Medikamentenforschung: China und Indien haben die USA überholt
25 Jahre lang waren die USA Studienweltmeister. Nirgendwo sonst finden – noch immer – so viele Studien mit Menschen statt. Rund 20 Prozent aller klinischen Studien wurden bzw. werden laut der WHO in den USA durchgeführt. Solche Studien sind beispielsweise vor der Zulassung eines neuen Medikaments unerlässlich. Von 1999 bis 2024 rangierten die Vereinigten Staaten mit 197’090 klinischen Studien vor China (162’704) und Indien (94’141). (In der Schweiz waren es 13’635.)
Doch China und Indien holen auf. Von Januar 2024 bis Juni 2025 wurden 24 Prozent der neu geplanten klinischen Studien weltweit in China angemeldet, 23 Prozent in Indien, meldete das «British Medical Journal» (BMJ). Damit haben die beiden Länder die USA überholt.
Studienregister der WHO als Massstab
Das «BMJ» beruft sich auf die von der WHO im November 2025 veröffentlichten, derzeit aktuellsten Zahlen. Die WHO wertete 20 Studienregister weltweit aus. In solchen Registern etwa in der EU, in den USA und weiteren Ländern melden Wissenschaftler neue Studien an. Dies soll Doppelspurigkeiten vermeiden und es den Sponsoren zudem erschweren, dass sie missliebige Studienresultate in der Schublade verschwinden lassen.
Sowohl in China als auch in Indien lassen sich angesichts der Bevölkerungszahlen von je über 1,4 Milliarden Menschen rasch viele Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer rekrutieren. Klinische Studien sind dort günstiger und schneller durchführbar als in den USA. Bei den kommerziellen und industriellen Diskussionen um klinische Studien gehe es nicht primär um Patienten, erläuterte der Chefredaktor des «BMJ», Kamran Abbasi. «Es geht in erster Linie ums Geld.»
China will bis 2035 zum weltweiten Führer in der Biotechnologie aufsteigen und rollt der biopharmazeutischen Industrie den roten Teppich aus (Infosperber berichtete). Seit Anfang Mai dürfen gemäss dem «BMJ» Biotech-Studien ausschliesslich in rund 2000 chinesischen Top-Spitälern durchgeführt werden. Dies könnte helfen, den Zulassungsprozess bei neuen Medikamenten weiter zu beschleunigen. Das asiatische Land biete den Firmen zunehmend mehr Sicherheit, während in den USA die Unsicherheit wachse. Dazu trügen die von der US-Regierung verhängten Zölle und die Inflation bei.
«Bedrohung der US-Dominanz»
Die aufstrebende Konkurrenz kommt in den USA jedoch nicht gut an: «Chinas enorme staatliche Ausgaben für sein innovatives Arzneimittelprogramm werden in Washington als Bedrohung für die US-Dominanz angesehen», schreibt das «BMJ». Die biomedizinische Forschung werde nun wohl ebenfalls zu einem geopolitischen Spielball.
Tatsächlich warnte die Nationale Sicherheitskommission für aufstrebende Biotechnologie (NSCEB) in den USA letztes Jahr: «Unser Zeitfenster zum Handeln schliesst sich.» Sie erachtet die Vorherrschaft der USA in der Biotechnologie als essenziell für die nationale Sicherheit und forderte «eine zweigleisige Strategie: Amerika muss Innovationen beschleunigen und China muss sich verlangsamen».
Was randomisierte Studien betrifft (bei denen die Teilnehmenden per Los einer Behandlungsgruppe zugeteilt werden), hatte China die USA mit 7049 versus 5044 Studien schon 2020 abgehängt. Solche Studien sind in der Regel die Voraussetzung für eine Medikamentenzulassung. Seit 2020 baute China den Abstand weiter aus (im Jahr 2023: 7798), während die Zahl in den USA rückläufig war (4619).
Billig und schwach reguliert
In Indien wurden 2024 etwa 18’000 neue klinische Studien angemeldet, 50 Prozent mehr als 2023. Das Land locke mit tiefen Kosten und teils laxen Regulierungen. Laut dem «BMJ» finden über die Hälfte der Studien mit Patienten in Privatspitälern statt, wo die Aufsicht durch Behörden minimal sei. Immer wieder werden grobe Missstände publik.
So führte beispielsweise ein Spital in Gujarat 58 Studien illegal durch, ohne jegliches Votum einer Ethik-Kommission. In anderen Fällen wurde bekannt, dass arme Menschen mit umgerechnet 4.20 Franken oder weniger geködert wurden, damit sie sich als Versuchspersonen zur Verfügung stellten. Überdies hatten sie im Fall, dass es zu schweren Nebenwirkungen kam, keinerlei Absicherung.
Von Januar 2021 bis Mitte 2025 starben laut offiziellen Zahlen in Indien 1705 Menschen bei klinischen Versuchen, 7189 erlitten schwere unerwünschte Wirkungen. Multinationale Konzerne würden das Land als «billigen und schwach regulierten Studienort betrachten», sagte der Gründer einer Gesundheitskampagne für mehr Transparenz bei klinischen Studien dem «BMJ».
Über die nächsten fünf Jahre will die indische Regierung umgerechnet 1,1 Milliarden US-Dollar in den Pharmasektor pumpen und laut dem «BMJ» dabei auch die ethischen Standards anheben und vereinheitlichen.
Australien als weiterer Profiteur
Von der Bewegung Richtung Osten profitiere zudem Australien. Das Land versucht, Biotechfirmen auch mit Steueranreizen zu locken. Laut einem australischen Fachmann könnten klinische Studien in der Frühphase der Medikamentenentwicklung dort 60 Prozent günstiger durchgeführt werden, verglichen mit Europa und den USA. Bedingung ist allerdings, dass der Sponsor einen Sitz in Australien hat. Dies gebe den Firmen Auftrieb, die dort im Auftrag von Pharmafirmen klinische Studien durchführen. Sie rechnen bis 2030 mit einem jährlichen Zuwachs von rund neun Prozent.
«Wir befinden uns an einem Wendepunkt in der Geschichte der medizinischen Forschung», kommentierte der Chefredaktor des «BMJ» die Verschiebungen. Das Vertrauen in die medizinische Wissenschaft sei wohl an einem Tiefpunkt angelangt. «Gleichzeitig hat sich das Epizentrum der medizinischen Forschung, der Dreh- und Angelpunkt klinischer Studien, von Nordamerika hin zu den beiden asiatischen Grossmächten verlagert – getrennt durch den Himalaya, aber vereint in ihrem unbändigen Wunsch, sich die fruchtbaren Gebiete der biomedizinischen Wissenschaft anzueignen.»
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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