Junk Food bit245

Industriell verarbeitete Nahrungsmittel sind Ursache vieler Zivilisationskrankheiten. © bit245/Depositphotos

Mehr Medizin hilft gegen Krebs und Diabetes nur wenig

Urs P. Gasche /  Meist machen nicht die Gene dick oder lösen Krebs aus, sondern unsere Lebensweise. Und diese lässt sich nicht mit Pillen ändern.

Es sind Zivilisationskrankheiten, an denen die Menschen heute am meisten leiden. Doch Pharmaindustrie, Spitäler und selbst Ärzte-Organisationen setzen sich politisch kaum dafür ein, deren Ursachen zu bekämpfen.

Eine gesunde Lebensweise hat keine Lobby.

Als typische Zivilisationskrankheit gilt starkes Übergewicht. Es führt zu schweren Krankheiten und verkürzt das Leben. Aber – beispielsweise – auch für den weit verbreiteten Brustkrebs ist unsere Lebensweise verantwortlich. 


Beispiel eins: Viel häufiger Diabetes und Krebs

In Ländern mit traditioneller Kost – reich an Vollkorn und Hülsenfrüchten, arm an tierischen Fetten und industriell verarbeiteten Produkten – sind Übergewicht und viele chronische Krankheiten selten. Doch wandern Menschen aus solchen Regionen in Länder wie die USA, Grossbritannien oder Deutschland aus, übernehmen sie oder spätestens ihre Nachkommen das dortige Ernährungsangebot. Bald bewegen sie sich körperlich auch weniger als in ihren Heimatländern. Viele werden übergewichtig und ihr Krankheitsrisiko steigt stark an.

Ihre Gene sind die gleichen geblieben. Nur ihre Umgebung hat sich verändert.

Das hat Ernährungswissenschaftler Kevin Hall in seinem neuen Buch «Food Intelligence» einmal mehr nachgewiesen. Ungesunde Nahrung sei heute billig, überall verfügbar und werde aggressiv beworben, schreibt er. Das führe dazu, dass Menschen mehr essen, als sie wollten – und viel Ungesundes dazu. 

Die Verantwortung für Zivilisationskrankheiten liege nicht bei «willensschwachen» Einzelnen, sondern bei einem System, das Überkonsum zur Normalität mache. Hall kritisiert die Regierungen, die gegen ultraverarbeitete Lebensmittel kaum vorgehen: keine Steuern, keine Warnhinweise und keine Werbebeschränkungen. 

Schon frühere Studien haben es nachgewiesen: Verlassen Menschen ihre Heimatländer, wo sie sich noch traditionell ernährten, und ziehen in Länder wie die USA, Grossbritannien oder Deutschland, übernehmen sie schnell den westlichen Lebensstil. Sie essen zu viele industriell verarbeitete Produkte, nehmen zu viele Kalorien auf und bewegen sich weniger. Die Folge: Sie erkranken viel häufiger an chronischen Krankheiten und Krebs als jene, die in ihren Heimatländern bleiben.


Beispiel zwei: Vier- bis siebenmal mehr Brustkrebs

Vor dem Zweiten Weltkrieg erkrankten Frauen in den USA vier- bis siebenmal häufiger an Brustkrebs als Frauen in Japan und anderen ostasiatischen Ländern. Dort war Brustkrebs selten. Zuerst erklärte man dies mit einem unterschiedlichen Erbgut. 

Doch mit unterschiedlichen Genen hatte das nichts zu tun. 

Den Beweis lieferte 1993 eine grosse Fall-Kontroll-Studie: Wenn Frauen aus Japan oder anderen ostasiatischen Ländern in die USA einwanderten, stieg ihr Brustkrebsrisiko über ein bis zwei Generationen deutlich an. Es näherte sich dem Niveau der US‑Frauen. Der Grund: Die Japanerinnen hatten die ungesunde Lebensweise der Amerikanerinnen übernommen. Es geht vor allem um Junk-Food, Fleisch- und Milchfette sowie um deutlich weniger körperliche Aktivität.

Seit nach dem Zweiten Weltkrieg auch die Frauen in Japan anfingen, mehr Milchprodukte und tierische Fette zu essen, nahm die Häufigkeit von Brust- und Eierstockkrebs auch in Japan langsam zu.


Von den Infektions- zu den Zivilisationskrankheiten

Früher starben die Menschen vor allem an Infektionskrankheiten. Dank sauberem Trinkwasser, besserer Hygiene, Impfungen und Antibiotika gingen diese Todesursachen im 20. Jahrhundert massiv zurück. Das führte zu einer deutlich längeren Lebenszeit.

Heute dominieren chronische Zivilisationskrankheiten: Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Typ-2-Diabetes und andere Stoffwechselerkrankungen.

Die Ursachen sind 

  • Zu wenig körperliche Bewegung, 
  • zu viele ungesunde tierische Fette, 
  • zu viele Milchprodukte, 
  • zu viel Tabakkonsum sowie zu viel Alkohol und andere Drogen.

Die Medizin kann diese Ursachen der modernen Zivilisationskrankheiten nicht beseitigen. Sie behandelt nur die Krankheiten, die daraus entstehen. Doch dabei stösst sie an Grenzen. Medizinische Durchbrüche sind selten geworden. Nur die Kosten schnellen in die Höhe.

Wollten Regierungen wirklich den allgemeinen Gesundheitszustand der Bevölkerung verbessern und die durchschnittliche Lebenserwartung erhöhen, müssten sie zusätzliche Milliarden nicht in Spitäler und Medikamente investieren, sondern in Anreize für mehr körperliche Bewegung und massvolleres Essen, gegen Rauchen, übermässigen Alkoholkonsum, Feinstaub, PFAS und andere Schadstoffe. Auch die Armut gälte es noch entschiedener zu bekämpfen, denn die Ärmsten sterben im Schnitt zehn Jahre früher als die Reichsten.

Einzelne Massnahmen wären für den Staat sogar kostenlos zu haben: ein Werbeverbot für Tabakwaren (einschliesslich E-Zigaretten), Tempo 30 in Städten zur Reduzierung von Feinststaub, eine Steuer auf Zucker, der Verzicht auf Subventionen für die Fleischwirtschaft sowie weitere präventive Schritte.

Doch Regierungen und Parlamente bleiben weitgehend passiv. Sie kümmern sich nicht ernsthaft um die öffentliche Gesundheit, sondern schieben die Verantwortung auf die Einzelnen ab. Das ist eine Bankrotterklärung der Gesundheitspolitik.

Anders sieht es Autor Kevin Hall. Würde eine Fabrikchemikalie die Mehrheit der Bevölkerung krank machen, käme niemand auf die Idee, das Problem allein mit Wasserfiltern und Medikamenten für die Erkrankten zu lösen. Man würde dafür sorgen, dass das Gift an der Quelle beseitigt wird.

Diese Konsequenz wünscht sich Kevin Hall auch im Umgang mit ultraverarbeiteten Lebensmitteln. 


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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