Nordstream

Die Hintergründe der Sprengung der Nord-Stream-Pipeline interessieren weit mehr als Trump und Corona. © Forsvaret

Nord-Stream hat Trump geschlagen

Esther Diener-Morscher /  Das Infosperber-Publikum lässt sich nicht von jedem Reizwort im Titel ködern. Doch bei «Nord-Stream» hat es angebissen.

Sie erinnern sich vielleicht: Vor zwei Wochen erschien auf Infosperber ein Artikel mit dem Titel «Trotz Impfstoff: Trump steckt Putin in der Migros mit Corona an». Die These lautete: Mit diesem erfundenen Titel lassen sich hohe Klickzahlen erreichen. Weil die Wörter oft gesucht werden, und weil sie die Neugier wecken.

Die Klickzahlen zu eben diesem Artikel sollten zeigen, ob die Schlüsselwörter im Titel tatsächlich zu mehr Lesern und Leserinnen führen. Oder ob sich Infosperber-Leserinnen und -Leser nicht ködern lassen.

Die Antwort ist: Von diesem Titel liess sich das Infosperber-Publikum nicht häufiger verführen als von Titeln, die nicht mit Reizwörtern gespickt sind. Dafür erreichte der am gleichen Tag veröffentlichte Beitrag mit dem Titel «Nord-Stream: Neuer Dokumentarfilm lässt Experten zweifeln» Rekord-Klickraten. Sie liessen den Trump-Migros-Artikel ums 27-Fache hinter sich. Der Beitrag gehörte in jenen Tagen zu den Meistgelesenen.

Das Fazit: So einfach ist es nicht, mit einem optimierten Titel das Leserinteresse zu steuern. Trotzdem lässt sich die Aufmerksamkeit der Leser und Leserinnen sehr wohl beeinflussen. Aber das geschieht heute viel raffinierter.

Mehr Auslöser

Einzelne Begriffe in einem Titel genügen meistens nicht, um die Neugier zu wecken. Reisserische Überschriften zielen heute direkter auf die Gefühle der Leserinnen und Leser. Etwa mit Ausdrücken wie «kaum zu glauben» oder «das muss man wissen». Auch die Kombination mit anderen Reizen – etwa mit überraschenden Bildern oder emotionalen Tönen – beeinflusst das Interesse stark. Wichtig ist, dass starke Gefühle ausgelöst werden, egal ob Staunen, Freude, Empörung oder Überraschung.

Schlagzeile
Fiktive Schlagzeile: Ein geeigneter Köder fürs Interesse der Leser und Leserinnen.

Der Schneeballeffekt

Ein Beitrag wird desto mehr gelesen, je mehr andere ihn gelesen haben. Wie bei einer Ansteckung – deshalb spricht man auch vom viralen Effekt – verbreiten die Algorithmen von Internet-Plattformen jene Beiträge schneller, die in den ersten Minuten nach der Veröffentlichung von vielen Lesern und Leserinnen gleichzeitig angeklickt werden. Statt linear steigen die Leserzahlen dann exponentiell.

Die Angst, etwas zu verpassen

Viele Leser bevorzugen Beiträge, bei denen sie sehen, dass diese rege kommentiert oder weitergeleitet werden. Das kann die Angst, etwas zu verpassen, fördern und deshalb zum Lesen animieren.

Klick-Bots

Nicht immer stecken tatsächlich interessierte Leser und Leserinnen hinter vermeintlich hohen Leserzahlen. Schnellen die Klickzahlen sehr rasch in die Höhe, kann das auch heissen, dass jemand die Reichweite eines Beitrags mit automatisierten Klicks oder mit Angestellten, die fürs Klicken bezahlt werden, manipuliert.

Was genau den Artikel über die Sprengung der Gas-Pipeline Nord-Stream so attraktiv gemacht hat, dass er dem fiktiven Trump-Artikel bei der Klickrate so weit überlegen ist, lässt sich nicht eindeutig sagen. Aber sicher weckte der Ausdruck «… lässt Experten zweifeln» Neugier. Ausserdem wurde der Beitrag öfter kommentiert als andere, was wiederum weitere Leser angezogen haben dürfte. Und schliesslich lässt sich auch dieser Schluss ziehen: Trump und Corona sind als Reizthemen vielleicht aus der Mode gekommen.


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Keine
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