«Hatehelp»: Neue Anlaufstelle für Opfer von digitaler Gewalt
Vor einem halben Jahr hat der Verein «Netz-Courage» aufgegeben: Die Anlaufstelle für Opfer von digitaler Gewalt war nach zehnjähriger Beratungstätigkeit am Ende – überrollt von der schieren Menge und der Intensität von Angriffen, Belästigungen, Cybermobbing, Deepfakes und Hatespeech in den Social-Media-Netzwerken, insbesondere gegenüber Menschen, die sich politisch oder gesellschaftlich engagierten.
Zu viel für einen Verein
«Mehrere hundert Betroffene digitaler Gewalt haben in unseren zehn Jahren Erstberatung, Vermittlung an Beratungsstellen oder juristische Unterstützung erhalten», schrieb die Gründerin des Vereins, Jolanda Spiess-Hegglin, im Mai 2026 in der Mitteilung zur Einstellung von «Netz-Courage». «Als wir 2016 angefangen haben, war digitale Gewalt in der Schweiz ein Thema ohne Begriff, ohne Gesetz, ohne zuständige Stelle. Heute ist Stalking ein eigener Straftatbestand. Es gibt parlamentarische Vorstösse, Studien und eine Öffentlichkeit, die das Thema kennt. Vieles davon ist nicht allein unser Verdienst, aber wir haben unseren Teil beigetragen, über zehn Jahre lang.»
Glossar
- Chatbot: Computerprogramm, das wie ein Mensch zu einem spricht oder schreibt.
- Cyberkriminalität: Strafbare Handlungen im Internet.
- Cybermobbing: Absichtliches Beleidigen, Bedrohen, Blossstellen oder Ausgrenzen von Menschen im Internet.
- Deepfake: Verfahren zur Fälschung von Bildern und Videos. So werden in Videos etwa Tonspur und Lippenbewegungen so verändert, dass die Person einen untergeschobenen Text zu sprechen scheint.
- Hatespeech (auch Hassrede): Ausdrucksweise, die einzelne Menschen oder Gruppen abwertet, beleidigt, bedroht oder zu Hass und Gewalt gegen sie aufruft.
- Phishing: Versuch, auf betrügerische Weise an Passwörter oder andere heikle Daten zu kommen.
- Shitstorm: Entrüstungswelle.
- Stalking: Dauernde Belästigung einer Person, etwa durch Nachstellen, Auflauern oder Telefonanrufe.
Doch es habe sich immer klarer gezeigt, dass ein privater Verein wie «Netz-Courage» angesichts der neusten technologischen Entwicklungen nicht genügend Ressourcen habe: «KI produziert Hass, Belästigung, Deepfakes und Identitätsmissbrauch in einem Tempo und einer Qualität, die wir mit unseren Mitteln weder nachvollziehen noch eindämmen können», heisst es in der «Netz-Courage»-Mitteilung.
«Grosse Lücke»
Nichtsdestotrotz baut nun der Verein «Fairmedia» genau dieses wieder auf: eine Anlaufstelle für Opfer von digitaler Gewalt. Die Vereinspräsidentin Christina Leutwyler sagt zu Infosperber, sie sei sich natürlich der Problematik bewusst, dass ein privater Verein das Problem allein nicht lösen könne. «Aber es besteht eine grosse Lücke, da es zurzeit keine staatlichen Anlaufstellen und Beratungsangebote spezifisch für Opfer von digitaler Gewalt gibt», betont die ehemalige Journalistin. «Wer im Netz beleidigt, bedroht, belästigt oder blossgestellt wird, soll damit nicht allein bleiben müssen.»
Nach einem Pilotprojekt, das «Fairmedia» gemeinsam mit der Opferhilfe beider Basel gestartet hat, wird das neue Beratungsangebot vom 27. Oktober an für Erwachsene in der ganzen Schweiz zur Verfügung stehen.
Stiftungen zahlen
Den Aufbau und die ersten zwei Betriebsjahre für die neue Beratungsstelle finanzieren sechs kantonale Swisslos-Fonds und verschiedene weitere Geldgeber, darunter die Albert-Koechlin-Stiftung, die Ernst-Göhner-Stiftung, die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft und die Mobiliar. Daneben setzt «Fairmedia» für das «Hatehelp»-Projekt auch auf Mitgliederbeiträge und Spenden.
Bei der Beratung will «Hatehelp» auch mit den bestehenden kantonalen Opferhilfestellen zusammenarbeiten, die aber nicht auf Fälle digitaler Gewalt spezialisiert sind. «Häufig kommt es vor, dass beispielsweise häusliche Gewalt einen digitalen Anteil hat, dass etwa auch Social Media im Spiel sind. Hier können wir die Opferhilfestellen spezifisch unterstützen», ergänzt Leutwyler. Kinder und Jugendliche hingegen wird «Hatehelp» nicht beraten, ebenso wenig wie Betroffene von Cyberkriminalität wie Phishing oder Betrugsversuchen, da es für diese schon Anlaufstellen gebe.
«Grenzen verschwimmen»
Bisher beschränkte sich «Fairmedia» auf die Beratung von Menschen, die sich gegen eine als unfair empfundene Medienberichterstattung wehren wollten. «In unserer Beratungstätigkeit stellen wir aber zunehmend fest, dass die Grenzen verschwimmen und dass Berichte in herkömmlichen Medien oftmals auf Social-Media-Kanäle ‹überschwappen› und zu richtigen Shitstorms eskalieren können, die dann auch wieder von den Medien aufgenommen werden.» Es sei wichtig, solche Dynamiken zu erkennen und zu brechen und Betroffene in dieser Situation zu unterstützen.
Das neue Angebot und die Anstellung einer zusätzlichen Person für die Beratung bei digitaler Gewalt sei umso wichtiger, als «Fairmedia» auch bei «herkömmlichen» Themen immer stärker gefragt sei, betont Leutwyler: In den ersten neun Monaten des Jahres 2026 habe «Fairmedia» schon mehr Fälle betreut als in den ganzen Jahren 2024 oder 2025. Dies deckt sich übrigens mit den Erfahrungen des Schweizer Presserats, der in den letzten Jahren ebenfalls eine deutlich steigende Anzahl neuer Beschwerden verzeichnete, und der UBI, der Unabhängigen Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen, die 2024 (neuere Zahlen liegen nicht vor) einen neuen Rekord an Beanstandungen registrierte.
Bedrohung für die Demokratie
Eine Zunahme von digitaler Gewalt stellt auch die grüne Nationalrätin Meret Schneider fest: «Droh- und Hassmails gehören mittlerweile schon fast zum Alltag; aber das Problem hat mit KI, Chatbots und Deepfakes nochmals ein neues Ausmass und eine neue Qualität angenommen», sagt die Politikerin. «Das bedroht nicht nur die betroffenen Menschen, sondern auch die demokratische Meinungsbildung, wenn sich Politiker*innen aus Angst vor einem Shitstorm nicht mehr frei äussern können und das Publikum nicht mehr sicher sein kann, ob eine Aussage gefälscht wurde oder tatsächlich erfolgt ist.» Die grüne Nationalrätin hat selber einschlägige Erfahrung: Ein Videoclip mit einem Ausschnitt aus einem «Arena»-Auftritt von ihr wurde mit einem gefakten, englischen Text unterlegt und auf Social Media verbreitet.
Deshalb setzt sich Schneider auch für eine schärfere Regulierung der Plattformbetreiber ein: Diese müssten in die Pflicht genommen werden und sicherstellen, dass auf ihren Plattformen Deepfakes und digitale Gewalt keinen Platz hätten. «Leider hat dies der Bundesrat bei seinem Vorschlag zur Plattformregulierung verpasst. Die kürzlich publizierte Vorlage beinhaltet zwar einen etwas besseren Jugendschutz, aber keine genügend scharfe Regulierung der Inhalte», bedauert Schneider.
«Fehlender politischer Wille»
Das sieht Martin Steiger ähnlich, der Anwalt und Experte für Recht im digitalen Raum: «Die grossen Tech-Konzerne müssten endlich in die Verantwortung genommen werden. Man sollte sie zwingen, auch die Risiken ihrer lukrativen Tätigkeit im digitalen Raum zu tragen. Leider fehlt es in der Schweiz am politischen Willen, die grossen Tech-Konzerne wirksam zu regulieren.»
Doch zurück zum Thema Beratungsstellen gegen digitale Gewalt: Meret Schneider fordert den Bundesrat in einem Postulat, das im März überwiesen worden ist, auf, zu prüfen, ob eine staatliche Anlauf- und Opferberatungsstelle für Betroffene von digitaler Gewalt geschaffen werden könnte.
Da ist Steiger skeptisch: «Für mich ist das keine Aufgabe, die staatlich organisiert werden muss. Bei privaten Beratungsstellen sehe ich dauerhafte Subventionen kritisch. Die Arbeit der Beratungsstellen wird dadurch politisiert.» Das zeige sich gerade am Beispiel von «Netz-Courage»: «Wer privat organisiert, aber politisch finanziert ist, gerät in eine problematische Abhängigkeit.»
«Gerichte sind überlastet»
Besser wäre es, wenn der Fokus auf bestehende Aufgaben und deren Verbesserung gelegt würde, meint Steiger auf Anfrage. «Staatsanwaltschaften, Polizei und Gerichte sind vielfach überlastet. Darunter leidet mindestens teilweise eine wirksame Strafverfolgung von strafbarer digitaler Gewalt.»
Der Vorstoss von Meret Schneider zielt allerdings nicht nur darauf ab, neue staatliche Beratungsstellen zu schaffen, sondern zieht auch die Unterstützung bestehender privater Organisationen in Betracht: «Dabei sollen Optionen wie ein Leistungsauftrag an Nonprofit-Organisationen mit entsprechendem Angebot oder die Schaffung einer beim Bund angesiedelten Stelle in Betracht gezogen werden», heisst es in ihrem erfolgreichen Vorstoss.
Mit andern Worten, eine Beratungsstelle wie «Hatehelp» könnte allenfalls von Bundesgeldern profitieren, sollte der Bundesrat zum Schluss kommen, dass dies sinnvoll sei. Schneider begrüsst denn auf Anfrage auch ausdrücklich die private Initiative von «Fairmedia» für eine neue Beratungsstelle für Opfer von digitaler Gewalt.
Das Postulat ist derzeit beim Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartement in Bearbeitung; wann mit einer Antwort zu rechnen ist, kann man dort noch nicht sagen.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.








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