Schlechter Deal

Was vordergründig nach einer Win-Win-Situation aussieht, entpuppt sich später als hinterhältiger Deal. © PantherMediaSeller / Depositphotos

Tödliche «Brautschau» in der Pharmabranche

Martina Frei /  Pharmafirmen kaufen kleinere Konkurrenten, um sie auszuschalten. So halten sie Medikamentenpreise und ihre Monopolstellung hoch.

Der Covid-Impfstoffhersteller Biontech kündigte letzten Dezember den Kauf der Tübinger Firma Curevac mit schönen Worten an: «Die Übernahme von Curevac ergänzt Biontechs Fähigkeiten.» Das deutsche Bundeskartellamt hatte den Kauf bewilligt

Nicht einmal fünf Monate später gab Biontech diese Woche bekannt, dass alle 700 Arbeitsplätze in Tübingen gestrichen werden, angeblich wegen Überkapazitäten. Die Arbeitnehmervertreter vermuten, Biontech habe Curevac nur gekauft, um ihren früheren Konkurrenten «jetzt zu liquidieren». «Erst kaufen, dann killen», sagt der Tübinger Oberbürgermeister, «das geht so nicht». Doch da kennt er die Pharmabranche schlecht.

«Diese Taktik wird auch in anderen Industriezweigen angewendet. Aber besonders verbreitet ist sie in der Pharmaindustrie, wo etablierte Produkte bei begrenztem Wettbewerb hohe Preise erzielen können», schrieben der auf Medizinrecht spezialisierte Wissenschaftler Sean Tu von der University of Alabama und eine neuseeländische Professorin kürzlich im «New England Journal of Medicine» (NEJM). 

Erst Paarung, dann Gefressenwerden – bei verschiedenen Spinnenarten endet der Akt mit dem Tod des kleineren Partners. Das grössere Weibchen frisst ihn. Solche Assoziationen kommen einem bei der Lektüre dieses Artikels über «Killer-Übernahmen» in der Pharmabranche in den Sinn.

Patienten und Prämienzahlende haben das Nachsehen

Wenn Pharma-Firmen «auf Brautschau gehen», sei in etwa sechs Prozent der Fälle das Ziel, die kleinere Firma auszuschalten – konservativ geschätzt. «Das entspricht etwa 50 Killer-Übernahmen pro Jahr», sagt Florian Ederer, Wirtschaftswissenschaftler an der Boston University. Mit «Killer-Übernahmen» sind Firmenkäufe gemeint, deren Zweck darin besteht, einen potenziellen Konkurrenten zu beseitigen oder die Entwicklung seines Erfolg versprechenden Produkts zu bremsen. Im Fall von Biontech/Curevac könnten auch Patentstreitigkeiten zwischen beiden Firmen eine Rolle spielen, die mit der Übernahme ad acta gelegt wurden, vermuten manche Beobachter.

Zusammen mit zwei Kollegen schätzte Ederer 2021 im «Journal of Political Economy», wie oft «Kannibalismus» unter Pharmafirmen vorkommt. «Killer-Übernahmen» sind demnach deutlich häufiger, wenn beide Firmen ähnliche Produkte in der Pipeline haben, als wenn sie unterschiedliche Produkte entwickeln. «Viele Pharma-Transaktionen mit überlappenden Pipeline-Projekten verdienen eine nähere Prüfung. Das Problem ist weiterhin relevant», ist Ederer überzeugt. Die Schwierigkeit: «Eindeutig nachweisbar sind Killer-Übernahmen meist nur anhand interner Firmendokumente.» 

Firma kann weiterhin «Monopoly-Preise» verlangen

Ein Beispiel bot die französische Firma Sanofi. Sie brachte 2006 ein Medikament gegen eine seltene, schwere Stoffwechselkrankheit namens Morbus Pompe auf den Markt. Preis pro Jahr: Rund 50’000 Euro bei Säuglingen, etwa 500’000 Euro bei Erwachsenen. Lebenslang.

2023 wollte Sanofi eine Exklusiv-Lizenz für einen Wirkstoff der kleineren Firma Maze gegen Morbus Pompe erwerben, der sich damals erst in der Entwicklungsphase befand. 

Doch die US-Handelskommission (FTC) unterband den Deal. Denn Sanofi hätte damit die aufkommende Konkurrenz ausschalten und weiterhin «Monopoly-Preise» für ihr eigenes Medikament verlangen können. In den USA kostete das Sanofi-Medikament damals über 750’000 Dollar jährlich. Als die FTC drohte, Sanofi zu verklagen, kündigte Sanofi die bereits getroffene Vereinbarung mit Maze.

Wettkampf bei den «Fett weg»-Medikamenten

Verschiedene Medien berichteten letztes Jahr über den «Bieterkampf um die Biotechfirma Metsera» – nicht aber davon, dass dem kleinen Unternehmen möglicherweise ebenfalls eine «Killer-Übernahme» drohte. Laut dem Artikel im «NEJM» trug der Bieterkampf jedenfalls solche Merkmale.

Metsera hat sich auf die Entwicklung neuer «Fett weg»-Wirkstoffe spezialisiert. Damit könnte diese Firma zur Konkurrenz für die bisherigen Produzenten solcher Medikamente werden. Ein wachsender Milliardenmarkt. 

Zuerst wollte Pfizer Metsera kaufen. Pfizer hat noch keine eigenen «Fett weg»-Medikamente auf den Markt gebracht und bot bis zu 7,3 Milliarden Dollar für Metsera. Metsera stimmte zu. 

Doch dann bot Novo Nordisk, der grosse dänische Hersteller von «Fett weg»-Spritzen und Tabletten rund neun Milliarden Dollar für Metsera.

Wie die Firmen der Aufsicht entgehen

In den USA müssen Firmen den Wettbewerbsbehörden geplante Übernahmen melden, falls die Kaufsumme oder der Wert der beteiligten Firmen gewisse Summen überschreiten. Dann überprüfen staatliche Stellen wie die FTC, ob die Übernahme rechtens ist. Dies soll eine allzu grosse Marktdominanz einzelner Firmen verhindern. Werden gewisse Beträge hingegen nicht überschritten, muss die Übernahme den Behörden nicht angezeigt werden.

Wissenschaftlern der Stanford University fiel auf, dass nicht-meldepflichtige Transaktionen in der Pharmaindustrie dreimal häufiger vorkommen, wenn die Käuferfirma und die gekaufte Firma ähnliche Produkte entwickeln, als wenn sie an unterschiedlichen Produkten arbeiten. Sie berichteten in «The Journal of Finance», dass die Produkt-Entwicklung nach einer Übernahme mit 40 Prozent grösserer Wahrscheinlichkeit gestoppt werde, wenn sich die Produkte beider Firmen ähnelten, als wenn sie unterschiedliche Krankheiten betreffen würden.

Novo Nordisk wollte den Kauf von Metsera in zwei Schritten abwickeln. Im ersten Schritt hätte Metsera laut dem Artikel im «NEJM» wichtige Geschäftsentscheidungen Novo Nordisk überlassen müssen. Im zweiten Schritt – Jahre später – wäre dann die formale Übernahme erfolgt. Novo Nordisk hätte so zuerst die Kontrolle über die Medikamenten-Entwicklung bei Metsera erhalten und wäre dennoch «unter dem Radar» der Wettbewerbsbehörden geblieben. Das stütze den Verdacht, dass eine «Killer-Übernahme» geplant war. Auch die FTC äusserte Bedenken.

«Es gibt weiterhin Lücken»

Pfizer drohte Novo Nordisk schliesslich mit einem Rechtsstreit wegen des Verdachts auf «Killer-Übernahme» und überbot den Mitbewerber. Bis zu zehn Milliarden Dollar will Pfizer für den Kauf ausgeben. Im November willigte Metsera ein.

«Viele Übernahmen können effizient sein, weil grosse Firmen zum Beispiel klinische Studien, die Zulassung und den Vertrieb besser finanzieren können», sagt Florian Ederer. Problematisch werde es, wenn der Käufer ein konkurrierendes eigenes Produkt habe. Damit sinke der Anreiz, das erworbene Projekt weiterzuentwickeln. «Genau dort sollten die Wettbewerbsbehörden besonders genau hinschauen. Das tun sie auch. Sowohl in den USA als auch in der EU wurden diesbezüglich Fortschritte gemacht. Aber es gibt weiterhin Lücken, vor allem bei kleinen Firmen, Lizenzdeals und Transaktionen unterhalb der Meldegrenzen.»

Zu wenig Beatmungsgeräte in der Pandemie

Welche Folgen eine erfolgreiche «Killer-Übernahme» haben kann, zeigte das Beispiel der Firmen Newport und Covidien, auf das die beiden Medizinrecht-Professoren im «NEJM» ebenfalls verweisen. 

Anno 2006 schätzten die zuständigen US-Behörden, dass bei einer mittelschweren Grippeepidemie 70’000 Beatmungsgeräte in US-Spitälern nötig wären. Damals kostete eine solche Maschine etwa 10’000 Dollar. Die Geräte waren schwer, unhandlich und um sie zu bedienen, brauchte es meist viel Übung. 

Für den Fall einer Pandemie mussten mobile, leicht zu handhabende Beatmungsgeräte her, entschieden die Verantwortlichen. Eine kleine, in Kalifornien ansässige Firma namens Newport Medical Instruments erhielt 2010 – kurz nach Beginn der Schweinegrippe-Pandemie – den Zuschlag: Sie sollte tragbare Beatmungsgeräte zum Preis von weniger als 3000 Dollar pro Stück entwickeln und produzieren. 

Die US-Regierung überwies Newport über 6 Millionen Dollar und würde der Firma, so der Plan, später bis zu 40’000 Stück abkaufen. Angesichts des weltweiten Bedarfs rechnete sich Newport auch in anderen Ländern sehr gute Verkaufsmöglichkeiten aus und konnte deshalb diesen Preis offerieren.

Alles ging gut voran. 2011 lieferte Newport die ersten drei Prototypen. Der damalige Leiter der US-Gesundheitsbehörde CDC war begeistert. Newport plante, unmittelbar nach der Marktzulassung mit der Serienproduktion zu starten. Doch es kam anders. 

Mitarbeiter wurden vom Projekt abgezogen

Denn im Mai 2012 kaufte der grosse Medizinprodukte-Hersteller Covidien – damaliger Jahresumsatz 12 Milliarden US-Dollar – die kleine Firma Newport. Mit der Übernahme drehte der Wind: «Preiswerte, tragbare Beatmungsgeräte zu entwickeln, schien keine hohe Priorität mehr zu haben», berichtete die «New York Times», die den Hergang später aufrollte. Verschiedenen Mitarbeitern, die an dem Newport-Projekt beteiligt waren, seien andere Aufgaben zugeteilt worden, andere hätten die Firma verlassen.

Im Juni 2012 stellte Newport bei der US-Aufsicht für Medizinprodukte noch einen Zulassungsantrag für das Beatmungsgerät. Doch Covidien habe weitere Zuschüsse und einen höheren Verkaufspreis verlangt, worauf die US-Regierung gemäss der «New York Times» zusätzliche 1,4 Millionen Dollar überwies – «für ein Unternehmen von Covidiens Grösse ein Tropfen auf den heissen Stein». 

Schon damals bestand der Verdacht, dass Covidien Newport nur deshalb geschluckt habe, um ihre kleine Konkurrentin aus dem Weg zu räumen. Denn Covidien stellte nebst anderen Medizinprodukten auch Beatmungsgeräte her, allerdings viel teurere. 

Vertrag aufgelöst

Schliesslich bat Covidien 2014 darum, den Newport-Vertrag mit der US-Regierung aufzulösen. Begründung: Dieses Geschäft lohne sich zu wenig.

Die mutmassliche Killer-Übernahme führte zu Verzögerungen und zur Neuvergabe eines 13,8-Millionen-Dollar-Auftrags an eine Tochterfirma von Philips im Jahr 2014. Vereinbart war ein Preis von 3280 Dollar pro Gerät, Lieferung laut «Reuters» bis Mitte 2019, laut einem Artikel in «Health Policy Open» innerhalb von drei Jahren nach der Zulassung. Diese erfolgte im Sommer 2019.

Bis April 2020 hatte Philips allerdings noch kein Einziges dieser Beatmungsgeräte in die USA geliefert – verkaufte sie gemäss «Propublica» aber an andere Käufer, zum Preis von 12’495 bis 17’154 Dollar pro Stück. 

Das Resultat: Zu Beginn der Corona-Pandemie hatten die USA bloss 12’700 Beatmungsgeräte.

Andere Methode: Die Lizenz gar nicht erst erwerben

Zürcher Wissenschaftler entwickelten vor fast 20 Jahren eine Behandlung gegen Heuschnupfen und andere Allergien, die viel schneller zum Erfolg führt als die bisherige «Desensibilisierung». Bei der bisherigen, jahrelang dauernden Immuntherapie wird den Patienten insgesamt etwa 50-mal ein (stark verdünnter) Extrakt der Substanz unter die Haut gespritzt, gegen die sie allergisch sind. 

Bei der an der Universität Zürich (USZ) entwickelten Methode wird der Extrakt hingegen direkt in einen Lymphknoten gespritzt. Es genügen drei Spritzen mit je rund einem Prozent der sonst üblichen Dosis. Für die Patienten bedeutet das viel weniger Aufwand.

Doch keiner der angefragten grossen Hersteller von Allergenextrakten habe damals das Patent von der Universität Zürich lizenzieren wollen, erinnert sich der Forschungsleiter Thomas Kündig, Klinikdirektor der Dermatologischen Klinik am USZ. Inzwischen sei das Patent abgelaufen und verschiedene Allergologen in den USA würden die Methode mit Erfolg anwenden. Die gesetzlichen Vorschriften in den USA erlauben dies. Andere Forschergruppen haben die Resultate der Zürcher Forscher mittlerweile bestätigt.

Unitectra, die Technologietransferstelle der Universitäten Basel, Bern und Zürich, besteht bei Lizenzverträgen mit Spin-off Firmen auf einer Umsetzungspflicht. Wenn eine Technologie beim Käufer in der Schublade verschwinden würde, könnte Unitectra den Lizenzvertrag kündigen.


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