«80 Prozent sind kriminell!»: Das Problem gibts – aber nicht so
«80 Prozent sind kriminell!», stand am 20. August gross auf der Titelseite des «Blicks». Zahlen des Staatssekretariats für Migration würden zeigen, dass «rund 80 Prozent der Asylsuchenden aus Nordafrika während ihres Aufenthalts in der Schweiz straffällig» würden.
Im Zeitungsinnern klang es dann ein bisschen anders. Die Asylbewerber aus dem Maghreb würden «einer oder mehrerer Straftaten beschuldigt». Und plötzlich sogar: «Dabei ist anzumerken, dass dies nicht heisst, dass diese Personen auch verurteilt wurden.»
Ja, was nun? Kriminell? Straffällig? Oder nur beschuldigt?
Für Radio SRF war der Fall – trotz zusätzlicher fünf Tage Recherchierzeit – klar. Im «Echo der Zeit» (ab 23:25) hiess es: «Für Schlagzeilen sorgen kriminelle Asylsuchende aus Nordafrika. Kürzlich berichtete der ‹Blick› als erstes über unveröffentlichte Zahlen. Die meisten jungen Maghrebiner müssten die Schweiz verlassen, doch werden über 80 Prozent von ihnen straffällig und tauchten unter.»
Zurückhaltender war die «Weltwoche». Sie schrieb: «80 Prozent der Asylsuchenden aus Nordafrika sind mutmasslich kriminell.»
Die Tamedia-Zeitungen hingegen hielten fest: «2024 wurden 80,5 Prozent während des Asylverfahrens oder nach einem negativen Entscheid einer oder mehrerer Straftaten beschuldigt – also nicht rechtskräftig verurteilt.» Was dann auch wieder falsch war. Denn ein Teil der Beschuldigten wurde natürlich auch verurteilt.

Infosperber fragte beim Staatssekretariat für Migration, was denn nun Sache ist. Dabei zeigte sich, dass es in seiner internen Auswertung gar nicht untersucht hatte, wie viele maghrebinische Asylbewerber straffällig werden. Das Staatssekretariat hatte vielmehr untersucht, wie viele beschuldigt werden, gegen die Bestimmungen des Strafgesetzbuchs verstossen zu haben.
Die Begründung: «Die Kategorie der Anzahl Beschuldigter ist aussagekräftiger zur Beschreibung der Lage als jene der Anzahl Verurteilungen, da eine relativ kleine Gruppe transitierender Migranten oftmals eine Vielzahl von Vergehen begehen, aber unkontrolliert weiterreisen, ohne rechtskräftig verurteilt zu werden.»
Das Durcheinander hat das Staatssekretariat für Migration aber selber verursacht. Denn in der internen Auswertung steht dieser Satz: «Nur ein Fünftel dieser Personengruppe fiel während ihres Aufenthalts in der Schweiz nicht straffällig auf.» Das hiesse dann im Umkehrschluss: 80 Prozent werden straffällig.
Diesen Satz hat der «Blick» in seinem Artikel korrekt zitiert. Und daraus die eigentlich passende Schlagzeile gezimmert: «80 Prozent sind kriminell!»
Aber eben: Im achtseitigen Papier ging es nicht um kriminelle Asylbewerber, sondern um beschuldigte. Deshalb intervenierte das Staatssekretariat für Migration beim «Blick». Online lautet der Titel nun korrekt: «80 Prozent der Maghreb-Asylsuchenden in Strafverfahren verwickelt!»
Auch so ist die Schlagzeile erschreckend genug.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
_____________________
➔ Solche Artikel sind nur dank Ihren SPENDEN möglich. Spenden an unsere Stiftung können Sie bei den Steuern abziehen.
Mit Twint oder Bank-App auch gleich hier:
_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.










Ihre Meinung
Lade Eingabefeld...