Kommentar

«Patrick Fischer ist ein Held.» Wirklich?

Marco Diener © zvg

Marco Diener /  Infosperber-Leser haben die Artikel über den entlassenen Hockeytrainer Patrick Fischer eifrig kommentiert. Ein paar Gedanken dazu.

Selten werden Artikel auf Infosperber so ausgiebig kommentiert, wie diejenigen über den vor einer Woche entlassenen Trainer der Eishockey-Nationalmannschaft, Patrick Fischer. Zuerst schrieb mein Kollege Daniel Ryser über die Empörung, die Fischers Urkundenfälschung ausgelöst hatte. Dann verfasste ich eine Entgegnung. Und schliesslich beleuchtete Ryser die Rolle des Fernsehens SRF.

Wo bleiben Gelassenheit und Sachlichkeit?

Überrascht hat mich die Fülle der Zuschriften nicht. Ich habe auch kein Problem damit, dass ich als «Bünzli» und als «Tüpflischisser» bezeichnet werde. Mehr Mühe macht mir, dass wir die Dinge auch sechs Jahre nach Ausbruch der Pandemie nicht mit einer gewissen Gelassenheit und Sachlichkeit diskutieren können. Aufgefallen sind mir in den Kommentaren drei Dinge:

  • dass Gesetze, Vorschriften und Regeln nur gelten sollen, falls wir sie als sinnvoll erachten,
  • dass Fischers Trainer-Qualitäten bei der Beurteilung eine Rolle spielen sollen
  • und dass die Fehler von Berset, des BAG und von SRF etwas damit zu tun haben sollen.

Eigenwillige Rechtsauffassung

Beginnen wir von vorne: Manche Leser feiern Fischer für seine Urkundenfälschung. «Nationaltrainer Patrick Fischer ist ein Held», lautete ein Kommentar. Er habe für «einen guten Zweck» gehandelt. Einfach «getan, was getan werden musste». Er habe «in einer Notsituation eine einfache und praktische Lösung realisiert».

Zwischen den Zeilen ist da schon eine eigenwillige Rechtsauffassung herauszulesen. Zwei Kommentarschreiber liefern dazu dann auch noch den Klartext: «Wer sich legal oder scheinbar illegal wehrt, verdient Respekt.» Und: «Wer sich an Regeln hält, weil sie existieren, ist ein Untertan.»

Ist Trump ein Held?

Ist das so? Ich glaube nicht. Nehmen wir einmal an, ich wäre ein Steuerhinterzieher. Wäre ich auch ein Held? Ich könnte gute Gründe dafür nennen, dass ich es nicht sinnvoll fände, meine Steuern in vollem Umfang abzuliefern. Ich habe beispielsweise gegen die Kampfjet-Beschaffung gestimmt. Und inzwischen hat sich auch noch herausgestellt, dass der F-35 keine gute Wahl ist. Bin ich nun «ein Untertan», weil ich die Steuern trotzdem bezahle?

Oder nehmen wir Donald Trump. Er sieht den Sinn des Völkerrechts nicht ein. Er findet es sinnvoll, den Iran zu bombardieren. Sei es, weil er die Iraner am Bau einer Atombombe hindern will, sei es, weil er an ihr Öl möchte, sei es, dass er einen Regierungswechsel anstrebt. Trump tritt also das Völkerrecht mit Füssen. Ist er deswegen ein Held?

Ist einer ein Held, wenn er sich nicht an Geschwindigkeitsvorschriften hält, weil er sie nicht einsieht? Wenn er ins Hallenbad brunzt, weil ihm danach ist? Wenn er seinen Abfall im Wald entsorgt, weil ihn das Geld für den Gebührensack reut?

Die Beispiele zeigen deutlich: Wenn wir uns nur noch an diejenigen Regeln halten, die wir sinnvoll finden, dann brauchen wir gar keine mehr.

Erfolgreich und sympathisch

Irritiert hat mich auch, dass Fischers Verdienste ums Schweizer Eishockey bei der Beurteilung der Urkundenfälschung eine Rolle spielen sollen. «Fischer scheint ein sehr guter Trainer zu sein», steht in einem Kommentar, «die erreichten Resultate sprechen für sich.» In einem anderen heisst es: «Wir verdanken Patrick Fischer sehr viel auf höchstem Niveau. Zudem ist er sehr sympathisch.»

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Sein letzter grosser Auftritt: Patrick Fischer an den Olympischen Spielen 2026 in Italien.

Das klingt dann so, als wäre ein Delikt gleich weniger schlimm, wenn einer erfolgreich und sympathisch ist. Klassenjustiz nennt man das.

Wo ist der Zusammenhang?

Und dann ist da noch die Sache mit den Vergleichen. In einem Kommentar steht: «Die Empörung über Fischer ist verlogen. Der grosse Skandal ist, dass in der Schweiz die Coronakrise nach wie vor nicht aufgearbeitet wird.» Oder: «SRF weigert sich immer noch, die RKI-Protokolle zu erwähnen.» Und: «Alain Berset hat die Öffentlichkeit viel gravierender angelogen, als Fischer es je gemacht hat.»

Natürlich ist es ein Skandal, dass die Coronakrise nicht aufgearbeitet wird. Natürlich hätte SRF längst über die RKI-Protokolle berichten sollen. Und natürlich war Alain Bersets Rolle mehr als fragwürdig.

Aber was hat das mit Patrick Fischers Urkundenfälschung zu tun? Ist diese in Ordnung, weil das BAG die Coronakrise nicht aufgearbeitet hat und weil SRF nicht über die RKI-Protokolle berichtet? Wo ist da der Zusammenhang?


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