Sprachlupe: Sichern Sie sich Ihr Abo – «Die Zumutung» kommt!
Gerade wollte ich mich wieder meinem übervollen Vorrat an sprachlichen Zumutungen in Medien zuwenden, da bescherte mir das Leibblatt des Tages vier neue davon, allesamt zu chronischen Ärgernissen zählend (die Links führen zu passenden früheren «Sprachlupen»). Zuerst häuften sich da Umschreibungen mit würde bei Konjunktiven, in indirekter Rede einst besonders verpönt: «Vor allem ausländische Medien würden die Erwartung, die Menschen auf Spitzbergen würden sich jetzt zu Tode fürchten, auf die Insel projizieren.» Es folgte ein Bericht über Schweizer Fans beim Viertelfinal der Fussball-WM: Wenige seien «vor Ort». Dieser Wortimport stand dreimal, der Name des Orts indessen nie.
Schon klar, «wir alle» wussten, dass es Kansas City war, und sonst: selber schuld, wer einem Befehl der Art «was Sie wissen müssen» nicht gefolgt war. Dann der dritte Streich: «Selbst die zentralen Viertel Havannas haben kaum noch Strom – 12, 15 oder 20 Stunden am Stück.» Und zwischen den Zeitstücken – Dauerstrom oder gar keinen? Für den fahrlässigen Umgang mit Zahlen stehen andere Beispiele hier, weitere in Stundenprognosen einer Wetter-App, in Klartext übersetzt: «weniger als 5 Prozent Wahrscheinlichkeit für 0 mm Regen». Das heisst mindestens 95 Prozent Wahrscheinlichkeit für irgend ein Quantum Regen, ist aber nicht so gemeint.
Wer’s nicht weiss, soll’s halt nachschauen
Hier soll es aber um eine andere, ebenfalls sattsam bekannte Art von Zumutung gehen: dass Spezialwissen einfach vorausgesetzt wird. Dafür fand sich im Spitzbergen-Artikel das Exempel Nummer vier: «KSAT» in der Legende zum Bild einer Satelliten-Bodenstation. Da es um die geopolitische Lage ging, hätte man doch gern erfahren, in welchem Land KSAT zuhause ist. Es ist das nahe Norwegen, wie eine Suchmaschine anzeigt. Aber wer will schon Google und Co. während der Zeitungslektüre beanspruchen und damit womöglich KI-Stromverschwendung auslösen? Dazu ein kleiner Tipp: als zusätzliches Suchwort -ai eingeben, und es erscheinen nur gewöhnliche Resultate.
So sind Sie gerüstet, wenn Ihnen gerade nicht einfällt, was gemeint sein könnte mit diesen Fachwörtern, die im jeweiligen Artikel nicht erklärt wurden: Geburtsrecht, CAS, Windscherung, Spindoktor, EBIT-Drive, Brandlagerwert. Oder auch, wenn Sie diese Erwartung eines Zeitungsschreibers enttäuschen: «Gesehen? Bestimmt.» Es ging um «‹Gustav Adolfs Page›, 1960 mit Liselotte Pulver verfilmt». Schon schwieriger wird die Suche hier: «Besonders häufig von Erwerbsarmut betroffen sind Personen aus Drittstaaten.» Berichtet wurde über die Schweiz, die muss also wohl der Erststaat sein. Aber dass mit Zweitstaaten EU-Länder (und weitere mit Personenfreizügigkeit) gemeint sind, musste man schon erahnen und daraus schliessen, alle anderen seien Drittstaaten. Eine beliebte Rätselquelle sind auch Anglizismen und Rechtssprache.
Man darf wegsehen oder sich geschmeichelt fühlen
Ob man es als Zumutung empfindet, etwas nachschlagen zu müssen, hängt natürlich auch davon ab, was man von einer Zeitung erwartet. Manche mögen sich freuen, dass man ihnen ausgefallene Kenntnisse zutraut. Oder sie mögen es geniessen, dass man mit Tipp-, Trenn- und Fallfehlern ihre Aufmerksamkeit testet. Um inhaltliche Zumutungen geht es in der «Sprachlupe» sowieso nicht, die hängen erst recht von der eigenen Einstellung ab und der Bereitschaft, auch Gegenargumente zur Kenntnis zu nehmen. Ausserdem ist ja niemand verpflichtet, alles zu lesen. So dispensiere ich mich gern, wenn sich mein Leibblatt als Leib-Blatt bemüssigt fühlt, mir Ratschläge zur Selbstoptimierung zu erteilen, zunehmend auch solche für die Seele.
Als die «Sprachlupe» bei der (vorläufig) letzten Fusion ihre gedruckte Heimat verlor, empfahl sie dem Blatt zum Abschied, den Namen in «Ver-Bund» zu ändern. Das geschah zwar nicht, aber immerhin weiss ich seither beim Sammeln von Sprachmüsterchen, dass sie weitherum in der Deutschschweiz gepflückt werden können. Gelegentliche Stichproben bei der noch verbliebenen Konkurrenz lassen mich vermuten, mögliche Zumutungen seien dort ähnlich dicht gesät. Das würde weitere Zeitungsfusionen erleichtern; eine leise Vorahnung davon gibt die gelegentliche gemeinsame Werbung fürs Zeitunglesen an sich. Dereinst wird ein flächendeckendes Organ einen Namen benötigen, der keinen der einverleibten Titel privilegiert:

Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Er war lange Zeit «Bund»-Redaktor.
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.









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