«Zugriff auf die grössten Ölreserven» – und kein Wort vom Klima
«Wenn wir die Klimaziele von Paris ernst nehmen, dann sollten bisher noch nicht erschlossene Ölreserven im Boden bleiben», erklärt Reto Knutti gegenüber Infosperber. Knutti ist Professor am ETH-Institut für Atmosphäre und Klima.
Trotzdem werden auf der halben Welt neue Erdölfelder erschlossen. Neuentdeckte Ölfelder verbreiten Medien als frohe Botschaften – ob in Argentinien, Brasilien, vor der Küste von Namibia, in der Nordsee, westlich der Shetland-Inseln oder vor Norwegen. Die Aktienkurse von Firmen, die am Ölgeschäft verdienen, steigen.
«Grösster Ölfund an der Ostsee! Chance für Polen», verkündete beispielsweise «NDR» vor einem Jahr. Die polnische Regierung sprach von einer «historischen Chance».
Jetzt sollen US-Konzerne die weltweit grössten Erdölreserven der Welt in Venezuela weiter erschliessen. Dass dabei gegen die vereinbarten Klimaziele verstossen wird, thematisieren grosse Medien weder in den USA noch in Europa.
Das CO2 ist bei neuen Erdöl-Funden kein Thema – übrigens auch bei den weltweit geführten Kriegen nicht.
Die News von Trumps Erdöl-Deal
«Die USA greifen nach Venezuelas Öl», lautete eine Schlagzeile der «NZZ». «Trump behauptet, nun würden die Benzinpreise sinken – Kritiker sprechen von Imperialismus», titelten Tamedia-Zeitungen. «Das grösste Ölabkommen der Weltgeschichte», frohlockte die «Weltwoche».
Sie alle und auch die SRF- und ARD-«Tagesschau» erwähnten mit keinem Wort, dass das Erschliessen neuer Erdöl-Vorkommen mit den Klimazielen unvereinbar ist. Diese Ziele werden bereits verfehlt, wenn die bis heute erschlossenen Ölfelder vollkommen ausgebeutet und das Öl verbrannt wird.

Venezuela verfügt über rund 302 Milliarden Barrel nachgewiesene Ölreserven – weltweit die grössten, noch vor Saudi-Arabien. Etwa 90 Prozent davon liegen als Schwer- und Schwerstöl im Orinoco-Schwerölgürtel. Von diesen Vorkommen wiederum sind 80 bis 90 Prozent bisher noch unerschlossen.
Venezuela gewährt den USA jetzt Zugriff auf 17 Ölfelder. Einige davon im unerschlossenen Orinoco-Gürtel. Am 2. September kündigte der Ölkonzern Chevron an, zwei bisher unerschlossene Ölfelder im Orinoco-Gürtel zu erschliessen.
Um zum historischen Höchststand der venezuelanischen Ölproduktion von rund 3 bis 3,5 Millionen Barrel pro Tag zurückzukehren, wären laut Rystad Energy Investitionen von rund 180 Milliarden Dollar über etwa 15 Jahre nötig. Um diese Fördermenge zu erreichen, müssten die bisher unerschlossenen Orinoco-Reserven neu erschlossen werden.
Das Erschliessen neuer Ölfelder in Venezuela und anderswo verunmöglicht es, die in Paris vereinbarten Klimaziele zu erreichen. Klimaforscher Professor Reto Knutti weist darauf hin, dass «für die Erwärmung die totalen Emissionen sämtlicher Treibhausgase entscheidend sind, also CO2, Methan, N2O und andere».
Für die Emissionen von CO2 sei fast ausschliesslich das Verbrennen von Kohle, Öl und Gas verantwortlich. «Um die Erwärmung nicht über 2 Grad Celsius ansteigen zu lassen, sollten bisher noch nicht erschlossene Ölreserven im Boden bleiben.»
Das Bundesamt für Umwelt drückt sich um eine klare Aussage
In der Schweiz verfolgt das Bundesamt für Umwelt (Bafu) im Departement von Bundesrat Albert Rösti, ob und wie die Klimaziele des Pariser Klimaabkommens eingehalten werden.
Infosperber unterbreitete dem Bafu folgende Frage:
«Darf man weitere neue Ölquellen überhaupt ausbeuten, wenn das Klimaziel von maximal 2 Grad Erwärmung erreicht werden soll?»
Trotz Nachfrage wollte das Bafu diese Frage nicht beantworten. Vielmehr unterbreitete es eine Milchmädchenrechnung: Um die Erwärmung auf maximal 2 Grad zu beschränken, bleibe ein weltweites CO2-Budget von 1150 Gigatonnen CO2. Würden die gesamten Ölreserven Venezuelas verbrannt, würden nur 129 Gigatonnen CO2 frei. Dies seien «also rund 11 Prozent des verbleibenden Budgets». Das Bafu erweckt damit den Eindruck, diese Ölreserven könnten ohne weiteres ausgebeutet und verbrannt werden.*
Der Vergleich des Bafu ist eine Unstatistik.
Zwar könnte man sämtliche Erdöl-Reserven von Venezuela nutzen, ohne eine Erwärmung von 2 Grad zu überschreiten. Aber dann dürfte man andere, bereits erschlossene Vorräte entsprechend nicht nutzen. Das Bafu verschweigt bei seinem Vergleich, wie viele Gigatonnen CO2 die laufende Förderung und der laufende Verbrauch von Erdöl in Zukunft ausstossen.
Auf eine Nachfrage antwortete das Bafu: «Die Frage, welche dieser fossilen Ressourcen weiterhin genutzt werden dürfen und durch wen, kann das Bafu nicht beantworten.» Das Bundesamt von Bundesrat Rösti will also nicht dazu Stellung nehmen, ob man neue Ölquellen ausbeuten darf, wenn das Klimaziel von maximal 2 Grad Erwärmung erreicht werden soll.
Bankrotterklärung der meisten Regierungen
Fast gleichzeitig mit dem US-Venezuela-Deal informierte die Uno am 2. September in einem 141-seitigen Report, dass das Klimaziel schon heute verfehlt werde und «massive, sofortige Emissionssenkungen» und zusätzlich ein «enormer Ausbau von CO2-Entnahme aus der Atmosphäre» nötig seien, um zu einer Erwärmung auf 1,5 Grad zurückzukehren.
Das Erschliessen neuer Erdölfelder ist ein Schlag ins Gesicht all jener, welche geglaubt hatten, das Pariser Klimaziel werde ernst genommen. Die meisten Regierungen (und Parlamente) foutieren sich darum. Der Öffentlichkeit gaukeln sie Entschlossenheit vor, indem sie beispielsweise eine Abgabe auf Plastiksäcklein einführen. Oder indem sie eine lächerlich geringe Abgabe auf Flugtickets einführen, während das Flugbenzin weiterhin steuerfrei bleibt.
Solche symbolischen Massnahmen betreffen nur einen winzigen Teil der Emissionen. Sie tangieren wirtschaftliche Interessen nur wenig, lassen sich jedoch einfach kommunizieren («wir tun etwas»). Sie lenken von einschneidenden Massnahmen ab.
Schlimmer noch: Regierungen (und Parlamente)
- subventionieren die fossilen Energieträger weiterhin mit Hunderten Milliarden Dollar, ohne zu erröten,
- bitten Förderer und Verkäufer fossiler Energieträger nicht zur Kasse für die von ihnen verursachten Schäden durch Luftverschmutzung und CO2 in Höhe von mehreren Billionen Dollar (Verursacherprinzip),
- führen keine – selbst steuerneutrale – steigende und progressive Lenkungsabgaben ein, um der Wirtschaft die richtigen Anreize zu geben. Viele Einzelvorschriften würden sich erübrigen und Bürokratie abgebaut. Die CO2-Abgabe genügt nicht.
- weisen den CO2-Ausstoss des Militärs und der Kriegshandlungen weiterhin nicht aus. Das Militär – ohne Kriege! – verursacht fünf bis sechs Prozent aller Emissionen.
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*Hier stand ursprünglich als Zitat des Bafu: Dies seien nur etwa 11 Prozent des verbleibenden Budgets und könnten deshalb ohne weiteres ausgebeutet und verbrannt werden.»
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.








Die Mehrheit der Schweizer und fast das ganze Parlament sind Rosinenpicker! Wir haben die meiste Ausbeutung in ferne Länder verfrachtet und die Profiteure in die Schweiz gelockt. Wir sind nicht neutral! Wir sind nicht fair! Wir finden mehrheitlich Diskriminierung in Ordnung. Welche Bewegung gibt es, die ‚weniger von allem als Ziel hat‘? Weniger Konsum, weniger industrielle Produktivität, weniger Menschen. .
Meine Kritik ist nicht, dass CO₂ keinen Einfluss hat. Meine Kritik beginnt dort, wo aus einem nachgewiesenen Einzeleffekt eine vermeintlich präzise Erklärung des Gesamtsystems wird.
CO₂ absorbiert Infrarotstrahlung – belegt. Wie stark dieser Effekt aber die Temperatur eines offenen, nichtlinearen Systems aus Ozeanen, Wolken, Aerosolen, Albedo, Biosphäre und atmosphärischer Zirkulation bestimmt, ist eine wesentlich komplexere Attributionsfrage.
Eiszeitzyklen zeigen genau dieses Problem: CO₂ ist dort nicht der ursprüngliche Taktgeber, sondern Teil eines Systems gegenseitiger Rückkopplungen.
Deshalb halte ich die Verkürzung auf CO₂-Budgets für problematisch. Der Nachweis eines einzelnen Wirkmechanismus ist noch kein Nachweis seiner Dominanz im Gesamtsystem. Genau diese Unterscheidung zwischen physikalischer Wirkung, statistischer Attribution und modellierter Prognose fehlt mir in dieser Diskussion.
Der Umgang mit den fossilen Energieträgern ist fahrlässig. Es besteht ein grosses Risiko, dass die Erderwärmung um mehr als 1,5 Gradüberschritten wird. Die Ausweitung der Förderung von Erdöl, Erdgas und Kohle muss dringend ein Straftatbestand werden. Der Wohlstand darf nicht allein nach dem BIP berechnet werden. Die Reduktion auf das materielle Wachstum zerstört die Lebensgrundlagen. Zum Wohlbefinden gehören eine intakte Umwelt, Biodiversität, sauberes Wasser, saubere Luft, gesunde Nahrungsmittel, ein soziales Zusammenleben und ein friedliches Miteiander Fr Ohne Wohlbefinden nützt kein Wohlstand. Wenn es so weitergeht ist beides gefährdet.
Ja nun, Herr Kunz, Sie haben zwar recht, aber das wird die gierigen Regierungen, Konzerne und ihre nicht weniger gierigen Aktionäre nicht davon abhalten, weiterhin fossile und umweltschädliche Energieträger zu fördern. Wir alle wissen, dass es ein ständiges Wachstum in einem geschlossenen System (Erde) nicht geben kann. Trotzdem treiben wir alle den absurden Konsumismus weiter voran: Wir kaufen, als ob es kein Morgen gäbe, wir fliegen, sitzen in SUVs und kreuzfahren, als ob sich Abgase neutralisieren, wir führen Kriege, als ob diese nicht die größten Klimakiller überhaupt sind und wir rüsten auf, damit die Kriege immer weiter gehen. Wir zerstören unsere Lebensgrundlagen. Gegen diese von der Wirtschaft vorangetriebene manipulative und kollektive Verblödung gibt es kein Mittel, weil Gier den Verstand frisst.
Es ist hanebüchen, dass ein Staat wie die USA in einer Nacht- und Nebel-Aktion den Präsidenten von Venezuela aus seinem Heim entführt.
Dann wird dieses Vorgehen noch mit dem Abbau von Erdöl – der eigentlich illegal und gegen jede Vernunft ist – belohnt. Da sieht man wieder einmal, was mit brachialer Gewalt alles zu erreichen ist.
Da frage ich mich einmal mehr, in was für einer Welt wir leben???
Amerika war mal ein grosses Vorbild.
Ich hoffe, dass andere Staaten und die Normal-Bürger vernünftiger sind und dass dieses Beispiel eines so übergriffigen Präsidenten nicht Schule macht.
Wie sagte doch kürzlich der Klimaforscher Reto Knutti in einem Interview? «Manchmal komme ich mir vor wie eine Musikdose, die immer wieder dasselbe abspielt.»
Vieles, was wir in den letzten Jahren und Jahrzehnten weltweit in Sachen Energie und insbesondere in Sachen Erdöl erleben, sind die Auswüchse von Energie- und Erdöl-Sucht. Die Liste der Ausreden ist lang, warum der längst überfällige Entzug gar nicht möglich, zu teuer oder sonst nicht erwünscht ist. Die Auseinandersetzungen (z.B. russische “Schattenflotte”, Venezuela, Strasse von Hormuz, usw.) sind durchaus typische Müsterchen von Beschaffungskriminalität. Und diese ganze Sucht-Misere verdrängen wir kollektiv!