Als ob wir alle Hinterwäldler wären!
«Mehrarbeit rentiert für verheiratete Mütter kaum», titelten kürzlich die Tamedia-Zeitungen. Als Leser wunderte man sich über die Schlagzeile und fragte sich: Rentiert Mehrarbeit für verheiratete Väter?
Die Antwort: Genau so sehr oder genau so wenig wie für verheiratete Mütter. Es gibt keinen Unterschied. Die Schlagzeile hätte – wenn schon – lauten müssen: «Mehrarbeit rentiert für verheiratete Eltern kaum.»
Doch im ganzen Artikel von Redaktor Felix Rüdiger ging es so weiter: «Lohnt es sich für Mütter finanziell überhaupt, ihr Pensum zu erhöhen?» Oder: «Für Frauen, die viel verdienen könnten, lohnt es sich am wenigsten, mehr zu arbeiten.»
Zementierte Rollenbilder
Mit solchen Sätzen zementieren Schweizer Journalisten überholte Rollenbilder – obwohl sie sich sonst gerne fortschrittlich geben. Dass Väter in Teilzeit arbeiten, dass sie sich an der Hausarbeit beteiligen, dass sie sich um Kinder kümmern könnten – all das scheint den Horizont vieler Journalisten zu übersteigen.
Kommt hinzu: Die Frage, ob es sich für verheiratete Mütter finanziell lohne, ihr Pensum zu erhöhen, ist falsch gestellt. Wir haben zwar über die Individualbesteuerung abgestimmt. Und wir haben sie angenommen. Aber sie kommt voraussichtlich erst im Jahr 2032. Bis dann werden Ehepaare gemeinsam besteuert. Wenn ein Ehegatte sein Pensum erhöht, dann steigt die gemeinsame Steuerrechnung.

Der erwähnte Zeitungsartikel ist kein Einzelfall. Kürzlich fragte die «Sonntags-Zeitung» in einem Interview mit dem ehemaligen Zürcher National- und Ständerat Ruedi Noser (FDP): «Sie sagen, ein Arzt stehe in der Pflicht, Vollzeit zu arbeiten. Gilt das auch für Ärztinnen mit kleinen Kindern?»
Für die Journalisten Sandro Benini und Michael Marti scheint es nur Ärztinnen mit kleinen Kindern zu geben, aber keine Ärzte mit kleinen Kindern. Immerhin wies sie Ruedi Noser zurecht: «Die Frage impliziert eine geschlechterspezifische Rollenteilung.»
«Mutterschaft ist Monotonie»
Im «Magazin» hielten die Journalistinnen Naomi Gregoris und Ursina Haller fest: «Wickeln, füttern, baden, spazieren, wippen, singen: Mutterschaft ist Monotonie.» Am liebsten hätte man die beiden gefragt: Und Vaterschaft? Wickeln Väter nicht? Füttern sie nicht? Spazieren, wippen, singen sie nicht?
In den Tamedia-Zeitungen warnte die Journalistin Julia Panknin davor, dass «berufstätige Mütter unter dem Druck zusammenbrechen» könnten. Fazit: «Bei vielen Müttern ist es fünf vor Burn-out.» Da stellt sich natürlich die Frage: Hat Panknin nicht gemerkt, dass es auch Väter gibt, die sich um die Familie kümmern?
Oder ist das familienbedingte Burn-out tatsächlich ein Mütterproblem? Weil sich Väter nicht gleich stark um Erwerbs- und Hausarbeit kümmern wie die Mütter. Und weil Mütter dies von den Vätern nicht einfordern.
Möglicherweise schon.
FDP-Ko-Präsidentin Susanne Vincenz-Stauffacher schilderte der Tamedia Journalistin ihre persönliche Situation:

Bemerkenswert sind zwei Sätze:
- «1995 kam nicht nur meine erste Tochter zur Welt, sondern auch ich.» Den Vater, Reto Vincenz, klammert sie schon mal aus.
- Und dann: «Ihr Mann konnte sein Pensum nicht reduzieren.»
Es ist die älteste Ausrede der Welt. Väter bringen sie noch immer. Und Mütter schlucken sie.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
_____________________
➔ Solche Artikel sind nur dank Ihren SPENDEN möglich. Spenden an unsere Stiftung können Sie bei den Steuern abziehen.
Mit Twint oder Bank-App auch gleich hier:
_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.










Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie kann nur lösungsorientiert diskutiert werden, wenn immer beide gegebenen Elternteile – mit welchen konkreten Konstellationen auch immer- in Betracht gezogen werden – und primär gemäss Art. 3 UN-Kinderrechtskonvention von den Interessen der Kinder aus gedacht wird (Prinzip des Kinderinteressenvorrangs), nicht etwa primär von arbeitsmarktlichen oder stuerpolitischen Interessen aus.
Platon (vor 2500 Jahren) war einer der fortschrittlichsten Männer der Menschheit: für ihn galt , dass die Frauen den gleichen Geist haben wie die Männer («Der Geist hat kein Geschlecht»). Frauen könnten – gleiche Erziehung und Bildung vorausgesetzt – in Gesellschaft und Politik – inklusive Staatsführung – die gleichen Leistungen vollbringen wie die Männer. Deshalb war er auch dafür, dass junge Frauen auch Zutritt in seine Philosopenschule haben müssen. Trotzdem schrieb er ihnen vor, in Männerkleidern zu erscheinen, um in der Öffentlichkeit keinen Anstoss zu erregen. Sein Schüler Aristoteles, der für das ganze Abendland viel mehr Autorität errungen hat, war dann in seiner eigenen Schule – dem «Lykeion» – wieder ganz der «normale» Mann: für ihn waren Frauen «missratene» Männer und schloss die Frauen aus. Und Thomas von Aquin wiederholte diese Behauptung zwei Jahrtausende später wortwörtlich. Wen wundert da die heutige Zweiteilung unserer Gesellschaft?
Alles schön beobachtet und eigentlich korrekt. Aber! Wir befinden uns in einer gesellschaftlichen Transition. Viele der aufgegriffenen Beispiele sind eben immer noch grossmehrheitlich Frauensituationen. Wir als Gesellschaft sind noch nicht soweit, die Gleichstellung der Geschlechter im Jetzt sprachlich abzubilden, denn immer noch müssen teile der Mitmenschen über die Missstände aufgeklärt werden (was meiner Meinung eines der Ziele der kritisch beurteilten Artikel sein soll), während Teile sich schon visionär verhalten und das gendern z.B. konsequent verinnerlicht haben, die Arbeitsteilung egalitär gestalten, etc. Dazwischen ist das System, in dem wir funktionieren: rückständig und hinderlich.
Dass wir bei all den Parametern immer korrekt abbilden ist daher (noch) nicht erwünscht. 1995 war es auf jeden Fall nicht einfach, für einen Mann das Pensum zu reduzieren. Und in der Lohnungleichheitsspirale war(ist?) es noch explizit viel schwieriger, wenn ein Altersunterschied vorhanden ist.