Die französischen Behörden reden nicht gerne über Frankreichs Abhängigkeit von der Kernenergie. © pixabay

Die französischen Behörden reden nicht gerne über Frankreichs Abhängigkeit von der Kernenergie.

Frankreich: Ein Land versinkt im nuklearen Abfall

Tobias Tscherrig / 11. Mär 2018 - Frankreichs Atompolitik ist eine Sackgasse. Sie führt zu einer Vielfalt von nuklearen Abfalltypen. Die bestehenden Lager sind voll.

58 Reaktoren beliefern die Französische Republik mit Strom. Nach der Katastrophe von Fukushima wurden sie im Rahmen von europaweiten Kontrollen überprüft. Das Ergebnis: Alle Reaktoren fielen negativ auf, jeder wies grössere Mängel auf. Selbst das beste französische Kernkraftwerk lag mit fünf Rügen weit unter dem europäischen Schnitt. Umweltverbände kritisierten den «Stresstest» der Anlagen, dieser habe grösstenteils nur auf dem Papier stattgefunden.

Auf Frankreichs Druck wurden in der gesamten EU nur 38 von 134 Kernkraftwerken inspiziert. Acht weitere Anlagen kamen dazu – nachdem es heftige Kritik gegeben hatte. Zusammen mit Grossbritannien ist Frankreich auch dafür verantwortlich, dass terroristische Anschläge und Cyberattacken aus dem Prüfkatalog gestrichen wurden. Erneut hagelte es Kritik.

2015 schienen sich die französischen Behörden zu besinnen. Sie erliessen ein Energiewendegesetz, mit dem der Anteil an Strom, der aus Kernkraftwerken gewonnen wird, bis 2025 von 75 auf 50 Prozent gesenkt werden sollte. Ein Ziel, das deutlich verfehlt wird. So gab Umweltminister Nicolas Hulot im November 2017 bekannt, der Teilausstieg aus der Atomenergie müsse um bis zu zehn Jahre nach hinten verschoben werden. Dies, weil es bislang keine klare Strategie gebe, wie die Reduktion des Atomstroms erreicht werden könne.

Frankreich hat den Atomausstieg verschlafen, dabei ist es im weltweiten Vergleich das Land mit dem höchsten prozentualen Anteil an erzeugtem Atomstrom.

Behörden vermehren Typen der radioaktiven Abfälle

Die Abhängigkeit Frankreichs von Atomstrom führt zu weiteren – teils kuriosen – Problemen. So verpasste sich Frankreich im Jahr 2006 per Gesetz eine Wiederaufbereitungspolitik. Im Gesetzestext sind radioaktive Stoffe als Stoffe deklariert, «bei denen ein späterer Gebrauch nach einer Behandlung vorgesehen ist». Damit hatten sich die französischen Behörden auf den Standpunkt gestellt, dass die Wiederaufbereitung von gebrauchten nuklearen Brennstoffen der einzige Weg ist und das eines Tages alle gebrauchten Brennstäbe wiederverwertet werden.

«Bis jetzt reichte es beinahe aus, zu versprechen, man werde die Brennstoffe wiederverwerten», sagt Yves Marignac, Direktor der von den Stromkonzernen unabhägigen WISE-Paris gegenüber «reporterre». «Dann werden die Brennstoffe als wertvoller Stoff angesehen.» Yannick Rousselet, Kampagnenbeauftragter «nuklear» bei Greenpeace ergänzt: «Das macht weder ökonomisch noch ökologisch Sinn.» Denn dafür bräuchte es eine Lösung, mit welcher das Material lange und in grösstmöglicher Sicherheit gelagert werden kann. Ein Problem, an dem sich die Behörden die Zähne ausbeissen.

Bei der Wiederaufbereitung und Umwandlung von atomaren Brennstoffen entstehen neue, hochgiftige Stoffe, die nicht mehr verwertet werden können. Mit der Installation der Wiederaufbereitungsindustrie vermehrten die französischen Behörden die unterschiedlichen Typen der radioaktiven Abfälle. Auch deshalb ist die Frage der radioaktiven Abfälle in Frankreich unüberschaubar geworden. Dazu kommt, dass die französischen Behörden und die involvierten Firmen lieber im Geheimen verhandeln, eine öffentliche Debatte findet – mangelnds Information – kaum statt.

Beispiel La Hague: Frankreichs Zwischenlager sind voll

Nach dem Gebrauch der nuklearen Brennstoffe lagern sie während einigen Jahren neben den Reaktoren in Wasserbecken. Erst dann sind sie transportfähig und werden in die Wiederaufbereitungs-Fabriken von La Hague gebracht. Die giftigen Abfallstoffe, die bei der Wiederaufbereitung entstehen, werden in Paketen versiegelt. Sie warten darauf, in den Tiefen von Cigéo, einem geplanten Zentrum für die Lagerung von radioaktiven Abfällen, auf ewig versenkt zu werden. Allerdings existiert noch keine Bewilligung für den Bau und den Betrieb von Cigéo, diese soll erst Mitte 2019 angefragt werden.

Deshalb bleiben die nuklearen Abfälle in den Wasserbecken von La Hague. Die Anlage besteht aus vier Becken, die zwischen den Jahren 1976 und 1985 erbaut wurden. Sie wird vom Industrie-Konzern Areva betrieben – und sie ist überlastet.

Die operationelle Lagerobergrenze liegt bei rund 12'350 Tonnen, Ende 2016 lagerten in La Hague bereits 9778 Tonnen radioaktive Abfälle. Damals schätzten Areva und die französische Elektrizitätsgesellschaft Élétricité de France SA (EDF), dass noch 7.4 Prozent der Lagerfläche übrig sind. Keine beruhigenden Zahlen – immerhin erreichen das Lager pro Jahr rund 150 Tonnen radioaktive Abfälle.

Atommülllager im AOC-Weinabbaugebiet

Das Problem der vollen Zwischenlager quält die französischen Behörden seit über 20 Jahren. Statt aber den Atomausstieg vorzubereiten, wurden die Becken in La Hague besser abgedichtet, worauf ihre zulässige Höchstbelastung beinahe verdoppelt wurde. Eine Lösung auf Zeit.

Im Jahr 2000 wurde auch die EDF mit der Tatsache konfrontiert, dass die Kapazitäten der Lagerungsbecken neben den 58 Reaktoren an ihre Grenzen stossen. Um die Kapazitäten zu erhöhen, wollte EDF die Becken ebenfalls besser abdichten. ASN, die französische Behörde für nukleare Sicherheit, erteilte keine Bewilligung. Also mussten andere Wege gefunden werden, vor allem, da die Sicherheitsbehörde die französische Elektrizitätsgesellschaft im Jahr 2011 beauftragte, ihren Umgang mit nuklearen Brennstoffen zu ändern. Zwischen Areva, EDF und ASN fanden Verhandlungen statt. Als Resultat sollte Areva in La Hague ein neues Becken bauen. Allerdings erklärte das Unternehmen, es hätte keine finanziellen Möglichkeiten – die Verantwortung fiel an die Elektrizitätsgesellschaft zurück.

Insgesamt dauerte die Diskussion um das neue Becken in La Hague drei Jahre. Nun muss die Elektrizitätsgesellschaft Nägel mit Köpfen machen. Sie plant zurzeit ein neues Beckenlager, in dem die giftigen Abfälle «zentralisiert und gelagert» werden sollen. Gemäss den Recherchen von «reporterre» soll das Lager auf dem Gelände der nuklearen Zentrale zur Produktion von Energie (CNPE) in Belleville-sur-Loire gebaut werden.

Die Pläne von EDF und ASN sind dank den Recherchen von «reporterre» aufgedeckt worden. Weder die Einwohner von Belle-sur-Loire, noch die lokalen Behörden waren darüber informiert. Dabei scheinen sich EDF und ASN bereits festgelegt zu haben. Das Gelände der CNPE punktet mit einer zentralen Lage und einem Anschluss an das Eisenbahnnetz. Ausserdem verfügt das Areal über Platzreserven, es umfasst 170 Hektaren. Perfekte Voraussetzungen. Damit würde das neue Atommülllager aber auch mitten zwischen die Abbaugebiete der AOC-Weine «Sancerre» und «Pouilly fumé» gebaut.

Unterwasserlagerung birgt grosse Risiken

Die Unterwasserlagerung von nuklearen Abfällen ist risikoreich: Die giftigen Stoffe müssen mehrere Meter unter Wasser permanent gekühlt werden, im Falle eines Temperaturanstiegs könnten sie enorm viel radioaktives Material in die Atmosphäre abgeben. Als nach der Katastrophe von Fukushima das Lagerungsbecken von Reaktor 4 Gefahr lief, sein Wasser zu verlieren, stockte der ganzen Welt der Atem. Wäre es zur Katastrophe gekommen, hätte die gesamte Bevölkerung im Umkreis von 250 Kilometern evakuiert werden müssen.

Ausserdem fehlen in Frankreich bei vielen Becken elementare Schutzmassnahmen. So bemängelte etwa Greenpeace in einem Report zuhanden der Regierung etwa die fehlenden Abschirmungen der Becken und die Verletzbarkeit durch externe Angriffe und Flugzeugabstürze.

In der geplanten Anlage von Belleville-sur-Loire ist die Sicherheitsfrage noch wichtiger, da hier Gemische aus Uran und Plutonium eingelagert würden. Auch wenn sie bereits gebraucht und nun unter Wasser eingelagert wurden, bleiben sie wegen ihrer Radioaktivität und ihrer «lebendigen» Hitze während mehreren Tausend Jahren gefährlich. Zwar könnten Teile davon mit viel Aufwand wiederverwertet werden, die Kernkraftbetreiber haben aber kaum die Mittel, diesen finanziellen Kraftakt zu stemmen.

«Das ist eine Omertà»

In den Korridoren des Instituts für Strahlenschutz und nuklearer Sicherheit (IRSN) ist das Projekt eines zentralen Lagerbeckens für radioaktive Abfälle längst Thema. Trotzdem ziehen es die Branchenexperten vor, den geplanten Standort geheim zu halten. Wie IRSN gegenüber «reporterre» mitteilt, werde man über das Dossier nicht informieren. EDF teilt «reporterre» in einem Schreiben mit, «dass zurzeit verschiedene Standorte zur Umsetzung des Projekts geprüft werden, zurzeit aber noch keine Entscheidung gefallen ist.» In einem weiteren Schreiben vermerkt EDF, man habe die Installation des Beckens in Belleville-sur-Loire «weder bestätigt noch abgestritten.»

Guillaume Blavette vom Kollektiv «Stop-EPR» sagt gegenüber «reporterre», vom Projekt sei die Allgemeinheit betroffen. Statt Transparenz gebe es aber eine Omertà. «Die Nuklearbranche sagt, sie habe sich geändert und geöffnet. Allerdings hat sich die Situation in diesem Dossier seit 1973 nicht geändert.» Darüber zeigt sich Marignac im «reporterre»-Artikel nicht erstaunt. «Auch wenn es sich offiziell nicht um eine Abfalldeponie handelt, wird es kompliziert werden, den betroffenen lokalen Behörden und den Bewohnern des betroffenen Gebiets zu verkünden, dass man ihnen den Abfall von allen anderen Zentralen bringen wird, um ihn in einem Becken zu lagern, das ein Sicherheitsrisiko darstellt.»

Die Behöden flüchten sich in Geheimhaltung – obwohl das Projekt seit Jahren diskret vorbereitet wird. In einem Schreiben von Juni 2013 fragt die Sicherheitsbehörde beim EDF an, sie solle ihre Strategie der Lagerung von gebrauchten Brennstoffen ändern und neue Gegebenheiten schaffen, die es ermöglichen sollen, die Bedürfnisse zu decken. Einige Jahre später wurde im nationalen Plan zu radioaktiven Stoffen (PNGMDR) festgehalten, das EDF solle eine neue Strategie für die Lagerung von gebrauchten Brennstoffen präsentieren. Im Bericht wird auch ein Zeitplan für die Schaffung von neuen Lager-Kapazitäten vorgegeben. Die Frist lief am 31. März 2017 ab.

Seit der Veröffentlichung der «reporterre»-Recherchen regt sich in der Region «Centre-Val de Loire» Widerstand. Die gewählten Politiker deponierten bei der Regierung den Wunsch, das Becken zur Lagerung des Atommülls in einer anderen Region zu bauen. Centre-Val de Loire sei mit insgesamt vier nuklearen Kraftwerken bereits heute die am meisten belastete Region von Frankreich. Es sei inakzeptabel, die Gegend nun noch zusätzlich mit einem nationalen Lager von Atommüll zu belasten. Überhaupt: Die weitreichenden Auswirkungen auf die Region und die Bewohner seien erst gar nicht untersucht worden. «Wir werden das nicht akzeptieren.»

Es sind diese kritischen Stimmen, die Behörden und Atombranche mit ihrer Intransparenz verhindern wollten.

Die Dokumentation «Le Grand Mensonge» behandelt vor allem die Gefahr von Terroranschlägen auf Kernkraftwerke, zeigt aber auch die Intransparenz von Frankreichs Behörden beim Thema Kernenergie.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine.

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2 Meinungen

Jordanien will sich von Frankreich ein Atomkraftwerk bauen lassen. Weil es im Süden des Landes, am Golf von Aqaba, immer wieder Erdbeben gebe, solle es im Norden gebaut werden. Das ist jedoch eine fadenscheinige Ausrede, da der Norden des Königreichs genauso erdbebengefährdet ist. Eine viel größere Gefahr als von Erdbeben scheint mir jedoch von der Korruption auszugehen. Wenn Frankreich jetzt bereits mit Atommüll überfüllt ist, wird der Versuch naheliegen, die in Jordanien verbrauchten Brennstäbe gar nicht nach Frankreich zurückzubringen, sondern irgendwo in der Wüste zu entsorgen. Korrupte Politiker und deren Freunde werden dann für die vorgebliche Rückführung der Brennstäbe nach Frankreich Gelder in ihre Taschen fließen lassen und das Land wird verstrahlt werden.
Leider ist das jordanische Volk noch nicht so umweltbewußt, die Gefahr zu erkennen, weswegen es an Widerstand gegen den Bau dieses Atomkraftwerks mangeln wird.
Frank Bubenheim, am 11. März 2018 um 13:01 Uhr
Danke für diese höchst interessanten Infos! Offensichtlich nehmen es die Franzosen weit lockerer als wir Schweizer. Da kann man nur noch flehen, dass der Westwind sich im Falle eines Falles zurückhält...
Michael Haggenmacher, am 11. März 2018 um 15:20 Uhr

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