Europa braucht eine eigenständige Aussenpolitik
Während europäische Regierungen und Medien die transatlantische Geschlossenheit betonen, warnt eine wachsende Zahl von Realpolitikern vor einem historischen Fehlkurs. Zu ihnen gehört der norwegische Politikwissenschaftler Prof. Dr. Glenn Diesen. In seinem aktuellen «Youtube»-Video The USA is destroying Europe from within sowie auf Facebook zeichnet er ein deutliches Bild: Der Kontinent opfert seine wirtschaftliche Basis und Sicherheit für die Interessen der USA und manövriert sich direkt in die Handlungsunfähigkeit. Am Beispiel von Bundeskanzler Friedrich Merz kritisiert er eine brandgefährliche Eskalationsspirale ohne Exit-Strategie, die Europa zur handlungsunfähigen Last der USA degradiert.
Glenn Diesen lehrt nach Stationen in Amsterdam, Australien und Moskau als Professor an der Universität Südost-Norwegen. Seine Schwerpunkte sind russische Aussenpolitik und Geopolitik. Mit elf veröffentlichten Fachbüchern ist Diesen ein produktiver Analyst, der den Wandel globaler Machtstrukturen untersucht. Kritiker werfen ihm russische Propaganda vor, der russische Sender «RT» zitiert Glenn Diesen immer wieder.
Diesen zufolge verschiebe sich die geopolitische Landkarte rasant, und Europa drohe dabei einer der grössten Verlierer zu werden. Glenn Diesens zentrale These ist so einfach wie provokant: Europa begeht geopolitischen Suizid. Angetrieben von einer Elite, die jeglichen Sinn für Realpolitik verloren habe, opfere der Kontinent seine eigene Zukunft auf dem Altar der US-Hegemonie. Diesen kritisiert vor allem vier Punkte:
1. Der wirtschaftliche Kahlschlag – teure Abhängigkeit statt Souveränität
Europas – und insbesondere Deutschlands – wirtschaftlicher Wohlstand basierte jahrzehntelang auf einer einfachen Formel: Hochentwickelte Technologie kombiniert mit billigen, verlässlichen Rohstoffen aus Russland. Mit dem radikalen Bruch dieser Beziehungen habe sich Europa sein eigenes Fundament entzogen.
Glenn Diesen betont, dass Europa die Abhängigkeit nicht beendet, sondern lediglich getauscht habe. Anstelle von russischem Pipeline-Gas importiert der Kontinent nun um ein Vielfaches teureres amerikanisches Flüssiggas (LNG). Die Folge? Eine schleichende Deindustrialisierung. Während europäische Unternehmen schliessen oder wegen massiver US-Subventionsprogramme nach Übersee abwandern, profitiere die US-Wirtschaft von der Schwächung ihres nominalen Verbündeten.
2. Das Versagen der Sicherheitsarchitektur
Aus Sicht des geopolitischen Realismus erfordert dauerhafter Frieden die Einbindung aller Grossmächte einer Region. Die historische Chance nach dem Kalten Krieg, ein «Gemeinsames Europäisches Haus» unter Einbeziehung Russlands aufzubauen, wurde laut Diesen durch die kompromisslose Expansion der Nato leichtfertig verspielt.
Die Nato dient in dieser Analyse primär nicht der Verteidigung Europas, sondern der Aufrechterhaltung der amerikanischen Dominanz auf dem eurasischen Kontinent. Die künstliche Trennungslinie, die quer durch Europa gezogen wurde, sorge für permanente Instabilität. Westliche Politiker agierten zunehmend in einem moralisierenden «Gut-gegen-Böse»-Narrativ, das rationale Verhandlungen und die Anerkennung legitimer Sicherheitsinteressen der Gegenseite unmöglich mache.
3. Europa als «Strategic Liability» (Strategische Last)
Ein fataler Fehler der europäischen Eliten sei die Verleugnung der langfristigen US-Strategie, so Diesen. Für Washington sei nicht Russland der Hauptgegner, sondern China. Der Fokus der USA verschiebe sich unaufhaltsam in den asiatisch-pazifischen Raum (Pivot to Asia).
Die USA würden den Ukraine-Konflikt benützen, um Russland zu schwächen und Europa enger an sich zu binden. Doch während die USA flexibel agieren könnten, verbleibe Europa in einer Schockstarre. Militärisch entblösst und wirtschaftlich angeschlagen werde der Kontinent von einer potenziell starken Kraft zu einer strategischen Last (Strategic Liability), die völlig handlungsunfähig sei, sobald Washington seine Prioritäten endgültig verlagere.
4. Transatlantische Unterordnung statt echte Souveränität: Der Fall Merz
Besonders deutlich zeige sich dieses Dilemma laut Diesen am Handeln von Bundeskanzler Friedrich Merz. Merz verkörpere das tragische Paradoxon der modernen europäischen Führung: Er erkenne zwar formal, dass Europa eigenständiger werden muss, reagiere darauf jedoch nicht mit souveräner Diplomatie, sondern mit einer noch aggressiveren Fortführung der alten Politik:
- Neokonservative Rhetorik: Diesen wirft in seinem Videobeitrag auf Facebook Merz vor, eins zu eins die veraltete Rhetorik der US-Neokonservativen aus der George-W.-Bush-Ära zu kopieren. Wer argumentiere, Russland agiere rein aus «Hass auf die westliche Freiheit», blende harte geopolitische Realitäten wie die Nato-Osterweiterung aus und verbaue jeden diplomatischen Ausweg.
- Symbolpolitik in Kiew: Der jüngste Kanzlerbesuch von Merz in Kiew inmitten schwerer russischer Luftangriffe demonstriert für Diesen vor allem die europäische Ohnmacht. Merz verspricht weitere Waffen und Milliardenhilfen, während Moskau zeitgleich militärisch die Bedingungen diktiert. Eine gefährliche Symbolpolitik, die Deutschland ohne Exit-Strategie tiefer in den Konflikt ziehe.
- Warnungen vor Hybrid-Angriffen: Bei der Verleihung des Westfälischen Friedenspreises hielt Merz die Laudatio auf das Nato-Bündnis (Infosperber berichtete). Diesen kritisiert, dass das Schüren von Ängsten vor russischen Cyber- und Hybridangriffen bei solchen Anlässen primär als Herrschaftsinstrument diene, um die massive Aufrüstung sowie die wirtschaftlichen Einbussen vor der eigenen Bevölkerung politisch zu rechtfertigen.
- Der Weg in den Grosskrieg: Die Forderungen nach massiver Aufrüstung, weitreichenden Waffensystemen und Debatten über europäische nukleare Abschreckung würden nicht zu Stabilität führen, sondern den Kontinent sehenden Auges in einen potenziell katastrophalen Krieg mit einer Atommacht treiben.
Schlusswort: Das Versagen der europäischen Führung
Die Zerstörung Europas von innen heraus ist laut Glenn Diesen kein rein amerikanisches Komplott. Realistisch betrachtet, tun die USA lediglich das, was Grossmächte immer tun: Sie verfolgen rücksichtslos ihre eigenen nationalen Interessen.
Die eigentliche Verantwortung liege bei den europäischen Eliten, für die Friedrich Merz stellvertretend stehe. Indem sie auf eine eigenständige Aussenpolitik verzichteten, geografische Realitäten ignorierten und sich ideologisch unter transatlantische Vorgaben unterordneten, hätten sie die Interessen ihrer eigenen Bürgerinnen und Bürger verraten. Das Resultat sei ein deindustrialisiertes, tief gespaltenes und geopolitisch irrelevantes Europa, das durch den vollständigen Abbruch diplomatischer Kanäle und eine ungebremste Eskalationsspirale sehenden Auges in die akute Gefahr eines verheerenden kontinentalen Grosskriegs steuere.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine. Manfred Böhm ist Publizist und Buchautor. Er hat katholische Theologie, Philosophie und Politikwissenschaft studiert.
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.










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