Der Virenjäger und sein Schmuggelgut
Am 25. Januar reiste der Virologe Vincent Munster per Flugzeug aus der Demokratischen Republik Kongo nach Detroit. Am dortigen Flughafen forderten ihn Beamte auf, das Gepäck zu öffnen. Sie fanden Dutzende von Ampullen mit Proben von Patienten – ohne die dafür nötigen Papiere. Das berichtete zunächst ein Whistleblower. Nun ermittle das FBI.
Munster erforscht an seinem Arbeitsort, einem Hochsicherheitslabor im US-Bundesstaat Montana, gefährliche Erreger, darunter Ebola- und Affenpocken-Viren. Auch an Projekten der Forschungsagentur des US-Militärs war er schon beteiligt.
Das Wissenschaftsmagazin «Science» beschrieb 2017, wie der Virusforscher mit seinem Team in der Demokratischen Republik Kongo Fledermäuse einfing, um ihnen Blut und Urin abzunehmen. Immer wieder komme Munster an diesen Ort, immer auf der Suche nach aktiven Ebola-Viren, die er in den Fledermäusen zu finden hoffe. Doch: «Material zu verschicken, welches das Ebola-Virus enthalten könnte, ist ein bürokratischer Albtraum. Es kann Monate dauern, bis die Proben in den USA eintreffen», stand in dem Artikel.
Was die Proben genau enthielten, die Munster nun im Januar 2026 aus der Demokratischen Republik Kongo mitgebracht hat, ist öffentlich nicht bekannt. Mindestens seit April zirkuliert dort im östlichen Landesteil das als «Ebola» bezeichnete Bundibugyo-Virus. Munsters Feldstudie zu Ebola wird laut den National Institutes of Health im westlichen Teil der Republik durchgeführt.
Journalist sah interne E-Mails
Dass Munster am Flughafen Detroit erwischt worden sei, machte der Journalist Paul Thacker in seinem Blog «The Disinformation Chronicle» öffentlich. Er beruft sich auf interne E-Mails im US-Gesundheitsministerium. «Virologen sammeln regelmässig Viren aus weit entfernten Ländern und bringen sie in ihre eigenen Städte, um sie dort zu studieren», schrieb Thacker. Einer dieser Virologen sei Vincent Munster.
Auf Anfrage von Infosperber antwortet Thacker: «Vincent Munster hat gefährliche menschliche Krankheitserreger in die USA geschmuggelt. Und das, obwohl wir eine Covid-Pandemie hatten, die vermutlich durch Virusforschung ausgelöst wurde, und obwohl das Weisse Haus daran arbeitet, gefährliche Gain-of-function-Forschung zu beenden.» Bei der Gain-of-function-Forschung werden Krankheitserreger absichtlich gefährlicher gemacht.
In seinem Blog hatte Thacker aber relativiert: Die Krankheitserreger, darunter das Affenpockenvirus «und potenziell weitere Viren», die Munster mitgebracht habe, «könnten durch die Reagenzien inaktiviert und somit nicht mehr infektiös gewesen sein». Munster habe auf mehrere Anfragen Thackers nicht geantwortet. Das US-Gesundheitsministerium verwies Thacker an das FBI, und dieses habe nicht Stellung nehmen wollen.
«Wird wahrscheinlich ins Gefängnis gehen»
Vincent Munster werde «wahrscheinlich ins Gefängnis gehen», zitierte die glühende Trump-Anhängerin und Influencerin Laura Loomer den US-Gesundheitsminister Robert F. Kennedy. Kennedy habe ihr dies schriftlich mitgeteilt. Loomer hat einen guten Draht zum Weissen Haus.
Sie betont, dass es sich bei Munster um einen Ausländer handelt, und behauptet, der Virenforscher hätte Ebola-Viren im Gepäck gehabt – und dann schiessen Loomers Spekulationen ins Kraut: Habe Munster womöglich einen bioterroristischen Anschlag geplant?
«Wir wissen, dass Vincent Munster Präsident Trump hasst. Versuchte er, während der Regierungszeit von Donald Trump ein weiteres Virus von der Leine zu lassen, um dessen Amtszeit erneut zu ruinieren oder ihn für einen Ebola-Ausbruch verantwortlich zu machen?», spekulierte die Influencerin kürzlich auf x.com und spielte damit auf die Corona-Pandemie an.
An umstrittenen Experimenten beteiligt gewesen
Munster stammt aus den Niederlanden. 2013 baute er die Abteilung für Virus-Ökologie an den Rocky Mountain Laboratorien in Hamilton auf, die er nun leitet. Die Forschungsstätte wird vom Nationalen Institut für Allergie und Infektionskrankheiten (NIAID) betrieben. Dessen früherer Leiter Anthony Fauci unterstützte die Gain-of-function-Forschung und hielt sie für nützlich.
Sein Metier erlernte Munster unter anderem beim Virologen Ron Fouchier an der Erasmus-Universität Rotterdam. Fouchier entfachte 2011 einen Sturm, als er im Labor höchst gefährliche H5N1-Grippeviren schuf (Infosperber berichtete darüber). Die Risiken solcher Gain-of-function-Forschung redete er klein. Munster war an den umstrittenen H5N1-Experimenten beteiligt.
Zika-Viren geschmuggelt – oder nicht?
Geleitet wird die Abteilung für Virologie an der Erasmus-Universität von Marion Koopmans, die auch für die WHO arbeitet. Freigeklagte E-Mails zeigten, dass sich Fouchier, Koopmans und Munster mindestens zu Beginn der Corona-Pandemie mit dem mächtigen US-Wissenschaftler und damaligen Präsidentenberater Anthony Fauci austauschten. Fouchier war im Hintergrund daran beteiligt, die öffentliche Meinung so zu lenken, dass die Hypothese, Sars-CoV-2 könne aus einem Labor stammen, vorschnell abgetan wurde. Als Vertreter der Gain-of-function-Forschung hatte er kein Interesse daran, dass dieser Forschungszweig in Verruf gerät und womöglich durch Auflagen erschwert oder ganz gekappt wird.
Auch Koopmans wurde schon bezichtigt, illegal Virusmaterial ausser Landes gebracht zu haben. «Marion Koopmans sagte mir auf dem Rücksitz eines Taxis in Genf, dass sie Zika-Viren in einer Ampulle in der Hosentasche aus Brasilien herausgeschmuggelt habe», twitterte der US-Wissenschaftler Edward Hammond 2021. Er setzt sich seit Jahrzehnten für mehr Biosicherheit ein. Koopmans bezeichnete seine Anschuldigungen prompt als «Bullshit».

«Rücksichtslos und unehrlich»
Auf Nachfrage von Infosperber blieb Hammond jedoch bei seiner Darstellung. Laut dem brasilianischen Gesetz über genetische Ressourcen und Biosicherheit wäre ein solcher Schmuggel verboten gewesen. Was beim Transport erlaubt ist, ist geregelt, nachzulesen beispielsweise auf der Website der Eidgenössischen Fachkommission für Biologische Sicherheit, die erst jüngst aktualisiert wurde.
Im Fall des «Ausländers» Vincent Munster, der seit 2009 in den USA forscht, hat sich inzwischen der republikanische Senator Tim Sheehy eingeschaltet. Ihm zufolge ist inzwischen bestätigt, dass Munster am Flughafen Detroit vorübergehend festgenommen wurde und dass das FBI ermittelt.
Ist Munster ein Bauernopfer, weil die Trump-Regierung mit den Fauci nahestehenden Gain-of-function-Forschern noch eine Rechnung offen hat – oder hat er die Regeln tatsächlich massiv verletzt?
Der Journalist Paul Thacker bleibt dabei: «Vincent Munster hat gefährliche menschliche Krankheitserreger geschmuggelt. Ob diese inaktiviert waren oder nicht, wissen wir nicht.» Wenn er die Dokumente, die er habe einsehen können, veröffentlichen dürfte, hätte er dies getan, teilt Thacker mit. Das Vorgehen Munsters «unterstreicht, dass diese Virologen sich nicht an die Regeln halten. Sie sind der Öffentlichkeit gegenüber viel zu lange rücksichtslos und unehrlich vorgegangen.»
Munster dementiert nicht und schweigt, auch auf Anfrage von Infosperber.
Warum hat Munster keine Erlaubnis eingeholt?
«Ich finde, der Fall sollte zumindest untersucht werden», findet der Virologe und Pflanzengenetiker Jonathan Latham, der die Zunft kritisch beobachtet – und umgekehrt. Er vermutet, dass ein Ebola-Ausbruch 2014 in Westafrika mit über 11’000 Todesfällen auf schlampiges Arbeiten in einem Labor zurückzuführen war.
Für den Transport von Affenpocken, die als weniger gefährlich eingestuft werden als etwa Ebola oder Bundibugyo, hätte Munster die Genehmigung vermutlich erhalten. Warum, fragt Latham, habe Munster diese Erlaubnis nicht eingeholt?
Geschmuggelte DNA als Damenunterwäsche deklariert
Nicht alle Wissenschaftler:innen halten sich an die Regeln, wie der Fall einer 33-jährigen Chinesin letztes Jahr zeigte. Die Forscherin an der Universität von Michigan bekannte sich im November 2025 schuldig, einen Getreideschädlingspilz in die USA geschmuggelt zu haben. Der eigentliche Täter war ihr Ex-Freund, der an einer chinesischen Universität am gleichen Schädling forschte und im Labor seiner damaligen Partnerin weiter daran arbeiten wollte. Bei den Ermittlungen kam auch heraus, dass sie schon 2022 Forschungsmaterial illegal in die USA gebracht hatte – in ihrem Schuh.
Allerdings: Der Schädlingspilz, den der Staatsanwalt als «potenzielle Agroterrorismus-Waffe» bezeichnete, ist weltweit verbreitet – seit langem auch in Michigan. Er kann Weizen, Gerste, Roggen, Hafer, Mais und Reis befallen, mit grossen Ernteverlusten. Die Wissenschaftlerin wollte ein Mittel dagegen finden – verbrachte stattdessen aber fünf Monate in US-Haft und wurde dann nach China abgeschoben.
Im allgemeinen Kriegsgetrommel beäugen republikanische Politiker solche Machenschaften einer – von den US-Behörden als loyales Mitglied der chinesischen kommunistischen Partei identifizierten – Wissenschaftlerin besonders argwöhnisch.
Fünf weiteren chinesischen Wissenschaftlern in den USA erging es ähnlich. Auch sie hatten sich etwas zuschulden kommen lassen. Einer liess sich beispielsweise sogenannte Plasmid-DNA von Coli-Bakterien aus China in die USA schicken, die als «Damenunterwäsche» deklariert war.
Das Magazin «Science», offizielles Organ der US-Vereinigung für die Förderung der Wissenschaft (AAAS), taxierte diese Vergehen jedoch nicht als Bedrohung für die USA, sondern als «geringfügige Vergehen». Die Behörden würden chinesische Wissenschaftler mit Argusaugen beobachteten und übers Ziel hinausschiessen: «Wissenschaftler und andere mit den Fällen vertraute Personen sind sich einig, dass die Regierung die bestehenden Vorschriften zur Kennzeichnung und zum Transport biologischer Materialien durchsetzen muss. Sie fügen jedoch an, dass die gängige Praxis des Austauschs von Proben und Ressourcen mit Kollegen kriminalisiert werde, wenn scheinbar geringfügige Verstösse gegen diese Vorschriften schon als Straftaten betrachtet würden.»
Der Supervisor des Wissenschaftlers, der sich «Damenunterwäsche» hatte schicken lassen, erläuterte das Problem aus seiner Sicht: Auch wenn der Import von Substanzen wie Plasmid-DNA völlig legal sei – sofern das Paket ordnungsgemäss gekennzeichnet ist –, würden die US-Zollbeamten ein solches Paket «wahrscheinlich beschlagnahmen, weil sie biologischem Material aus China […] generell nicht trauen.»
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.









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