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Ventilatoren an öffentlichen Orten könnten bald eine Notwendigkeit werden. © Bruno/pixabay

Zunehmende Hitze bedroht die öffentliche Gesundheit

Daniela Gschweng /  Eigentlich müssten wir schon angefangen haben, uns auf eine heissere Zukunft vorzubereiten. Vor allem im Gebäude- und Städtebau.

Gesundheitsgefahren durch Wetterereignisse werden in Mitteleuropa vor allem mit Kälteeinbrüchen und Extremwetter wie Stürmen und Überschwemmungen in Verbindung gebracht. Die zunehmende Bedrohung durch steigende Temperaturen wird dabei oft übersehen.

Statistisch gesehen ist das nicht ganz falsch. Kälte ist in Europa zehnmal tödlicher als Hitze, was sich in etwa 30 Jahren aber ändern dürfte. Weltweit übersteigt die Anzahl der Opfer von Kälteereignissen die der Hitzetoten, stellt eine umfassende Studie fest. Hitze sei ein zunehmendes Gesundheitsrisiko, warnt dagegen die Hauptautorin Katrin Burkart im Fachmagazin «The Lancet». 2019 sind demnach schätzungsweise 356‘000 Menschen weltweit an Hitze gestorben. Etwa ein Drittel aller Hitzetoten sei auf den Klimawandel zurückzuführen, stellte eine andere Studie in «Nature Climate Change» fest.

Hitzefolgen für die Gesundheit «entscheidende Frage des Jahrzehnts»

Wie mit einem zunehmend heissen Klima und dessen gesundheitlichen Folgen umgegangen werden soll, seien zwei der entscheidenden Fragen dieses Jahrzehnts, schreibt «The Lancet», der dazu in seiner August-Ausgabe mehrere Artikel publiziert hat. Nach einem vergleichsweise kühlen Sommer hört sich diese Aussage zwar zugegebenermassen seltsam an, die Vorhersagen für die Zukunft sind jedoch eindeutig: Wir werden zunehmend mehr und längeren Hitzewellen ausgesetzt sein.

IPCC Forecast Europe Temp Prec
Temperaturvorhersage des IPCC für Europa nach Grad der Erderwärmung (1,5/2/4°C) im Winter (linke Spalte) und Sommer bis etwa 2100.

Wie rechtzeitig und wie erfolgreich wir gegen Hitzegefahren vorgehen, wird weitreichende Auswirkungen auf Produktivität, öffentliche Gesundheit und Gesellschaft haben. Kleine Einschränkungen wie grosse Planungsaufgaben, die sich jahrzehntelang auswirken werden, werden unseren Alltag verändern.

Hitzegefahren werden unser Leben verändern

Die ersten Beispiele für Hitzerisiken sehen wir bereits. Bei der letzten Austragung der olympischen Spiele in Japan waren Temperatur und Luftfeuchtigkeit beispielsweise so hoch, dass für teilnehmende Sportler Lebensgefahr bestand. Das lag nicht nur am Klimawandel, sondern auch am Veranstaltungsort und an der Jahreszeit. In Folge kam die Frage auf, ob Leistungssport unter solchen Bedingungen noch zu rechtfertigen ist.

Dieselbe Frage könnte bald für Sportunterricht am frühen Nachmittag, Arbeiten, die draussen erledigt werden müssen, oder zur Bewegungsfreiheit älterer Menschen in den Sommermonaten gestellt werden. Durch Hitze gefährdet sind besonders ärmere und ältere Menschen sowie solche, die in Berufen arbeiten, in denen sie sich schlecht schützen können, beispielsweise im Handwerk oder im Strassenbau.

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Der Körper reagiert auf Hitze mit verschiedenen Massnahmen, um sich kühl zu halten. Schafft er das nicht, versagen Herz und Kreislauf.

Der Körper reagiert auf Hitze mit zwei Massnahmen: Er leitet vermehrt Blut zur Haut und er produziert Schweiss, um die Körperoberfläche abzukühlen. Wenn sich der Körper mehr aufheizt, als er sich durch die sogenannte Verdunstungskälte beim Schwitzen abkühlen kann, geraten Herz, Kreislauf und zunehmend auch andere Systeme und Organe an ihre Grenzen. Wann konkret, hat nicht nur mit der Temperatur, sondern auch mit Luftfeuchtigkeit und Luftbewegung zu tun.

Die Hitzeanpassung müsste schon begonnen haben

Gesundheitsrisiken durch Hitze müsse dringend mehr Beachtung geschenkt werden, schreibt der «Lancet». Wir müssten eigentlich schon längst angefangen haben, uns auf lebensbedrohliche Hitze einzustellen. Vor allem in Städten, vor allem dort, wo ältere, vulnerable und arme Menschen leben. Besonders in Bereichen, die lange Vorlauf und jahrzehntelang Bestand haben, wie im Städte-, Wohnungs- und Strassenbau.

Eines der wirksamsten Mittel gegen Hitzeüberlastung sind Klimaanlagen, listet der «Lancet» auf. Klimatisierung reduziere beispielsweise die Sterblichkeit in Spitälern während einer Hitzewelle um bis zu 40 Prozent. Sie hält die Produktivität an Büroarbeitsplätzen und die Leistung in Schulen und Universitäten aufrecht. Ein Stromausfall während einer Hitzewelle kann bereits jetzt Leben kosten. Klimatisierung wird gemäss einer Auswertung der möglichen Gegenmassnahmen gegen Hitzeüberlastung die weltweit meistadaptierte Technologie werden, schätzt das Autorenteam.

Der Nachteil daran: Für weniger gut gestellte Bevölkerungsschichten sind Klimaanlagen unerschwinglich, für die Gesamtbevölkerung ökologisch kostspielig, für das Klima wenig schonend. In vielen Klimageräten stecken klimaschädliche Chemikalien und sie heizen städtische Gebiete durch Abwärme noch mehr auf. Wie sich der Energiebedarf tausender Klimageräte mit einem in der Zukunft voraussichtlich reduzierten Stromangebot in Übereinstimmung bringen lässt, ist ebenfalls unklar. Die Internationale Energieagentur (IEA) schätzt, dass der Energiebedarf für die Kühlung von Gebäuden bis 2030 weltweit um bis zu 50 Prozent steigen wird, wenn keine Gegenmassnahmen ergriffen werden.

Städtebau: «Blaue» und «grüne» Inseln

Städte können um bis zu zehn Grad wärmer werden als die umgebende Landschaft, in der Stadt lässt sich aber auch viel gegen Erwärmung tun. «Blaue Inseln» wie Seen, Flüsse und Brunnen müssen in der Stadtplanung grösseres Gewicht bekommen, schlagen die Autoren vor. «Grüne Inseln», das heisst Bäume, Büsche, bepflanzte Verkehrsinseln und Vorgärten können das Stadtklima durch Beschattung und Verdunstung verbessern. Kühle Orte verursachen Luftbewegung, was weiter abkühlt. Zu Pflanzen in Parks äussern sich die Autoren eher vorsichtig. Parks geben zwar Kühlinseln ab, verbrauchen aber auch viel Platz und Wasser.

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Wärmebild der Stadt Atlanta

Statt einen Platz an der Sonne werden wir in Zukunft öfter einen Platz im Schatten suchen. Die Beschattung von Schulhöfen, Sportstätten und vor allem von Alten- und Pflegeheimen sollte in der Planung höhere Priorität haben. Ältere Menschen schwitzen nicht nur weniger, sie nehmen auch oft Medikamente, die die Hitzeempfindlichkeit steigern. Infrastruktur wie glühend heisse Bushaltestellen, die in der Mitte von vielbefahrenen Strassen liegen, sollte es in Zukunft nicht mehr geben.

Und mal wieder: Individualverkehr und Bauvorschriften

Viel Verkehr, das dürften die meisten Menschen aus Erfahrung wissen, heizt die schon grösstenteils versiegelte, stark reflektierende Stadt zusätzlich auf. Auf stark befahrenen Strassen ist die Temperatur wochentags, wenn viel Betrieb ist, um mehrere Grad höher als am Wochenende. Autos wirken wie eine Heizung, auch dann, wenn sie nur geparkt sind, das haben Messungen in München an einem nicht allzu heissen Tag gezeigt. Bei Hitze sollte es Möglichkeiten geben, den Verkehr zu drosseln – was allerdings den Preis zumindest vorübergehend eingeschränkter Mobilität hätte.

Dämmung, Anstriche und Fassadengestaltung, die die Hitzeentwicklung reduzieren, müssen bei jedem Neu- und Umbau eingeplant werden, genauso wie Klimaanlagen und gut isolierende Fensterbedeckungen. Nicht nur da müssen Bauvorgaben überdacht werden: Bisher sind Klimaanlagen und Dämmungen in der Schweiz auf 40 Grad Aussentemperatur ausgerichtet. Gemessen wird in der Regel mit Sensoren an einem schattigen Teil der Fassade. An heissen Tagen und in der Stadt könnte das zukünftig zu wenig sein.

Kein Gebäude dürfte mehr geplant werden, ohne an steigende Temperaturen zu denken

Kein Pflegeheim, kein Spital, keine Veranstaltungs- und Sporthalle dürfte mehr geplant, gebaut oder umgebaut werden, ohne dass Kühlung mitbedacht wird. Dasselbe gilt für Wohnungen, die sich potenziell stark aufheizen, wie Dachwohnungen oder Gebäude mit Flachdächern, sonst werden sie zu Hitzefallen. «Thermische Umweltverschmutzung» durch Abgase oder Hitzeinseln – beispielsweise auf breiten Strassen, Firmengeländen oder in Industriegebieten – muss bekämpft werden.

Für alle Orte, an denen sich viele Menschen versammeln wie in Sportstadien, Konzerthallen oder Kirchen bräuchte es in Zukunft nicht nur andere Bauvorschriften, sondern auch ein Hitzekonzept. Einen «Heat Action Plan», wie es ihn beispielsweise für Phasen hoher Luftverschmutzung oder Ozonwerte gibt, haben bisher nur wenige Städte und Länder weltweit.

Teile davon könnten praktisch so lauten: Trinkwasser ist kostenlos zur Verfügung zu stellen. Ventilatoren oder Klimaanlagen in Wartezimmern, öffentlichen Verkehrsmitteln, Schulen und Restaurants sind ab einer bestimmten Hitzewarnstufe Pflicht. Wasserspender in Einkaufszentren gehören zur Standardeinrichtung, Restaurants müssen Leitungswasser kostenlos anbieten.

Die Schweiz ist besser vorbereitet als viele andere Länder

Die Bevölkerung wird bei ungünstigen Wetterprognosen gewarnt. Bei Veranstaltungen im Freien muss der Veranstalter für Beschattung sorgen. Für besonders gefährdete Personen gibt es Hitzebetreuung, gefährliche Tätigkeiten werden während der wärmsten Stunden des Tages eingeschränkt, nichtklimatisierte Sportstätten werden geschlossen.

Die Schweiz ist besser vorbereitet als die meisten anderen Länder und gilt bei der Vorsorge für Hitzeereignisse als Vorzeigeland. Das Schweizer Tropeninstitut machte schon 2017 Vorschläge, wie Gesundheitsgefahren durch Hitze auf verschiedenen gesellschaftlichen und organisatorischen Ebenen begegnet werden kann. Die seit einer Hitzewelle 2003 in mehreren Kantonen eingeführten Hitzeaktionspläne haben sich bewährt. Auch in Deutschland, England, Frankreich, Italien und Spanien gibt es regionale oder landesweite Hitzewarnpläne.

Potenzial gibt es noch im Gebäudebau. So gibt es beispielsweise in vielen Treppenhäusern keine Möglichkeit, die Fenster abzudecken. Grosse Glasflächen an Fassaden können oft nicht abgedeckt werden, Vorgärten werden versiegelt statt bepflanzt. Grosstädte in den USA experimentieren längst mit hellen Anstrichen für Flachdächer und Stassen, Dachbegrünung und hitzetolerantem Asphalt.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Zum Infosperber-Dossier:

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7 Meinungen

  • am 5.09.2021 um 13:33 Uhr
    Permalink

    Eine weitere nette Panik um den Leuten zusätzlich Kohle aus der Tasche zu ziehen. Ähnlich wie bei Corona, werden dazu ein paar Tausend angebliche «Hitzeopfer.?» benutzt, um eine Gesamtgesellschaft zur Kasse zu bitten. ….. In fernerer Zukunft werden die Menschen, wenn es diese dann noch gibt, wohl vom Zeitalter des «homo hystericus» sprechen

    10
    • am 6.09.2021 um 00:17 Uhr
      Permalink

      Wohl eher vom «Homo ignorans»…….

      2
    • am 6.09.2021 um 12:38 Uhr
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      Vielleicht… obwohl ich die ganzen hysterischen Anfälle, planetarischer Gesellschaften, der letzten Jahre, für eine durch Wohlstandsverwahrlosung zurück zu führende Lebensunfähigkeit halte.

      1
    • am 6.09.2021 um 13:59 Uhr
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      Ignorieren ist sicher der falsche Ansatz.

      Das gilt sicher für die mehrheitlich unbestrittene Erwärmung.

      Genauso sicher gilt es auch für die Überhöhung von Problemen aufgrund von Umverteilungsfantasien und Hyperaktivismus.

      Ich bin deshalb für den Ausdruck «Homo hystericus et ignorans» 😉

      0
    • am 7.09.2021 um 01:47 Uhr
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      ok

      0
  • am 6.09.2021 um 14:38 Uhr
    Permalink

    Leider steht unter einer Darstellung der Temperaturen «Temperaturvorhersage des IPCC für Europa …».
    In der Tabelle indes steht «Projected changes …».
    Draus schliesse ich, dass hier jemand den Unterschiede zwischen Vorhersage (=Prognose) und Projektion nicht kennt bzw. versteht. Ein grosser Teil der Klima-Hysterie gründet darin, dass uns Projektionen als Prognosen verklickert werden.
    Ein kleines Beispiel aus der Corona-Hysterie: Exponentielles Wachstum (ohne jeden bremsenden Faktor) ist eine Projektion, die Extrapolation eines Trends, und damit hypothetisch. Logistisches Wachstum (Das ist die Kurve, die abflacht, weil die Reserven ausgehen) ist eine Prognose und damit in der Praxis viel wahrscheinlicher.
    Wie immer: Der Unterscheid zwischen Theorie und Praxis ist in der Praxis grösser als in der Theorie..

    2
    • am 7.09.2021 um 08:53 Uhr
      Permalink

      Ja lieber Herr Aerne,

      Die Projektionen des IPCC waren bisher immer politisch schöngeredet und sind es noch immer. Vom IPCC stammt ja auch das unerreichbare 1,5 Grad-Ziel. Erst in seinem neuesten Bericht bequemt sich das IPCC, die vielen und seit Jahrzehnten bekannten selbstverstärkenden Feedbacks etwas zu berücksichtigen, welche nach James Hansen, welche überhaupt matchentscheidend sind.

      Und wenn wir dem berühmten britischen Polarforscher Peter Wadhams zuhören, der an über vierzig Arktisexpeditionen teilgenommen und den Nordpol viele Male im Unterseeboot unterquert hat so tönt es ganz anders: Die Kippunkte für den Verlust des arktischen Meereises und des nördlichen Landeises sind überschritten. Der Eisdeckel über der Arktis wird im Sommer bald verschwinden, dann entfällt seine kühlende und zugleich wärmereflektierende Wirkung. Erst danach wird sich das in der Arktis nicht sehr tiefe Meer rasch erwärmen, und der erwärmte Meeresboden wird zusammen mit dem auftauenden Permafrost Unmengen von CO2 und Methan freigeben, was den Treibhauseffekt und die Freigabe weiterer Treibhausgase akut verstärken wird. Je nachdem ob man es über 100 oder 20 Jahre rechnet hat Methan einen ca. 30 oder 80 mal grösseren Treibhauseffekt als CO2. Wenn wir Pech haben wird der unbewohnbare Planet eine Frage von Jahren.

      Video hier: https://www.youtube.com/watch?v=1PJon1u3U5M
      Deutsche Transkription hier: https://www.journal21.ch/arktische-apokalypse

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