Deutschlands Geschichte kocht in der Rentendebatte wieder hoch
35 Jahre nach der Wiedervereinigung Deutschlands verlaufen noch immer unsichtbare Grenzen zwischen Ost und West. Sichtbar wird das derzeit an der Debatte über die sogenannte abschlagsfreie Frührente. Wer 45 Jahre oder mehr gearbeitet hat, kann mehrere Jahre früher in Rente gehen. Das wird im Volksmund «Rente mit 63» genannt, was nicht ganz zutrifft. Derzeit liegt das vorgezogene Rentenalter bei etwa 64 Jahren, die Regelaltersgrenze bei etwa 66 Jahren.
Die deutsche Regierung will diese Regelung für langjährig Versicherte abschaffen, was rund 10 Milliarden Euro sparen soll. Widerstand kommt aus ganz Deutschland, aber vor allem aus den Bundesländern im Osten. Dort gibt es besonders viele Betroffene, die bereits mit 16 Jahren ins Arbeitsleben eingestiegen sind. In der DDR gab es dazu vergleichsweise wenige Akademiker:innen und Frauen arbeiteten in der Regel Vollzeit.
Deutsche Erblasten: Im Osten wird nur halb so viel vererbt
Warum sich sogar die Ministerpräsidenten der Regierungspartei CDU gegen die Abschaffung wehren, hat tieferliegende Gründe. Vor allem die sehr ungleiche Vermögensverteilung in Ost und West. Man könnte auch sagen: die hartnäckige Mauer im Portemonnaie. Wer wenig Vermögen hat, für den wird die Rente ungleich wichtiger.
Wer das mittlere Alter erreicht, darf sich im Westen meist auf die eine oder andere Erbschaft freuen, als willkommenen Zustupf für den Lebensabend. Wer aus dem Osten stammt, erbt nicht nur seltener, sondern auch weniger. In den Jahren 2002 bis 2017 wurden im Osten jährlich 52’000 Euro steuerpflichtig vererbt, im deutschen Westen waren es 92’000 Euro (DIW, SOEP). Diese Zahlen haben sich seit Jahren kaum geändert. 2024 erbte jeder «Wessi» durchschnittlich 905 Euro, wer im Osten lebte, 105 Euro:

Im Osten wird nicht viel vererbt. Zu DDR-Zeiten war das so beabsichtigt; ein eigenes Unternehmen oder ein grosses Vermögen besassen nur wenige. Man erbte das Auto, die Wohnungseinrichtung, vielleicht noch etwas Geld. «Auf dem Land besassen auch viele Leute Einfamilienhäuser, die waren schon Privateigentum», erinnert sich Sandy* die bei Jena aufgewachsen ist und heute im Westen Rente bezieht. «Nach der Wende gab es auch viele Rückforderungen. Meistens von jemandem aus dem Westen oder aus dem Ausland.» Der dabei angewandte Grundsatz «Rückgabe vor Entschädigung» galt schon damals als Fehler.
Der Vergleich der Bundesländer ist noch krasser. Nach einer Statistik, über die der «MDR» berichtet, wird in Rheinland-Pfalz pro Kopf 37-mal so viel vererbt wie in Sachsen-Anhalt. Unter dem Strich werden nur zwei Prozent der deutschen Erbschaftsteuer im Osten bezahlt. Dafür ist dort jede vierte Person zwischen 60 und 79 Jahren von Armut bedroht, 15 Prozent der Haushalte leben unterhalb der Armutsrisikoschwelle (Destatis 2024).
Ein West-Haushalt besitzt im Schnitt mehr als doppelt so viel wie einer im Osten. Das liegt nicht nur am Erben, aber auch. Und es gibt wenig Anlass zur Annahme, dass sich das bald ändert. Knapp die Hälfte der Erbschaften (46 Prozent, 2024) besteht aus Immobilien – dem wichtigsten Grundstock für die Vermögensbildung. Immobilienbesitz ist in West und Ost aber ungleich verteilt. Derzeit wohnen beispielsweise 45 Prozent der Menschen im Westen in Eigenheimen, im Osten nur 31 Prozent («Taz»).
Eigentumsverhältnisse auf Jahrzehnte festgelegt
Das hat teilweise historische Gründe. Ausser Landwirten und Kleinunternehmern wie Bäcker:innen besass zu DDR-Zeiten kaum jemand Häuser oder Land. Es wollte auch kaum jemand welche haben, die Erbschaftsteuer war hoch, die Mieten niedrig. Das machte Sanierungen unerschwinglich.
Dazu kamen politische Entscheidungen nach der Wende: Ostdeutsche Gebäude, von denen viele marode waren, sollten schnell saniert werden. In Frage kam dafür vor allem westdeutsches Geld. Unternehmen und Privatpersonen, die Immobilien im Osten kauften, bekamen Hilfe in Form von Sonderabschreibungen.
«Ein Vorgang, der die Eigentumsverhältnisse für Jahrzehnte festlegte», sagt der Sozialwissenschaftler Markus Grabka, der sich mit der Vermögensverteilung in Deutschland beschäftigt. Es wäre auch anders gegangen, erklärte er 2024 im «Deutschlandfunk». In Ländern wie Tschechien und Polen seien Immobilien nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion für einen geringen Preis an diejenigen verkauft worden, die darin wohnten. Der Anteil der Immobilieneigentümer ist dort heute wesentlich höher als in Deutschland, zeigt die Statistik.
Von der Arbeiter- in die Erbengesellschaft
Was einmal begonnen hatte, setzte sich fort. Durch die Abwanderung vor allem junger Frauen in den Westen sank der Preis für Ost-Immobilien auf dem Land. Die Altersstruktur kippte immer weiter, die Zahl der Erwerbstätigen sank. Dazu kam bei einigen eine längere Arbeitslosigkeit nach der Wende, die Wohlstand und Rente drückte. Obendrauf kamen die noch heute niedrigeren Löhne im Osten. Betriebsrenten gibt es ebenfalls selten. Nur wer landwirtschaftliche Flächen erbte, die man verkaufen oder verpachten konnte, hatte Glück.
Im Westen sorgte die demografische Entwicklung derweil für steigende Immobilienpreise und mehrte den Wohlstand. Wer in Deutschland viel Geld hat, hat es meistens geerbt – und kauft davon oft wieder Immobilien. Von den reichsten Deutschen lebt praktisch keiner in den «neuen» Bundesländern. Reichtum sei ein Vorteil, der auch sozial über Generationen wirke, schreibt die «Süddeutsche Zeitung». Wer von Opas und Omas Netzwerken profitiere, habe jedenfalls bessere Chancen im Leben. In Sachen Chancen- oder Vermögensgleichheit klingt das wenig hoffnungsvoll.
Sandy berichtet, dass die kleine Wohnung, die sie seit 2014 im Westen besitzt, sich im Wert inzwischen verdreifacht habe. Von der Familie im Osten habe niemand gross Vermögen angehäuft – meist, weil der Verdienst zu gering gewesen sei.
Warum die Leute im Osten so sauer sind
Wer in den Ost-Bundesländern heute um die 60 Jahre alt ist, hat mehrere drastische Umbrüche erlebt und musste seine Zukunftsvorstellungen mehrmals anpassen. Dem Zusammenbruch eines Staates folgte der Zusammenbruch der Erwerbslandschaft, dann häufig Arbeitslosigkeit, steigende Preise und nun noch Unsicherheit bei der Rente. Die Perspektiven eines Gleichaltrigen im Westen entwickelten sich deutlich konstanter und besser.
Und jetzt auch noch länger arbeiten als erwartet? Kein Wunder, dass sich viele fundamental unverstanden fühlen. Um nicht zu sagen: wütend sind auf einen Staat, von dem sie denken, dass er ihnen bessere Perspektiven vorenthalten hat. Zu den vielen empfundenen Ungerechtigkeiten kommt eine weitere.
Sandy mag in das «allgemeine Ostgejammer» nicht so recht einstimmen. «Es gab auch viele gute Sachen [in der DDR]», sagt sie. «Heute kämpfen wir teilweise für Sachen, die vor 50 Jahren selbstverständlich waren», findet sie. «Kitaplätze und ein Recht auf Reparatur zum Beispiel. Damals waren die Mieten niedrig und das Recyclingsystem war nach heutigen Massstäben vorbildlich». Die Betreuung ihres zweiten Kindes, für das sie pausieren musste, weil es im Westen keinen Kita-Platz gab, spürt sie heute bei der Rente.
Gewerkschaften reden von «Lebensleistung»
Das alles erklärt, warum gerade die drohende Abschaffung der abschlagsfreien Rente nach 45 Arbeitsjahren die Gemüter im Osten so bewegt – es geht ums grosse Ganze, nicht nur um einige Jahre Rentenbezug, was teilweise schwer fassbar ist.
Gewerkschaften wie Verdi und IG Metall schmeckt die Abschaffung der abschlagsfreien Rente ebenfalls nicht. Aus anderen, aber irgendwie ähnlichen Gründen: Wer früh ins Arbeitsleben eingestiegen sei und körperlich hart arbeite, für den sei die Rente nach 45 Jahren nur gerecht. Die Abschaffung «missachte die Lebensleistung der Betroffenen», sagt beispielsweise die Grünen-Politikerin Anja Piel, die im Vorstand des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) sitzt und im Verwaltungsrat der Bundesagentur für Arbeit.
Die Realität sei etwas differenzierter, legt die Bertelsmann Stiftung dar. Wer Anspruch auf die abschlagsfreie Frührente habe, habe in der Regel lange und ohne Unterbrechung gearbeitet und deshalb eher höhere Rentenansprüche. Ein Viertel der betroffenen Frührentner arbeite trotz Rente nebenher weiter. Es wird diskutiert, was genau eine «Lebensleistung» ist, warum sie nach genau 45 Jahren umfassen soll und ob «körperliche Belastung» noch der passende Massstab ist. Vom Osten, von Altersarmut und vom Erben spricht kaum jemand.
Den Erbschaftsgraben schliessen wäre möglich
Rezepte, die den Erbschaftsgraben zwischen Ost und West auf längere Sicht verringern könnten, gibt es. Elisabeth Kaiser, Ostbeauftragte der deutschen Regierung, setzt sich beispielsweise für eine Änderung der Erbschaftsteuer ein. Jede zweite befragte Person in Deutschland lehne eine Reform ab, fand die «Taz» in einer bei Civey beauftragten Umfrage heraus. Vermutlich, weil sie um die eigene Erbschaft fürchte und die Höhe der Freibeträge nicht kenne, schreibt die Zeitung. Die Rechtspartei AfD will die Erbschaftssteuer ganz abschaffen.
Andere Vorschläge zielen auf Fördermodelle und Umverteilung: Übergewinnsteuer, Reichensteuer, Erhöhung des Spitzensteuersatzes, Wiedereinführung der Vermögensteuer. Markus Grabka schlägt vor, Vermögensaufbau zu unterstützen und Wohneigentum im Osten speziell zu fördern. Politiker:innen wie Kaiser schlagen ausserdem vor, die Erbschaftssteuer so zu reformieren, dass es weniger Ausnahmen für grosse Vermögen gibt – Unternehmer halten dagegen.
SPD, Grüne und Linke schlagen vor, die Vermögensteuer wieder einzuführen, im Osten mehr Sozialwohnungen zu bauen oder der jungen Generation durch ein «Grunderbe» beim Vermögensaufbau zu helfen. Weitere Vorschläge umfassen zum Beispiel eine Bildungsoffensive Ost. Politisch Chancen dürfte derzeit höchstens eine Umgestaltung der Erbschaftsteuer haben – in Form höherer Freibeträge.
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