Die KI säuft unser Trinkwasser
Ein paar Zelte in Benken im Zürcher Weinland, aufgeschlagen, um gegen ein KI-Rechenzentrum zu protestieren, das im nahen Beringen entsteht, vergangenen Freitag von der Kantonspolizei Zürich geräumt, einen Tag später wieder aufgebaut, in Tengen, auf deutschem Boden, wenige Kilometer hinter der Grenze, wie die Gruppierung «Aufstände der Allmende» am Samstag mitteilte: Der Protest findet im Ausland statt, der Bau geht weiter. Auf einem Kartonschild, das eine Demonstrantin in die Kameras hielt, stand: «Kein Trinkwasser für Techoligarchen».
36 Megawatt, drei Monate
In Beringen baut das US-Unternehmen «Stack Infrastructure» eine Anlage mit 36 Megawatt Leistung, die dereinst so viel Strom verbrauchen wird, wie drei Viertel dessen, was der ganze Kanton Schaffhausen im Jahr 2022 benötigte, so hat es SRF Data recherchiert. Eine Anlage also, wie es weiter in dem Bericht heisst, «die den Strombedarf des Kantons um rund 70 Prozent steigern dürfte».
Bewilligt wurde sie in drei Monaten. Für Nationalstrassen, Flughäfen, grosse Kraftwerke, Deponien schreibt der Bund eine Umweltverträglichkeitsprüfung vor. Rechenzentren aber kommen im Anhang der massgeblichen Verordnung, der die prüfpflichtigen Anlagen abschliessend auflistet, gar nicht vor – eine Lücke, auf die die NGO Algorithm Watch in einer Recherche hingewiesen hat. Die Maschinen, die unter anderem unsere Zukunft berechnen, fallen durch die Raster unserer Gegenwart.
Ein Ofen, den keiner will
Der Beringer Gemeinderat bewilligte für das Rechenzentrum 55 000 Kubikmeter Wasser pro Jahr, also 150’000 Liter Trinkwasser pro Tag – beantragt war das Sechsfache gewesen. Und ob das reicht, entscheidet letztlich das Wetter: Die Anlage hängt am öffentlichen Trinkwassernetz, am selben Netz also wie die Haushalte. In einem heissen Sommer brauchen die Server am meisten Kühlwasser.
Und ein heisser Sommer ist meist auch ein trockener: Dann sinken die Quellen und Grundwasserspiegel, aus denen das Trinkwasser kommt. Es wird knapp für alle. Die Server aber laufen rund um die Uhr, abstellen ist keine Option. Also müsste die Gemeinde noch tiefer ins schrumpfende Grundwasser greifen. Oder Wasser bei anderen Gemeinden zukaufen. Wasserknappheit? Kein Problem. Hauptsache, wir können die KI fragen, was wir bei Wasserknappheit tun müssen.

Und was geschieht mit all der Hitze, die das Kühlwasser aus der Halle führt? Ein Rechenzentrum ist auch ein Ofen. Fast der ganze Strom, der hineinfliesst, wird zu Wärme – 36 Megawatt, die irgendwohin müssen. Man könnte damit Stuben heizen, Schulen, ganze Quartiere, oder man bläst sie in den Himmel. In Beringen war der Bau bewilligt, bevor jemand wusste, wohin damit. Dann kam eine Studie des Bundesamts für Energie (BFE): Weil es an Leitungen und Abnehmern fehlte, hätten sich nur dreissig Prozent der Wärme lokal nutzen lassen. Der Rest verpufft. Inzwischen wird nachgebessert, ein unterirdischer Speichersee, Wärmepumpen, die Stadt Schaffhausen als Abnehmerin, 58 Millionen Franken teuer. Wer das bezahlt, wer zuständig ist, all das war zuletzt noch offen. So sieht Planung aus im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz: erst der Beton, dann die Fragen, dann die Rechnung.
Ein Zentrum, das mehr Strom braucht als Lausanne
Beringen ist kein Sonderfall. Rund 120 Rechenzentren stehen in der Schweiz, etwa zwanzig weitere sind im Bau. Mit über 13 Anlagen pro Million Einwohner gehört das Land zu jenen mit der weltweit höchsten Dichte, wie die «Bilanz» berichtet. 2024 verschlangen die Zentren 2,1 Terawattstunden, also 3,6 Prozent des Schweizer Stroms. Adrian Altenburger, Professor an der Hochschule Luzern und Autor der massgeblichen BFE-Studie, schätzt den Anteil gegenüber SRF heute bereits auf sechs bis acht Prozent und hält bis 2030 bis zu fünfzehn Prozent für möglich. Das wäre mehr, als der gesamte Kanton Zürich verbraucht. In Volketswil ist ein einziges Zentrum mit 100 Megawatt geplant, das offenbar mehr Strom benötigen wird als die Stadt Lausanne.
Die Elektrizitätswerke des Kantons Zürich bauen zwischen 2014 und 2030 neun neue Unterwerke – jene Anlagen, die den Hochspannungsstrom aus dem grossen Netz auf die Spannung der Region heruntertransformieren. Sechs davon entstehen primär für Rechenzentren. Erst hat die Cloud diesen Hunger geweckt, dann die Verlagerung der Firmendaten zu Google, Microsoft, Amazon, jetzt vergrössert ihn die KI.

Man kann nachrechnen, was Algorithm Watch gerechnet und beschrieben hat: Bis 2030, so will es das Energiegesetz, sollen in der Schweiz rund 2100 Gigawattstunden zusätzlicher erneuerbarer Strom entstehen. Jedes Solardach, jede Alpin-Anlage, jede Debatte um jedes Windrad, jede Abstimmung, jede Einsprache, jeder Kompromiss, all das, aufsummiert, ergibt diese eine Zahl. Die Rechenzentren aber könnten im selben Zeitraum über 4000 Gigawattstunden mehr verbrauchen.
Der gesamte Zubau der Energiewende, ein Gemeinschaftswerk, um das dieses Land seit Jahrzehnten ringt, wäre verzehrt, bevor er existiert. Denn dieser neue Strom hatte eine Aufgabe: Er sollte das Alte ersetzen – die Ölheizung durch die Wärmepumpe, den Benziner durch das Elektroauto. Kommt aber im selben Zeitraum ein neuer Verbraucher hinzu, der grösser ist als der ganze Zubau, dann ersetzt der neue Strom nichts mehr. Er füttert den Neuankömmling, und die Ölheizungen laufen weiter, ein Jahr länger, zwei Jahre, wer weiss. Die Rechenzentren nehmen den Wärmepumpen nicht den Strom weg, sondern der Energiewende ihr Tempo. Vorerst das Tempo. Denn niemand kann heute sagen, wo diese Kurve endet. Die Prognosen der Branche werden im Halbjahrestakt nach oben korrigiert, und jede Korrektur frisst ein weiteres Stück des Zubaus. Eine Wende, die langsamer wird und langsamer, während ihr Konkurrent sich verdoppelt: Ab welchem Punkt ist das noch eine Verzögerung, und ab welchem ein kompletter Stillstand? Der politische Streit darüber findet kaum statt. Ein Vorstoss hier, ein Bericht dort, die Debatte kriecht, aber die Branche rennt.
Das Protestcamp als Seismograph
Der Bundesrat räumt in einem Bericht von 2025 ein, er wisse gar nicht, welche KI-Modelle in der Schweiz überhaupt betrieben würden, geschweige denn, wie viel Strom sie verbrauchen würden. Er setzt auf Selbstregulierung und wartet auf eine Studie, die ihm erst einmal sagen soll, was in seinem eigenen Land geschieht. Wo die Fakten fehlen, bleibt der Politik der Streit über die Zuständigkeit, und der wird geführt: Die Grünen-Nationalrätin Marionna Schlatter sagt gegenüber SRF: «Wir haben ein riesiges Wachstum dieser sehr energie- und ressourcenintensiven Standorte in der Schweiz.» Schlatter fordert nationale Regeln für Strom, Wasser, Abwärme. Der Schaffhauser FDP-Ständerat Severin Brüngger hält dagegen, die Kantone seien in der Pflicht und hätten die Kompetenz, sein Kantonsrat habe ja eben erst die Abwärmenutzung für obligatorisch erklärt. Beide haben recht, und genau das ist vermutlich das Problem: Solange Bund und Kantone sich die Zuständigkeit zuschieben, entscheidet niemand über die Grundsatzfragen.
Die Aktivistinnen und Aktivisten – gestern Benken, heute Tengen – sind in dem Sinne Seismographen. Sie haben verstanden, was die Bewilligungsbehörden nicht prüfen mussten: dass die Cloud ein Körper ist, dass sie trinkt und heizt und Land frisst, dass jede Anfrage an eine Maschine irgendwo eine Turbine dreht. In den USA, berichtet die «Bilanz», seien sich republikanische und demokratische Wähler im Widerstand gegen Rechenzentren ausnahmsweise einig. Folge die Schweiz diesem Beispiel, sei eine Nein-zu-Rechenzentren-Initiative absehbar.
Denn wer hat eigentlich beschlossen, dass dieses Land zum Serverstandort wird? Dass sein Strom, sein Wasser, seine Energiewende dieser einen Industrie den Vortritt lassen? Die Antwort ist: niemand. Es gab diesen Beschluss nie. Es gab nur Baugesuche, Gemeinde für Gemeinde. Beringen etwa: bewilligt in drei Monaten, von einer Baupolizei. Die Summe dieser Bewilligungen aber verändert das Land. Die Protestzelte dagegen stehen in Deutschland.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.







Man kann über KI denken, was man will – aber wegzudenken ist naiv. Deshalb scheint mir die Möglichkeit die Rechenzentren in All zu kühlen und mit Sonnenenergie zu betreiben alternativlos.
Wichtig wäre es, sich da einzuklinken und für Datenschutz zu sorgen, anstatt Elon Musk zu verteufeln.
Wenn KI wirklich etwas taugt, müsste sie selbständig zum Schluss kommen, sich selbst abzuschalten.
@Daniela Gerber – Warum sollte KI das tun, was Menschen selbst nicht tun? DIe Menschheit hätte längst aufhören können, ihre Mutter (Erde) zu zerstören (auch mit der man-made AI, die die USA meines Wissens einzig aus militärischer Absicht hypen). Aber die Menschheit macht munter weiter, ich finde, steigert sich sogar.
Serverfarmen brauchen einen zuverlässig sicheren Standort. Die Schweiz bietet dies, es ist quasi unsere DNA. Einmal mehr steht uns unsere Föderation im Weg weil dieses System auf solche Ereignisse viel zu träge reagiert und sehr heterogen ist. Der Fall ist klar, das Thema muss geregelt sein, nicht dass wir am Schluss gar noch Atomkraftwerke bauen um diesen Hunger zu stillen.
Wenn NI (Natural Intelligence) nicht mehr vorhanden oder ausreichend ist, uns vor Windrädern (Immissionen und Landschaftsverschandelung – Denaturierung) zu schützen, nutzen wir doch «als Krücke oder Sargnagel» AI (Künstliche intelligenz), selbst wenn sie Windräder als «Plantage» (wie Palmöl) flächendeckend erfordern würde. Motto: «Ist die Welt (wir mitgemeint) erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert».
Musikband «Back to Earth». Unsere einzige Rettung.
Seitens USA sehe ich seit jeher Täuschung, Bluff und Zerstörung. Ich finde, nur seine Gläubigen (die, die dran glauben werden müssen) glauben an Musks Mars-Märchen (das ich als geschickte Ablenkung vom wahren Orbit-Projekt betrachte, Ziel kann einzig Planet Erde sein, USAlleineigentum).
Experiment «Biosphere 2» (Leiter: Steve Bannon!): Das Experiment sollte beweisen, dass in einem eigenständigen, geschlossenen ökologischen System Leben langfristig möglich ist. Es gilt nach zwei erfolglosen Versuchen als gescheitert.
Das zeigt sehr «schön» unsere Schizophrenie und Selbstbetrug bezüglich Energiewende.Der Ausbau erneuerbarer Energien bleibt angesichts der realen Verbrauchssteigerung auf dem Niveau von Symbolpolitik. Verzicht auf, z.B., KI und Klimaanlagen wäre ein konkreterer Beitrag zum Umweltschutz als ein paar Solarpanels auf dem Dach. Aber wer möchte das schon?
D.h. in der Praxis wird dieser Energiebedarf durch thermische Kraftwerke zu decken sein. Ob Atom oder Gas oder Öl- systembedingt fällt grössenordnungsmässig das Doppelte der elektrischen Energie als Abwärme an im Kraftwerk; erstere wird dann im Rechenzentrum in Abwärme verwandelt.
Wenn Rechzentren in der Schweiz, dann nur auf Land der Gemeinden im Baurecht und unter 100%iger Kontrolle der Schweizer Behörden. Im Sinne der nationalen Sicherheit und Interessen! Ausländische Investoren nur als Darlehensgeber.