Berner Theater hält sich einen Kulturjournalisten – aus der Not
Auf den Feuilleton-Seiten in den Medien sind sie selten geworden – die Artikel, in denen sich ein Kulturjournalist mit einem Buch, einem Film, einer Ausstellung oder einer Theateraufführung auseinandersetzt und dem Publikum zu vermitteln versucht, was er gut und was er schlecht findet.
Die Folge dieser starken Ausdünnung: Kulturinteressierte erfahren gar nicht mehr, dass es kleinere Theater wie das Theater an der Effingerstrasse in Bern überhaupt gibt – geschweige denn, dass ein neues Stück gespielt wird.
Das Theater an der Effingerstrasse versucht es nun anders. Es beschäftigt selber einen Kritiker, nämlich den pensionierten Kulturjournalisten Charles Linsmayer. Er bespricht die Aufführungen, welche die Medien ignorieren.
Damit die Kritik dann trotzdem in den Medien erscheint, schaltet das Theater Werbung in den gedruckten Ausgaben der beiden Berner Tageszeitungen «Bund» und «Berner Zeitung».

Das Inserat enthält einen QR-Code, der zum Text des Kritikers auf der Website des Theaters führt. Dort findet man dann nicht etwa einen wohlwollenden Werbeartikel, sondern die differenzierten Aussagen eines erfahrenen Kulturjournalisten.
Zum derzeit gespielten Stück «Seltene Stoffe» schreibt er unverblümt, es sei eine «gut gemeinte Politsatire» und die Aufführung weise «nach einem furiosen Einstieg etwas Längen auf» und könne «in seiner erzählerischen Logik nicht so ganz überzeugen».
Trotzdem kommt er dann zum Schluss, dass die Schauspielerin Marlise Fischer «in einer Glanzrolle» das «Ereignis dieser Theateraufführung» sei – und «der Grund, warum man den Besuch auf keinen Fall verpassen sollte.»
Ob solche selbstfinanzierte Theaterkritik eine Zukunft hat, lässt sich nach diesem ersten Versuch noch nicht beurteilen. Marina Bolzli, Journalistin beim Berner Online-Medium «Hauptstadt», findet, dass die Idee zumindest «auf einer betriebswirtschaftlichen Ebene» funktionieren könnte: Der Medienkonzern Tamedia habe mehr Einnahmen, das Theater mehr Sichtbarkeit und dadurch vielleicht mehr Besucher und Besucherinnen.
Für Bolzli ist es trotzdem eine Verzweiflungstat, die sie nachdenklich macht. Selbst grosse und etablierte Häuser könnten nicht mehr davon ausgehen, dass ihre Kulturproduktionen von wenigstens einem Medium aufgenommen würden.
Was sie zur Frage führt, was die Aufgabe von Medien sei. Es sei zwar nicht deren Pflicht, Kulturinhalte zu kritisieren. «Aber im Idealfall behält der Kulturjournalismus die grossen gesellschaftlichen Fragen im Blick – und die gehen eben gar nicht selten von Kulturproduktionen in der eigenen Stadt aus.»
Ein Theater mit auffällig wenig Subventionen
Das Theater an der Effingerstrasse eröffnete 1951 unter dem Namen «Atelier-Theater» seine erste Spielzeit. Friedrich Dürrenmatt inszenierte 1959 eine Fassung seines «Besuchs der alten Dame». Auch die Romanadaptionen von Lukas Hartmann kamen dort zur Uraufführung. Als dem Theater 1995 die Subventionen auf 1,2 Millionen Franken halbiert wurden, schloss das Theater.
Doch der Vorhang fiel nicht für immer: Der Theatermacher, Regisseur und Autor Markus Keller tat sich mit Ernst Gosteli, einem ehemaligen kaufmännischer Leiter des Berner Stadttheaters, und mit der Schauspielerin Marianne Weber zusammen. Unter dem neuen Namen Theater an der Effingerstrasse spielte das Theater weiter – ohne Subventionen.
Mittlerweile fliesst wieder öffentliches Geld. Doch noch immer stammen etwa 60 Prozent der Einkünfte aus Eintrittsgeld. Zum Vergleich: Das Berner Stadttheater und das Zürcher Schauspielhaus finanzieren ihren Betrieb nur etwa zu 20 Prozent mit Eintritten. Fast 80 Prozent kommen von Stadt und Kanton.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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