Die Schweizer Armee im heroischen Kampf gegen Covid-19

Stephan Dietrich © Thinkstock 502581798

Stephan Dietrich /  Das VBS versucht sich als unentbehrlich zu inszenieren. Wichtiger Mitstreiter als «embedded medium» ist der «Blick».

«Mission Corona – die Armee im Einsatz», so lautet der Titel einer am 7. April gestarteten Serie des «Blick», welche «exklusive Einblicke hinter die Kulissen der Armee» verspricht. Neudeutsch heisst das «embedded journalism». Die Boulevard-Zeitung ist im Zeichen von Corona zur PR-Postille von Viola Amherd und ihrer Mannen geworden.
«So läuft die grösste Mobilmachung seit dem Krieg» lautete der erste Titel der Serie. Seither berichtet das Ringier-Blatt fast täglich über Soldaten in ihrem heroischen Kampf gegen Sars-CoV-2 und spart dabei nicht mit martialischen Tönen.
Ob die Armee-Einsätze auch Sinn machen, wird ausgeblendet. Zum Beispiel im Spitalbereich. Glücklicherweise ist die Schweiz von Verhältnissen wie in Italien, Spanien, Frankreich oder den USA verschont geblieben. So hat es in Spitälern, die keine Corona-Patienten behandeln, derzeit eher zu wenig als zu viel Arbeit und genügend Fachpersonal. Für die Krankentransporte braucht es die Armee ebenso wenig, denn Ambulanzen werden während des Lockdowns viel weniger benötigt als üblich.

Umgekehrt besteht ein anderes Risiko: Auch Kasernen werden von Covid-19 nicht verschont. Immer wieder müssen einzelne Soldaten unter Quarantäne gestellt werden. Doch die Schweiz hat Glück: Dank strikter Hygienemassnahmen haben wir «Die sauberste Armee der Welt». So der Titel im Blick vom 8. April.

Das zweite «wichtige» Einsatzgebiet der Armee sind Grenzkontrollen. Zum Beispiel in Konstanz. Wegen der Reisebeschränkung herrscht dort 80 Prozent weniger Verkehr als üblich und der Armee-Einsatz scheint nicht zwingend notwendig. Trotzdem lobt Blick am 11. April den heroischen Einsatz von Militärpolizist Gian-Domenico Billota (23): «Ihn beeindrucken weder Tränen noch Flüche». Für Schlagzeilen sorgte Konstanz schon früher bis in die Tagesschau wegen des «Liebeszauns», der grenzüberschreitende Liebes-Paare an Küssen und anderen Kontakten hindern soll.

Keine solchen Liebeszäune gibt es an der Grenze zu Frankreich. Auch dort ist die Schweizer Armee präsent. Nicht nur an den offiziellen Grenzposten, sondern zum Beispiel bei Neuwiller (F) in der Nähe von Basel. Wo sich sonst Fuchs und Hase gute Nacht sagen, sorgen Soldaten auf einem Feldweg rund um die Uhr dafür, dass keine Corona-Flüchtlinge in die Schweiz eindringen.

Auf der Schweizer Seite an der Grenze zum elsässischen Neuwiller. (Bild: Stephan Dietrich)
Wie viele illegale Pandemie-Flüchtlinge oder grenzüberschreitende Liebespaare die Soldaten schon erwischt haben, wollen sie nicht verraten. Doch eines ist sicher: Täglich überqueren ganz in der Nähe Tausende von Arbeitsmigranten und -migrantinnen die Grenze. Diese sind eben systemrelevant.
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4 Meinungen

  • am 12.04.2020 um 11:52 Uhr
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    Was soll diese «Anklage» Stephan Dietrich? Sagen Sie doch einfach: «Ich hasse die Armee und meine Lieblinge sind die GSOA-Leute! Sie glauben doch nicht im Ernst, dass Ihre Kritik glaubwürdig ist? Auch, wenn die eingesetzten Leute da und dort nicht mehr gleich benötigt werden, ist es schamlos, die Bereitschaft der Soldaten auf diese unsachliche Weise in Frage zu stellen!

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  • am 12.04.2020 um 12:31 Uhr
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    Und von den hunderten Soldaten, die zB. in der Kaserne in Frauenfeld nichts, aber auch gar nichts zu tun haben, jedoch nicht einmal jetzt an Ostern nach Hause dürfen, schreibt der Blick natürlich auch nichts. Viele von diesen Soldaten mussten für diesen Militärdiens innerhalb von 24 Stunden oder weniger Tage alles stehen und liegen lassen. Ende März durfte einer nicht einmal für den eigenen Zügeltermin einen Tag frei nehmen. Dafür gebe es Zügeltirmen. Andere hätten einen Betrieb zu führen oder fehlen an ihrem Arbeitsplatz. Das Militär verschlimmert also auch die volkswirtschaftlichen Kosten der Pandemie.

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  • am 12.04.2020 um 13:20 Uhr
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    Der Zynismus bei den grenzüberschreitenden Arbeitskräften ist richtig erkannt, ansonsten finde ich diesen Artikel etwas “danebengeschossen“. Die Armee steht im Dienste der Eidgenossenschaft und entscheidet nicht selber, ob sie Spitäler und Grenzwächter unterstützt. Von allem was ich aus der Ferne beobachte, macht sie (die Armee, oder präziser: die Soldaten und Rekruten) einen sehr guten, zuverlässigen und professionellen Job. Das positiv zu berichten ist nicht falsch. Gerade jetzt wo viele Individuen und die Gesellschaft als Ganzes unter viel Stress stehen, soll man auch mal erwähnen, was alles gut funktioniert. Nach der Krise kann man gerne wieder wäffelen gegen alle, die vielleicht Fehler gemacht haben. Das man die Situation nutzt um zu prüfen wie unsere Armee in einer Krise funktionieren kann, auch mit Quarantäne einzelner Soldaten, ist auch nicht grundsätzlich dumm, oder?

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  • am 12.04.2020 um 20:39 Uhr
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    Die Armee an der Corona-Front, die Grenzen schützen! und der Bezug auf den letzten Weltkrieg darf nie fehlen. Man merkt die Absicht und man ist verstimmt. Die Tagesschau von heute Abend hat gemerkt, um was es in Wahrheit geht und fragt: Wird die Armee diesen Schwung in die Abstimmung über die Kampfjets mitnehmen? Der Aargauer NR Beat Flach (GLP) betont, wir bräuchten jetzt mehr denn je «eine glaubwürdige Kraft in der Luft», denn die Corona-Krise zeige «die Verletzlichkeit von Staaten in der ganzen Welt.» Mir scheint, da müssen die Piloten aber gut zielen, wenn sie diese ganzen Viren treffen wollen. Bonne Chance!

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