Kommentar

kontertext: Die Tempelwächter in meinem Regal (2)

Michel Mettler © zvg

Michel Mettler /  Das Buch: Von Netzpionierinnen totgesagt, beim Umzug eine Last, Sammelobjekt, ausgelagertes Gedächtnis und als Medium unsterblich.

Im ersten Teil wurde beschrieben, wie etwas Feuchtigkeit an falscher Stelle genügt, um im häuslichen Leben tektonische Verschiebungen auszulösen: den Abbau lange unverrückter Regale, die Durchsicht von Ungelesenem und die Entdeckung geheimer Lebensräume hinter Büchern.

Ein wachsamer Leser hat mir vom Kulissenstaat seiner eigenen Bib­liothek berichtet, besonders einprägsam von jener «zweiten Reihe», die hinter den sichtbaren Titeln stehe. Ich nehme an, dass Platznot diese prekäre Sortierung erzwang – jenes Engegefühl, das sich regt, wenn die Errungenschaften eines Lebens beginnen, das tägliche Selbstsein einzuschränken.

Tröstliches Standby

Um einen Notstand geht es hier zwar nicht, eher um Probleme des Surplus: Solange ein Haus einigermassen fest steht, sind auch die Bücher leidlich vor Elementarschäden sicher. Doch in diesem Som­mer der Flächenbrände, mit Bildern von rauchenden Haustrümmern rundum, stellt sich die Frage: Wie viel von dem Vielen tut not und was erübrigt sich, ehe Flammen alles verzehren?

Egal wie die Antwort lautet: Auf jenen Seiten ist gespeichert, was im Lauf der Jahre nur teilweise Platz fand in einem menschlichen Hirn. Was dort hingegen fest verankert ist, wird den begleiten, der mit dem Leben davonkam. Gedrucktes entschwindet als Rauchschwade über seinem Kopf, und der Entkommene wird froh sein über alles, was er sich merken konnte (mit ein Grund, weshalb in bewegten Zeiten gern gedichtet wurde).

Im Zeitalter der Energieknappheit, in dem Suchanfragen die neuen Stromfresser sind, wirkt der Anblick von Büchern bei aller Brennbar­keit beruhigend. Nie haben sie ihren Dienst versagt. Kein einziges Mal erschien beim Öffnen eine Fehlermeldung anstelle des Texts. Ihr tröstliches Standby – um es nicht Beistand zu nennen – kann auf jede Stromzufuhr verzichten. Mein ausgelagertes Gedächtnis bleibt im­mun gegen jeden Blackout. Das zarte Vergilben des Papiers ist seine einzige Konzession an die Zeit

Stehwache wider das Vergessen

Bis der schadhafte Boden repariert ist, wartet meine Regalgarde da­rauf, aus dem Schachtel-Exil befreit zu werden und wieder in ihr Spa­lier zurückzukehren. Und ich meine zu hören, wie sie flüstert: «Behal­te uns. Was du dir nie merken konntest und nicht mehr wirst merken können, findest du auf unseren Seiten.»

Aber darf nicht auch etwas Vergessen sein? Sollen sie um jeden Preis wieder dort hinauf neben ihre alten Nachbarn, um gemeinsam einzu­stehen für alles, was auf Harddisk unsicherer lebt als auf Dünndruck­papier?

Am Putz zeugen feine Schatten von dieser Stehwache wider das Ver­gessen. Im Geistergrau ihrer Abwesenheit scheint alles noch da, und doch ist mir, als hätte es meine Tempelwächter nie gegeben – in einer Gesellschaft, die das lustvolle Vergessen pflegt.

So schnell ist die Summe jahrelangen Bemühens abgetakelt – aus den Augen, aus dem Sinn.

(K)ein moralisches Entweder-Oder

Die Autorin und gelernte Buchhändlerin Kathrin Passig hat 2010 in einem vielbeachteten Essay geschildert, wie sie sich nach und nach von ihrer privaten Bibliothek trennte. Sie plädierte für das elektroni­sche Lesen und gegen Bücherregale als Statussymbol.

Beim Wiederlesen wirkt ihr Furor der Abfertigung bereits etwas an­gejahrt. Der Kulturkampf, den sie für entschieden hielt, dauert fort, nicht als offenes Gefecht, aber als Hängepartie. Die Liebe zum Greif­artikel Buch, die vor fünfzehn Jahren ewiggestrig und technophob anmuten mochte, feiert Urständ, in Strömungen wie Booktok und in Genres wie Fantasy und New Adult. Und wer an bibliophilen Fines­sen hängt, den verwöhnen Buchreihen wie etwa die Naturkunden bei Matthes & Seitz.

Physisch oder virtuell, das ist heute weniger eine ideologische als eine lebensästhetische Entscheidung. Sie fühlt sich nicht an wie ein mora­lisches Entweder-Oder. Sind Bücher im einen Fall Kultobjekt, mehr jedenfalls als Gefässe für Lesestoff, dann im andern Gebrauchsgegen­stände, die man beliebig wechselt und tauscht, etwa in öffentlichen Bücherschränken. Ich kann nach einer besonderen Ausgabe suchen, einen Liebhaberpreis bezahlen und mich beglückt in meine Leseecke verkriechen. Ich kann aber auch meine tägliche Krimi-Dosis vom E-Reader ziehen – oder googeln, um aus anderer Richtung die Tiefsee des Wissbaren zu erschliessen. Viele Spielformen des Erkundens und der Unterhaltung stehen Seite an Seite – die Erstausgabe neben dem fleckigen Taschenbuch oder dem schnöden Scan.

Ein submarines Gefühl

Es mag auch eine Frage des Lesetemperaments sein. Durchforste ich die Reiche des Bildschirmwissens, kann sich ein Landunter-Gefühl einstellen, obwohl diese Verknüpfungsfülle auch mich berauscht. Wogen an Information schlagen über mir zusammen – was mit Surfen begann, wird zum Tauchgang. Je nach Stimmung fühlt sich das be­flügelnd oder ermüdend an. Nur einer kleinen Frage wollte ich nach­gehen, nun aber treibe ich Link um Link weiter, im Click-Takt vom Hölzchen aufs Stöckchen hinaus ins Unabsehbare – meist nur knapp unter der Wasserlinie, kaum je wirklich in der Tiefe. Statt «Surfen» sollte man es «Schnorcheln» nennen: Man späht von fern in die Tief­see der schriftlichen Niederlegungen hinab.

Das Internet ist das perfekte Gegenteil einer Handbibliothek. Liquid crystal: Alles erscheint im selben Nahbereich, geruchlos und frei von Gebrauchsspuren. Die Hand hat nichts zu greifen, obwohl sie eifrig an der Maus zugange ist. Bei diesen Fischzügen wird das Auge, die Instanz des visuellen Zeitalters, zum Mund des Wals. Es saugt Plank­ton ein. Das Nächst-Fernste soll durchs Pupillentor treten, um mit seinem Formenreichtum von mir Besitz zu ergreifen. Nun macht die Ästhetik der Überwältigung mich zum Strichmännchen und Lese­gnom: Zwei übergrosse Augen quellen als Bildschirmgegenüber aus einem schrumpfenden Körper …

Kontinente an Ungelesenem

Sehe ich mich in meiner entbücherten Kammer um, wird mir klar: Auf karg möbliertem Beton und zwischen nackten Wänden wäre hier ebenso gut leben. Doch wohin mit den Büchern?

Jenseits kultureller Polaritäten fragt sich, wovon ich mich trennen soll. Welche haben einen Erinnerungswert, der über das Biografische hinausgeht? Welche dienen der Tradierung von Inhalten, an denen mir liegt, weshalb ich sie meinen Enkeln aufs Kissen legen wollte? Und welche müssen bleiben, weil ich sie dringend (nach-)lesen muss? Sie bergen Versprechen auf Abenteuer- und Erkenntnisreisen – alle­samt uneingelöst. Und sie sind da, weil ich es wollte. Sie enthalten kein wolkenhaftes Wissen wie das Netz, sie zeugen von meinen Inte­ressen an einem bestimmten Punkt.

Alle Desiderate, die sich zwischen uns aufgebaut haben, kulminieren jetzt im Wunsch, mich sofort diesen Kontinenten an Ungelesenem zu widmen.

Aber was genau habe ich versäumt? Ich weiss es nicht. Bald denke ich: alles – weil ich den Weg einschlug, den ich gegangen bin. Bald denke ich: nichts – aus demselben Grund.

Streng oder ungezügelt?

Statt zu handeln, sinne ich nach und merke, wie dieser Text auf lau­ter Ambivalenzen hinausläuft. Wer aufräumen und sich von Überflüs­sigem trennen will, kennt den Rigorismus der Entrümpelung, einen kalten Rausch: Ich möchte Leichtigkeit gewinnen und werfe Ballast ab, um mir einen geordneteren Lebensstil anzueignen. Er soll frei sein von den Sachzwängen und Wühltischen des dinglichen Lebens. Es entstehen Wunschbilder von einer kahlen Zelle, eines klösterli­chen, von persönlichen Spuren gereinigten, neutral gehaltenen Raums.

Und zugleich lockt das «Bad in der Menge». Mit der Geschichtlichkeit des Daseins versöhnt, sehe ich meine Wirrnisse durchs Rabelais’sche Auge – als Gelände einer burlesken Fülle, wo die Buntheit des Lebens regiert und die Dinge ihre Geschichten erzählen dürfen. (Dass Gegen­stände die verlässlichsten Quellen sind, lehrt der Umgang mit grösse­ren Themen als dem eigenen Leben. Manches Erbstück führt es vor.)

Ist es eine Frage des Temperaments oder der Selbstdisziplin? Soll ich unbekümmert kohabitieren mit meiner Geschichte in einem von ihren Spuren «gezeichneten» Raum? Oder soll ich heroisch eine Leerstelle freistemmen, deren Eigenschaftslosigkeit zur Bühne wird für meine Individualität, nach der spätkapitalistisch eitlen Devise: «austausch­bar die Umgebung, einzigartig ich»?

Auch im dritten Teil werden diese Fragen nicht gültig geklärt, doch sie zeigen sich im Kontext einer bedrohlicher werdenden Aussenwelt: Big Tech, Big Data …


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine. Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe von Autorinnen und Autoren. Sie reflektiert Diskurse der Politik und der Kultur, greift Beiträge aus Medien kritisch auf und pflegt die Kunst des Essays. Zurzeit schreiben regelmässig Silvia Henke, Mathias Knauer, Michel Mettler, Felix Schneider und Beat Sterchi.
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Michel Mettler

Michel Mettler, geb. 1966, lebt als freiberuflicher Autor und Herausgeber in Klingnau. Er interessiert sich für die Geschichtlichkeit von Gegenwart und Erzählungen, die der Subtext schreibt. Zuletzt hat er als Co-Herausgeber den Band DUNKELKAMMERN veröffentlich (Suhrkamp 2020).

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