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Sechs Menschen, ein bedrucktes Tuch und ein paar Stück Karton gegen eine Industrie, die ganze Kantone leertrinkt. Immerhin der Feldweg gehörte an diesem Tag noch den Protestierenden. © zVg

Die KI säuft unser Trinkwasser

Daniel Ryser /  Ein Dorf, ein Rechenzentrum, ein geräumtes Protestcamp und eine Verwandlung des Landes, die nie beschlossen wurde, nur bewilligt.

Ein paar Zelte in Benken im Zürcher Weinland, aufgeschlagen, um gegen ein KI-Rechenzentrum zu protestieren, das im nahen Beringen entsteht, vergangenen Freitag von der Kantonspolizei Zürich geräumt, einen Tag später wieder aufgebaut, in Tengen, auf deutschem Boden, wenige Kilometer hinter der Grenze, wie die Gruppierung «Aufstände der Allmende» am Samstag mitteilte: Der Protest findet im Ausland statt, der Bau geht weiter. Auf einem Kartonschild, das eine Demonstrantin in die Kameras hielt, stand: «Kein Trinkwasser für Techoligarchen».

36 Megawatt, drei Monate

In Beringen baut das US-Unternehmen «Stack Infrastructure» eine Anlage mit 36 Megawatt Leistung, die dereinst so viel Strom verbrauchen wird, wie drei Viertel dessen, was der ganze Kanton Schaffhausen im Jahr 2022 benötigte, so hat es SRF Data recherchiert. Eine Anlage also, wie es weiter in dem Bericht heisst, «die den Strombedarf des Kantons um rund 70 Prozent steigern dürfte».

Bewilligt wurde sie in drei Monaten. Für Nationalstrassen, Flughäfen, grosse Kraftwerke, Deponien schreibt der Bund eine Umweltverträglichkeitsprüfung vor. Rechenzentren aber kommen im Anhang der massgeblichen Verordnung, der die prüfpflichtigen Anlagen abschliessend auflistet, gar nicht vor – eine Lücke, auf die die NGO Algorithm Watch in einer Recherche hingewiesen hat. Die Maschinen, die unter anderem unsere Zukunft berechnen, fallen durch die Raster unserer Gegenwart.

Ein Ofen, den keiner will

Der Beringer Gemeinderat bewilligte für das Rechenzentrum 55 000 Kubikmeter Wasser pro Jahr, also 150’000 Liter Trinkwasser pro Tag – beantragt war das Sechsfache gewesen. Und ob das reicht, entscheidet letztlich das Wetter: Die Anlage hängt am öffentlichen Trinkwassernetz, am selben Netz also wie die Haushalte. In einem heissen Sommer brauchen die Server am meisten Kühlwasser.

Und ein heisser Sommer ist meist auch ein trockener: Dann sinken die Quellen und Grundwasserspiegel, aus denen das Trinkwasser kommt. Es wird knapp für alle. Die Server aber laufen rund um die Uhr, abstellen ist keine Option. Also müsste die Gemeinde noch tiefer ins schrumpfende Grundwasser greifen. Oder Wasser bei anderen Gemeinden zukaufen. Wasserknappheit? Kein Problem. Hauptsache, wir können die KI fragen, was wir bei Wasserknappheit tun müssen.

Spendenbalken rot

Und was geschieht mit all der Hitze, die das Kühlwasser aus der Halle führt? Ein Rechenzentrum ist auch ein Ofen. Fast der ganze Strom, der hineinfliesst, wird zu Wärme – 36 Megawatt, die irgendwohin müssen. Man könnte damit Stuben heizen, Schulen, ganze Quartiere, oder man bläst sie in den Himmel. In Beringen war der Bau bewilligt, bevor jemand wusste, wohin damit. Dann kam eine Studie des Bundesamts für Energie (BFE): Weil es an Leitungen und Abnehmern fehlte, hätten sich nur dreissig Prozent der Wärme lokal nutzen lassen. Der Rest verpufft. Inzwischen wird nachgebessert, ein unterirdischer Speichersee, Wärmepumpen, die Stadt Schaffhausen als Abnehmerin, 58 Millionen Franken teuer. Wer das bezahlt, wer zuständig ist, all das war zuletzt noch offen. So sieht Planung aus im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz: erst der Beton, dann die Fragen, dann die Rechnung.

Ein Zentrum, das mehr Strom braucht als Lausanne

Beringen ist kein Sonderfall. Rund 120 Rechenzentren stehen in der Schweiz, etwa zwanzig weitere sind im Bau. Mit über 13 Anlagen pro Million Einwohner gehört das Land zu jenen mit der weltweit höchsten Dichte, wie die «Bilanz» berichtet. 2024 verschlangen die Zentren 2,1 Terawattstunden, also 3,6 Prozent des Schweizer Stroms. Adrian Altenburger, Professor an der Hochschule Luzern und Autor der massgeblichen BFE-Studie, schätzt den Anteil gegenüber SRF heute bereits auf sechs bis acht Prozent und hält bis 2030 bis zu fünfzehn Prozent für möglich. Das wäre mehr, als der gesamte Kanton Zürich verbraucht. In Volketswil ist ein einziges Zentrum mit 100 Megawatt geplant, das offenbar mehr Strom benötigen wird als die Stadt Lausanne.

Die Elektrizitätswerke des Kantons Zürich bauen zwischen 2014 und 2030 neun neue Unterwerke – jene Anlagen, die den Hochspannungsstrom aus dem grossen Netz auf die Spannung der Region heruntertransformieren. Sechs davon entstehen primär für Rechenzentren. Erst hat die Cloud diesen Hunger geweckt, dann die Verlagerung der Firmendaten zu Google, Microsoft, Amazon, jetzt vergrössert ihn die KI.

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Gegen ein paar Zelte im Zürcher Weinland hilft nur eines: ein Dutzend Polizistinnen und Polizisten und ein Diensthund.

Man kann nachrechnen, was Algorithm Watch gerechnet und beschrieben hat: Bis 2030, so will es das Energiegesetz, sollen in der Schweiz rund 2100 Gigawattstunden zusätzlicher erneuerbarer Strom entstehen. Jedes Solardach, jede Alpin-Anlage, jede Debatte um jedes Windrad, jede Abstimmung, jede Einsprache, jeder Kompromiss, all das, aufsummiert, ergibt diese eine Zahl. Die Rechenzentren aber könnten im selben Zeitraum über 4000 Gigawattstunden mehr verbrauchen.

Der gesamte Zubau der Energiewende, ein Gemeinschaftswerk, um das dieses Land seit Jahrzehnten ringt, wäre verzehrt, bevor er existiert. Denn dieser neue Strom hatte eine Aufgabe: Er sollte das Alte ersetzen – die Ölheizung durch die Wärmepumpe, den Benziner durch das Elektroauto. Kommt aber im selben Zeitraum ein neuer Verbraucher hinzu, der grösser ist als der ganze Zubau, dann ersetzt der neue Strom nichts mehr. Er füttert den Neuankömmling, und die Ölheizungen laufen weiter, ein Jahr länger, zwei Jahre, wer weiss. Die Rechenzentren nehmen den Wärmepumpen nicht den Strom weg, sondern der Energiewende ihr Tempo. Vorerst das Tempo. Denn niemand kann heute sagen, wo diese Kurve endet. Die Prognosen der Branche werden im Halbjahrestakt nach oben korrigiert, und jede Korrektur frisst ein weiteres Stück des Zubaus. Eine Wende, die langsamer wird und langsamer, während ihr Konkurrent sich verdoppelt: Ab welchem Punkt ist das noch eine Verzögerung, und ab welchem ein kompletter Stillstand? Der politische Streit darüber findet kaum statt. Ein Vorstoss hier, ein Bericht dort, die Debatte kriecht, aber die Branche rennt.

Das Protestcamp als Seismograph

Der Bundesrat räumt in einem Bericht von 2025 ein, er wisse gar nicht, welche KI-Modelle in der Schweiz überhaupt betrieben würden, geschweige denn, wie viel Strom sie verbrauchen würden. Er setzt auf Selbstregulierung und wartet auf eine Studie, die ihm erst einmal sagen soll, was in seinem eigenen Land geschieht. Wo die Fakten fehlen, bleibt der Politik der Streit über die Zuständigkeit, und der wird geführt: Die Grünen-Nationalrätin Marionna Schlatter sagt gegenüber SRF: «Wir haben ein riesiges Wachstum dieser sehr energie- und ressourcenintensiven Standorte in der Schweiz.» Schlatter fordert nationale Regeln für Strom, Wasser, Abwärme. Der Schaffhauser FDP-Ständerat Severin Brüngger hält dagegen, die Kantone seien in der Pflicht und hätten die Kompetenz, sein Kantonsrat habe ja eben erst die Abwärmenutzung für obligatorisch erklärt. Beide haben recht, und genau das ist vermutlich das Problem: Solange Bund und Kantone sich die Zuständigkeit zuschieben, entscheidet niemand über die Grundsatzfragen.

Die Aktivistinnen und Aktivisten – gestern Benken, heute Tengen – sind in dem Sinne Seismographen. Sie haben verstanden, was die Bewilligungsbehörden nicht prüfen mussten: dass die Cloud ein Körper ist, dass sie trinkt und heizt und Land frisst, dass jede Anfrage an eine Maschine irgendwo eine Turbine dreht. In den USA, berichtet die «Bilanz», seien sich republikanische und demokratische Wähler im Widerstand gegen Rechenzentren ausnahmsweise einig. Folge die Schweiz diesem Beispiel, sei eine Nein-zu-Rechenzentren-Initiative absehbar.

Denn wer hat eigentlich beschlossen, dass dieses Land zum Serverstandort wird? Dass sein Strom, sein Wasser, seine Energiewende dieser einen Industrie den Vortritt lassen? Die Antwort ist: niemand. Es gab diesen Beschluss nie. Es gab nur Baugesuche, Gemeinde für Gemeinde. Beringen etwa: bewilligt in drei Monaten, von einer Baupolizei. Die Summe dieser Bewilligungen aber verändert das Land. Die Protestzelte dagegen stehen in Deutschland.


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