Kommentar
Klima: Zwei Gerichte haben gesprochen – niemand vollstreckt
Man muss derzeit keine Klimastudie lesen, um zu verstehen, worum es geht. Man muss nur nach draussen gehen. Der Juni 2026 war für Westeuropa der heisseste seit Beginn der Copernicus-Datenreihe; in Frankreich und England war es der wärmste Juni überhaupt. Dazu Dürre, Waldbrände, Hitzestress.
Wir spüren am eigenen Körper, was vor allem in Diagrammen stand. Politisch behandeln wir es noch immer, als läge es weit entfernt. Was folgt daraus? Am 23. Juli 2025 stellte der Internationale Gerichtshof klar: Staaten sind völkerrechtlich verpflichtet, das Klimasystem zu schützen. Wer diese Pflicht verletzt, kann eine völkerrechtswidrige Handlung begehen – mit den Folgen der Staatenverantwortlichkeit. Das Gericht verabschiedete das Gutachten einstimmig.
Für die Schweiz war das nicht neu. Bereits im April 2024 hatte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte im Fall der Klima-Seniorinnen entschieden, dass die Schweiz ihre Schutzpflichten verletzt hat – erwirkt von älteren Frauen, die während Hitzewellen um ihre Gesundheit fürchten.
Zwei Gerichte, zwei klare Aussagen. Und dann?
Das Parlament warf dem Gerichtshof im Sommer 2024 in einer rechtlich unverbindlichen Erklärung beider Kammern vor, seine Kompetenzen überschritten zu haben. Der Bundesrat meldete, die Schweiz erfülle die Anforderungen bereits. Eine Gesetzesänderung folgte nicht.
Gerichte können sagen, was gilt. Sie können nicht die Strukturen beseitigen, die eine Korrektur blockieren.
Der bequeme Reflex
Die gängige Erklärung lautet: politische Trägheit. Das stimmt – und erklärt zu wenig. Trägheit erklärt nicht, warum Korrekturen über Jahrzehnte immer wieder abgeschwächt oder abgewehrt werden.
Ein Beispiel aus diesem Sommer: Exxonmobil leitete ein Investitionsschutzverfahren gegen die EU ein. Angegriffen wird eine Vorschrift, die Öl- und Gasproduzenten verpflichtet, bis 2030 Kapazitäten zur CO₂-Speicherung bereitzustellen. Das Verfahren stützt sich auf den Energiecharta-Vertrag, aus dem die EU 2024 ausgetreten ist. Eine Fortwirkungsklausel lässt den Investitionsschutz zwanzig Jahre weiterlaufen.
Ein zweites Beispiel ist historisch gut dokumentiert. Dass Blei im Benzin das Nervensystem schädigt, war früh bekannt. Über Jahrzehnte prägte jedoch eine von der Bleiindustrie finanzierte Forschungseinrichtung die Kriterien dafür, ab wann Blei als gefährlich galt. Die Beweislast lag bei den Geschädigten. Die USA begannen 1973 mit dem Ausstieg; weltweit endete verbleites Benzin für Strassenfahrzeuge erst 2021.
Nicht jede Verzögerung ist gekauft. Aber wer von einer schädlichen Tätigkeit profitiert, verfügt häufig auch über Mittel, ihre Begrenzung abzuwehren.
Mehr als Klima
Schon die Sprache verkleinert das Problem. «Klimakrise» klingt nach einem abgegrenzten Bereich. Tatsächlich geraten gleichzeitig Wälder, Böden, Gewässer, Meere, Artenvielfalt und chemische Kreisläufe unter Druck. Das Klima ist nur die sichtbarste Front.
Die physische Wirklichkeit verhandelt nicht.
Donald C. Jacob
Was wir erleben, ist eine fortschreitende Katastrophe der Biosphäre – und sie ist planetar. Sie kennt keine Nationalstaaten, Weltanschauungen oder Religionen. Ein Hitzerekord hält an keiner Grenze an. Ein kollabierender Wasserkreislauf fragt nicht, welche Partei regiert. Die physische Wirklichkeit verhandelt nicht.
Zu wenig Wissen ist nicht das Problem. Die Daten liegen seit Jahren auf dem Tisch. Wir behandeln die Grundlage von allem politisch trotzdem wie ein Ressort unter vielen. Das Erdsystem ist faktisch das Wichtigste – und institutionell oft das Unwichtigste.
Die Schleife
Ökologische Kosten werden aus privaten Rechnungen ausgelagert – auf die Allgemeinheit, andere Weltregionen, spätere Generationen. Daraus entstehen wirtschaftliche Vorteile. Diese schaffen Geld, juristische Kapazität und Einfluss. Damit können Regeln abgewehrt werden, welche die Auslagerung beenden würden. Dann läuft sie weiter. Der Brandstifter verdient am Feuer – und finanziert mit diesem Gewinn den Abbau der Feuerwehr. Darin liegt die Rückkopplung: Die Tätigkeit, die den Schaden erzeugt, kann zugleich die Mittel schaffen, ihre eigene Korrektur zu schwächen.
Der Brandstifter verdient am Feuer – und finanziert mit diesem Gewinn den Abbau der Feuerwehr.
Donald c. Jacob
Dafür braucht es keine Absprache. Unternehmen schützen Vermögenswerte, Verbände ihre Mitglieder, Regierungen Arbeitsplätze und Einnahmen. Was einzeln vernünftig erscheint, kann zusammen ein System ergeben, das seine eigene Korrektur erschwert.
Ein Urteil verschiebt die rechtliche Lage, beseitigt aber nicht diese Abwehrkapazität. Sie wird weiter finanziert – Quartal für Quartal.
Die Schweizer Lücke
2022 zog das Initiativkomitee den Gletscher-Verfassungsartikel zurück; an seine Stelle trat das Klima- und Innovationsgesetz, das die Stimmbevölkerung 2023 annahm. Ein wichtiges Gesetz – aber eben ein Gesetz. Der Klimaschutz selbst erhielt keinen Verfassungsrang. Verfassungsrang entscheidet darüber, was eine gewöhnliche politische Mehrheit wieder ändern kann. Und Mehrheiten entstehen nicht im luftleeren Raum. Wir behandeln unsere materielle Lebensgrundlage als politischen Gegenstand unter anderen, obwohl sie Voraussetzung dafür ist, dass Politik, Wirtschaft und Recht überhaupt funktionieren.
Was dagegen spricht
Recht kann auch korrigieren. In Deutschland entschied der Bundesgerichtshof, dass die Werbung mit «klimaneutral» erklären muss, worauf die behauptete Neutralität beruht. Welche Seite sich durchsetzt, ist offen. Die Rückkopplung erklärt nicht alles – aber sie erklärt, warum die blockierende Seite so verlässlich über Ressourcen verfügt.
Warum behandeln wir das nicht als Notfall?
Staaten können schnell handeln. Während Covid wurden innerhalb weniger Wochen enorme Mittel mobilisiert, Forschung beschleunigt und Regeln geändert, sobald die Lage als ausserordentlich galt. Warum behandeln wir die Katastrophe der Biosphäre nicht mit vergleichbarer Dringlichkeit?
Nicht mit denselben Massnahmen – aber mit derselben Einsicht, dass Normalbetrieb nicht genügt. Kein Staat kann sich allein schützen. Was zu tun wäre, ist bekannt: Emissionen rasch senken, weitere Zerstörung verhindern, verletzliche Ökosysteme schützen, Anpassung finanzieren und wiederherstellen, wo das noch möglich ist. Dafür braucht es Zusammenarbeit über nationale und weltanschauliche Interessen hinweg.
Und es braucht Verantwortung. Das Verursacherprinzip ist einfach: Wer einen Schaden verursacht, soll seine Kosten nicht auf andere abwälzen. Gewinne können nicht privat bleiben, während Wiederherstellung und Verluste der Allgemeinheit überlassen werden. Wo Schäden nicht mehr rückgängig zu machen sind, gehört auch Reparation auf den Tisch – nicht als Strafe, sondern als Konsequenz.
Und die Regeln selbst?
Damit stellt sich die Verfassungsfrage – nicht als Sofortmassnahme. Eine Verfassung löscht keinen Waldbrand. Sie wäre ein langfristiger institutioneller Wegweiser. Warum schützen unsere Verfassungen Eigentum, politische Rechte und staatliche Ordnung auf höchster Ebene, aber nicht die Biosphäre, von der all das abhängt?
Eine Verfassung für die Erde würde diese Rangordnung korrigieren. Die Funktionsfähigkeit der Biosphäre wäre nicht länger ein Interesse unter vielen, sondern die Grenze, innerhalb derer Politik stattfindet.
Darauf können wir nicht warten. Sofort Schäden begrenzen und Verantwortliche stärker in die Pflicht nehmen – und zugleich die Regeln ändern, die ihre Blockade ermöglichen.
Zwischen Recht und Wirkung liegt eine Machtfrage. Die Frage ist nicht mehr, ob gehandelt werden muss – sondern wer dafür sorgt, dass es geschieht.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Der Gastautor Donald C. Jacob ist Landschaftsarchitekt, Ökologe und unabhängiger Autor in Arlesheim. Sein Buch «This Is Not an Opinion» erschien 2026. Das Working Paper zum beschriebenen Mechanismus ist hier zu finden.
_____________________
➔ Solche Artikel sind nur dank Ihren SPENDEN möglich. Spenden an unsere Stiftung können Sie bei den Steuern abziehen.
Mit Twint oder Bank-App auch gleich hier:
_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.








Ja, wann wird gehandelt? Ich vermute, wenn die halbe Menschheit gestorben ist, weil die Lebensbedingungen zerstört wurden, wird die zweite Hälfte die Lage erkennen und Massnahmen einleiten. Wahrscheinlich zu spät, aber mit vollem Einsatz! Leider wird dann die Aussage: ‚Wir machen alles für das Klima‘ nicht mehr helfen.
Wir brauchen keinen CO2-Fetisch, «Klimaseniorinnen», fragwürdige aktionistische Gerichtsurteile, sondern echten Umweltschutz: weniger Mahden, damit mehr Wasser gespeichert und Verdunstung zurückgehalten werden kann, Stopp für Flächenfraß, Trennung von Brauch- und Trinkwasser, lokale Bevorratung durch Zisternen für Brauchwasser und Bewässerung, Verbesserung der Bewässerungstechnik und Wasserhaltefähigkeit der Böden, Strukturwandel in der extensiven exportorientierten Raubbau-Landwirtschaft im europäischen Süden (eine spanische Gurke in unserem Supermarkt ist nichts anderes als Wasserexport aus einem Dürreland), verpflichtende Ausstattung von Pflegeeinrichtungen mit Klimatechnik und deren geförderter Einbau bei Mindestpensionisten, strengere Auflagen bei Kaltluftschneisen usw. usw. Bislang wurde uns in der EU für «Klimaschutz» ein dreistelliger Milliardenbetrag aus der Tasche gezogen – wo sind die Resultate?
Danke, Herr Jacob, Ihre Logik ist klasklar, Ihre Forderungen eine Selbstverständlichkeit. Die 30% Ablehnung selbst hier bei Infosperber zeigen, dass die Einsicht weitherum leider fehlt. Trotzdem dürfen wir nicht einfach entmutigt aufgeben, sondern müssen dranbleiben.
Wir machen wieder einmal darauf aufmerksam, dass weder die Ja und Nein bei der Frage nach der Nützlichkeit eines Artikels noch die Kommentare für unsere Leserschaft repräsentativ sind. Es melden sich vorwiegend diejenigen, die gegen den Inhalt eines Artikels etwas einzuwenden haben.
Das Klima wandelt sich, ja, aber wir werden das nicht aufhalten können. Besser ist es in Maßnahmen zu investieren, die die Schäden minimieren,wie eine vernünftige Energiepolitik ohne Ablasshandel oder Waldzerstörung für überflüssige Windenergieanlagen, Verbot des Bauens nah am Wasser, Investition in Feuerschutz etc.
In Massnahmen investieren das ist eine reine Pflästerli-Politik.
Das machen wir schon will zu lange und ohne Erfolg.
Es geht nur noch über den Verzicht, Zurückhaltung mit unseren Ansprüchen. Insbesondere sollten unsere Jet-Setter damit anfangen. Von diesen werden soviele Resourcen vergeudet.
Man muss auch als Mittelständlerin nicht jährlich zig-mal in die Ferien fahren.
Ferien daheim auf Balkonien mit einem Drink, im Park oder auf einem Bänkli am Waldrand ein Buch lesen, das kann sehr inspirieriend sein.
Wenn wir wieder Woche für Woche die Staus auf den Autobahnen erleben. Diese Völkerwanderungen wären nicht nötig.
Auch wird immer noch viel zu viel geflogen.
Lustvolle Erlebnisse lassen sich mit Fantasie auf ganz einfache Weise und in der Nähe vom Zuhause erzielen.
Wie wäre es mit einem solchen Aufbruch zu neuen Ufern?
Die Politik verschlampte es in den vergangenen Jahren etwas nützliches gegen Hitze und Trockenheit zu tun. In den Städten wurden Plätze weiterhin als Parkplätze geteert. Diese heizen sich wie eine Herdplatte auf. Begrünung und und Wasserelement würden wenigstens ein wenig kühlen. Es besteht kein nationales Wassermanagement. Es wird immer noch mit Beton gebaut. Mit naturbasiertem Bauen würden Kühlungen erhöht . Gebäude müssen mit besserer Durchlüftungsmöglichkeiten und Wärmedämmung erstellt werden. Ältere Liegenschaften saniert.
Das kostet muss aber investiert werden.
Lieber Ruedi Basler
Die Hitze hat diesmal sogar in meinem bestens isolierten Haus Einzug gehalten, sodass das Schlafen schwierig wird. Den Schatten unter der Pergola und den Bäumen kann man vor allem frühmorgens und abends geniessen.
IPCC-Bericht: „Der Weltuntergang ist abgesagt“ – Fritz Vahrenholt im Interview.
Klingt vernünftig.
Es gibt Hinweise, dass der alleinige Fokus auf CO2 der Klimaveränderung nicht gerecht wird, und deshalb die entsprechenden Massnahmen untauglich sind.
Die Wolken und die Art der Wolken könnten auch einen Einfluss haben. Dazu gab es in den letzten Jahren Untersuchungen. Darunter:
Contraction of the World’s Storm-Cloud Zones the Primary Contributor to the 21st Century Increase in the Earth’s Sunlight Absorption (Geophysical Research Letters, 2025)
Kognitive Verzerrungen (Bias) nehmen immer mehr zu.
Jede Gesellschaft wäre kurzfristig gut daran, wenn mehr Menschen verstehen würden, sich von den extrem libertären fossilen Kapitagewaltigen Konzernen u. den Händlern mit Öl und Gas unabhängig zu machen.
Jetzt habe die internationalen Händler vorsätzlich aber kein Gas Flüssiggas eingekauft, weil die Preise für Gas wegen der Iranpolitik von Trump schon jetzt relativ saisonal sehr hoch sind.
So wurde viel zuwenig Gas in D-Gaspeicher eingelagert. Die Lieferverträge mit Termin Winter erlauben den Händlern dann sehr überhöhte Preise zu verlangen.
Wir leben zunehmend weniger in einer gut funktionierenden Demokratie (siehe die Entmachtung der Judikative) , sondern in einer immer besser funktionierenden extremeren Plutokratie
(Herrschft gewaltiger Kapitalmassen)
In den USA gibt es einen bezeichnenden Sruch: Work smat, not hard.
Generell lohnt sich Leistung, aber weit vor allen für die Kapitalgewaltigen (Eigentümer, Verwalter)