Kommentar

kontertext: Die Tempelwächter in meinem Regal

Michel Mettler © zvg

Michel Mettler /  Das Buch: Als Medium scheint es unsterblich, im Haus ist es ein Staubfänger, im Leben ein treu mitalternder Begleiter. (1)

Zuerst war da ein Wasserschaden im Parkett. Zu seiner Behebung mussten hohe Regale demontiert werden – darauf sind seit Jahr und Tag Bücher aufgereiht, einige oft konsultiert, andere im Schlaf der Tempelwächter. Mit ihrem Gewicht stehen sie ein für die Hintergrundstrahlung der geistigen Welt, aber auch für vieles, was an ihnen noch ungelesen ist: meine gesammelten Bildungslücken.

Ob ich sie aufschlage oder nicht, diese Bücher enthalten Kontinente von Wissen und Spekulation. Sie bilden ein selektives Fundament meines Glaubens und Meinens, eine Road map meines geistigen Werdegangs. Und in der Wohnung sind sie eine Orgel aus gebundenem Papier, auf der in jüngster Zeit etwas seltener gespielt worden ist. Zu verlockend war oft die sofortige Zugänglichkeit des Bildschirmwissens.

Blinde Flecken, so weit das Auge reicht

Weder ist meine Bibliothek repräsentativ, noch ist sie ausgewogen. Sie widerspiegelt keinen Stand des Wissens, nur die Genealogie meiner Interessen und die Suchbewegungen einer Zeit. In ihrer Begrenztheit weist sie über sich hinaus – auf alles in Buchform Erschienene, das sie nicht enthält. Desiderate und blinde Flecken, so weit das Auge reicht.

Als Handbibliothek ist sie jenem Körperteil zugedacht, das, John Ruskin zufolge, von zentraler Bedeutung für die Entwicklung menschlicher Zivilisationen sei. Und noch immer bilde ich mir ein, dasjenige, was ich mir blätternd angeeignet habe, sei haltbarer als alles, worüber mein Auge beim Surfen glitt: Take aways, Aufgeschnapptes, das Halb- und Viertelwissen des Cyberspace.

Ein Geschmäckle

Noch ist nicht bekannt, woher die Feuchtigkeit kommt, aber sie drang von unten herauf. Das Parkett hat sich mit Feuchte vollgesogen, so wie meine grauen Zellen über die Jahre mit Information. Also mache ich mich daran, die Regale auszuräumen und abzubauen. Dabei begegne ich neben Unmengen von Staub den verborgenen Hinterlassenschaften der Insekten, ihren Netzen, Fäden und Exkrementen, und auch ihren Kadavern. Weil weder Lappen noch Saugrohr hier zugange waren, ist hinter den Buchspalieren gestorben und geboren worden. Ein unbeachtetes Leben hat sich vollzogen: Reichsgründungen; Beutezüge; Aufstieg und Fall; Hochzeiten und Luftbestattungen…

So ist zwischen Papier- und Mauerfeuchte ein Geschmäckle herangewachsen, wahrnehmbar nur, wenn man näherrückt. Eigentümlich vertraut wirkt dieser Geruch. Vor Jahren bin ich ihm in Brockenstuben und in den Behausungen älterer Weggefährten begegnet. Ich hatte sie oft besucht, nicht zuletzt wegen der Lesestrecken, die sie mir voraushatten. Davon legten ihre Interieurs beredtes Zeugnis ab: Was diesen an sichtbarer Ordentlichkeit fehlte, machten sie mit innerem Reichtum wett, einem dichtgewobenen Netz aus schriftlichen Bezügen, die durch subjektiven Gebrauch zur persönlichen Bibliothek geworden waren, eigentlich zum geistigen Fussabdruck eines Lebens.

Die Savanne des Wissbaren

Der Preis war diese Massierung an den Wänden. Auf Uneingeweihte mochten die raumhohen Regale wie ein Distinktionsmerkmal wirken, doch sie waren nur der Ausdruck einer Passion: immer weitergehen zu wollen in der Savanne des Wissbaren, ohne die Illusion, jemals anzukommen. Gerade dieses Unwegsame verstärkte die Faszination.

Spendenbalken grün

So haben wir zwischen Büchergebirgen getagt und uns mokiert über alle, die ihr Leben der freudlosen Aufhäufung materieller Besitztümer opferten. Uns genügte es, zu wissen, wie vergänglich diese Güter waren, um uns davon abzukehren. Schon die ältesten Denker an den Wänden empfahlen diesen Move.

Doch auch Bücher zählen zur dinglichen Welt. Wie erwähnt: Rückt man nahe genug an sie heran, offenbaren sie diese Mixtur aus altem Teppich und kalter Schublade, blätterndem Putz, brüchigem Leim, Chitin, Karton und Staub, und von fern etwas Druckerschwärze.

Über die Duftbrücke

Vor allem das Unbenutzte brütet diesen Geruch aus. Nun also auch in meinem Haushalt: Ich stehe auf gewelltem Parkett, Bücher in Händen, von denen ich vergessen habe, dass ich sie besitze, und die Duftbrücke führt mich zurück in eine Zeit, als ich staunend vor den Orgelpfeifen der Älteren stand. Viele sind für immer abgebaut. Die meinen stehen noch. Nicht, dass ich meine Nase nun wollüstig an die Einbände hielte, um mich einer Zeitreise zu überlassen, wie Prousts Held es tut. Bei allem Aufbruchsgeist jener Jahre, sie wecken in mir keinen Rückkehrwunsch. Beim Wittern wundere ich mich eher, dass bisher kein Gast sich erlaubt hat zu sagen: Dein Bücherparadies gehörte mal gründlich durchlüftet und entstaubt.

Stillstand und Verkapselung

Doch welcher übertragene Sinn ist im Spiel, wenn man sagt, etwas sei «verstaubt»?

Der Begriff lässt eine Mischung aus Laisser-faire und Überforderung anklingen, auch den Verfall einstiger Bedeutsamkeiten. Haben sie sich überlebt? Oder zeugen sie von den schwindenden Kräften des Besitzers? Ist es also nur eine Frage der Zeit, bis aus Vernachlässigung Verwahrlosung wird?

Was verstaubt, an dem ist vieles unbemerkt vorbeigezogen, und die Hand, die es hätte in Schuss halten sollen, ist erlahmt. Verstaubtes steht für den Verlust von Spannkraft und geistiger Beweglichkeit, für Stillstand und Verkapselung und für die wachsende Unfähigkeit, sich mit Frischluft zu versorgen. Dies ist nicht untypisch für alternde Menschen: Sie sind umgeben von den Zeugnissen ihres Lebens, aber leben sie es noch?

Kein Objekt vermittelt diesen Eindruck stärker als der Bestseller von einst, dessen Titel niemand mehr kennt und dessen Aufkleber vom Vermarktungseifer der Verlage zeugt, vom medialen Hype vergangener Tage und von der Hysterie der damaligen Meinungsmacher.

Wer interessiert sich noch dafür? – Big Tech durchaus; darauf wird zurückzukommen sein.

Ein Kulissenstaat

Da sind also Bereiche eines Lebens, die aus der Vita Activa herausgefallen sind, weshalb auch immer. Nun träumen sie vor sich hin – an einem Rand, wo kein Blick hinfällt. Aus Dingen des täglichen Gebrauchs sind Relikte geworden und aus der Wohnung die Vorform eines Museums. Wer es betritt, begegnet einem historisch gewordenen Lebensstil, und die Nase sendet das passende Signal. Nur der Bewohner merkt es nicht.

Ich frage mich nicht, warum gewisse Bücher unberührt bleiben (das versteht sich von selbst), aber ich frage mich, warum sie noch hier stehen. Im Alltag ist das leicht zu übergehen: Man gewöhnt sich aneinander in wechselseitiger Überflüssigkeit. So bin ich zum Besitzer von Dingen geworden, die keinem ausser mir noch etwas bedeuten. Sogar der Ehrgeiz, Unbrauchbares auszusortieren, hat mich offenbar verlassen. So bilden Bücher einen Kulissenstaat. Weil es bequemer ist, sie stehen zu lassen, als ihnen zu Leibe zu rücken, zeigen sie der tätigen Welt weiter ihre Rücken.

Das Fleisch ausgestorbener Arten

Neben meinen Regalen stehen vom Schaden unbetroffene Vitrinenschränke. Sie enthalten unspielbar gewordene Medien und verstreute Ergebnisse alter Sammelleidenschaften. Für diese Rarissima dürfte sich niemand mehr erwärmen. Aus Preziosen ist Sondermüll geworden. Und ich denke an die Philatelie: Was einst Generationen verband, ist heute das Steckenpferd einer Minderheit, die sich im Gebrauch der Flachpinzette übt.

Verstaubt ist nicht nur das Ewiggestrige, verstaubt kann auch sein, was noch Relevanz besässe, aber nicht mehr beachtet wird. So gesehen mag manches Buch in meinem Regal der Lektüre wert sein. Einige würde ich sogar mit Verve empfehlen, wenn man mich um einen Lesetipp bäte. Aber dies geschieht nicht, und ich kann verstehen weshalb: Angesichts der vielen Neuerscheinungen, die Jahr für Jahr die Märkte fluten, muten Reprint und Relektüre etwas philatelistisch an. Wer sich für die übersehenen Bücher einstiger Tage verwendet, hört sich an wie ein Gourmet, der das Fleisch ausgestorbener Tierarten preist.

Weshalb aber dieser Eindruck zu kurz greift, vielleicht sogar etwas naiv ist angesichts neuer Gefahren der Geschichtsvergessenheit, von denen wir erst die Bugwelle sehen, soll in einem zweiten Teil erörtert werden.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine. Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe von Autorinnen und Autoren. Sie reflektiert Diskurse der Politik und der Kultur, greift Beiträge aus Medien kritisch auf und pflegt die Kunst des Essays. Zurzeit schreiben regelmässig Silvia Henke, Mathias Knauer, Michel Mettler, Felix Schneider und Beat Sterchi.
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Michel Mettler

Michel Mettler, geb. 1966, lebt als freiberuflicher Autor und Herausgeber in Klingnau. Er interessiert sich für die Geschichtlichkeit von Gegenwart und Erzählungen, die der Subtext schreibt. Zuletzt hat er als Co-Herausgeber den Band DUNKELKAMMERN veröffentlich (Suhrkamp 2020).

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