«Verschont uns mit der moralischen Aufarbeitung der Coronazeit»
Ringiers «Blick» war voll auf Regierungskurs. Ringier-CEO Marc Walder hatte dem «Blick» den Tarif durchgegeben: «Mit unserer medialen Berichterstattung wollen wir die Regierung unterstützen, damit wir alle gut durch die Krise kommen.»
Bekannt ist, dass die Bundesbehörden Verleger aufforderten, die Öffentlichkeit für die Massnahmen zu gewinnen. Ihre Rolle als Vierte Gewalt im Staat sollten sie bitte vergessen.
Unter den grossen Medien war die «NZZ» die einzige Zeitung, welche selten genug auch kritische Stimmen berücksichtigte. Am 24. September 2026 bilanzierte Bundeshaus-Korrespondentin Katharina Fontana: «Die Corona-Zeit ist auch eine Mediengeschichte, und zwar eine mit düsteren Kapiteln. Mehrere Medien taten das ihre, um mit Worst-Case-Szenarien die Bevölkerung zu verschrecken. […] Wegen des Corona-Regimes wurden Familien entzweit, gingen Freundschaften kaputt, endeten Karrieren.» Es sei deshalb ein Fehler, die Corona-Politik nicht aufzuarbeiten.
Ganz anders Tamedia-Bundeshausredaktor Markus Brotschi. Zu Xhakas Zertifikatsbetrug schrieb er am 23. September 2026: «Es reicht! Wir haben genug von diesem Corona-Nachspiel. […] Darum das Plädoyer: Verschont das Land mit dieser moralischen Aufarbeitung der Corona-Zeit.»
Dabei hätten es «Tages-Anzeiger» & Co. bitter nötig, ihre Rolle während der Corona-Zeit gegenüber ihrer Leserschaft kritisch aufzuarbeiten. Die vielen Tamedia-Zeitungen gaben sich nicht einmal damit zufrieden, die behördlichen Massnahmen und Informationen kritiklos zu verbreiten, sondern forderten wiederholt noch viel strengere Massnahmen, als der Bundesrat sie beschloss.

Der einzige Tamedia-Journalist, der an den Medienkonferenzen in Bern zu den Massnahmen kritische Fragen stellte, war Peter Morf, langjähriger Bundeshausredaktor der «Finanz und Wirtschaft». Als der Bundesrat am 1. Juli 2020 an einer Medienkonferenz die Maskenpflicht in öffentlichen Verkehrsmitteln bekannt gab, stellte Morf die naheliegende Frage, ob es denn eine Evidenz dafür gebe, zu wie vielen Ansteckungen es im öffentlichen Verkehr komme. Es antwortete nicht die anwesende Bundesrätin, sondern der Bundeshaussprecher: «Diese Evidenz gibt es nicht.»
Nach weiteren kritischen Fragen des Bundeshauskorrespondenten verboten ihm seine Tamedia-Vorgesetzten Anfang 2021, weiter über die Pandemie und die Massnahmen zu schreiben. Er schreibe «nicht faktengerecht», unterschob ihm die Chefredaktion, ohne dies je mit einem einzigen Bespiel zu belegen.
Der unterdessen pensionierte Peter Morf erklärte Ende Juli 2026 rückblickend gegenüber «Klein-Report»: «Ich gehe davon aus, dass das Schreibverbot auf eine Intervention der Tamedia-Verlagsleitung zurückging. Diese dürfte eine Folge des Aufrufs des Ringier-Konzerns an alle grossen Schweizer Verlagshäuser gewesen sein, in Sachen Corona die Position des Bundesrates zu stützen. Nach meinem Schreibverbot berichtete die ‹Finanz und Wirtschaft› nur noch unkritisch und staatstreu über Corona.» Auch in der Redaktion des «Tages-Anzeigers» verschwanden kritische Artikel in der Schublade oder Journalisten wurden angewiesen, unliebsame Aussagen in einem Artikel zu streichen.
Genügend Stoff
Die Tamedia-Zeitungen waren nicht nur unkritisch und staatstreu, sondern verbreiteten auch eine Fülle von einseitig alarmierenden und krass irreführenden Informationen. Einige Beispiele:
Die Tamedia-Zeitungen wählten überwiegend Experten und Exponenten aus, welche zur Dramatisierung neigten. Zu Beginn der Pandemie zitierten sie beispielsweise am 8. April 2020 Marcel Salathé, Epidemiologie-Professor an der ETH Lausanne. Beim schlimmsten Szenario sei in der Schweiz ohne Massnahmen mit 20’000 bis 35’000 Toten zu rechnen.
Im gleichen Zug zitierten die Zeitungen Christian Althaus von der Universität Bern. Ein «Worst-Case-Szenario» mit 30’000 Toten sei «nicht ausgeschlossen».
«20 Minuten» ängstigte Anfang Dezember 2021 mit der Schlagzeile: «Wir steuern immer mehr auf eine Katastrophe zu.» Die Zeitung berief sich auf den Infektiologen Andreas Widmer, der die Covid-Massnahmen des Bundesrats für zu schwach hielt.
Andere Experten, welche die Auswirkungen und die Übertragungsart des Sars-Cov2-Virus eher mit der besonders schweren Grippewelle 2017/18 verglichen, kamen in Tamedia-Zeitungen kaum zu Wort.
Neben der einseitigen Auswahl von Alarmisten informierten Tamedia-Zeitungen auch krass irreführend.
So titelte der «Tages-Anzeiger» am 14. März 2021: «Erneut steigende Fallzahlen schränken den Spielraum des Bundesrats ein.» Die Zeitung verschwieg, dass die Zahl der Intensivbehandelten und der Todesfälle am Sinken war.
Regelmässig verbreiteten die Tamedia-Zeitungen – oft mit Grafiken illustriert – steigende «Fallzahlen» und erweckten den Eindruck, es handle sich dabei alles um Erkrankte oder sogar Ansteckende. In Wahrheit handelte es sich lediglich um positiv Getestete. Viele dieser «Fälle» hatten vom Virus nie etwas bemerkt oder waren nur vorher einmal leicht erkältet. Auf jeden Fall waren die meisten zum Zeitpunkt des positiven Tests nicht mehr ansteckend. Trotzdem störten sich Tamedia-Zeitungen nicht daran, dass alle positiv Getesteten in Quarantäne gesetzt wurden oder Zugangsverbote erhielten.
Im Mai 2023 verbreiteten Tamedia-Zeitungen einen Artikel der «Süddeutschen Zeitung» in der halben Deutschschweiz. Es ging um den angeblich ausserordentlich grossen Nutzen der Covid-Impfung. Zwei Impfdosen würden das Risiko von Langzeitfolgen einer Corona-Infektion «um etwa 40 Prozent reduzieren». Diese Information war krass irreführend, weil praktisch alle Leserinnen und Leser die Schlagzeile so verstanden, dass sie ihr persönliches Risiko, an Long-Covid zu erkranken, mit zwei Impfdosen um 40 Prozent verringern können. Falls dies zuträfe, wäre die Impfung ausserordentlich wirksam.
Doch mit den «40 Prozent» war etwas ganz anderes gemeint, nämlich nur der «relative» Nutzen von zwei Impfdosen. Diese relativen 40 Prozent können zwar einen grossen Nutzen bedeuten, aber auch nur einen vernachlässigbar kleinen.*
Es weiss und wusste die Wissenschaftsredaktion des «Tages-Anzeigers», dass die alleinige Angabe der relativen Risikoreduktion («reduziert das Risiko um 40 Prozent») irreführend und wertlos ist.
Am 8. Dezember 2021 durften Prominente im «Tages-Anzeiger» unwidersprochen verbreiten, diejenigen, die sich nicht impfen lassen, seien «Arschlöcher». Auch die Redaktionen von Tamedia stellten Ungeimpfte als unsozial, wenn nicht gemeingefährlich dar.
Das unsinnige Impfen von gesunden Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen haben die Tamedia-Zeitungen mehrfach verteidigt. Einmal kam ein kritischer Experte zu Wort. Doch Kritiker stellten sie auch in die Ecke von Schwurblern.
Über alle diese Probleme hatte Infosperber in den Coronajahren regelmässig informiert.
«Verschont das Land» – oder genauer: Verschont die Tamedia-Zeitungen
An ihre Fehlleistungen wollen die Tamedia-Zeitungen nicht erinnert werden. Nochmals Bundeshaus-Redaktor Markus Brotschi am 23. September 2026:
«Als jemand, der sich mit Überzeugung mehrfach impfen liess, sage ich: Viele haben genug von diesem Nachspiel. Auch wer die Corona-Regeln und die Impfung befolgte, hat nicht zwingend ein Interesse an dieser Art der Vergangenheitsbewältigung. […] Verschont das Land mit dieser moralischen Aufarbeitung der Corona-Zeit.»
Wenigstens Fabian Renz, bei Tamedia damals verantwortlich für Meinungen und Analysen, erinnerte am 17. Januar 2023 in einem Leitartikel an die Rolle der Medien:
«Gerade eine Extremsituation, in der die Freiheit des Einzelnen massiv beschnitten wird, verlangt nach ‹lästigen› Medien: Es kann nicht ihre Aufgabe sein, die Regierenden möglichst ungestört schalten, walten und nach eigenem Gutdünken kommunizieren zu lassen.»
Im Fall von Corona haben die Tamedia-Zeitungen bei dieser Aufgabe versagt. Es überrascht deshalb wenig, dass sie eine Aufarbeitung der Corona-Zeit ablehnen.
_____________
* Das zeigt ein Beispiel mit folgenden konkreten Zahlen:
Erkranken von 10’000 Personen dank der doppelten Impfdosis nur 6 anstatt ohne Impfung 10, dann sind dies zwar 40 Prozent weniger. Doch der Nutzen der Impfungen wäre vernachlässigbar.
Erkranken jedoch von 10’000 Personen dank der doppelten Impfdosis 600 anstatt ohne Impfung 1000, dann sind dies ebenfalls 40 Prozent weniger. Doch der Nutzen der Impfungen wäre enorm gross.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
_____________________
➔ Solche Artikel sind nur dank Ihren SPENDEN möglich. Spenden an unsere Stiftung können Sie bei den Steuern abziehen.
Mit Twint oder Bank-App auch gleich hier:
_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.









Ihre Meinung
Lade Eingabefeld...