leeres Kinderbett

In der Schweiz kam es 2025 zum dritten Mal in Folge zum Rückgang der Geburtenziffer. © IgorVetushko / Depositphotos

Geburtenzahl nimmt weltweit stark ab

Martina Frei /  Der Rückgang ist eine Herausforderung für die Staaten. Mit Ködern und Druck versuchen sie, dem entgegenzuwirken.

Seit 1. Januar erhebt China auf Kondome eine Steuer von 13 Prozent. Bisher waren Verhütungsmittel dort steuerbefreit. Die Erhöhung soll dazu beitragen, dass wieder mehr Babys zur Welt kommen – wird aber laut einem Artikel in «The Lancet» wahrscheinlich auch zu mehr sexuell übertragbaren Krankheiten führen. Ungewollte und Teenager-Schwangerschaften würden sich nun wohl ebenfalls häufen. 

In den 1960er Jahren brachten Frauen in China im Durchschnitt sieben Kinder zur Welt – heute ist es weniger als eines. Laut dem «Deutschen Ärzteblatt» sank die Geburtenrate letztes Jahr um 17 Prozent, verglichen mit dem Vorjahr. 43 Prozent aller Schwangerschaften würden in China abgebrochen.

Einige chinesische Provinzen hätten bereits versucht, die Geburten anzukurbeln, indem sie bei den Kosten für eine künstliche Befruchtung einen Rabatt gewähren oder Frischvermählten Extra-Ferientage schenken, berichtete das «British Medical Journal» kürzlich. Die Provinz Yunnan habe von manchen Frauen sogar verlangt, das Datum ihrer letzten Mens anzugeben, damit Schwangere identifiziert werden können.

Staatlich gefördertes Dating

Südkorea veranstaltet derweil vom Staat geförderte Dating-Events. Das Land zahlte laut «The Lancet» in den letzten 16 Jahren 270 Milliarden Dollar an Eltern aus, um einen Anreiz fürs Kinderkriegen zu schaffen. Dennoch sinke die Geburtenrate weiter und liege inzwischen bei etwa 0,75.

In über der Hälfte aller Länder ist laut «The Lancet» die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau bereits auf unter 2,1 gesunken. Das ist etwa das Niveau, das es bräuchte, um die Bevölkerungszahl zu halten. Mitte des 20. Jahrhunderts lag die Anzahl an Kindern pro Frau im weltweiten Durchschnitt bei 5. 

«Bereits kleine Veränderungen dieser Zahl können grosse Effekte nach sich ziehen», erläuterte «Nature» letzten August. Eine Fruchtbarkeitsrate von 1,7 könne die Bevölkerungszahl mehrere Generationen früher auf die Hälfte schrumpfen lassen, verglichen mit einer Rate von 1,9.

Abnahme der Geburten pro Frau weltweit
Weltweit nimmt die durchschnittliche Anzahl der Geburten pro Frau ab.

«Unglaublicher Einbruch»

Japan investierte seit den 1990er-Jahren unter anderem in bessere Kinder-Tagesbetreuung, kürzere Arbeitszeiten für Eltern und anderes mehr – doch die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau fiel trotzdem auf 1,26 im Jahr 2022.

Mit wenigen Ausnahmen sei dieser Trend in allen Ländern zu beobachten, berichtete «Nature». Bei der Fruchtbarkeit habe es «einen absolut unglaublichen Einbruch» gegeben, «und er findet in vielen Ländern statt, von denen man das nie erwartet hätte», zitiert das Wissenschaftsmagazin einen Wissenschaftler der Universität Pennsylvania. Einer groben Schätzung zufolge würden sich bis 2050 mehr als drei Viertel aller Länder weltweit damit konfrontiert sehen.

Ausnahmen sind die Länder südlich der Sahara. Frauen in Nigeria beispielsweise bekommen im Durchschnitt mehr als vier Kinder. Wenn sich dies fortsetze, wäre Nigeria 2050 das Land mit der drittgrössten Bevölkerung.

Im Iran begann in den 1980er Jahren eine gross angelegte Kampagne zur Familienplanung, die zum «stärksten und raschesten Rückgang der Fruchtbarkeitsrate führte, der je verzeichnet wurde: in weniger als zwei Jahrzehnten von fast 7 [Kinder pro Frau– Red.] auf unter 2». Seit 2006 versuche das Land nun, die Geburtenziffer wieder zu steigern. 

«Trump-Konto» für Babys und andere Vergünstigungen

In den USA liegt sie bei 1,6. Von 2007 bis 2024 ging die Fruchtbarkeitsrate dort um 22 Prozent zurück. Neugeborene erhalten 1000 Dollar von der Regierung, wenn die Eltern für das Baby ein «Trump-Konto» eröffnen. Dabei handelt es sich um einen Investment-Fonds, in den Eltern und Arbeitgeber einzahlen können.  

Auch Australien wollte potenzielle Eltern mit Geld ködern, nach dem Motto «eines für Mami, eines für Papi, eines für das Land», wie der frühere australische Finanzminister Peter Costello sagte. 2004 gab es pro Neugeborenes einen 3000-Dollar-Baby-Bonus, später wurde dieser auf 5000 australische Dollar erhöht. Die Geburtenziffer stieg daraufhin zwar zunächst um sieben Prozent, allerdings ist unklar, ob Paare ihren Kinderwunsch nur vorzogen oder ob dies tatsächlich zu mehr Geburten führen wird.

Historischer Tiefstand in der Schweiz

In Ungarn hat die Regierung Mütter ab dem zweiten Kind lebenslang von der Einkommenssteuer befreit. Skandinavische Länder hingegen gewähren vergleichsweise grosszügige Elternzeiten. Die Fruchtbarkeitsraten fielen dort zwar weniger steil ab als in anderen europäischen Ländern, trotzdem bleibe die Fruchtbarkeitsrate «hartnäckig» unter 2,1, stellt «The Lancet» fest.

In der Schweiz erreichte die Anzahl der Kinder pro Frau letztes Jahr mit 1,29 einen historischen Tiefstand. 2020 betrug sie 1,47, dann stieg sie 2021 auf 1,52. Seither fällt sie wieder. «Ein Rückgang dieser Grössenordnung über mehrere Jahre hinweg ist seit Ende der 1970er Jahre nicht mehr zu beobachten», informierte das Bundesamt für Statistik im November 2025. 

Rückgang der Geburtenhäufigkeit in der Schweiz
Rückgang der Geburtenhäufigkeit in der Schweiz. Deutlich zu sehen ist der «Pillenknick» drei Jahre nach der Einführung der Antibabypille im Jahr 1961.

Weniger Geburten plus Abwanderung

Frankreich hatte 2023 mit 1,66 noch die zweithöchste Fruchtbarkeitsrate in Europa (nach Bulgarien mit 1,81). Nun ist sie in Frankreich auf 1,56 gefallen, der tiefste Wert seit dem Zweiten Weltkrieg. Schon 2024 verzeichneten 20 von 27 EU-Staaten mehr Todesfälle als Geburten, meldet der «Guardian». Frankreich reiht sich dort jetzt ebenfalls ein.

In der vom Krieg gezeichneten Ukraine gebären Frauen im Durchschnitt jetzt weniger als ein Kind.

Länder mit mittleren Einkommen wie die Türkei, Kuba oder Kolumbien könnten von  den sinkenden Geburtenraten künftig am stärksten betroffen sein. Denn zum fehlendem Nachwuchs geselle sich dort die Auswanderung hinzu; viele junge Menschen zügeln in reichere Länder.

Die Treiber und die Folgen dieser Entwicklung

Weniger Arbeitskräfte, sinkende Steuereinnahmen, gleichzeitig mehr Renten, mehr Kranke und steigende Pflegekosten – als extreme Konsequenz dieser Spirale drohe laut manchen Fachleuten, die «The Lancet» konsultierte, ein «Bevölkerungskollaps».

Politisch könnten die sinkenden Geburtenraten nationalistischen oder gar rassistischen Strömungen Auftrieb verleihen. Weniger Macht, nachlassende Innovationskraft und militärische Schwäche der betroffenen Länder seien weitere mögliche Folgen, ergänzt «Nature». Auch Stadt-Land-Unterschiede würden sich akzentuieren. Für die Umwelt dagegen wäre der Bevölkerungsrückgang wahrscheinlich ein Vorteil. Denn wenn die Menschen weniger Platz beanspruchen, bedeutet dies mehr Raum für andere Arten.

Treiber der sinkenden Geburtenziffer sind laut verschiedenen Quellen besserer Zugang zu Verhütungsmitteln, mehr psychische Probleme bei jungen Erwachsenen, weniger Sex und Liebesbeziehungen, dafür mehr Online-Unterhaltung, bessere Ausbildung von Frauen, späteres Heiraten, mangelnde Beteiligung der Väter beim Grossziehen der Kinder oder das Verschieben des Kinderwunsches auf einen Zeitpunkt, an dem die Empfängnis biologisch schwieriger wird. Ein Übriges tun hohe Mieten und Lebenshaltungskosten, Stress, existenzielle Sorgen, Arbeitsplatzunsicherheit und Zukunftsängste sowie giftige Umweltchemikalien. Nicht erwähnt werden als mögliche zusätzliche Faktoren Übergewicht oder die Folgen der Corona-Pandemie.


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