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Daniel Goldstein © Grietje Mesman

Sprachlupe: Noch ein vermeintliches Schweizerdeutsch

Daniel Goldstein /  Aus Microsofts Datenwolke erklingt eine fehlgeleitete Stimme – wenn man den richtigen Knopf findet.

Für Deutsche, die aus entlegenen Winkeln wie Berlin oder Hamburg in die Schweiz kommen, hat Microsoft ein Trainingslager eingerichtet, allerdings wohl ohne Absicht. Es ist ein bisschen versteckt, und das ist gut so, denn seine Risiken und Nebenwirkungen sind beträchtlich. Immerhin kann das Training die Fall­höhe verringern, wenn Zugereiste herausfinden, dass Schweizerdeutsch doch nicht so leicht verständlich ist, wie sie es nach der ersten Begegnung meinen: Oft wird kolportiert, die erstbesten Einheimischen hätten sich redlich Mühe geben, Hochdeutsch zu reden; ungeübte Deutsche erhalten so den Eindruck, sie hätten die hiesige Mundart vernommen und auf Anhieb verstanden.

Was nun Microsoft anbietet, ist weiter von Standarddeutsch in Deutschland entfernt als jegliches noch so rustikale Schriftdeutsch aus Schweizer Mund. Es klingt nach Mundart, ist aber noch bei Weitem keine. Wer es hören will, benötigt ein Microsoft-Konto und kann dann Dateien in eine «Wolke» laden: One Drive oder Word for the Web. Es folgt das Aufwärmen fürs Training: einen hochdeutschen Text hochladen, im Suchfenster oben Mitte «Plastischer Reader» aufrufen; in der neuen Darstellung oben rechts mit dem Buch-Symbol «Leseeinstellungen» öffnen, bei «Übersetzen» Auswahl aufrufen und «Deutsch (Schweiz)» wählen, Option «Dokument» einschalten.

KI-Assistent hilft: beim Ausschalten

Nun kann’s losgehen, mit dem weissen Pfeil im grünen Feld. Schweizerische Ohren bekommen einen Graus zu hören, uneingeweihte immerhin einen mundartlichen Klang, aber Wort für Wort auf den Text appliziert. Bei gängigen Wörtern kommt tatsächlich die zürcherische Dialekt-Entsprechung, sonst ungefähres Hochdeutsch mit Akzent und immer gemäss der Grammatik der Vorlage, also auch mit Genitiv- und Präteritumformen, die es in keiner Deutschschweizer Mundart gibt. Als Test ist hier die «Sprachlupe» vom 10. August 2024 über «Südhochdeutsch» eingerichtet; ohne Einloggen bei Microsoft lässt sich der Plastische Reader bei den drei Punkten oben rechts holen. Tönt es noch nicht schweizerisch: wie oben beschrieben einstellen oder den Mitschnitt der ersten Hälfte abrufen. Es empfiehlt sich, wenn nötig jemanden mit guter Mundartkenntnis zur Seite zu haben. Sind Lachanfall oder Schockstarre vorbei, kann man dann gleich zur Sache kommen: Wie tönt echter Dialekt? Ganz anders eben.

Noch letztes Jahr waren beim Online-Word keine Umwege nötig, um dieses seltsame «Deutsch (Schweiz)» zu vernehmen; vielmehr schallte es mir unvermittelt entgegen, nachdem ich die Vorlese­funk­tion entdeckt hatte; aus «Zeichen» wurde zum Beispiel «Ziiche». Den Spuk loszuwerden, war nicht ganz einfach. Ich rief Microsofts KI-Assistenten Copilot zu Hilfe – in der Hoffnung, der werde in sozusagen eigener Sache nicht (nur) flunkern. In der Tat erhielt ich viele Vorschläge für Schritte, die nützen könnten. Die ersten paar brachten nichts, aber in der zweiten Antwortrunde waren die Einstellungen meines Microsoft-Kontos ein Thema. Die vorgeschlagene Änderung brachte mich in den Genuss bundesdeutscher Beschallung. Und so ging es bei Copilot weiter:

«Stattdessen ein künstlicher Dialekt»

Der KI-Assistent nahm zwar an, das Problem liege nur an der verwendeten Vorlesestimme, kam aber dennoch zu einem Schluss, der die Steuerung der Stimme betrifft, nicht diese selbst:


Wohlgenährte Skepsis

Ob die Entwickler die (von mir erbetene) Meldung bekommen haben und darauf eingegangen sind, weiss ich nicht. Aber heute gibt es für die Kontosprache bei Deutsch nur eine einzige Einstellung, zusätzlich bei «Übersetzung» drei Ländereinstellungen für Deutsch (D, A, CH). «Schweiz» ergibt mündlich immer noch das gleiche verquere Resultat, auch wenn man aus einer Fremdsprache übersetzen lässt. Schriftlich erscheint dann oft gutes Hochdeutsch, aber beim Vorlesen verwandelt es sich wieder in Pseudodialekt. Wenigstens ist jetzt der Fauxpas mit der «Schweizer-Stimme» besser versteckt; ist sie gefunden und darf diesen Satz vorlesen, so sagt sie darin «Faxpass».

Skeptisch war ich schon 2021 gegenüber «Mundart, die aus dem Computer kommt». Zwei Jahre später konnte ich berichten: «So tönt künstlich intelligentes Schweizerdeutsch». Die Skepsis wurde damals nicht geringer. Neue Nahrung gibt ihr der Telefonbeantworter der Gemeindeverwaltung Ittigen. Schwer zu sagen, ob er künstlich oder natürlich bestückt ist, jedenfalls ergötzt oder bedrückt er Berner Ohren in Tonfall und Anrede zürcherisch: «Die Person, die Si z’erreiche versueche, isch zurzyt nid verfüegbar. Bitte hinderlasse Si e Nachricht nachem Ton.» Missglückt (und kursiv markiert) sind da nacheinander Wahl, Reihenfolge und Form von Wörtern. Haben Sie eigene Erfahrungen mit automatischer Sprachausgabe in Mundart oder schweizerischem Hochdeutsch? Dann berichten Sie doch bitte in einem Kommentar darüber – vielen Dank im Voraus!

Weiterführende Informationen

  • Indexeinträge «Helvetismen/Hochdeutsch» und «Schweizerdeutsch» in den «Sprachlupen»-Sammlungen: tiny.cc/lupen1 bzw. /lupen2, /lupen3. In den Bänden 1 und 2 (Nationalbibliothek) funktionieren Stichwort­suche und Links nur im herun­tergeladenen PDF.
  • Quelldatei für RSS-Gratisabo «Sprachlupe»: sprachlust.ch/rss.xml; Anleitung: sprachlust.ch/RSS.html

Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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