Landwirtschaft muss ökologischer werden, nicht selbstversorgend
Die Ernährungsinitiative, über welche Ende September 2026 abgestimmt wird, verlangt, dass der Bund bis in zehn Jahren einen Netto-Selbstversorgungsgrad von «mindestens 70 Prozent anstrebt».
Um die immense Umweltbelastung durch unsere Landwirtschaft zu reduzieren, braucht es indessen einen anderen Ansatz, als einen so hohen Selbstversorgungsgrad anzustreben. Es geht um die Frage, wieviel landwirtschaftlich Nutzfläche in der Schweiz zur Verfügung steht und wie diese umweltgerecht genutzt werden soll. Aufgrund ihrer knappen landwirtschaftlichen Flächen vermag die Schweiz ihre Bevölkerung seit mehreren Generationen nicht mehr zu ernähren.

Uns stehen, wie aus der Grafik hervorgeht, pro Person nur 13 Aren landwirtschaftliche Nutzfläche zur Verfügung. Gemäss neueren Zahlen sind es heute sogar nur 12 Aren. Davon sind ledigich 5 Aren Ackerland.
Zwei Drittel dieser landwirtschaftlichen Nutzfläche können nur als Grasland genutzt werden. Weltweit stehen sogar 72 Aren landwirtschaftliche Nutzfläche/Person zur Verfügung. Die Schweiz ist seit jeher auf Nahrungsmittelimporte angewiesen und wird es auch künftig sein.
Ein höherer Selbstversorgungsgrad würde bei so wenig nutzbarem Land zu viel grösseren ökologischen Problemen führen. Denn eine ökologischere Landwirtschaft verlangt nach einer extensiveren Bewirtschaftung – weg von der Hochleistungsstrategie. Das aber führt zu einer noch grösseren Abhängigkeit von Importen.
Vor diesem Hintergrund liefert die Studie «Chancen der Landwirtschaft in den Alpenländern – Wege zu einer raufutterbasierten Milch- und Fleischproduktion in Österreich und der Schweiz» Antworten. Sie wurde 2019 von Fachleuten des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FiBL) in Zusammenarbeit mit dem österreichischen Umweltbundesamt publiziert. Die Studie verabschiedet sich von der momentanen Hochleistungsstrategie und beinhaltet unter anderem die Verringerung der Viehdichten, die Umstellung auf eine artgerechte graslandbasierte Fütterung von Rindern und den damit verbundenen reduzierten Einsatz von Kraftfutter sowie die Verbesserung der Bodenfruchtbarkeit.
Im Vordergrund stehen Kühe – richtig betrachtet keine Klimakiller –, Schafe und Ziegen, die den für die menschliche Ernährung nicht brauchbaren Rohstoff «Gras» mittels reduzierten Einsatzes von Kraftfutter veredeln und uns Milch, Käse und Fleisch liefern.
Als Folge der notwendigen Extensivierung wird der Selbstversorgungsgrad zukünftig tiefer sein, wir müssen mehr Lebensmittel importieren.
Importe sollen aus Ländern erfolgen, die aufgrund ihrer Flächenausstattung besser als die Schweiz geeignet sind, extensiver und somit umweltgerechter Lebensmittelüberschüsse zu produzieren. Solange die Konsumentinnen und Konsumenten ohne Einschränkungen möglichst preisgünstige landwirtschaftliche Produkte, vor allem Fleisch, konsumieren möchten, birgt die Kompensation des Produktionsrückgangs durch Importe das Risiko, dass die negativen Umweltwirkungen aus der Schweiz in Drittländer verlagert werden.
Das Beispiel Österreich mit seiner dreimal grösseren landwirtschaftlichen Nutzfläche pro Person zeigt, dass dem nicht so ist. Dank dieser Flächenausstattung ist die landwirtschaftliche Produktion weniger intensiv und entsprechend die Umweltbelastung tiefer. Die negative Bilanz an Stickstoff, der Leitsubstanz für die Umweltbelastung durch die Landwirtschaft, ist dort nur halb so gross wie in der Schweiz.
Wenn es also darum geht, künftig eine ökologischere Landwirtschaft zu betreiben, ist der von der Initiative vorgeschlage Weg falsch. Wir stehen vor der Tatsache, dass die Agrarpolitik in den letzten Jahrzehnten das Ziel verfolgte, mittels Produktivitätssteigerung und Preisstützung die landwirtschaftlichen Einkommen zu sichern, die Selbstversorgung besser abzusichern und Lebensmittelimporte zu reduzieren. Die Folge davon sind ökonomische sowie ökologische Fehlentwicklungen. Das Ziel einer höheren Selbstversorgung hat zu einer Intensivierung der landwirtschaftlichen Produktion geführt.
Um die Schweizer Landwirtschaft ökologischer auszurichten, gibt es bessere Wege als die Ernährungsinitiative. Man müsste die dutzenden guten Studien, welche seit Jahren in der Schublade liegen, ans Tageslicht holen und eine langfristige Strategie entwickeln, um die Landwirtschaft echt nachhaltig zu machen.
Wichtige Schritte dazu wären:
- Verbindliche gesetzliche Reduktions-Ziele für die Emission ökologisch relevanter Stoffe, die innerhalb einer vorgegebenen Frist zu erreichen sind.
- Ein gesetzlicher Werkzeugkasten, um die Reduktionsziele umzusetzen. Es geht um andere Kriterien für die Direktzahlungen und um Lenkungsabgaben usw.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine. Roger Biedermann war Kantonschemiker der Kantone AR, AI, GL, SH. Er ist Mitautor von mehreren Strategiestudien im Umweltbereich.
_____________________
➔ Solche Artikel sind nur dank Ihren SPENDEN möglich. Spenden an unsere Stiftung können Sie bei den Steuern abziehen.
Mit Twint oder Bank-App auch gleich hier:
_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.








Die beiden Ziele gehen Hand in Hand. Weniger Tierproduktion auf Ackerflächen. Dutzende Studien.
Ich finde, das widerspricht dem «Plan Wahlen», den Plänen der USA und deren NATO, unseren Strassenbauplänen (obwohl wir bereits bisher das dichteste Strassennetz Europas haben dürften) inkl. grossen Gewerbebauten, die das Land metastasieren.
Wenn ich es richtig verstehe, sind Sie für Gras-Nutztier-Ernährung. Was ist mit der seit etlichen Jahren Schweine-Überproduktion? Bei Ihrem Vorschlag müsste doch ebenso wie bei der Ernährungsinitiative mehr Fleisch importiert werden.
Schweiz «ökologisch»? Trotz Ihrem Vorbild Österreich: Ich wüsste nicht wie das funktionieren soll, und wieso das dann nicht längst gemacht wurde. Ich denke bloss, dass Trinkwasser (und Landwirtschaftsprodukte) kumulierend schlechter werden (nicht nur durch PFAS/TFA, Abgase, Reifenabrieb und Wassermangel). Vorschlag Ideenwettbewerb (statt Milliarden für «Kultur» jedes Jahr) für übergeordnete Pädagogik für Systemwechsel (Lebensstil)? Beispiele von mir: Edental. Und McDagobert’s (gesund und schmeckig) statt McDonald’s.
Es gibt immer bessere Lösungen, als jede Initiative vorschlägt! Aber diese besseren Lösungen haben noch schlechtere Chancen umgesetzt zu werden, weil bis heute gibt es ja nicht einmal eine Initiatiove dazu! Es ist unehrlich bessere Vorschläge immer dann zu bringen, wenn ein Vorschlag zur Abstimmung ansteht, weil man vorgibt das Bessere zu wollen, aber in Wirklich will man einfach verhindern. Ohne Wirtschaft hat sich die Menschheit entwickelt – ohne Natur (Biodiversität) wird sie eliminiert.
Dieser Meinungsartikel von Roger Biedermann verzerrt die Zielsetzungen der Ernährungsinitiative. Diese berücksichtigt in ihrem Bestreben, die Ernährungssicherung in unserem Land nachhaltig und zukunftsfähig zu gestalten durchaus die Produktion von Fleisch- und Milchproduktion, basierend auf Raufutter von den nicht anders nutzbaren Grasflächen. Wer die von Biedermann zitierte Studie mit dem Vorhaben der Initiative vergleicht, wird keinen Widerspruch erkennen. Der Fake-Slogan «Nein zum Vegan-Zwang!», mit dem die Gegnerschaft der Initiative Stimmung macht, ist billig und basiert auf einer Lüge.
Anzufügen wäre zudem, dass Biedermann Mitbegründer des Vereins «Vision Landwirtschaft» ist, der die Ernährungsinitiative zu Recht als «Impuls für eine mutige Agrarpolitik und ein resilientes Ernährungssystem» auf seiner Website zur Annahme empfiehlt.
Bei allem Respekt vor den Kenntnissen von Roger Biedermann, habe ich doch einige Einwände zur propagierten Ablehnung der Ernährungsinitiative.
• Die Initiative will, dass ein Netto-Selbstversorgungsgrad von mindestens 70 Prozent angestrebt wird. Wenn kein Ziel vorhanden ist, wird gar nichts geschehen.
• Bei den zwei Dritteln der landwirtschaftlichen Nutzfläche, welche NUR als Grasland genutzt werden, frage ich, ob dies wirklich ein nicht anders Können oder eventuell halt ein nicht anders Wollen ist? (Stichwort »Viehwirtschaft«)
• Fakt ist doch, dass bei gleicher landwirtschaftlicher Fläche mehr Menschen ernährt werden können mit pflanzlicher Nutzung als mit tierischer Nutzung. Vom Wasserverbrauch ganz zu schweigen…
Ich werde dafür stimmen.
Bitte mehr zu diesem Thema – sehr interessant! Wie war es im 2. WK?: konnte sich die Schweiz da noch mit Grundnahrungsmitteln selbst versorgen oder kam es zu schweren Rationierungen wie in England? Selbstversorgung ist ein schwieriges Thema: nach dem 2. WK wurden auch im städtischen Bereich mit Küchenabfällen gefütterte Schweine und Hühner in Hinterhöfen gehalten. In alten Gartenbüchern wird 1 ha als ausreichende Anbaufläche zur Ernährung eines mehrköpfigen Familienverbandes genannt, durch Gemüseanbau mit Folgekulturen im Jahreszyklus und Obstversorgung durch Beerenbüsche und Obstbäume. In meiner Kindheit hielten viele Hausbesitzer selbstverständlich Kaninchen und Hühner. Hausschlachtungen waren verbreitet. Ernteüberschüsse an Kartoffeln, Gemüse oder Obst wurden an Freunde verteilt oder über die Hausmauer sehr günstig verkauft. Heute verrotten tausende Tonnen bester Kirschen, Äpfel, Birnen und Zwetschgen an heimischen Bäumen. Holunder, Schlehe, Mispel, Hagebutte sammelt keiner mehr.
Den Mist der Tiere braucht es auch für die Düengung der Gemüseäcker und Gedreidefelder, für unser Brot und das Gemüse. Oder wollen wir wirklich Kunstdünger verwenden?
Dass die pervertierte Fleischproduktion sprich Massentierhaltung gestoppt werden muss ist für mich klar. Ich esse Fleisch, achte jedoch darauf, dass es aus artgerechter Produktion stammt und zahle auch einen fairen Preis dafür. Die Konsumentinnen haben es in der Hand, für eine tier- und umweltfreundliche Produktion zu sorgen.
Ich habe einen leisen Verdacht, dass mit der sogenannten Ernährungsinitiative vor allem die vegane Ernährung gefördert werden soll. Haferdrink statt Kuhmilch oder künstlicher Käse statt feinster Schaf- und Ziegenkäse nur so als Beispiel.
Ich erlebe immer wieder Verganer, welche sehr missionarisch und intollerant unterwegs sind.
Diese Initiative scheint mir aus einer solchen Küche zu stammen.
Werte Judith Hauptlin Schneider, ich denke, dass die Ernährungsinitiative nicht unbedingt aus der Vegan-Ecke kommt.
Eines der Hauptprobleme, das dieser Initiative anhaftet, ist der Umstand, dass sie nicht von einer politischen Partei eingebracht wurde. Damit ist sie für alle sogenannt etablierten Parteien schon zum Vornherien ein No-Go. Zynismus on: Wo kämen wir da hin, wenn jeder beliebige Verein eine Vollsinitiative machen würde, und wenn möglich noch erfolgreich damit wäre! Zynismus off.
Die Gegner sind mit ihrer Kampagne offenbar erfolgreich. Dabei genügt schon eine moderate Anpassung der Flächennutzung. Die Ziele der Initiative lassen sich z. B. nahezu erreichen (ca. 65% netto-SVG), wenn – zusätzlich zu der vom Bund bis 2030 angestrebten Halbierung der Nahrungsabfälle – auf der Hälfte des Ackerlands, auf dem heute Futtergetreide und Futtermais wächst, in Zukunft Pflanzen für die menschliche Ernährung wachsen. Und im Gegenzug der Rindviehbestand um 20% und der Schweinebestand um 50% vermindert würde. Sonst alles wie gehabt. Damit fehlt es noch lange nicht an Dünger. Die Anpassungen würden nur die enormen Überschüsse an Dünger vermindern – und die Überschussprobleme bei Milch und Schweinefleisch beenden.
Liebe Frau Hauptlin Schneider – Auch ich bin gegen Veganzwang. Für Plan Wahlen.
Bloss: Derzeit sind wir um Lichtjahre im anderen Extrem. Ernährungsinitiative 27.9.2026 wäre für Trinkwasser überfällig notwendig und insgesamt (zumal auf 10 Jahre erst wirksam) zurückhaltende Therapie. 1.) sehe ich null Gefahr Veganzwang, 2.) wäre gemessen an der kleinen Kurskorrektur samt Zeithorizont, mehr als genug Zeit, einen allfällig später mal – falls überhaupt – angedachten Veganzwang abzulehnen.
Jetziges Extrem: 60% Ackerfläche Tierfutter. Zu viele Schweine, auch Kühe. Kunstdünger? Jauche-Tsunami! – Feinstaub! – Gülletourismus – Jährlich rund 23 Mio.Tonnen Mist+Gülle, wodurch CH-Landwirtschaft dauerhafte Stickstoffüberschüsse von rund 100’000 Tonnen/Jahr verursacht – Überdüngung = massive Stickstoff- und Ammoniakbelastungen, grosse Teile der Schweizer Wälder, Hochmoore+Flachmoore betroffen; Gewässer/Seen Sauerstoffmangel, Fischsterben, Algen.
Überhoher Tierproduktekonsum schadet Gesundheitswesen.
Es geht hier überhaupt nicht um vegan oder nicht, obschon unbestritten ist, dass pflanzliche Mahlzeiten i.d.R. viel ökologischer sind und auch für die Gesundheit vieler ein grosser Gewinn wären. Viel mehr müssen wir doch realistische Szenarien aufzeigen und verfolgen können, wie wir überhaupt uns als Gesellschaft längerfristig effizient und gesund ernähren können – innerhalb der planetaren Grenzen! Vielerorts wird Fläche heute quasi automatisch als «Grasland» eingestuft, wo früher sich Menschen noch die Mühe machten, Kartoffel etc. anzubauen, wichtig Bestrebungen sind angestossen für mehr «direkte» Nahrung – auch in höheren Regionen –, während wahnsinnig viel Platz und Energie verschwendet wird heutzutage im Flachland. Wenn dann Tiere auch noch genügend Wasser haben, so «liefern» sie nicht einfach von sich aus Ware sondern zahlen mit ihrem Leben für uns; also kein Deal sondern Ausbeutung. Kein Zwang (absurde Behauptung!) aber gerne mehr vegan lebende Menschen, einfach weil’s sinn macht
Nur Zusammen finden wir einen sinnvollen Weg für Natur und Menschen. Eine Initiative ist eine gut durchdachte Idee die man konstruktiv unterstütze kann, z.B.:
1. Wir brauchen verantwortungsvolle Konsumenten, Bauern und Bäuerinnen, Gärtner und Gärtnerinnen (von den letzteren beiden Paaren viel mehr)
2. Biologische Landwirtschaft in allen Bereichen, sprich pflanzliche und tierische Produktion: mehrjähriger Fruchtfolgeanbau mit Brotgetreide, Hülsen- und Ölfrüchten, Lager- und Frischgemüse, Kunstwiesen für Grün- und Raufutternutzung. Alles ackerbaufähige Land muss in diesem Sinne bewirtschaftet werden. Anzahl und Art der Tiere die auf einem Betrieb, oder in einer Betriebsgemeinschaft (Kleinregion) gehalten werden richten sich ausschliesslich nach dem dort möglichen Futterangebot.
3. Eine Agrarpolitik die ausschliesslich diese Form der Landwirtschaft, bzw. den Weg hin zu dieser Form der Landwirtschaft subventioniert. Mit dem Ziel einer möglichst hohen Selbstversorgung,. Im Extremfall 100%
Der Autor liefert einen untauglichen Versuch ab, die Ernährungsinitiative als nicht zielführend darzustellen. Dass auf ‚Grasland‘ nur Gras wachsen kann, ist ein uraltes Desinformationsmärchen der Tierausbeutungs-Industrie. Auf Grasland können durchaus auch stickstoffanreichernde Saaten ausgebracht werden, welche zur Produktion von nachhaltigem Dünger für den Pflanzenanbau für die direkte menschliche Ernährung ohne den sehr ineffizienten Umweg über den Tiermagen genutzt werden können. Dass fast alle Landwirtschaftssubventionen der Tierhaltung zugute kommen, zeigt in aller Deutlichkeit, wie extrem schief die Landwirtschaftspolitik aufgestellt ist. Dass mit der Umsetzung der Initiative zusätzlich das katastrophale Leid der ‚Nutztiere‘ vermindert werden kann, das mit hochgradig verlogener Desinformations-Werbung kaschiert wird, ist dabei in den Augen eines Menschen. der das Lebensrecht in Unversehrtheit aller Tiere respektiert, ein enorm wichtiges und zentrales Anliegen der Initiative.