Krise.Elnur_

Kein ernsthaftes Zurückstemmen des Risikos eines Crashs mit Hyperinflation und Massenarbeitslosigkeit. © Enur_/Depositphotos

Was den Finanzcrash auslösen kann (2. Teil)

Urs P. Gasche /  Es drohen Geldentwertung, Konkurse, verbreitete Arbeitslosigkeit, autoritäre Regierungen, Krieg: Was die Lawine lostreten kann.

Finanzexperten sind sich einig: Ein Finanzcrash steht bevor. Es kann dieses Jahr sein oder in wenigen Jahren. Denn niemand weiss, was ganau die Abwärtsspirale auslösen wird, und wann genau der Crash eintritt. Je länger die Probleme mit zusätzlichen Schulden und mit einer Geldschwemme «gelöst» werden, desto härter wird uns der Crash treffen.

Die Folgen werden die Welt verändern.

Siehe 1. Teil: Die Zeichen stehen auf Finanzcrash – die Politik schaut zu

Es gibt viele Schwachstellen, die den Crash auslösen können. Die wichtigsten sechs folgen hier.


1. KI-Konzerne bleiben auf hohen Schulden sitzen

Allein seit Anfang 2026 haben KI-Unternehmen laut der Bank Goldman Sachs 500 Milliarden Dollar Schulden aufgenommen – vor allem, um Rechenzentren zu finanzieren. Besonders riskant sind laut der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) die sogenannten «Schattenkredite»: Die Konzerne lassen Kredite von verbandelten Firmen aufnehmen, damit die Schulden nicht in der eigenen Bilanz erscheinen. Ebenfalls problematisch seien verbreitete Gegengeschäfte: So vergibt etwa der Chip-Konzern Nvidia Kredite an Kunden, die das Geld für Nvidia-Chips ausgeben müssen. 

Die «NZZ» kritisierte dieses «intransparente Netz aus zirkulären Finanzbeziehungen»: KI-Entwickler wie Open AI oder Anthropic würden  in Unternehmen investieren, die sich verpflichten, Produkte und Dienstleistungen von ihren eigenen Aktionären Open AI oder Anthropic zu beziehen: «Auftragslage und Bewertung der Unternehmen werden künstlich in die Höhe getrieben.» Die Finanzierung von KI erinnere «stark an das Instrumentarium, das zur weltweiten Finanzkrise in den Jahren 2008/2009 beigetragen hat.»


2. Intransparente Schattenbanken

Wenn Banken das Ausfallrisiko von Krediten für zu hoch halten, springen wenig regulierte Schattenbanken ein. Sie verlangen für das höhere Ausfallrisiko etwas höhere Zinsen. Die grössten Schweizer Akteure im Schattenbank-Geschäft sind Partners-Group, Pictet Alternative Advisors SA und Swiss Life Asset Managers. Im Ausland sind es Blackstone, Brookfield und weitere. Ihre Namen tauchen selbst auf Börsen- und Wirtschaftsseiten auffallend selten auf. 

Wer dort Geld anlegt, erwartet hohe Renditen. 

Auch die weltweit grössten Vermögensverwalter Blackrock, Vanguard, Fidelity und State Street betreiben mit bestimmten Fonds Schattenbankgeschäfte. Selbst einige Grossbanken beteiligen sich über Tochterfirmen daran. Die UBS beispielsweise investierte Gelder aus Fonds und externen Finanzierungsplattformen in den Auto-Zulieferer First Brands. 2025 ging das Unternehmen pleite und bescherte der UBS einen Verlust von 500 Millionen Franken. 

Das viele Geld zum Anlegen und Spekulieren erhalten die Schattenbanken von Pensionskassen, Versicherungsgesellschaften, Investmentfonds, Family Offices oder Staatsfonds. Damit trägt die Allgemeinheit die Risiken mit.

Nur Spargelder direkt vom Publikum dürfen Schattenbanken nicht annehmen.

Seit Grossbanken nach der Finanzkrise von 2008 etwas besser reguliert wurden, haben sich die Bankgeschäfte zu den Schattenbanken verlagert.

Das betrifft inzwischen über die Hälfte der globalen finanziellen Vermögen. 

«Die Gefahren, die dort entstehen, sehen wir womöglich gar nicht», warnt Heike Buchter, Autorin mehrerer Bücher über die globalen Finanzkonzerne. Der Grund: Die kaum regulierten Schattenbanken müssen nur wenig offenlegen. Deshalb bleiben Kreditbedingungen und Risiken weitgehend im Dunkeln. Alles deute auf eine «verbreitete Sorglosigkeit unter den Anlegern hin», meinte Fabian Keller, Geschäftsführer einer Firma, die unabhängig von Banken Kreditrisiken abklärt, gegenüber der «NZZ am Sonntag».  

Der kaum regulierte Handel, oder besser: die Wettgeschäfte mit gehebelten Derivaten auf Zinsen, Währungen, Aktien und Rohstoffen, wickelt sich auch mit Hilfe von Algorithmen im Hochfrequenzhandel ab. Diese nutzen winzige Preisunterschiede von einem Hundertstel Cent zwischen An- und Verkaufsangeboten aus. Millionenfach am Tag wiederholt, summieren sich die Mini-Gewinne zu enormen Gewinnen. «Da kann kein Mensch mithalten», erklärte Wall-Street-Korrespondent Jens Korte in der «NZZ». 

Schon seit Jahren warnt der emeritierte Zürcher Finanzprofessor Marc Chesney vor den enormen Risiken. Je nach Zeitpunkt erreiche das Volumen allein der «Equity Derivatives» (Derivate auf Aktien) für die Schweiz die unfassbare Summe zwischen rund dem 1000-fachen und dem 260’000-fachen des Schweizer Bruttoinlandprodukts. 

Notverkäufe können eine Kettenreaktion auslösen und so einen Crash herbeiführen.


3. Riskante Geschäfte von Hedge-Funds

Hedge-Funds, die mit geliehenem Geld spekulieren, gehören zu den Schattenbanken. Viele setzen auf Hebelwirkung, um ihre spekulativen Anlagen zu verstärken. Das verspricht schnelle Gewinne, birgt aber auch das Risiko hoher Verluste. Als «Sicherheiten» halten sie unter anderen acht Prozent sämtlicher US-Staatsanleihen.

Ihre Investoren, oft mit Sitz in Steueroasen wie den Cayman-Inseln, wetten mit viel Fremdkapital auf minimale Kursunterschiede. Verluste können zu Liquiditätsengpässen führen und Notverkäufe von US-Staatsanleihen erzwingen. «Das würde deren Kurszerfall weiter beschleunigen, was viele weitere Akteure in Bedrängnis brächte», befürchtet «NZZ»-Wirtschaftsredaktor Markus Städeli. (29.9.2026)

US-Finanzminister Scott Bessent, ein früherer Hedge-Fund-Manager, sieht grössere Verkäufe von US-Staatsanleihen als erhebliches Risiko. Japan etwa wollte den fallenden Yen stützen, indem es Teile seiner US-Staatsanleihen-Reserven verkaufte. Bessent griff ein und kaufte eine Menge Yen für die US-Währungsreserven – nicht um Japan zu helfen, sondern um zu verhindern, dass Japan den Markt mit US-Staatsanleihen flutet. Ein solcher Schritt hätte die Zinsen für diese Anleihen in die Höhe getrieben.

Schon ein Prozentpunkt höhere Zinsen kostet den US-Staat jährlich 90 Milliarden Dollar.


4. Wetten auf Bankrott und Niedergang

In einem kaum regulierten Finanzcasino wetten Finanzjongleure auf den Bankrott von Unternehmen oder Staaten: mit sogenannten CDS-Produkten («Credit Default Swaps»). Ursprünglich sollten diese Papiere Risiken absichern, etwa wenn das Rückzahlen eines Kredits unsicher ist. Doch heute dienen die meisten CDS nicht mehr einer Absicherung eigener Risiken. Sie sind zu reinen Wetten auf Risiken von unbeteiligten Dritten geworden:

  • Man kann wetten, dass ein Unternehmen seine Kredite nicht mehr zurückzahlen kann, ohne ihm je einen Kredit gegeben zu haben. 
  • Man kann auf die Zahlungsunfähigkeit eines Staates wetten, ohne Staatsobligationen von diesem Staat zu besitzen.

Die CDS werden meist ausserhalb der Börsen gehandelt. Ihre Kurse sind ein guter Indikator dafür, ob Kredite an Unternehmen oder Kredite für den Kauf von Staatsanleihen nicht mehr sicher sind und Zahlungsausfälle drohen. Gegenwärtig kostet eine CDS-Prämie von über 110’000 Dollar pro Jahr, um eine Kreditschuld des Meta-Konzerns in Höhe von 10 Millionen Dollar zu versichern. Anfang Jahr genügten dafür 55’000 Dollar. Bei Oracle sieht es noch düsterer aus: Die Versicherung einer Kreditschuld von 10 Millionen Dollar kostet heute eine CDS-Prämie von 300’000 Dollar – Anfang Jahr waren es knapp 150’000 Dollar.


5. Undurchsichtige Finanzierungsmodelle

Eine weitere Unsitte greift wieder um sich: das Verbriefen von Schuldpapieren. Dabei werden Schuldpapiere aufgeteilt, mit andern Schuldpapieren gebündelt und als neue Finanzprodukte an Investoren wie Hedge-Funds oder Versicherungen verkauft. Die Bonität solcher Konstrukte bleibt oft schwer durchschaubar. Verbriefungen – damals von Hypotheken – gelten als Mitverursacher der Finanzkrise 2008/2009. Trotz einiger Reformen warnt der Basler Ausschuss für Bankenaufsicht, dass selbst Behörden die Risiken solcher Finanzkonstrukte nicht ganz durchschauen können. 


6. Weltpolitische Turbulenzen

Zu den finanzpolitischen Risiken gesellen sich düstere Wolken am politischen Horizont: Kriege, Sanktionen, Aufrüstung, Zölle und Handelskonflikte.

Kriege zerstören Produktionsanlagen, Infrastruktur, und Transportwege. Das lässt Energie- und Rohstoffkosten in die Höhe schnellen, was ohnehin überschuldete Unternehmen in die Bredouille bringen kann. Auf den Finanzmärkten zahlen diese Unternehmen dann höhere Risikoaufschläge für ihre Schulden.

Kreditausfälle, Verluste auf Beteiligungen oder Liquiditätsengpässe können das Finanzsystem ins Straucheln bringen. Der Internationale Währungsfonds (IWF) warnt, dass steigende Ausgaben für die Aufrüstung neben Zöllen, Unsicherheit und Marktvolatilität die öffentlichen Finanzen überlasten könnten.

Ein Wirtschaftseinbruch oder ein Kursrückgang an den Börsen allein löst noch keine systemische Finanzkrise aus. Gefährlich wird es, wenn Verluste eine Kettenreaktion auslösen. Der Europäische Ausschuss für Systemrisiken nennt als mögliche Auslöser insbesondere Kreditausfälle, fallende Vermögenswerte und Finanzierungsengpässe.

Spendenbalken rot


«Hausfrauen-Hausse»

Wenn Börsenexperten das Publikum drängen, Aktien zu kaufen, oder trotz aufziehender Wolken nicht zu verkaufen, kündigt sich oft ein Crash an. Im Börsenjargon nennt man diesen letzten Versuch, die Kurse zu stützen, abschätzig eine «Hausfrauen-Hausse». 

Die «NZZ am Sonntag» riet davon ab, Aktien zu verkaufen: «Der Schuldenalarm sollte nicht zu Panik verleiten». 

Die «NZZ» titelte am 11. Juni 2025: «Frauen sind zu vorsichtig beim Anlegen.»

Im August 2026 empfahl Geldberater Martin Spieler in der «Sonntags-Zeitung» den Eigentümern von Konten der 3. Säule: «Idealerweise nutzen Sie Vorsorgefonds mit hohem Aktienanteil.» Einen Monat später warnte er: «Die steigenden Renditen von Anleihen sind aus verschiedenen Gründen ein Alarmsignal. Niemand wird bei einem Crash sagen können, er habe es vorher nicht gewusst.»

«Tipps für Anfänger: in sechs Schritten an den Aktienmarkt»: Mit dieser Schlagzeile richtete sich Börsen-Redaktor Frank Heiniger noch Ende September 2026 an Börsen-Einsteiger. Und dies gleichzeitig in den Tamedia-Zeitungen «Der Bund», «Basler Zeitung» und «24 Heures» .


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
_____________________
➔ Solche Artikel sind nur dank Ihren SPENDEN möglich. Spenden an unsere Stiftung können Sie bei den Steuern abziehen.

Mit Twint oder Bank-App auch gleich hier:



_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Zum Infosperber-Dossier:

Sperber.NurKopf.vonLinks.IS-Hintergrund

Des Sperbers Überblick

Kompaktes Wissen: Hier finden Sie die wichtigsten Fakten und Hintergründe zu relevanten Themen.

Bildschirmfoto20160522um11_33_36

Finanzcasino bedroht Weltwirtschaft

Mit unvorstellbaren Summen darf gewettet werden, dass grosse Unternehmen und Staaten pleite gehen.

Bildschirmfoto20111221um18_39_50

Führt Wachstum zu Glück oder Crash?

Geht uns die Arbeit aus, wenn wir nicht ständig mehr konsumieren? Oder sind die Renten in Gefahr?

Steuerpfichtiger

Mikrosteuer auf alle Geldflüsse

Ein revolutionärer, aber realistischer Vorschlag, um alle Steuern auf Einkommen und die MWSt zu ersetzen.

War dieser Artikel nützlich?
Ja:
Nein:


Infosperber gibt es nur dank unbezahlter Arbeit und Spenden.
Spenden kann man bei den Steuern in Abzug bringen.

Direkt mit Twint oder Bank-App



Spenden


Ihre Meinung

Lade Eingabefeld...