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Daniel Goldstein © Grietje Mesman

Sprachlupe: Der journalistische Imperativ

Daniel Goldstein /  Hier steht, was Sie wissen müssen, wenn Ihnen angebliches Pflichtwissen vorgesetzt wird.

Mit wohltuender Zurückhaltung legte uns Radio SRF im Oktober nahe, «warum uns die asymmetrische Organokatalyse interessieren sollte» – nämlich nicht nur, weil es dafür den Nobelpreis gab, sondern auch, weil dadurch die chemische Industrie leistungsfähiger und umweltfreundlicher werden könne. Da stimmt die Chemie zwischen «uns» einigermassen, einmal abgesehen davon, dass es mich schon stört, wenn ein Medium mittels «wir» sein Publikum vereinnahmt. Aber weil die preisgekrönte Forschung diese Zwangsgemeinschaft nur «interessieren sollte» und nicht «muss», ist die Vereinnahmung diesmal einigermassen erträglich.

Da haben «wir» uns schon ganz anderen Zumutungen ausgesetzt gesehen, oft in direkter Anrede und im strammen Befehlston: «Was Sie über Kryptowährungen wissen müssen» – «Das müssen Ungeimpfte wissen» – «Was Sie über die Pandora Papers wissen müssen» – «Was Sie über die neuen Zertifikate auf der Grundlage eines Antikörper-Tests wissen müssen» – «Das müssen Sie zum Ende der Gratistests wissen». Das alles und noch viel mehr liess sich innert weniger Wochen sammeln. Wegen der willkürlichen Auswahl und weil die «Sprachlupe» kein Pranger sein soll, werden die Quellen nicht genannt. Mit einer Ausnahme, weil damit ein Lob verbunden ist: Das letzte Beispiel stammt aus den Tamedia-Zeitungen in den grossen Städten und dem Züribiet. Draussen im Bernbiet jedoch, wo man noch weiss, was sich gehört, da hiess es: «Das sollten Sie zum Ende der Gratistests wissen.» Am andern Ende der Höflichkeitsskala stand der Lockbrief eines deutschen Online-Kiosks: «Das musst du zum Axel-Springer-Skandal wissen.»

Dass der journalistische Imperativ grassiert, hat auch mit der Pandemie zu tun. Da empfiehlt es sich ja, Bescheid zu wissen. Freilich ist fraglich, ob die aufdringlichsten Quellen auch die besten sind. Dass Medien mit Ratschlägen aufwarten, ist indes nicht neu. Den Anfang machten wohl illustrierte Hefte. Unter dem Motto «news you can use» breitete sich das Ratgeber-Angebot in Publikationen aus, deren Hauptgeschäft die Aktualität und ihre Einordnung ist. Dazu gehören auch Antworten auf die Frage «was bedeutet es für mich?». Dringend auf Aufmerksamkeit angewiesen, erklären heutige Medien ihre Angebote gern zum Muss-Wissen. Das müssen wir uns nicht bieten lassen: Wir dürfen weiterblättern, -zappen oder -klicken.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Zum Infosperber-Dossier:

Portrait_Daniel_Goldstein_2016

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Daniel Goldstein zeigt, wie Worte provozieren, irreführen, verharmlosen – oder unbedacht verwendet werden.

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4 Meinungen

  • am 6.11.2021 um 11:55 Uhr
    Permalink

    Danke Herr Goldstein, bleiben Sie dran, bin froh, wenn Sie nicht «…weiterblättern». Was Sie sagen sollten wir dann schon anhören.

    0
  • am 6.11.2021 um 12:23 Uhr
    Permalink

    Daniel Goldstein hat immer nicht nur korrekte Grammatik anzufuehren, sondern ebenso korrekte Argumente.
    Ich bin deshalb entsetzt, beim Versuch -nicht das erste Mal- seinen Text im ‹Meta-facebook› zu veroeffentlichen, folgende Meldung von facebook zu erhalten:
    >Fehler
    Deine Nachricht konnte nicht gesendet werden, da sie Inhalte enthält, die andere auf Facebook als missbräuchlich gemeldet haben.<
    Das bedeutet also, dass jemand, oder die 'Fakenchecker' von facebook dem Infosperber den Krieg erklaert haben.
    Passt natuerlich genau in den Stil dieses immer groesser werdenden Ungeheuers und schon unterirdischen Niveaubildenden Maschinerie.
    Dachte, Infosperber sollte das wissen. Traurig –
    Aber bitte weitermachen

    0
  • am 6.11.2021 um 13:17 Uhr
    Permalink

    Danke, Daniel Goldstein, für diese Glosse. Dieses «Muss-Wissen» passt genau zu unserer Mainstreampresse, die vor allem als Transmissionsriemen obrigkeitsverordneter Meinungen funktioniert statt Ihre Aufgabe als kritische «4. Gewalt zu erfüllen.

    0
  • am 6.11.2021 um 19:35 Uhr
    Permalink

    Sie sprechen mir aus dem Herzen.
    Wer da nicht alles glaubt, mich darüber belehren zu müssen, was ich zu lesen, hören und letzlich zu glauben habe…
    Einer der Gründe warum ich keine «Qualitäts- und Leitmedien » abonniere.

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