Eigentor der USA im KI-Wettlauf – mit irreversiblen Folgen
Ohne Vorwarnung sperrte die US-Regierung im Juni 2026 kurzfristig ihre leistungsfähigsten KI-Modelle. Sie löste damit weltweit, aber insbesondere in Europa, ein grösseres Beben aus. Das Vertrauen in die Verlässlichkeit von US-KI-Modellen war erschüttert. Denn das Vorgehen zeigte zweierlei: Erstens könnten die USA die stärksten KI-Modelle als strategische Waffe gegen die von ihren Technologien abhängigen Staaten einsetzen. Zweitens hat sich die Sicherheitsfrage im KI-Wettlauf mit China zu einer Gefahr nicht nur für die nationale Sicherheit ausgeweitet, sondern generell für weltweit systemrelevante Infrastrukturen.
Alarm mit Claude Mythos Preview
Anthropic schuf im April 2026 mit Claude Mythos Preview eine völlig neue Situation. Erstmals lag ein Tool vor, das so effektiv im Entdecken bisher unbemerkter Sicherheitslücken in der Software war, dass es nur wenigen Techfirmen zur Verfügung gestellt wurde. In den Händen von nicht-staatlichen Organisationen und kriminellen Hackern könnte es weltweit zur grossen Bedrohung werden.
Die Alarmglocken schrillten. Selbst die beiden Grossmächte als Entwickler solch leistungsfähiger KI-Modelle waren nicht gefeit vor verheerenden Cyberattacken von dritter Seite irgendwo auf der Welt. Nur mit global wirksamen Standards und Sicherheitskontrollen vor der Freigabe dieser Tools liesse sich das Gefahrenpotenzial eindämmen.
Aufgeschreckt durch die neue Gefahr, vereinbarten Trump und Chinas Staatschef Xi Jinping am Treffen in Beijing Mitte Mai 2026, ein Verfahrensprotokoll für die Sicherheit der KI-Tools zu erarbeiten.
Zwei weitere Anthropic-Tools alarmierten die Trump-Regierung
Für die wenigen Techfirmen, die Zugang zu Claude Mythos Preview erhielten, öffnete sich ein Zeitfenster. Sie konnten strategisch wichtige Systeme auf Sicherheitslücken überprüfen und rechtzeitig die nötigen Reparaturen vornehmen. Es war nicht erstaunlich, dass sofort der Ruf nach einem erweiterten Zugang laut wurde.
Anthropic entsprach ihm am 9. Juni 2026 mit zwei auf Claude Mythos Preview basierenden Tools, mit Claude Mythos 5 und Claude Fable 5. Das erstere wurde in verbesserter Version weiterhin nur einem klar definierten Nutzungskreis zur Verfügung gestellt. Das zweite sollte offen zugänglich sein, war aber mit strengen Sicherheitsvorkehrungen ausgestattet. Auf gefährliche Anfragen gab es keine Antwort oder leitete diese an ein älteres KI-Modell weiter.
Anthropic entwickelte Claude Fable 5 mit so strengen Sicherheitsvorkehrungen, dass seitens der Nutzenden sofort Kritik laut wurde. Aber für Anthropic war es wichtig, dass mit seiner Überprüfung von rund 1’000 Stunden verhindert würde, dass die Vorkehrungen mit einem Trick, einem sogenannten Jailbreak, umgangen werden könnten.
Überhastetes Verdikt der Trump-Regierung
Alarmiert durch eine Information, es sei trotzdem ein Jailbreak gelungen, verordnete die Trump-Regierung nur drei Tage nach der Veröffentlichung, dass die beiden Tools aus Gründen der nationalen Sicherheit sowohl für das Ausland wie auch für ausländische Personen innerhalb der USA gesperrt werden sollten. Sie wurden auf eine Liste exportkontrollierter Technologien gesetzt. Anthropic sah sich veranlasst, die Tools sofort abzuschalten, waren vom Verdikt doch auch ausländische Mitbegründer und Teammitarbeitende betroffen.
Cybersicherheit wurde zum Problem nationaler Sicherheit
Kritische Stimmen mutmassten, dass die überstürzte Reaktion auch im Zusammenhang mit den bekannten Schwierigkeiten zwischen Anthropic und der Trump-Regierung stehen könnten. Anthropic verweigerte die Nutzung seines Sprachmodells für die Massenüberwachung der US-Bevölkerung und für vollautomatisierte Waffensysteme – weshalb das Pentagon nicht nur seinen 200-Millionen-Vertrag mit Anthropic kündigte, sondern das Unternehmen als «Risiko für die Lieferkette» einstufte, wogegen Anthropic Klage erhob. Diese Einstufung wurde bisher nicht zurückgenommen. Am 1. Juli hob die Trump-Regierung die Sperrung der beiden Tools Claude Mythos 5 und Claude Fable 5 auf.
Es ging aber offensichtlich um die nationale Sicherheit. Auch OpenAI, mit der Trump-Regierung stets gut verbandelt, wurde eingeschränkt. Im Einvernehmen mit der Trump-Regierung war die KI-Modellfamilie GPT-5.6 im Juni wochenlang nur in einer stark limitierten Preview zugänglich, bevor die drei Modelle, Sol, Terra und Luna, ab 9. Juli wieder freigegeben wurden. Sowohl Claude Mythos 5 wie Sol, das leistungsfähigste der drei GPT-5.6-Modelle, bleiben weiterhin aus Sicherheitsgründen nur einem beschränkten Kreis zugänglich.
Dynamische KI-Entwicklung überrollte Executive Order
Bisher stellte sich die Trump-Regierung vehement gegen KI-Regulierungen, um die Innovation im KI-Wettlauf mit China nicht zu bremsen. Der durch Claude Mythos Preview ausgelöste Alarm veranlasste Trump, widerwillig und erst im zweiten Anlauf Anfang Juni endlich eine Executive Order zu erlassen.
Auf freiwilliger Basis sollten die KI-Unternehmen demnach ihre leistungsfähigsten Modelle, die sogenannten Frontier-Modelle, zu Sicherheitsüberprüfungen melden. Die Verordnung sieht zudem vor, dass Sicherheitsstandards für die Vorabprüfungen erarbeitet werden sowie eine Koordinierung über mehrere Behörden, um die zahlreichen Massnahmen umzusetzen. Gegen die bereits zugänglichen jüngsten Tools von Anthropic blieb Trump nur die Notbremse.
Notbremse mit irreversiblen Folgewirkungen
Das zeitigte rasch irreversible Folgen. Denn die Notbremse wurde sofort als mögliches geopolitisches Machtinstrument der USA verstanden. Das Vertrauen in die Verlässlichkeit der KI-Tools ist damit unwiederbringlich getrübt. Die Kundschaft reagierte rasch und suchte nach Alternativen. In den Fokus gerieten chinesische Spitzenmodelle.
Sperrungen sind generell Gift für die Innovation. Wenn die Anforderungen an sichere KI-Modelle nicht im Voraus festgelegt sind, schafft dies Unsicherheit bei den KI-Firmen und den Investoren. Mit der schwindenden Attraktivität drohen Absatzmärkte wegzubrechen. Letztlich werden damit auch die Milliardeninvestitionen der USA in die KI-Technologie, in die Rechenzentren und die gesamte KI-Infrastruktur in Frage gestellt.
Chinesische Modelle laufen US-Tools den Rang ab
Während die USA ihre besten Tools sperrten, lancierte Mitte Juni das chinesische Start-up Z.ai mit GLM-5.2 ein Open-Source-Modell. Es löste eine Art DeepSeek-Effekt aus, komme es doch beinahe an die besten US-Modelle heran. Gemäss einem Bericht des CSIS, des Center for Strategic and International Studies mit Sitz in Washington, können mehrere chinesische Tools mit den US-Modellen gleichziehen. Viele sind als Open-Source-Modelle besonders attraktiv, verursachen sie doch im Betrieb nur einen Bruchteil der Kosten teurer proprietärer US-Modelle. Da ihr Quellcode offen ist, können sie als Basis für eigene Weiterentwicklungen genutzt und auch niemals gesperrt werden. Trotz chinesischer Zensur, die in diesen Modellen steckt, wurden sie für viele Unternehmen eine Option.
Erstaunlich war diese chinesische Entwicklung nicht. Der Anthropic-CEO Dario Amodei warnte bereits im April 2026, dass seine KI-Firma nur einen mehrmonatigen Vorsprung auf andere Anbieter habe.
Falls auch China seine leistungsfähigsten KI-Modelle sperren würde
Auch China überlegt sich, ob es seine leistungsfähigsten Tools künftig fürs Ausland sperren soll. Während Claude Mythos 5 nur beschränkt zugänglich und in China nicht verfügbar ist, könnten die chinesischen Open-Source-Modelle von irgendjemandem, auch US-Angehörigen, für einen Cyberangriff gegen China genutzt werden. Die chinesischen Behörden stehen jedoch vor einem Dilemma. Denn die kostengünstigen Open-Source-Modelle förderten die Sympathien für China, namentlich im globalen Süden, und trugen zu ihrer Verbreitung bei.
Europa geriete mit Einschränkungen bei künftigen chinesischen KI-Modellen in die missliche Lage, dass es mit seiner Open-Source-Community und auch der Forschung an Hochschulen von den leistungsfähigsten Tools abgeschnitten würde. Mittel- und längerfristig müsste Europa eigene Open-Source-Modelle auf dem jeweils neusten Forschungsstand als Basis für Anwendungen entwickeln. Dabei geht es nicht darum, im KI-Wettlauf um die besten Tools mithalten zu wollen. Hierzu fehlen viele Voraussetzungen, insbesondere die nötigen finanziellen Ressourcen. Es geht darum, mit sehr guten Open-Source-Modellen Handlungsspielraum zurückzugewinnen.
Schockwirkung in Europa – Open-Source-Modelle für Wahlfreiheit
Digitale Souveränität besteht darin, die für eine Anwendung geeigneten KI-Modelle aus den verschiedenen Angeboten selbstbestimmt auswählen und problemlos auswechseln zu können. Für diesen Handlungsspielraum kann Europa auf die langjährige Open-Source-Bewegung setzen und das grosse Expertenwissen der zahlreichen Entwicklerinnen und Entwickler in der Community nutzen. Seit langem setzt die EU zur Förderung der digitalen Souveränität auf Open-Source.
Die Ablösung von proprietären Systemen ist nicht einfach. Dank neuer Entwicklungen lässt sich diese Abhängigkeit reduzieren, und gleichzeitig können Kosten gespart werden. Bereits gibt es Tools, die, der Komplexität der Aufgaben angepasst, auf verschiedene Modelle zugreifen können. Sie setzen die teuren US-KI-Tools nur selektiv für anspruchsvolle Aufgaben ein und nutzen für einfachere Anwendungen kostengünstige Open-Source-Modelle. Das japanische KI-Unternehmen Sakana AI entwickelte mit Fugu ein Tool, das automatisiert das jeweils geeignete kostengünstigste Modell ansteuert.
Europas Aktivitäten werden in den USA registriert
Die USA thematisieren inzwischen den beschleunigten Prozess der Ablösung von proprietären KI-Modellen und Infrastrukturen als Reaktion auf die vorübergehende Sperrung. Besonders hervorgehoben wird das französische Start-up Mistral. Arthur Mensch, CEO von Mistral, sei mittlerweile zu einem Botschafter für die Vision europäischer Souveränität geworden. Das Start-up habe seinen Umsatz innerhalb eines Jahres von 20 auf 400 Millionen Dollar erhöht und denke, im laufenden Jahr die Schwelle von einer Milliarde zu erreichen. Gemäss einem anderen US-Bericht entstehe mit dem KI-Campus in der Region Paris – mit Beteiligung praktisch aller grossen US-KI-Firmen – ein europäisches Gegenstück zum Silicon Valley.
Digitale Souveränität weltweit ein Thema
In Genf fanden vom 6.-10. Juli 2026 gleich drei Kongresse zu KI-Fragen statt. Das WSIS-Forum befasst sich seit über 20 Jahren mit Fragen der digitalen Governance. Ein weiterer Kongress diskutierte Best-Practices bei KI-Anwendungen. Am Global Dialogue on AI Governance kritisierte UNO-Generalsekretär Antonio Guterres die Konzentration der fortschrittlichsten KI-Systeme bei wenigen Unternehmen, namentlich in den USA und China.
Die UNO ist derzeit geschwächt. Wenn sich die zahlreichen Mitgliedstaaten, insbesondere des globalen Südens, mit chinesischen und anderen Open-Source-Modellen mehr Wahl- und Handlungsfreiheit verschaffen, könnten sie als Marktmacht durchaus Druck auf die Anbieter ausüben.
USA denken in der Regulierungsfrage um
Bisher lehnte die US-Regierung jegliche KI-Regulierungen ab, weil sie keinesfalls die Innovationskraft im KI-Wettlauf mit China schwächen wollte. Doch ohne Regulierungen gefährden die fortschrittlichsten KI-Modelle – und dies ist eine neue Erkenntnis – nicht nur die nationale Sicherheit, sondern generell weltweit systemrelevante Infrastrukturen. Im Weissen Haus wird auf der Grundlage der Executive Order derzeit nach Lösungen gesucht, um diese unterschiedlichen Ziele in Einklang zu bringen.
Vermutlich wächst die Einsicht, dass auch an dem Mitte Mai 2026 in Beijing vereinbarten Verfahrensprotokoll gearbeitet werden muss, da es trotz wirtschaftlicher und geopolitischer Konkurrenz Sicherheitsstandards braucht, die weltweit eingehalten werden müssen.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine. Als Vizekanzlerin im Bundeshaus von 1991 bis 2005 leitete die Autorin verschiedene Digitalisierungsprojekte. Nach der Pensionierung engagierte sie sich ehrenamtlich für die Digitalisierung im Bildungsbereich. Heute analysiert Hanna Muralt Müller Chancen und Risiken der künstlichen Intelligenz in ihren Newslettern.
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.








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