Wie der Traum vom guten Leben in stillen Buchten zerfällt
Steve Greens Arbeit beginnt meist mit einem simplen Zettel. Der Schiffsingenieur bringt ihn an einem der Schrottschiffe an, die das englische Cornwall verschmutzen. Er gibt der Eigentümerschaft 30 Tage Zeit, sich zu melden. In der Regel meldet sich niemand. «Die meisten wollen nicht gefunden werden», sagt der Engländer.
Das Boot ist normalerweise in einem bedauernswerten Zustand. Die Abdeckplane ist verschlissen und undicht – falls es überhaupt noch eine gibt. Die Farbe blättert ab, das Boot verliert Öl. Green hat es sich zur Aufgabe gemacht, wenigstens einige der Bootswracks, die die Flüsse Helford und Fal säumen, zu entsorgen. Die Zeit arbeitet gegen ihn. Hat die Yacht erst einmal ein Leck, bekommt sie Schlagseite und beginnt zu sinken. Dann wird es noch aufwendiger und teurer, sie aus dem Wasser zu bekommen.
Tagelange schwere Arbeit gegen die Zeit
Mit seiner Organisation Clean Ocean Sailing, die aus ihm und seiner Frau besteht, versucht Green, das Schrottschiff zu entfernen. Es folgt tagelange schwere und meist einsame Arbeit. Er befreit das Schiff von Müll, Schlamm und Sand, pumpt eingedrungenes Wasser ab. Fotos zeigen ihn in blauer Arbeitskleidung am schlammigen Ufer. Dann versucht er das Boot an einen Ort zu bringen, an dem er es auf den Anhänger seines betagten VW Campers namens Cecil bugsieren kann. Geht das nicht, kann er es unter Umständen bis zum Recyclingzentrum in Truro abschleppen. Dafür benutzt er das Segelboot, auf dem er seit 20 Jahren mit seiner Familie lebt.
Wobei «Recycling» den Vorgang nicht trifft. Die meisten aufgegbenen Boote bestehen aus Glasfaser und enden auf der Deponie. Einen Weg, sie zu recyceln, gibt es nicht. Ein Schrottschiff abzugeben, kostet je nach Grösse zwischen 1000 und 3000 Pfund (3150 Franken). Bezahlt wird nach Gewicht. Geld, das Green oft nicht hat. Clean Ocean Sailing finanziert sich durch Spenden. Die als Schlepper dienende Annie oder Anette ist sein Zuhause.
Nicht nur in Cornwall ein Problem
Sein in die Jahre gekommener VW-Bus Cecil fährt mit Frittieröl, das von lokalen Pubs gespendet wird. Green hat das rostige und vielfach liebevoll reparierte Fahrzeug mit einem Kran und einer Winde versehen, damit er schwere Dinge bewegen kann. «Es ist ein Balanceakt zwischen so pleite sein, dass meine Kinder kein normales Leben führen können, und dem Wunsch, die Umwelt für ihre Zukunft zu erhalten», sagt er zum «Guardian», der über seine Ein-Mann-Mission berichtete. Im letzten Herbst habe er um die 8000 Pfund Schulden angehäuft, sagt er der Zeitung. Mit anderen Worten: Irgendjemand muss es ja tun. Und jemand anderen gibt es nicht.

Das Problem beschränkt sich nicht auf Cornwall, auch nicht auf Grossbritannien. Wer an Schrottschiffe denkt, dem fallen zuerst meist grosse Werften in Indien und Bangladesch ein, wo grosse Containerschiffe unter unsäglichen Arbeits- und Umweltbedingungen abgewrackt werden. Aber auch Hunderttausende Freizeitboote in europäischen Gewässern erreichen jedes Jahr das Ende ihrer Nutzungsdauer. Viele verrotten in Häfen, an Liegeplätzen oder irgendwo in der Natur.
Glasfaserboote geben messerscharfe Splitter ab
Ein Boot in britischen Gewässern einfach aufzugeben, wird zwar mit einer Geldstrafe bestraft. Aber nur, wenn der Eigentümer gefunden wird. Yachten müssen in Grossbritannien nicht registriert werden. Selbst die Eigentümer der rund 5000 Liegeplätze in der Gegend und die Häfen bleiben auf den Kosten zerfallender Boote sitzen. Viele haben jedoch gelernt, schnell zu reagieren. Ist ein Boot erst einmal gesunken, wird es um ein Vielfaches teurer, es zu bergen. Bei einer noch laufenden Verschrottungs-Aktion in der Themse bezahlte schlussendlich der Staat.
Während sie verrotten, geben die Schiffswracks Abfälle wie Öl oder giftige Farbreste an die Umgebung ab. Die meisten Boote bestehen aus Glasfaser, die langsam zerfällt. Das Resultat sind winzige, messerscharfe Splitter, die sich in der Natur anreichern. Die Marinebiologin Corina Ciocan von der Universität Brighton hat sie in Austern und anderen Muscheln, Seegras und Algen gefunden.
Bis zu 11’000 Splitter in einem Kilo Austern
Bei einer Untersuchung im südenglischen Cichester Harbour fand ihr Team bis zu 11’000 Glasfaser-Splitter pro Kilogramm Austern. «Das ist sehr viel» sagt sie. Sie arbeitet daran zu beweisen, dass sich die Splitter wie Asbest verhalten. Aufgegebene Boote sollten als Sondermüll eingestuft werden, sagt sie gegenüber dem «Guardian».
Etwa zwei Prozent der Boote in der Gegend erreichen jedes Jahr das Ende ihrer Nutzungsdauer, was etwa 100 Yachten entspricht. Das Problem wird sich in ganz Europa in den kommenden Jahren verschärfen. Yachten, die in den 1960er- und 1970er-Jahren gebaut wurden und jetzt schrottreif sind, bestehen grösstenteils aus Glasfaser.
Die Eigentümerschaft ist mit der Entsorgung oft schlicht überfordert
«Viele Menschen träumen von einem Boot, ohne sich Gedanken darüber zu machen, wo sie es unterbringen sollen oder wie viel das kosten wird», sagt Green. Eine reparaturbedürftige Yacht dann zu verkaufen, setzt einen unheilvollen Kreislauf in Gang. Das Boot, an dem er gerade arbeite, habe viermal für nur ein Pfund den Besitzer gewechselt, sagt der Aktivist, «immer an Menschen mit einem Traum und den besten Absichten». Dann komme es anders oder das Leben komme dazwischen.
Die Organisation Wreck Free Fal and Helford Forum organisiert Stakeholder-Foren, bei denen auch Häfen, Behörden und Liegeplatz-Eigentümer zusammenkommen. Ihr Gründer Jake Burnyeat beklagt, dass es für Bootseigentümer kaum Alternativen zum teuren Deponieren gibt. «Wenn ein Auto verschrottet wird, fährt man es zum Schrottplatz und zahlt ein paar hundert Pfund», sagt er zum Vergleich. Er dringt auf politische Massnahmen. Bald. In 10, 20 Jahren werde es nur noch mehr, noch grössere Schrottschiffe geben, sagt er. Schon jetzt hat seine Organisation 166 aufgegebene Boote rund um Cornwall kartiert.
Green fordert ein Lizenzmodell oder Öko-Abgabe
Auch Miles Carden, der Chef des nahegelegenen Hafens in Falmouth, ist für eine Registrierung. Bisher bezahlt der Hafen das Abwracken aus den Betriebsgewinnen. «Wir haben keine Wahl», sagt Carden.
Green setzt sich dafür ein, dass Grossbritannien ein Modell übernimmt, das in Frankreich schon gilt. Wer dort ein Boot kauft, entrichtet einen Öko-Beitrag, ähnlich der vorgezogenen Recyclinggebühr in der Schweiz. Dazu bezahlt er jedes Jahr Steuern. Die Boote sind so von Anfang an registriert. Der französische Staat finanziert 35 Recycling-Zentren, wo sie gratis entsorgt werden können. Seit dieses Modell in 2019 in Kraft getreten ist, hat die Betreiberorganisation nach eigenen Angaben 16’000 Boote entsorgt.
Laut einem Follow-Up des «Guardian» hat tatsächlich für einmal jemand auf einen von Greens Zetteln reagiert. Der Eigentümer der 7-Meter-Yacht entschuldigte sich in einer Email. Das Boot sei ein Projekt, das schiefgelaufen sei. Angeboten, die Rechnung zu bezahlen, habe er nicht, sagt Green.
Einige Bootseigentümer scheinen aber wenigstens ein schlechtes Gewissen zu haben. Seit sein Porträt im «Guardian» erschienen sei, habe er Spenden in fünfstelliger Höhe bekommen. «Wir müssen uns noch immer kneifen», kommentierte Green Anfang Mai. Viele Spenderinnen und Spender hätten Nachrichten mitgeschickt, die ihn sehr berührt hätten. Ein Spender schrieb: «Ein echter Held». Ein anderer: «Ihre mutigen Taten erfüllen mein Herz mit Freude». Mit Hilfe vieler Freiwilliger und dem frischen Geld konnte er inzwischen sieben kleinere Boote bergen. Eines der Schiffe, die Green aus dem Wasser gezogen hat, wurde im März im Maritime Museum in Cornwall ausgestellt, um das Bewusstsein für die drohende Umweltkatastrophe zu fördern.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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