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Niedrigwasser in der Aare bei Brugg 2011 © cc-by-nc-sa Kurt Zwahlen, Flickr

Wegen Dürre: Mehr Schadstoffe in Gewässern

Daniela Gschweng /  Weniger Wasser im Bach bedeutet höhere Schadstoff-Konzentrationen - was sich nicht so einfach ändern lässt.

Um Dürre zu sehen, muss man derzeit nicht lange suchen. Der Wasserstand der meisten Gewässer hierzulande liegt gerade zwischen «sehr viel Ufer sichtbar» und «komplett ausgetrocknet». Der Grundwasserspiegel ist im freien Fall, geregnet hat es seit Wochen kaum.

Wo noch Wasser fliesst, lohnt sich ein Gedanke darüber, woraus dieses Wasser besteht. Da wäre einmal Wasser aus Gletscherschmelze oder Quellen, zum andern Wasser aus Kläranlagen. Es gibt derzeit zwar etwas weniger Abwasser, weil kein Regen mehr in die Kanalisation fliesst, aber auch insgesamt weniger Wasser in Bächen und Flüssen. Der Abwasseranteil wächst.

Was durch die Kläranlage rutscht

«Es gibt Fliessgewässer, die bei Niedrigwasser zu nahezu 100 Prozent aus Klarwasser [gereinigtem Wasser] bestehen, andere zu nur sehr geringen Anteilen», sagt der Wasserwissenschaftler Dietrich Borchardt gegenüber dem «Science Media Center» (SCN) über die deutschen Bäche und Flüsse. Es gebe in Deutschland nur sehr wenige Fliessgewässer, in die kein Abwasser eingeleitet werde.

Kein sehr appetitlicher Gedanke. Aber schliesslich wurde das Wasser ja gereinigt, bevor es in ein Gewässer geleitet wurde. Gereinigt heisst: Geklärtes Abwasser enthält weiterhin Phosphor und Stickstoff in den zulässigen Mengen, Fäkalkeime, Viren und andere Erreger, dazu Stoffe, die nicht oder nicht vollständig entfernt wurden: Arzneimittelrückstände, Pestizide, Metalle und langlebige (persistente) Schadstoffe wie PFAS. Je nach technischem Stand der Abwasserreinigungsanlage wurden mehr oder weniger Schadstoffe entfernt.

Das deutsche Umweltbundesamt (UBA) warnt vor steigenden Konzentrationen dieser Spurenstoffe, die auch aus Industrie und Landwirtschaft in die Gewässer gelangen können. Bei Niedrigwasser werden sie weniger verdünnt und ihre Konzentration steigt. In der Schweiz ist das laut dem Bundesamt für Umwelt (Bafu) vor allem im Mittelland und in den Talebenen der Fall. Ein kurzer, heftiger Gewitterregen ändert daran nichts. Der Pegel bleibt insgesamt niedrig, womöglich werden dadurch sogar zusätzlich Schadstoffe ins Wasser eingetragen, die vorher auf trockenem Boden lagen.

Eine kleine Warnung zum Thema: Klares Wasser heisst nicht unbedingt: sauberes Wasser. Das mussten etliche Wanderer in den Pyrenäen kürzlich erfahren, nachdem sie aus Gebirgsbächen getrunken hatten. Laut «SRF» gab es im vergangenen Jahr dort mehr als 50 Notfälle, bei denen die Bergrettung aktiv werden musste.

Dürre und Abwasser – für Fische purer Stress

Als erstes trifft die sinkende Wasserqualiät in herkömmlichen Flüssen und Bächen aber auf Wasserlebewesen, die durch Hitze und Dürre ohnehin gestresst sind. Spurenstoffe können Lebewesen schon in niedrigen Konzentrationen schaden. Warmes, niedriges Wasser vermischt sich zudem schlechter und enthält weniger Sauerstoff.

2022 führte dieses Zusammenspiel zu einem massiven Fischsterben in der Oder. Die wegen sommerlicher Bedingungen schlechte Wasserqualität wurde durch Abwässer weiter verschlechtert, was zum massenhaften Wachstum der giftigen Goldalge führte. Am Ende gab es rund 1000 Tonnen tote Fische.

Für ein Fischsterben braucht es aber keine Algenblüte – Enge, Sauerstoffmangel und Hitze reichen aus, damit Fische sterben. Laut dem VSR Gewässerschutz kann bereits eine Wassertemperatur von 25 Grad für sie tödlich sein.

Kläranlagen müssen umdenken

Wie stark sich Abwasser auswirkt, hängt auch davon ab, was überhaupt in der Kanalisation landet. Vom Zulauf deutscher Kläranlagen entfallen laut «Science Media Center» 58 Prozent auf Schmutzwasser, 24 Prozent auf Regenwasser und 18 Prozent auf sogenanntes Fremdwasser. Fremdwasser ist Wasser, das durch undichte Stellen aus dem Grundwasser in die Kanalisation gelangt oder durch illegale Einleitung. Es gilt als vergleichsweise sauber.

Künftig wahrscheinlich längere Trockenperioden mit niedrigen Pegeln stellen nicht nur ein Mengen-, sondern auch ein Qualitätsproblem dar, schliesst das deutsche Umweltbundesamt aus der Situation im Dürresommer. Gemeinden müssten Vorkehrungen für künftige Trockenereignisse treffen.

Dazu gehört, neu zu berechnen, wie viel Wasser abfliesst und wie viel Wasser das Gewässer, in das eingeleitet wird, überhaupt noch führt. Historische Abflussdaten seien dafür nicht mehr zuverlässig., sagt Manfred Kleidorfer, Professor für nachhaltige Entwicklung urbaner Wasserinfrastruktur an der Universität Innsbruck (ebenfalls zu SCN). Neben den kommunalen Kläranlagen speisen zudem private Kleinanlagen und die Anlagen von Industriebetrieben zusätzliches Wasser in die Flüsse ein.

Das klingt nach viel Rechnerei und einigem Kopfzerbrechen für die Zukunft. Abwasser lässt sich schliesslich kaum zwischenlagern oder verzögern. «Zwischenspeicherung ist wegen des kontinuierlichen Abwasseranfalls nur sehr kurzfristig möglich», so Kleidorfer.

Weniger Ableitung, mehr Schwamm – das heisst aber: noch weniger Wasser

Wünschenswert sei es auf jeden Fall, den Eintrag von Spurenstoffen ins Abwasser von Anfang an zu verhindern, schreibt das deutsche Umweltbundesamt. An einem anderen Gegenmittel wird bereits gearbeitet: Weniger Abwasser – mehr Schwamm, heisst die Devise. Wasser soll durch bauliche Massnahmen zukünftig eher gespeichert und weniger abgeleitet werden. Das heisst, der Grundwasserspiegel wäre im besten Fall weniger anfällig und konstant höher.

Ein Teil dieses in der Umwelt gespeicherten Wassers würde dann aber im Kläranlagenzulauf fehlen. Die Einleitung von Regenwasser beispielsweise gilt als nicht mehr erstrebenswert. Kleidorfer hält es für wünschenswert, gering verschmutztes Regenwasser gar nicht erst zur Kläranlage zu leiten. Moderne Modelle versuchen, Regenwasser dort aufzufangen, wo es anfällt, um Wasser zu speichern – beispielsweise durch Dachbegrünung oder bessere Versickerungsmöglichkeiten. Einige Abwasseranlagen verarbeiten Regenwasser ohnehin nicht mehr, was als nachhaltiger gilt.

«Bei Niedrigwasser wird das gereinigte Abwasser dann weniger verdünnt, wodurch Nährstoffe das Algenwachstum fördern und den Sauerstoffhaushalt belasten können», erklärt Kleindorfer. Belastet werde dadurch nicht die Kläranlage, sondern das Gewässer. Sollte bereits gebrauchtes, aber gering verschmutztes Wasser (Grauwasser) wegen häufigerer Dürren in Zukunft vermehrt anderorts verwendet werden, etwa zur Bewässerung von Gärten, fehlt es den Gewässern ebenfalls als Zufluss.

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