Paket vor Haustüre

So gut sichtbar stellt die Post die Pakete häufig ab, wenn der Empfänger nicht zuhause ist – auch mitten in der Stadt. © Marco Diener

Die Post macht es Dieben leicht

Marco Diener /  Die Post stellt Pakete einfach vor die Haustür. Für Diebe ist das eine Einladung. Die Geprellten müssen selber schauen.

Nora Abegglen (Name geändert) aus Bern war erfreut, als ihr die Post mitteilte: «Sendung wurde zugestellt.» Doch die Freude war von kurzer Dauer. Denn das Paket lag nicht im Milchkasten. Und es war auch sonst nirgends zu finden. Deshalb schrieb sie der Post: «Leider ist das Paket bis heute nicht eingetroffen. Können Sie mir sagen, wo es steckt und wann ich es erhalte?»

Auf dem Balkon?

Die Post antwortete, das Paket sei zugestellt worden. Und weiter: «Es kommt vor, dass unser Botenteam die Sendungen an einer sicheren, von der Strasse nicht einsehbaren Stelle deponiert. Dies ist beispielsweise ein Veloraum oder ein Autounterstand, die Terrasse oder der Balkon oder Ähnliches.» Nora Abegglen fand das Paket aber nicht. Sie fragte die Post empört: «Soll ich etwa die ganze Umgebung nach dem Paket absuchen?»

Beim Nachbarn?

Die Post beantwortete die Frage nicht. Aber sie schrieb: «Bei Abwesenheit können Pakete auch einer Nachbarin oder einem Nachbarn zugestellt werden.» Deshalb wollte Nora Abegglen wissen: «Welchem Nachbarn haben Sie das Paket übergeben?»

Vor dem Haus?

Und siehe da – nach einem guten Monat war die Post endlich in der Lage, der Empfängerin zu sagen, wo das Paket gelandet war: «Ihr Paket wurde keinem Nachbarn übergeben. Es wurde vor dem Hauseingang/Empfang deponiert.»

Nun ist es aber so, dass die Haustür von Nora Abegglen kein «sicherer, von der Strasse nicht einsehbarer» Ort ist. Denn sie wohnt mitten in der Stadt Bern. Die Haustür ist nur sieben Meter von der Strasse entfernt und gut zu sehen.

Kunde soll selber schauen

Immerhin wusste Nora Abegglen nun, dass sie nicht mehr nach dem Paket suchen musste und dass es wahrscheinlich gestohlen worden war. Mit dem Ärger war es jedoch nicht vorbei. Denn die Post machte keinerlei Anstalten, das Problem zu lösen. Vielmehr schrieb sie: «Wenden Sie sich bitte an den Absender, damit dieser eine Nachforschung einleiten kann.»

Die Post krebst zurück

Nora Abegglen wollte das nicht. Den Absender trifft ja keine Schuld. Verärgert schrieb sie der Post: «Es ist nicht an mir, weiteren Aufwand zu treiben und mich mit dem Absender auseinanderzusetzen. Ich möchte Sie dringend bitten, den Fehler selber auszubügeln und mir umgehend den Betrag von Fr. 105.85 zu erstatten.»

Kleinlaut gab die Post schliesslich nach: «Gerne möchten wir Ihnen entgegenkommen und Ihnen den Betrag auf Ihr Konto überweisen.» Und weiter versprach die Post: «Für Pakete, die grösser sind als der Milchkasten, hinterlassen wir zukünftig jeweils eine Abholungseinladung.» Was eigentlich eine Selbstverständlichkeit wäre.

Gang und gäbe

Das Paket von Nora Abegglen ist kein Einzelfall. Die Pöstler stellen Pakete häufig vor Haustüren ab – auch in Städten. Und sie stecken sie in Milchkästen, auch wenn die Pakete zu gross sind und sich die Milchkasten-Türe nicht mehr schliessen lässt. Das Recht dazu räumt sich die Post in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen gleich selber ein (siehe Kasten am Ende des Artikels).

Paket im Milchkasten
Auch wenns nicht passt: Die Post steckt Pakete häufig in den Milchkasten.

Wie viele Pakete jährlich verloren gehen oder gestohlen werden, will die Post nicht sagen. Sie teilt nur mit, dass die Zahl der Pakete letztes Jahr «mit über 200 Millionen Paketen einen Allzeitrekord» erreicht habe. Das ist gegenüber dem Vor-Corona-Jahr 2019 ein Anstieg um 35 Prozent. Weiter schreibt die Post: «Es ist eine rechnerische Logik, dass bei einem solch starken Anstieg auch die Zahl der Pakete, die unauffindbar sind, steigt.»

Auf Ricardo & Co.

Für Diebe sind Pakete ein gefundenes Fressen. Sie öffnen die Pakete. Entweder können sie den Inhalt selber brauchen, oder dann verkaufen sie ihn auf Internet-Verkaufsplattformen wie Ebay, Tutti oder Ricardo. Dabei gehen sie praktisch keine Risiken ein.

Die AGB der Post sind konfus

An sich sind die Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) der Post klar formuliert: «Die Sendungen gelten als zugestellt, wenn die Post die Sendungen der Empfängerin übergeben oder an einen anderen dafür bestimmten Ort abgeliefert hat.» Ein solcher Ort ist beispielsweise ein Milchkasten, wenn er fürs Paket gross genug ist. Damit wäre eigentlich alles klar.

Doch die Post räumt sich in den AGB selber «Ausnahmen bezüglich Zustellort» ein. Ist der Milchkasten zu klein, behält sich die Post «die Deponierung an einem witterungsgeschützten und sicheren Ort» vor. Wenn der Empfänger nicht zuhause ist, kann die Post das Paket «auch einer Nachbarin oder einem Nachbarn» zustellen.

Die Post sagt gegenüber Infosperber: «Die grosse Mehrheit unserer Kundinnen und Kunden schätzt das Angebot der Deponierung sehr.»


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Zum Infosperber-Dossier:

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12 Meinungen

  • am 14.10.2022 um 11:24 Uhr
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    Kommt dazu, dass es Zusteller gibt, die auch bei Anwesenheit des Empfängers das Paket vor die Türe stellen ohne zu klingeln!
    Die Boten sind dermassen unter Zeitdruck (über Smartphone kontrolliert), dass sie nicht warten oder gar einen Zettel ausfüllen wollen/können!
    Abgesehen vom Unsinn, dass 3-4 verschiedene Zustelldienste mit sperrigen Fahrzeugen die Quartiere verunsichern.
    Als Alternative wird Abholung im zentralen Fach empfohlen. Aber hallo, ich bezahle Porto für die Lieferung an eine bestimmte Adresse.
    Das alles ist Resultat der unsinnigen Privatisierung im Service public welche von bürgerlichen Politikern weiter vorangetrieben wird.

    • Favorit Daumen X
      am 14.10.2022 um 11:53 Uhr
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      Man muss daran erinnern, dass die Schweizer Stimmbürgerinnen und Stimmbürger im Jahr 2016 die Volksinitiative «Pro Service Public» mit einer Mehrheit von über zwei Dritteln abgelehnt hat.
      Hier der Wortlaut dieser Initiative.

      • am 16.10.2022 um 09:18 Uhr
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        Das diese Initiative abgelehnt wurde, wohl auch aufgrund der Ablehnungsempfehlung des damaligen Bundesrates, fand ich enttäuschend. Die Argumentationen der Ablehnenden waren für mich zum Teil faustdicke egoistische Halbwahrheiten bis hin zur Lüge. Was hinterher geschah von Bundesrätlicher Seite her, empfand ich als eine Mogelpackung welche uns von der Regierung untergeschoben wurde. Immerhin verdanken wir der Iniative trotzdem ein politisches Zeichen von ca 1/3 Befürworterinnen.

  • am 14.10.2022 um 12:07 Uhr
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    Ich hatte mich kostenlos bei der Post registriert und bekomme noch regelmässig über Sendungen bescheid. Mit den Pöstlern ist abgesprochen wo sie was deponieren können.
    Das hat bisher gut funktioniert.
    Leider ist der Dienst anscheinend bald mit irgendeinem Sicherheitssiegel zugänglich und da muss man sich extra für anmelden.
    Will ich nicht, möchte ich nicht. Unnötig!
    Meine Daten kursieren eh schon überall rum wo sie nicht hingehören und das System hat bislang gut funktioniert. Aber das ist Post.
    In den anderen Bereichen der Post hat man schon länger das Gefühl das sich dort nur mit verschlimmbesserungen beschäftigt wird.
    Aber auf meine Pöstler würd ich nichts kommen lassen…

  • am 14.10.2022 um 12:14 Uhr
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    Früher war es eine Frage der Ehre, dem Postgeheimnis treu zu sein und ein Packet dann zu bringen, wenn der Kunde oder die Kundin erreichbar waren. Oder es gab einen Avis, und man konnte das Päcklein auf der nahen Poststelle abholen. Meistens kannten die Menschen ihren Pöstler, es war eine Verpflichtung, so wie es einen Quartierpolizisten gab, der die meisten kannte, und oft auch präventiv agieren konnte, bevor etwas passierte.

    • am 15.10.2022 um 06:08 Uhr
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      …. und nahe Poststellen gibt es auch bald keine mehr ….
      Es ist wirklich ein Problem sowohl in den Städten wie auch auf dem Land.
      Da sieht man wieder einmal deutlich die Folgen der «Optimierungs-» und Privatisierungspolitik.
      Es gab mal ein gut funktionierend System, welches sogar noch bezahlbar war….
      …. und jetzt sausen neben der Post noch zig private Zustelldienste in der Landschaft herum, die alle viel Geld verdienen wollen und ihr Personal zu miesen Bedingungen arbeiten lassen….
      Oh – schöne neue Welt….

  • am 14.10.2022 um 16:46 Uhr
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    Wobei der Milchkasten nun wirklich auch kein sicherer Ort ist, wenn ihn jeder öffnen kann. Das scheint irgendwie niemanden zu stören. Einige Neubauten haben da schon andere Zustellsysteme installiert. Wenn ich etwas Teureres bestelle, dann lege ich immer einen Karton in den Milchkasten, sodass ich eine Abholungseinladung erhalte. Das ist alles so veraltet, auch aus dem Briefkasten kann problemlos Post entwendet werden, etwa Umschläge mit Geld zur Weihnachtszeit. Verstehe nicht, wieso man da nichts macht.

    In den USA (oder jedenfalls gewissen Gebieten) ist es ganz normal, dass die Pakete einfach vor die Haustür gestellt werden und es gibt massenhaft Videos von Türkameras, die diese Paketdiebstähle zeigen. Dabei wäre es technisch sehr einfach, sowas zu verhindern.

    • am 16.10.2022 um 09:24 Uhr
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      Wir haben bei uns einen durch Kamera geschützten Vorraum mit den Briefkästen und einer Deponierungsmöglichkeit welche somit gesichert ist. Wir Mieter haben dies in Eigeninitiative in Zusammenarbeit mit der Siedlungsbetreung erwirkt.

  • am 15.10.2022 um 10:41 Uhr
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    Wer bei der Post ein Konto hat, wird benachrichtigt, wann das Paket deponiert wurde. Dann kann man es holen, bevor es gestohlen wird. Dass die Pöstler keine Zeit haben einen Abholschein auszufüllen, ist das Resultat der gut bürgerlichen Denkweise des totalen Profits im Kapitalismus, dem die Mehrheit der Schweizerinnen auch nachhängt. Das Gleiche gilt auch im Gesundheitswesen, wo wir unterdessen auch für die Aktionäre krank sein sollen.

    • am 16.10.2022 um 09:36 Uhr
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      Danke, wenn zuerst der Profit kommt, und dann erst die Qualität und der Mensch, dann ist nicht der Kapitalismus daran schuld, sondern die fehlende Regulation des Kapitalismus. Die Hochfinanz-Reichen entziehen dem Markt das Kapital und zerstören das System, dadurch muss mehr Geld gedruckt werden, was das Kapital wertloser macht. Je Aermer die restlichen Menschen dadurch werden, desto destruktiver wird der Konkurrenzkampf. Wir werden so bestohlen jedes Jahr, bis zum großen Crash, wo wir dann die Missbraucher des Kapitales, die Superreichen, als Herrschende Mächtige um eine Suppe bitten müssen. Es braucht endlich einen weltweiten Ethos, welcher uns schützt vor den Missbrauchern des Kapitales.

      • am 16.10.2022 um 21:59 Uhr
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        Da sind Sie ein bisschen falsch gewickelt. Die Schweizerische Post gehört der Schweizerischen Eidgenossenschaft. Die Post liefert jährlich um die 1.5 Milliarden Gewinn an den Bund ab. Dazu kommen noch die Gewinnsteuern an Bund, Kanton und Gemeinden.
        Dieser Gewinn ist nichts anderes als eine verdeckte Transportsteuer. Der Bund hat einen Trick gefunden, um Milliarden-Steuereinnahmen abzuzocken, ohne dass es je eine Volksabstimmung gab.

        Wir bezahlen nich nur die überhöhten Portokosten sondern wir bezahlen auch all die Umtriebe und Folgekosten, die durch die miserabel schlechten Dienstleistungen der Post entstehen.

  • am 16.10.2022 um 21:53 Uhr
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    Die Post hat den Kundendienst neu erfunden. Kundendienst bei der Post ist, wenn der Kunde Dienst leisten muss, damit die Post ihre Arbeit macht. Der Kunde soll ein online Konto einrichten, jeden Morgen einloggen, die angemeldeten Sendungen nachprüfen und dann der Post mitteilen, wnn und wo sie die Sachen abliefern sollen und zusätzlich für alles auch noch zahlen.

    Selbstverständlich ist es illegal eingeschriebene Pakete einfach abzustellen. Wie die Vorredner bereits erklären, haben die Pösteler gar nicht genug Zeit, um ordentlich ihre Arbeit zu erledigen. Mich wundert bei all dem was eigentlich die Pösteler-Gewerkschaft macht. Wenn man einmal eine Gewerkschaft gebrauchen könnte, da hört man dann nichts von denen.

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