien“ mit der Wahrheit um: Zensur aus Rücksicht auf Sponsoren!??

  • am 18.03.2024 um 11:15 Uhr
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    Es geht um den Profit. Unabhängige Zeitungen gibt es nicht. Entweder leben sie von den Inseraten oder von den Lesern. Das funktionierte früher ausschliesslicher. Der gesamte Zeitungsmarkt ist zur Werbeschleuder geworden. Ideell oder finanziell oder beides. Die Annäherung zu dem was ist, ist drittrangig geworden. Hauptsache Klicks! Ist halt so. Man muss es eben mitdenken beim Lesen. Oder aufhören zu lesen.

    • am 19.03.2024 um 07:52 Uhr
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      Klar geht es um Profit oder welches Medium muss nicht Gewinn machen? Aber wenn die Subventionen im Sinne einer freien Presse und Meinungsvielfalt schrumpfen und rechtspopulistische Parteien der SRG Geld streichen will und immer weniger Menschen Zeitungen kaufen oder abonnieren, kommen eben die Medienhäuser auf die Idee, das Geld anderswo rein zu holen. Medien in einer «geschützten Werkstatt» haben da den Vorteil, dass sie von Parteien gekauft oder gestützt werden. Ist eigentlich jauch eine «gesponserte» Sache. Oder? Wo wäre die «Weltwoche» und die vielen regionalen Zeitungen ohne die SVP? Wo wäre die WOZ oder P.S.Zeitung ohne die SP, AL oder die Grünen? Wo wäre die «Tierwelt» ohne Vogel- und Kaninchenvereine? Wo wäre die NZZ ohne die FDP? Und so weiter.

  • am 18.03.2024 um 12:29 Uhr
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    Das die Gründe weshalb ich die Sonntagszeitung abbestellt habe

  • am 18.03.2024 um 13:29 Uhr
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    Zum Glück sind die sog. Beilagen separat beigelegt, so dass man sie direkt ins Altpapier legen kann. Die Beilage «Gesundheit» fällt mir schon lange auf als Werbeträger für Krankheit und deren allfälligen Behandlung. Wenn das gesucht und allenfalls gewollt wird. Mit seriöser Information hat das nichts zu tun und schadet eigentlich dem Image einer Zeitung.

  • am 18.03.2024 um 13:46 Uhr
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    Vielen Dank, dass Sie das Thema aufnehmen. Die Antworten des Konzerns sprechen für sich. Ich empfehle Ihnen, einmal die Sendung «Gesundheit» zu analysieren. Dort hat es offensichtlich auch trübes Gewässer.

  • am 18.03.2024 um 15:34 Uhr
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    Dieser von Gasche beschriebener Umstand ist Realität und zu kritisieren. Ein Grund für diesen Trend führt besteht auch daraus, dass angestellte Medienschaffende immer mehr den Job verlieren und Freelancer notgedrungen auch immer mehr zwischen der Journalistischen Arbeit und gut bezahltem Schreiben für Firmen schwanken. Da kann ich als Freischaffender mitfühlen. Die Kommunkation mit Sperber diesbezüglich gestaltet sich oft harsch und verhindert jegliche mögliche Kooperation, ohne die sehr gute Arbeit nicht schmälern zu wollen. So kommt es, dass wir stetig journalistische Gesinnung verlieren und PR-Texter gewinnen. Dieses Thema wird sicher auch unseren Talk am 26. Oktober im Hotel Beatus zusammen mit Franziska Streun und Daniel Puntas Bernet von den «Reportagen» beschäftigen.

  • am 18.03.2024 um 15:50 Uhr
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    Nachtrag: Ich interviewte für das Magazin «Lesen» den Schriftsteller Martin Suter. Ein Magazin, herausgegeben von Orell Füssli Thalia Schweiz. Tue ich das als Journalist oder als PR-Schreiber? Wie sehen sich Kolleginnen und Kollegen, interessante Artikel schreiben für Magazine wie diejenigen von der Migros, Coop oder Verbandspublikationen und parteinahen Publikationen? Die Medienkrise macht die Grenze zwischen Qualtätsjournalismus und Unternehmenskommunikation immer fließender. Vielleicht steht es an, in die Bildung und Medienkompetenz seitens Konsumenten zu invstieren. So dass Begriffe wie «Sponsered» oder «Publireportage» verstanden und unterschieden werden könnten?

  • am 20.03.2024 um 11:21 Uhr
    Permalink

    Ende 2022 bat ich Arthur Rutishauser (damals noch Tamedia-Super-Chefredaktor) in einem persönlichen Brief doch bitte keine US-PR mehr zu betreiben, sonders sich strikt an die Fakten zu halten.
    – Damals beteten alle Tamedia-Medien ohne Ausnahme den US-Spruch ‹Das ist Putins Krieg› nach, ohne den Kontext einzubringen, dass der Ukraine-Krieg nicht 2022, sondern 2014 mit dem US-finanzierten Kiew-Maidan (Budget USD 7 Mia. – Leitung: Unterstaatssekretärin Nuland) begann, + die politische Vorbereitung 1997 mit der Zurückweisung der Anfrage Russlands begann, der NATO (auf Augen-Höhe) beitreten zu dürfen.

    Arthur Rutishauser tat sich schwer, antwortete dann aber doch (ausweichend).

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