Kolumne Pietro Vernazza

Professor Pietro Vernazza © zVg / ChatGPT

Ebola-Notstand 2026 – die offenen Fragen

Pietro Vernazza /  Vor Monaten gab die Gates-Stiftung Geld, damit ein Impfstoff entwickelt wird. Beteiligt sind Moderna, die EU und die Uni Oxford.

Red. – Dies ist ein Gastbeitrag von Professor Pietro Vernazza. Er war bis Sommer 2021 Chefarzt der Infektiologie/Spitalhygiene am Kantonsspital St. Gallen.

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Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat Mitte Mai 2026 wegen des aktuellen Ebola-Ausbruchs in der Demokratischen Republik Kongo und Uganda einen sogenannten «Public Health Emergency of International Concern» (PHEIC) ausgerufen. Das ist die höchste internationale Alarmstufe gemäss den International Health Regulations. 

Für viele Menschen klingt dies verständlicherweise alarmierend. Nach den Erfahrungen der Covid-Pandemie löst der Begriff «internationaler Gesundheitsnotstand» sofort Assoziationen an globale Ausbreitung, Reisebeschränkungen oder neue Impfkampagnen aus.

Gerade deshalb lohnt sich eine nüchterne Einordnung.

Ebola ist kein klassisches Pandemievirus

Als Infektiologe und Virologe halte ich fest: Ebola gehört zweifellos zu den gefährlichsten bekannten Virusinfektionen überhaupt. Die Sterblichkeit kann je nach Virus-Stamm extrem hoch sein.

Trotzdem unterscheidet sich Ebola fundamental von respiratorischen Viren wie Influenza oder Sars-CoV-2. Ebola wird nicht effizient über Aerosole übertragen. Die Ansteckung erfolgt primär über direkten Kontakt mit Körperflüssigkeiten symptomatischer Personen. Erkrankte sind meist schwer krank, oft bettlägerig, und die Übertragungsketten lassen sich epidemiologisch vergleichsweise gut nachvollziehen.

Deshalb sehen wir seit fast fünfzig Jahren immer wieder Ebola-Ausbrüche – aber nie eine globale Pandemie im Sinne von Covid-19.

Warum gerade jetzt ein PHEIC?

Die aktuelle Bundibugyo-Epidemie ist ernst zu nehmen. Die WHO begründet den internationalen Gesundheitsnotstand unter anderem mit:

  • grenzüberschreitender Ausbreitung zwischen DR Kongo und Uganda
  • Fällen in urbanen Zentren
  • fehlendem zugelassenem Impfstoff gegen den Bundibugyo-Stamm
  • instabiler Sicherheitslage in Ostkongo
  • verzögerter Erkennung des Ausbruchs

Diese Argumente sind nachvollziehbar. Und trotzdem bleibt eine Frage offen.

Denn Ebola begleitet uns seit 1976. Seither gab es mehr als vierzig dokumentierte Ausbrüche. Einige davon waren deutlich grösser und tödlicher als der aktuelle Ausbruch.

Besonders eindrücklich war die Westafrika-Epidemie von 2014 bis 2016 mit rund 28’000 Erkrankten und über 11’000 Todesfällen. Auch der Kivu-Ausbruch 2018 bis 2020 verlief dramatisch mit über 2000 Todesfällen.

Die Frage drängt sich deshalb auf: Warum erklärt die WHO ausgerechnet jetzt einen internationalen Gesundheitsnotstand – bei einem Virus, das epidemiologisch seit Jahrzehnten bekannt ist und das nach aktuellem Wissensstand kein realistisches Pandemiepotenzial besitzt? Hat sich die Definition des «Notstands» verändert?

Vielleicht. Seit Covid hat sich der Umgang internationaler Organisationen mit Gesundheitsrisiken deutlich verändert. Behörden reagieren heute früher, sensibler und vorsichtiger. Bereits die Möglichkeit einer grenzüberschreitenden Ausbreitung genügt offenbar zunehmend, um höchste Alarmstufen auszulösen.

Man könnte dies als Lernprozess interpretieren. Man könnte aber auch kritisch fragen, ob der Begriff «Gesundheitsnotstand» dadurch schleichend inflationär wird.

Denn wenn praktisch jede ernsthafte Infektionskrankheit mit internationaler Aufmerksamkeit zum «globalen Notstand» erklärt wird, verliert dieser Begriff langfristig möglicherweise an Bedeutung.

Ein weiterer bemerkenswerter zeitlicher Zusammenhang

Interessant ist zudem ein anderer, wenig beachteter Punkt: Nur wenige Monate vor dem aktuellen Ausbruch wurde bekannt, dass die von der Bill-&-Melinda-Gates-Stiftung unterstützte CEPI («Coalition for Epidemic Preparedness Innovations») zusammen mit EU-Programmen rund 26,7 Millionen Dollar für die Entwicklung neuer multivalenter Filovirus-Impfstoffe gesprochen hat. Beteiligt sind unter anderem die Universität Oxford und Moderna. Ziel ist explizit auch die Entwicklung von Impfstoffen gegen den Bundibugyo-Ebola-Stamm. Die Gates-Stiftung ist eine der Geldgeberinnen der WHO und der CEPI.

Selbstverständlich beweist ein solcher zeitlicher Zusammenhang keinerlei Absicht oder gar eine koordinierte Strategie. Aber die Frage darf gestellt werden. Denn die WHO berichtete kürzlich, dass die Entwicklung eines Impfstoffes noch sechs bis neun Monate dauern dürfte.

Wer medizinische Entwicklungen seit Jahren beobachtet, erkennt ein wiederkehrendes Muster: Kurz bevor neue Medikamente, Impfstoffe oder Präventionsprogramme auf den Markt kommen, steigt häufig die mediale Aufmerksamkeit für die entsprechende Erkrankung deutlich an.

Beispiele dafür finden sich zahlreiche:

  • intensive Medienkampagnen rund um Gürtelrose vor Einführung neuer Impfstoffe gegen Gürtelrose
  • neue Aufmerksamkeit für Lyme-Borreliose im Umfeld neuer Impfstoffentwicklungen
  • starke mediale Thematisierung erektiler Dysfunktion vor der Einführung von Viagra
  • zunehmende öffentliche Diskussionen über RSV kurz vor der Lancierung neuer RSV-Impfstoffe

Natürlich bedeutet dies nicht automatisch Manipulation. Pharmafirmen investieren verständlicherweise erhebliche Mittel in Öffentlichkeitsarbeit und «Disease Awareness». Dabei geht es darum, die Aufmerksamkeit für bestimmte Erkrankungen zu erhöhen – natürlich immer für solche Krankheiten, gegen die die Firma etwas anzubieten hat. Das gehört zum modernen Gesundheitsmarkt.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob solche Mechanismen existieren – sondern wie transparent darüber gesprochen wird.

Kritische Fragen sollten erlaubt bleiben

Die aktuelle Ebola-Epidemie ist real. Die Erkrankung ist gefährlich. Die betroffenen Regionen benötigen medizinische Unterstützung. Aber:

  • Weshalb wird gerade dieser Ausbruch zum internationalen Gesundheitsnotstand erklärt – obwohl es früher schon grössere Ausbrüche gab?
  • Nach welchen Kriterien erfolgte diese Entscheidung?
  • Welche Rolle spielen politische Kommunikation, internationale Finanzierung und Impfstoffentwicklung?
  • Und wie verhindern wir, dass medizinische Alarmbegriffe ihre Glaubwürdigkeit verlieren?

Vertrauen entsteht langfristig nicht durch immer stärkere Alarmmeldungen. Vertrauen entsteht durch Transparenz, Verhältnismässigkeit und die Bereitschaft, auch unbequeme Fragen offen zu diskutieren. Und es lässt sich nicht von der Hand weisen, dass in der derzeitigen Medienberichterstattung immer wieder davon berichtet wird, dass wir noch über keinen Impfstoff gegen den aktuellen Bundibugyo-Stamm des Ebolavirus haben.

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