übergewichtiger Mann

Massiv übergewichtige Menschen können die Wohnung oft gar nicht mehr verlassen (Symbolbild). © motortion / Depositphotos

Der Mann, der an sich selbst erstickte

Martina Frei /  Ein extrem übergewichtiger Patient sieht keinen anderen Ausweg mehr als den Tod. Danach kommt es zu weiteren Problemen.

383 Kilo Körpergewicht, Husten, Mühe beim Atmen – das war der Anfang vom Ende einer langen Leidensgeschichte. Der 35-jährige US-Amerikaner mit einem Body-Mass-Index (BMI) von rund 115 litt ausserdem an Asthma, Diabetes, Bluthochdruck, Herzschwäche sowie Blutarmut. Seine Nieren arbeiteten schwach und er war depressiv. Am Gesäss und in den Brustfalten hatte er mehrere Druckgeschwüre in der Haut. 

In lethargischem Zustand wurde er in ein Spital eingeliefert. Die Analyse der im Blut gelösten Gase ergab, dass er das Kohlendioxid nicht mehr richtig abatmen konnte. Normalerweise nimmt das Blut in den Lungen Sauerstoff auf und gibt dort gleichzeitig Kohlendioxid ab. Wie gut Letzteres funktioniert, zeigt der Kohlendioxidpartialdruck (pCO2) an. Er sollte zwischen 35 und 45 (mmHg, Millimeter Quecksilber) betragen. Bei diesem Patienten aber war er mit 120 viel zu hoch. 

Die Ärzte beatmeten den Patienten maschinell, gaben ihm Antibiotika, Kortison und die Bronchien erweiternde Mittel. Als sich sein pCO2 normalisiert hatte, extubierten sie den Patienten. Prompt kam es erneut zum Sauerstoffmangel und zum Kreislaufstillstand, weil der 35-Jährige nicht kräftig genug atmen konnte. Die Fettansammlungen im Gesicht, im Rachen, sowie am Nacken sowie die Fettpolster rund um und innerhalb des Brustkorbs erschweren solchen Menschen tiefe Atemzüge. Gleichzeitig benötigen sie aber mehr Sauerstoff, weil das Fettgewebe ihren Bedarf massiv erhöht. Er kann mehr als das Dreifache betragen.

Kolumne «Dr. Kurios»

Dr. Kurios 2024 XX
Dr. Kurios

Choleraausbruch mitten in Paris, Explosion des Patienten bei der Darmspiegelung, Halluzinationen durch Hirsebällchen – in der Medizin passieren unglaubliche Dinge. Glücklicherweise aber nur sehr selten. Seit über 20 Jahren sammelt die Autorin – sie ist Ärztin und Journalistin – solche höchst ungewöhnlichen Krankengeschichten. Ihre Kolumnen sind bisher in zwei Büchern erschienen: «Das Mädchen mit den zwei Blutgruppen» und «Der Junge, der immer in Ohnmacht fiel».

Mehrmals Kreislaufstillstand

Also wurde der 35-Jährige erneut intubiert und am Folgetag wieder extubiert. Zwei Tage später hatte er den nächsten Kreislaufstillstand. Der Grund dafür war vermutlich eine Lungenembolie. Genau liess sich das jedoch nicht ermitteln, denn aufgrund seines Gewichts konnte der Patient nicht im Computertomografen untersucht werden. Das Gerät hatte nicht die nötige Tragkraft. 

Nach erfolgreicher Wiederbelebung wurde der Mann erneut künstlich beatmet. Danach kam es weitere Male zum Atemversagen mit Herzstillstand. Ans Extubieren war nun nicht mehr zu denken. Unter Narkose holten die Chirurgen über 13 Kilo Fettgewebe aus dem Brustkorb des Patienten, damit sie dort eine Kanüle einsetzen konnten, über die er längerfristig maschinell beatmet werden konnte. 

Eine Magenband-Operation oder ein ähnlicher Eingriff waren bei dem 35-Jährigen undenkbar, denn das Operationsrisiko war zu gross. Er hätte dafür zuerst massiv abnehmen müssen. Es fand sich auch kein Pflegeheim, das in der Lage gewesen wäre, ihn dauerhaft mit maschineller Beatmung zu übernehmen. Zwischenzeitlich hatte sich seine Nierenfunktion weiter verschlechtert. 

Angst vor Brand im Krematorium

Angesichts dieser Lage bat der Patient darum, dass die Beatmungsmaschine abgestellt werde. Nach intensiven Gesprächen mit ihm, seinen Angehörigen, dem Palliativ- und dem Ethikteam erfüllten die Ärzte seinen Wunsch und der Mann verstarb nach insgesamt dreissig Tagen im Spital.

In der Fachzeitschrift «Respiratory Medicine Case Reports» berichteten seine Ärzte 2017 auch, welche Probleme es posthum gab: Der Leichnam konnte mangels eines ausreichend grossen Kühlfachs nicht ins Leichenschauhaus überführt werden. Stattdessen musste er mehrere Tage in einem Kühllastwagen gelagert werden.

Vor seinem Tod hatte der Patient darum gebeten, kremiert zu werden. Doch keines der angefragten Krematorien war dazu bereit. Denn das Körperfett kann die Luftfilter verstopfen, was in verschiedenen Fällen schon zum Krematoriumsbrand geführt hat. Für schwerstgewichtige Leichname braucht es speziell grosse Krematorien. In einem solchen wurde schliesslich auch dieser Verstorbene kremiert.

Gewichtige Schwierigkeiten bei der Behandlung

Nur schon eine Infusion zu legen, ist bei Menschen mit starkem Übergewicht eine Herausforderung, weil ihre Venen kaum erkennbar sind. Mit Hilfe einer Ultraschalluntersuchung kann dies gelingen. Auch die beim Arzt übliche Blutdruckmessung scheitert, denn die Manschette passt nicht um den Oberarm.

Im Fall eines 24-Jährigen musste erst einmal ein Zimmer gefunden werden, das für einen Menschen mit 466 Kilo Körpergewicht gross genug war. Dies verzögerte seine Intensivbehandlung um zwei Tage. Wegen einer Nierenschwäche bekam dieser Patient einen Dialysekatheter. Doch ob dieser richtig platziert war, wussten die Ärzte nicht, denn sie verzichteten auf die Röntgenuntersuchung. Der Grund: Wegen des Körperfetts wäre sie kaum interpretierbar gewesen.  

Medikamente richtig zu dosieren, ist eine Herausforderung

Überdies kommt es leicht zur Über- oder Unterdosierung von Medikamenten, unter anderem, weil die Leberverfettung die Wirkung vieler Arzneimittel beeinflusst. Das kann dazu führen, dass die Dosis zu hoch oder zu niedrig bemessen wird. Das Fettgewebe wiederum wirkt – etwa für Narkose- und starke Schmerzmittel – wie ein Reservoir, so dass die Substanzen noch lange nach dem Absetzen nachwirken. Die Komplikationsraten – beispielsweise für Infektionen, Vorhofflimmern, Herzinfarkte oder Thrombosen – sind bei extrem übergewichtigen Menschen deutlich höher und die Verweildauer im Spital länger. 

Als normal gilt ein BMI zwischen 18,5 und 25. In der Schweiz haben schätzungsweise 7 von 1000 Erwachsenen einen BMI über 40. In den USA sind es, je nach Geschlecht, Einkommen und – damit zusammenhängend – der Hautfarbe etwa 50 bis fast 200 von 1000. Ein BMI über 100 ist auch dort eine Ausnahme. Das massive Gesundheitsproblem wird jedoch zunehmen. Adipositas (BMI von 30 oder mehr) hatten vor rund 30 Jahren etwa 5 von 100 Menschen in der Schweiz, 2022 waren es laut dem Bundesamt für Statistik bereits 12 von 100. In den USA nahm dieses Problem noch stärker zu als hierzulande.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Höchst seltene und manchmal auch skurrile medizinischen Fallgeschichten.

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